März 2017
Der Traum von der Ein-DOI-tigkeit
Für einen wissenschaftlichen Artikel bereite ich das Literaturverzeichnis vor. Die meisten Zeitschriften haben ihre eigenen Vorstellungen, wie genau Quellenangaben formatiert werden sollen, aber oft basieren diese Vorstellungen auf dem Publication Manual of the American Psychological Association (APA). Das ist ein Styleguide mit Empfehlungen, die von der Formulierung der Forschungsfrage über die Nummerierung der Überschriften bis hin zu eben der Formatierung des Literaturverzeichnisses reichen. In seiner 6. Auflage sieht das Manual vor, dass am Ende jeder Quellenangabe eine DOI steht.
Eine DOI? In den letzten 10, 15 Jahren ist, weitgehend unbemerkt von der breiteren Öffentlichkeit, ein System entstanden, bei dem Objekten – »physical, digital or abstract« (so heißt es) – ein Identifikator zugeordnet wird, über den man das Objekt finden kann. Der Identifikator besteht aus einer Reihe von Buchstaben und Zahlen. Bei bestimmten digitalen Objekten – etwa online veröffentlichten Artikeln – bedeutet ›finden‹, dass die DOI als URL verwendet werden kann, die auf die URL einer anderen Seite weiterleitet, auf der man Zugriff auf den Artikel bekommt (oder zumindest die Bezahlschranke von außen bewundern kann). Die DOI für ein Objekt bleibt immer dieselbe. Wenn sich die Adresse des Objekts ändert, wird nur der Verweis in der DOI-Datenbank aktualisiert. Die Idee ist, dass das Literaturverzeichnis, das ich gerade erstelle (und alle anderen natürlich), in 10, 15 Jahren nicht voll mit veralteten URLs steht, sondern mit DOIs, deren Ziele ständig aktualisiert werden. Eine DOI beginnt immer mit ›10‹, gefolgt von weiteren Ziffern, denen ein Slash und eine Reihe von Zahlen, Buchstaben und anderen Zeichen folgt. Der Teil nach dem Slash identifiziert das Objekt. Die Länge einer DOI variiert erheblich: im vorliegenden Quellenverzeichnis zwischen 14 Zeichen (10.1075/z.166) und 39 Zeichen (10.1016/j.neuropsychologia.2010.12.003). Mir ist nicht klar, ob diejenigen, die die kurze DOI registriert haben, cleverer oder früher dran waren oder ob sie einfach Glück hatten.
Die aktuelle Version des APA-Manuals empfiehlt, dass man die DOI direkt als URL angibt, also nicht 10.1075/z.166, sondern https://doi.org/10.1075/z.166. Ich folge der Empfehlung, aber frage mich, was man in 10, 15 Jahren über Literaturverzeichnisse voller DOIs denken wird. Wird man sich freuen über die – günstigstenfalls – nach wie vor zielführenden Adressen oder den Kopf schütteln über den Platz, der für Adressen verschwendet wurde, die – ungünstigstenfalls – ins Nichts führen? Die Verwendung von DOIs ist jedenfalls keine kleine, unauffällige Neuerung, sondern verändert das Aussehen von Quellenangaben erheblich. Irgendwas wird man einst wohl darüber denken – so wie wir heute etwas über die markanteren Erscheinungsformen gestriger Modernität denken.
(Christopher Bergmann)












