Mai 2017
Der passiv-aggressive christliche Blog meiner Mutter
Meine Mutter, geboren 1955, spricht seit Jahren immer häufiger über “die schöne Zeit früher” und ihre dörfliche Kindheit. Seit ein paar Monaten sortiert sie unsere Spielsachen auf dem Dachboden hin und her, liest alte Schulhefte, archiviert und sichtet alles neu.
Zu den Tanten, Onkels, die in ihrer Kindheit wichtig waren, hat sie meist keinen Kontakt mehr: die Cousins und Cousinen stammen aus einer Generation meist ohne Facebook, die sich in den 80er und besonders 90er Jahren, nachdem die ersten Eltern starben und die gemeinsamen Feste/Rituale weniger wurden, aus den Augen verlor.
Stolz zeigt mir meine Mutter einen Foto-Blog, den sie auf Tumblr eingerichtet hat: Sie hat Fotos von Verwandten-Festen aus den 70er und 80er Jahren eingescannt und mit detaillierten Bildunterschriften veröffentlicht:
“[Voller Name] ist der älteste Sohn meines Onkels [voller Name] aus [Wohnort], zu dem ich leider keinen Kontakt mehr habe. Er ist psychisch krank und lebt in [Name der Psychiatrie]. Obwohl er sich bereits seit 1997 nicht mehr bei uns meldet, wünsche ich ihm Gottes Segen.”
So hat sie Dutzende privater Fotos von Verwandten, die sie nie mehr trifft, ungefragt eingescannt und gebloggt, alle mit privaten Details und passiv-aggressiven Texten wie “Leider hat er/sie es nicht mehr nötig, sich bei uns zu melden. Wir beten trotzdem für ihn.”
Ich bin fassungslos. Sie rollt die Augen: “Das ist hier Tradition. So bin ich aufgewachsen: Das gehört einfach zu Halleluja. Kein Wunder, dass dir das nichts sagt. Du musst es wieder schlecht machen, weil es ein ländlicher Brauch ist.”
“Ein ‘ländlicher Brauch’ namens ... ‘Halleluja’?”
“Ja. Die Zeit im Januar, Februar, März, April und Dezember, in der man Listen macht, welchen Menschen man Gottes Segen wünscht und warum. Mein Onkel kam in meiner Kindheit jedes Jahr ins Dorf, hat sich an unseren Küchentisch gesetzt und seine Liste vorgelesen. Jetzt nehme ich diese schöne Tradition eben wieder auf. Als Tumblr.”
Ich denke an passiv-aggressive christliche Figuren wie Ned Flanders aus den “Simpsons” oder Shirley aus “Community” und frage mich, ob meine Mutter wirklich denkt, das sei eine “schöne Tradition”. Oder ob sie nicht genau versteht, welch ... beschämende Kraft solche Texte haben.
Hat sie im vollen Wissen einen Internet-Pranger eingerichtet – weil sie gekränkt ist, dass sich viele Menschen ihrer Kindheit zu selten bei ihr melden?
Dann wache ich auf.
(Stefan Mesch)
















