Tag 331 / Elektronische Ersatzdrogen
Auffällig viele THC-Abhängige sind in der Suchtklinik, in der ich bis Anfang Dezember letzten Jahres zur Alkoholentwöhnungstherapie war, von selbstgedrehten, selbstgestopften oder fertig gekauften Zigaretten auf elektronisches Rauchen umgestiegen.
Das hieß dann ja nicht mehr Rauchen, sondern Dampfen.
Und die Gemeinschaft der elektrisch Paffenden bezeichnete sich selbst auch als “Dampfer”. Gerne hätten diese eine separate Dampfer-Ecke gehabt, um nicht mit den gewöhnlichen Rauchern zusammen zu stehen und zu sitzen. Ist ja auch irgendwie widersinnig, diejenigen, die zum Teil den Nikotingehalt ihrer Dampfware stückweise herunterdosieren, eventuell bis zur kompletten Abstinenz, mit denen, die ihrer starken Nikotinabhängigkeit mit klassischen Zigaretten weiter frönen, im selben abgezäunten Areal unterzubringen.
Abgesehen davon hat uns Raucher das Dampfen kolossal genervt. Den vornehmlich jungen, männlichen E-Freaks war es ein mega Spaß, sich und alle um sie herum mit einer Riesenwolke einzunebeln - Sichtweite unter einem Meter. Plötzlich war das Handydisplay, der Gesprächspartner, der Wochenplan im Raucher-Glashaus, in dem wir bei Regen, Kälte und Wind saßen, verschwunden. Und nicht nur das: Es stank nach einer extrem artifiziellen Mischung aus Kirsche, Karamell, Tropenfrüchten, Vanille und Klostein.
THC-Konsum hat gewiss auch etwas stärker und enger verbindendes als Alkoholtrinken. Einen Joint oder eine Bong teilen. Intimer, illegaler als der saufende Mainstream. Da leuchtet es ein, dass die eine neue Konsumgemeinschaft bildeten und über Verdampfer, Liquids und Akkus fachsimpeln. Neue Zugehörigkeit, neue Gesprächsthemen, neues Hobby.
Mir war das irgendwie suspekt.
Während ich an meinen freien Samstagen versuchte, “was mit Kultur” zu machen und / oder eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, verabredeten sich manche Mitpatienten, um mehrere “Dampfer-Shops” aufzusuchen, neue Teile, neue Geschmacksrichtungen, neue Verdampfmaschinen zu erwerben.
Einige waren da echt voll fanatisch in ihrer eigens auferlegten Beschäftigungstherapie und bestellten auch online von Geld, das sie gar nicht hatten, allerhand Zubehör.
So wie ich mich früher in Clubs und auf Partys an meiner Bierflasche festhielt, bevor ich mich mal traute, ohne Handkühler zu tanzen, zu witzeln oder zu knutschen, so fixiert waren die Dampfer auf ihre Maschinen. Sie parkten die Verdampfer neben ihrem Teller im Speisesaal, sie bauten sich Liquid-Altare im Patientenzimmer, und sie hatten ihr neues, bestes Stück überall fest im Griff zwischen vier Fingern und dem Daumen - im Fahrstuhl, bei der Medikamentenausgabe, auf jedem Weg von Raum 2.43 zu Raum 3.20, von Haus D zu Haus A, vom Zimmer zum Fernsehraum, von der Raucherecke zur Handtuchausgabestelle.
Wer 100 und mehr Euro in ein schickes Spielzeug investiert, wer es schafft, nicht noch parallel schnöde Kippen zu quarzen, der wird ja wohl auch sein Statussymbol und seinen Stolz allen und überall präsentieren dürfen.
Ein Merkmal von Suchterkrankungen ist, dass Abhängige zum Teil im Rauschstadium, zum Teil um ins Rauschstadium zu kommen, vermehrt straffällig werden. Das fängt bei Alkohol am Steuer an und geht weiter mit Diebstahl und Körperverletzung.
Einige der Elektro-Dampf-Junkies in meiner Klinik trieben es so weit mit ihrem Fanatismus, dass sie auf Regeln geschissen haben und in ihrem Zimmer dampften. Einer ist deswegen knallhart unehrenhaft entlassen worden. Suchttherapie vorzeitig beendet. Ein anderer musste sein Prachtstück ab Beginn der Rauchverbotzeit (wochentags 23 bis 6 Uhr) beim Pflegepersonal parken.
Ich würde sagen, die große Mehrheit der E-Raucher ist männlich. Das hat ja auch was Verführerisches für die Penisträger:
# Faszination der Elektronik
# Macht über die Nikotindosis zu haben und über die Geschmacksmischung
# Status - erhaben, besser als die normalen Raucher
# Bastelleidenschaft befriedigen beim Auseinanderbauen, Reinigen, Zusammenschrauben wie bei der alten Vespa 125 Nuova und dem eigenhändig getunten Golf 2.
Zumindest bei meinen Beobachtungen stellte ich fest: Je größer die Verdampfmaschine, desto wahrscheinlicher ist der Sauger an der Öffnung ein Mann.
Handarbeit (Stricken, Nähen, Häkeln) ist was für Mädchen. Verdampfer Auseinanderbauen, Reinigen, Teile Austauschen für wahre Männer.
Eine Frau, die ab und zu an einer filigranen Elektrozigarette zieht, sagte mir mal, dass sie trotzdem noch die Endlichkeit einer normalen Zigarette nicht missen möchte. Beim Dampfen kann es ihrer Meinung nach vorkommen, dass sie gar nicht mehr aufhört - ist ja selten oder nicht so schnell leer so ein Ding. Eindeutiger Anfang, eindeutiges Ende, begrenzte Auszeit - das gibt ihr nur eine normale Zigarette.
Kann ich gut verstehen.
Überlegt hatte ich auch schon, ob ich mir so ein Ding hole - "gesünder" und auf lange Sicht "billiger" klingt doch erstmal geil. Aber 50 Euro allein für die Maschine, und dann die Flüssigkeiten, Filter, Ersatzakku, Heizdraht…
Mir fehlt ja schon das Geld für die Grundausstattung!
Ich dachte, wenn ich einen Verdampfer hätte, könnt ich ja drinnen Rauchen in meinem Wohnzimmer, im Flur, in der Küche, so ganz cool und leger - stinkt ja nicht.
Waldfrucht-Banane-Kokos-Duft.
Mhmmmm!
Na, so mhmmmm wär das ja auch nicht. Vor allem nicht für meine Katze, denk ich.
Und irgendwas ist mir da nun mal suspekt. Vor allem für THC-Abhängige finde ich das gefährlich, sich ständig mit der schadstoffarmen Bong-to-go einzunebeln. Mich würde das triggern.
Aber ich bin ja keine Ex-Kifferin, sondern eine Ex-Säuferin.