März 1987
Wir suchen Software (Teil 1 – die 80er Jahre)
Wir – mein Bruder und ich – sind auf der Suche nach Software für unser Weihnachtsgeschenk, einen Schneider PC. Da wir als Einzige in unserem Freundeskreis einen Computer mit MS DOS als Betriebssystem nutzen, sind wir anfangs ratlos. Rettung versprechen Kleinanzeigen in einschlägigen Fachzeitschriften wie Happy Computer und DOS.
Dort finden wir Anzeigen, in denen Freeware, Shareware und Public Domain-Programme angeboten werden. Wir wissen zwar nicht, was das sein soll, aber die Preise werden pro Diskette angegeben und liegen zwischen drei und sechs DM. Wenn man mehr bestellt, wird es günstiger.
Wir fordern bei zwei Händlern eine Katalogdiskette an. Die Auswahl treffen wir, weil diese beiden Händler Qualitätsdisketten und vor allem viele Spiele versprechen. Wir schicken einen frankierten Rückumschlag an die Händler und legen eine Schutzgebühr in Briefmarken bei. Wir erhalten nach kurzer Zeit jeweils eine Diskette mit einem Programm, das alle verfügbare Software mit einer kurzen Beschreibung auflistet. Alles im Textmodus, die Navigation im Katalog erfolgt über Tastenkürzel, die am unteren Bildschirmrand eingeblendet werden.
Als Jugendliche sind wir natürlich an Spielen und weniger an ernsthaften Anwendungen interessiert. Dennoch ziehen uns obskure Programme wie Biorhythmus, Grußkartengenerator oder Poker in den Bann. Da die Namen oft abgekürzt sind, blättern wir stundenlang durch den Katalog. Screenshots gibt es (Textmodus) natürlich keine, so dass wir uns die beschriebenen Programme in unserer Phantasie vorstellen.
Wir notieren die Nummern der Disketten und bezahlen per Postanweisung, da wir mit 13 und 12 Jahren natürlich noch kein eigenes Konto haben. Dazu bringen wir das Geld auf das Postamt und geben auf dem Einzahlungsformular die Nummern der Disketten an. Der Händler hat uns auf der Katalogdiskette genaue Anweisungen dafür gegeben, die wir mangels Drucker quasi auswendig lernen.
Nach einigen Tagen trifft die Lieferung ein. Der Händler hat – offensichtlich um Geld zu sparen – einige Programme zusammen auf eine Diskette kopiert, so dass wir die Software erst suchen müssen. Ein Digger-Clone sorgt wochenlang für die gewünschte Unterhaltung.
Die anderen Programme sind mehr oder weniger Schrott. Das viel gelobte Autorennspiel entpuppt sich als Nachtrallye, wobei man nur die Begrenzungen am Straßenrand als blinkendes Quadrat sieht. Das Biorhythmus-Programm arbeitet offenbar mit einem Zufallsgenerator, wir können keine Ergebnisse reproduzieren. Immerhin können wir die Qualitätsdisketten überschreiben und selbst darauf Daten ablegen.
(Moritz Geisel)











