Als die Dämmerung über den Waldessaum kroch, waberte noch Nebel überm Feld.
Die Gänse, die sich am Abend zuvor versammelt hatten, waren in der untergehenden roten Sonne verschwunden. Sie folgten einem Urtrieb, den keiner bisher genau ergründen konnte und der sie auf geheimnisvolle Weise in die Wärme geleitete. Bis hin zu den Bäumen, die Zypressen hießen.
Sie hatte mal gehört, dass Zypressen hochgewachsene schlanke Bäume waren. In Italien sollten sie stehen, in Griechenland, vielleicht.
Sie versuchte, sich eine Zypresse vorzustellen. Ob sie das Laub abwarf wie die knochigen alten Eichen, die hinterm Haus im kühler werdenden Wind ächzten?
Sie drehte langsam den Kopf zur anderen Seite. Der Mensch neben ihr schnarchte. Die halbe Nacht hindurch hatte sie dieses Schnarchen gehört, mal lauter, mal leiser, aber immerfort. Der Kopf, der da auf dem Kissen lag gehörte ihrem Mann.
Sie schauderte bei dem Gedanken, dass er in wenigen Minuten aufwachen würde. Sie beobachtete seinen Schlaf, die Schweißperlen auf der zerfurchten Stirn, das Zittern des Nasenflügels, die weißen Haare, die aus den Ohren herausstachen, die faltigen schlaffen, Wangen, den schmallippigen Mund. Wenn er schlief, war’s zu ertragen, aber in wenigen Augenblicken, wenn er erwachte, würde sich ihr Leben wieder ändern.
Leise drehte sie sich auf die rechte Seite, jedem seiner Atemzüge lauschend. Sie streckte das rechte Bein unter der Decke hervor in die Muffigkeit des niedrigen Schlafzimmers, stützte sich auf den rechten Arm und setzte sich auf die Bettkante. Mit leisen Schritten ging sie leicht gebeugt in die Küche.
Über dem gusseisernen Ausguss hing ein winziger matter Spiegel. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und sah einen mattgelben Haaransatz. Darunter eine helle Stirn, dünne Augenbrauen, wasserblaue Augen und einen schmalen Nasenrücken.
Wenn sie ihren Mund sehen wollte, müsste sie sich die kleine Fußbank holen. Bloß nicht die Fußbank, dachte sie. Es könnte schließlich passieren, dass er sie unter ihren Füßen wegschlüge, wie vor einigen Jahren, so dass sie niederfiel und mit dem Kinn am Ausguss aufschlug. Seitdem war es etwas schief. Der Viehdoktor hatte gesagt, der Bruch sei nicht behandelt worden und deshalb sähe sie nun so aus wie sie aussieht.
Wie es denn passiert sei, hatte er noch gefragt.
Er sei wegen des Viehzeugs gerufen worden, sagte der Hausherr. Und als der Arzt die Angst in ihren Augen sah, schluckte er nur, gab dem kranken Gaul einen Klaps, nahm seine Ledertasche und einige Münzen vom Bauern und verließ eilig den Hof.
Sie steckte sich die Zöpfe hoch, zog einen Rock übers weiße knielange Hemd. Dann streifte sie dicke Wollsocken und eine Strickjacke über. Kurze Zeit später fachte sie das Feuer im Herd an.
Eine schöne Arbeit, dachte sie und lächelte ins Herdloch. Wie aus winzigen Flämmchen ein kräftiges Feuer wurde! Wie es knisterte und funkelte, welch herrliche Farben es hatte. Sie setzte Wasser auf, nahm die Kaffeemühle vom Bord und zählte genau zwanzig Bohnen aus der Blechbüchse ab. Genau zwanzig Bohnen, keine mehr, keine weniger! Sie wusste, was passierte, wenn sie sich verzählte. Während sie an der metallnen Kurbel drehte, dachte sie an das Lied, welches ihre Mutter gesungen hatte, wenn es anfing, draußen nach Herbst zu riechen. Sie mochte diesen Geruch, der sie an den ersten Herbst hier auf diesem winzigen Stück der Welt erinnerte.
Diese Mischung aus warmer zerlassener Butter, Kartoffelkraut, Ostwind und der schweren dunklen Erde, die die Wildschweinen aufgewühlt hatten. Und sie mochte das Lied vom Herbst:
Auf der Heide blüh'n die letzten Rosen.
Braune Blätter fallen müd vom Baum.
Und der Herbstwind küsst die Herbstzeitlosen.
Mit dem Sommer flieht manch Jugendtraum.
Jetzt erst, wo sie fast Fünfzig war, hatte sie die Worte wirklich verstanden.
Sie verstand den Sinn des Lebens.
Sie war jung gewesen, gerade mal Achtzehn, als sie auf den Hof kam, im Herbst.
Sie war noch immer dieselbe, aber der Mann von damals war mit den Jahren ein anderer geworden.
Zwar ragte er noch immer fast zwei Meter groß, über die meisten der Dorfbewohner hinaus - ein stattlicher Mann. Aber die Zeit, oder weiß der Himmel wer, hatte ihm wohl ein anderes Innenleben eingepflanzt.
Am Anfang hatte sie zu ihm aufgeschaut und ihn bewundert, wenn er die Gäule übers Feld trieb, die Äcker bestellte, das Heu machte und die Ernte einfuhr.
Sie setzte sich nicht zur Wehr, wenn er sie mit harten Händen berührte.
Und sie fürchtete seine fragenden Blicke, jeden Monat. Wenn er auf Antwort drang, ob sie ihm nicht bald den Hoferben in die Arme legen würde.
Schließlich wandte er sich ungeduldig ab von ihr und es zog ihn in die Kammern der Mägde.
Sie wusste bald, wer schuld war an der Kinderlosigkeit, denn keinem der jungen Dinger wuchs ein Bauch, egal wie er oft er nachts über den dunklen Hof schlich.
Aber mit jedem Herbst, der das Land mit Nebel überzog, verhärtete sich sein Wesen. Irgendwann unfähig, ihr gute Worte zu sagen, entstand eine Sprachlosigkeit zwischen ihnen, die durch nichts aufgelöst werden konnte. Und der Geiz war eingezogen in den spärlichen Haushalt und für sie blieben nur Kummer und Gram übrig.
Als der Hund weggestorben war, brachte er ihr keinen neuen auf den Hof.
Wehmütig sah sie zur verwaisten Hundehütte hin, die vom Laub bedeckt neben den Ställen stand. Der Hund hatte sie wohl geliebt! Aber keiner, der sie geliebt hatte, war mehr da.
Nur dieser mürrische Mann, der sie geheiratet hatte, der ein anderer war - vor langen Jahren. Der ihr keinen Fehler nachsah, der sie belauerte, bewachte, aber nicht beschützte. Der sie trieb und peinigte, der sie schlug und der sie schlechter behandelte als seine Pferde. Der nicht lobte, nicht beachtetet, der vergessen hatte, alles vergessen hatte.
Und der Herbstwind küsst die Herbstzeitlosen.
Welch wunderschöne Blüten der Herbst hervorbrachte! Rosafarbene und hellviolette zarte Blütenkelche standen dicht gedrängt hinter dem Zaun.
Wer würde sie noch küssen?
Während sie den Kaffee brühte, hörte sie seine Schritte. Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Er setzte sich an den Tisch und schnitt sich einen Kanten vom Brot. Dann verlangte er Eier, gebraten mit Speck, nicht zu braun unten. Sie eilte, wirbelte und machte es ihm recht, alles recht, nichts falsch, alles recht.
Und er verlangte Fleisch an den Kohleintopf zu Mittag und genügend Zwiebeln an den Salat und Schmalz zum Abend und frisches Brot. Und dass die Kühe gemolken werden und die Hühner gefüttert und das Hemd gestärkt, weiß, gestärkt, glatt.
Er müsse in die Stadt am nächsten Tag, zum Doktor. Ihm schwindele. Er fühle sich nicht gut in der letzten Zeit. Seit August. Seit die ersten Herbstzeitlosen ihre Blüten dem Himmel entgegengestreckt hatten.
Welche Kraft nur in diesen durchscheinenden Blütenblättern steckte! Ihre Mutter hatte ihr geraten, die grünen Blätter, die erst im Frühjahr aus der Erde kamen, nicht mit dem wildwachsenden Bärlauch zu verwechseln.
Ach die Jugendzeit kehrt nie zurück.
Wenn er nicht zurückkehrte, aus der Stadt... Wenn er gar nie mehr zurückkehrte?
Ja, es ging ihm nicht gut. Er schwitzte nachts, er klagte nicht über die Beschwerden, aber sie sah sie ihm an.
Er fuhr wortlos ohne Abschied, ohne Blick in den Nebel des nächsten Morgens. Mit schwacher Hand führte er die Zügel des Pferdegespanns.
Sie sah ihm nach und den schwarzen Vögeln, die in den Herbsthimmel stachen und sich am Waldessaum wieder niederließen.
Dann öffnete sie alle Fenster des Hauses weit. Sie zog die verschwitzten Laken vom Bett, schüttelte die schweren Federbetten und hängte die Kissen in den Wind. Sie molk, fütterte, wusch, putzte und eilte dem Nachmittag entgegen.
Als die Sonne einen warmgoldenen Farbton annahm, setzte sie sich einen kurzen Moment auf die Bank vor dem Haus und ließ die letzten wärmenden Strahlen auf der Haut zergehen. Ihr Blick verirrte sich zum Gartenzaun. Die Herbstzeitlosen waren verschwunden, bis auf eine einzelne rosige Blüte.
Als der Himmel mit zahllosen Sternen übersäht war, überlegte sie noch, ob sie auf ihn warten sollte, auf diesen Mann, von dem sie nie in den letzten Jahren wirklich getrennt gewesen war. Darüber schlief sie ein.
Als sie erwachte, stand die Sonne schon hoch. Silbrige Stäubchen zogen durchs Zimmer. Sie hatte geschlafen, wie lange nicht. Ein Gefühl der Ruhe durchzog sie. Der Platz neben ihr war leer.
Bedächtig stand sie auf und ganz mechanisch gingen ihr die Arbeiten des Morgens von der Hand. Er war nicht da. Nicht die Kutsche. Keiner im Stall, im Hof.
Den Rest des Kohleintopfes grub sie unter die Erde, tief genug, dass kein Tier davon bekäme.
Sie nahm die blecherne Kaffeedose und gab gut zwei Handvoll der Kaffeebohnen in die Mühle. Als ein starker Kaffeeduft die Küche durchzog, schob sie die Fußbank vor den Spiegel am Ausguss. Sie sah ihren Mund und das etwas schiefe Kinn und sie sah sich lächeln.