Juli 2017
Gruppentauglichkeit von Ebooks
Ein paar meiner Freunde kommen bei einem Gespräch (bei dem ich nicht anwesend bin) zu dem Schluss, dass sie zu wenig klassische Schullektüre kennen. Sie gründen daraufhin einen Lesekreis, zu dem sie auch mich einladen. Mir gefällt die Idee, also mache ich mit.
Unser erstes Buch ist Der zerbrochene Krug von Kleist. Die Diskussion könnte etwas organisierter sein, klappt aber ganz gut. Weil wir alle verschiedene Textausgaben haben, haben wir zunächst Schwierigkeiten, die Textstellen zu finden, über die die anderen gerade reden, kommen aber schnell drauf, dass das dank Zeilenangaben, wie sie in Dramen üblich sind, doch ganz gut geht. Anschließend entscheiden wir uns für das nächste Buch: Mrs Dalloway von Woolf. In weiser Voraussicht schlägt jemand vor, dass wir uns alle die gleiche Ausgabe anschaffen. Das ist in diesem Fall besonders sinnvoll, weil der Roman aus einem langen Fließtext ohne weitere Untergliederung in Abschnitte oder Kapitel besteht. Als Kriterien werden zuerst Preis und wissenschaftliche Edition angeführt. Schließlich bittet jemand darum, eine Ausgabe zu wählen, die es auch als Ebook gibt, woraufhin sich herausstellt, dass vier von insgesamt sechs Personen in der Gruppe Ebooks präferieren. Ich selbst bin unentschlossen; für reines lineares Lesen mag ich Ebooks auch lieber, aber sobald ich mit dem Text arbeiten muss, ziehe ich Printausgaben vor.
Es folgt bald der Einwand, dass sich dann die Frage nach der Ausgabe sowieso erübrigt, weil Ebooks in der Regel keine Seitenzahlen beinhalten. Bei Ebooks untereinander sowie in ich Richtung Print zu Ebook könnte man sich mit der Suchfunktion behelfen, aber wie man in der Printausgabe Stellen aus dem Ebook findet, wird dann doch problematisch. J. klärt uns auf, dass EPUB die Möglichkeit bietet, Seitenzahlen einer Printausgabe einzubinden – und das nicht einfach als in den Text eingestreute Seitenzahlen – dies jedoch so gut wie nie umgesetzt wird. Ich wüsste auch nicht, ob unsere jeweils präferierten Lesegeräte (Kindles und diverse Android-Apps) damit etwas anfangen könnten. S. schlägt vor, dass Ebook-Leser sich im Vorhinein ein paar sinnvoll über den Text verteilte und mit einer ausgewählten Printausgabe abgeglichene Textstellen als grobe Bezugspunkte bookmarken.
J. findet heraus, dass der Text in Deutschland gemeinfrei ist, und erstellt ein EPUB, das in Abschnitte gegliedert ist und in dem die Absätze durchnummeriert sind. Papierleser müssten dann immer noch von Hand abzählen, aber das ist immerhin besser als gar keine Anhaltspunkte zu haben außer “so etwa bei 2/3 des Textes”. Das scheint zunächst eine brauchbare Lösung zu sein. Als K. mit dem Lesen anfängt, muss sie aber schnell feststellen, dass die Absatznummerierung ihren Lesefluss stört. Sie greift also wieder zu einem nicht-nummerierten Ebook. Ich tue es ihr gleich und habe, falls ich doch auf Papier umsteigen will, noch ein altes Paperback zuhause rumliegen. Was die anderen jetzt tun, weiß ich nicht.
(Mehmet Aydın)
















