Tag 906 / Kein selbstverständlicher Verlauf
Das ist nicht selbstverständlich, dass ich hier heute sitze, im ICE auf dem Weg in meinen zweiten trockenen Urlaub. Auf dem Weg in eine Stadt, in deren Nähe ich dreieinhalb Monate zur Entwöhnungstherapie weilte. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich heute noch trocken bin, nicht wieder trocken, sondern noch trocken. Dass für mich die starke Anbindung an eine Selbsthilfegemeinschaft (AA) und die enge Anbindung an ein Suchthilfesystem (Psychiatrische Institutsambulanz) all die negativen Prognosefaktoren hinsichtlich der Abstinenz aufgewogen haben, aufwiegen. Denn ich bin immer noch partnerlos, kinderlos, arbeitslos, habe immer noch wenige Freunde, die ich sehr selten sehe. Das, was die vor zwei Jahren als „Komorbidität“ bezeichneten, hat, die weiteren Diagnosen neben der Abhängigkeit haben Bestand. Es ist sicherlich nicht allseits beliebt unter Suchtkranken, ihren Jahresurlaub im oder nahe dem Klinikort der Langzeittherapie zu verbringen. Schließlich ist das eine anstrengende, aufwühlende Zeit. In so einer Entwöhnungstherapie wird der fest geschnürte Verband, der eine sehr große Wunde abdeckte, entfernt. Eigentlich sollte man den Verband schon vor dem ersten Kliniktag selbst entsorgt haben und mit der offenen Wunde erscheinen. Manche schaffen das aber nicht. Manche haben so ein gigantisches Bedürfnis danach, ihre Wunde zu verhüllen, sich mit dieser Verletzung nicht allen vom ersten Tag an nackig zu zeigen, dass auf der Isolierstation der Entwöhnungsklinik erst der Verband beseitigt wird.
Als ich vor zwei Jahren meine Entwöhnungstherapie antrat, rannte ich schon fünf Monate lang ohne Verband durch die Gegend. Durch AA war ich auf die Idee gebracht worden, den Verband „nur für heute“ wegzulassen. Warum es nicht mal ohne versuchen? Und wenn ich es einen Tag lang ohne Verband schaffe, schaffe ich es noch einen Tag. Und wenn ich eine Woche keinen Verband getragen habe, kann ich eine neue Woche beginnen, in der meine Wunde offen, unverhüllt ist. Und weil das unangenehm ist, weil es schmerzt, weil die Wunde juckt und suppt und eitert, hatte ich viel zu jammern und zu klagen und zu schimpfen in meinen ersten Monaten der Zeit ohne Mullbinde, ohne Leukoplast, ohne Pflaster.
Pflaster bekamen einige damals in der Entwöhnungstherapie, weil sich ihre Wunde drohte zu entzünden, weil eine Amputation drohte oder ein septischer Schock. Einige bekamen Pflaster und die wurden mit der Zeit immer kleiner und kleiner, bis auch jeder irgendwann mit seiner individuellen Wunde durch die Welt voller Infektionsherde taperte.
Als ich vor zwei Jahren in der Stadt, in der ich jetzt meinen zweiten trockenen Urlaub machen werde, regelmäßig Zeit verbrachte - in AA-Gruppen, Fahrradfahrend, in Gotteshäusern, beim Shoppen, beim Essen, in einem Fußballstadion, in kulturellen Einrichtungen - war meine Wunde noch größer, brennender, suppender. Ich habe alles, was ich tat, stark unter dem Verlust des Verbandes wahrgenommen.
Dass ich beinahe zweieinhalb Jahre inzwischen ohne Verband durch das Leben gehe, ist nicht selbstverständlich. Verständlich hingegen ist doch, dass sehr viele Menschen mit den suppenden, eiternden, juckenden, schmerzenden Verletzungen hin und wieder oder endgültig wieder nach der Medizin greifen, nach der verdammten Mullbinde, nach den Wundauflagekissen, welche die Wunde Jahre, jahrzehntelang ruhig stellten.
Dass ich als frisch Entwöhnte freiwillig mehrmals wöchentlich in der Therapiezeit Selbsthilfegruppen besuchte, war nicht selbstverständlich. Aber gerade auf die freue ich mich. Ich freue mich auf AA-Tourismus - oder weniger witzelnd ausgedrückt - ich freue mich, meine Familie zu besuchen. Für mich sind das meine Verwandten, sind das nahestehende Personen, näher stehend als tatsächliche Blutsverwandte. An Tag 837 sagte einer im Berliner Meeting, er würde hier im übertragenen Sinne seine alten Saufkumpels treffen. Am Tisch säßen Vertreter derer, mit denen er gesoffen hatte. Und nur dadurch, dass er dies aussprach, dass er diese Gruppe so wahrnahm, stellte ich für mich fest, dass hier, dass da, dass überall, wo ich zu AA gehe, meine Familie sitzt. Eine Familie, wie ich sie mir immer wünschte. Wo ich immer willkommen bin, freundlich begrüßt, fast zu häufig umarmt werde. Eine Familie, in der jeder jedem zuhört. In der ich verstanden werde, in der mir Menschen sagen, dass ich sie sehr berührt habe mit meinen Worten, dass ihnen gefallen hat, was ich sage. Eine Familie, in der alle für alle, jeder für jeden da ist, wenn es um die große Wunde, wenn es um das Weglassen des Verbandes geht.
Ich freue mich auf diesen AA-Familienbesuch in der nördlichsten Stadt Italiens, ohne dass ich mit auch nur einem dort in Kontakt geblieben war. Ich habe noch so viele Gesichter vor Augen und zu den meisten Gesichtern auch die Namen und die Stimmen und Kleidungsstücke, Stücke ihrer Geschichten. Ob ich den Alten mit der verspiegelten Fliegerbrille wiedersehen werde? Ob der Motorradfahrer in einem Meeting auftaucht? Die mit dem blonden Pferdeschwanz? Wird irgendjemand sagen, dass er sich an mich erinnert?
Erinnerungen kamen mir gestern an meine letzten Saufsommer. 2013, 2014. In einem Anflug von „Dinge, die ich schon immer tun wollte und jetzt nur tue, damit ich den Koffer nicht packen muss“, habe ich mich immerhin von 1.000 Bildern in meinem Fotoprogramm auf dem Computer verabschieden können. Und die Agatha und das Leben der Agatha in den Jahren 2013 und 2014 tat mir unheimlich leid. Ich saß am Rechner, löschte Fotos und bekam nasse Augen und Wangen. So sehr tat mir die Agatha von damals leid. Das waren keine glücklichen Tage und Abende und Urlaube und Ausflüge und Jahre. Das war routiniertes Greifen zu diesem verdammten Verband, der die Wunde nur noch unzureichend abdeckte. Der Verband, der, anstatt Luft und Licht an die Wunde zu lassen, in ihr die Entstehung eines Giftbiotops förderte. Ich verband die Wunde und es half immer weniger und es wurde sogar schlimmer mit der Wunde, ich verband meine Wunde, deckte sie ab, sie schmerzte und schmerzte und schmerzte und ich verband sie und der Schmerz wurde immer nur kurz milder, dann kam er umso intensiver zurück. Diese Agatha auf den Fotos von den letzten Trinkjahren war eine sehr hilflose, orientierungslose, perspektivlose Frau. Dieses unsichere Lächeln auf einigen Selfies, dieser bescheuerte Kussmund auf anderen, das Doppelkinn, die im aufgedunsenen Gesicht fast verschwundenen Augen, dieser schwere, massige, unförmige Körper, vielfach in Kleidung gequetscht, die Kilos zuvor noch locker saß. Mir hilft das sehr, in regelmäßigen Abständen zu sehen, woher ich komme, einen Blick zurück zu werfen, auf die Fotos, aber auch auf die Stadt, die ich in den Anfängen meiner Verbandslosigkeit erlebte.
Es ist nicht selbstverständlich für mich, für so, wie ich war und bin, dass ich den Zug erreicht habe, dass ich mir zwei Tage vor Abreise ein Ticket buchte. Selbstverständlich für mich ist inzwischen, dass die beste Reisevorbereitung für mich ein Treffen mit denen ist, die auch ohne Mullbinde, ohne Pflaster, ohne jede Form von Abdeckung mit ihrer Wunde leben. Und bei manchen, die das schon Jahrzehntelang machen, bei manchen ist die Wunde schon fast ganz zugewachsen, sie ist fast geheilt.
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Es ist nicht selbstverständlich, dass ich am Anreiseabend tatsächlich 38 Minuten nach Meetingbeginn in einem Raum mit trockenen Alkoholikern sitze. Ich habe den Eisladen nicht gefunden, die Abfahrthaltestelle vom Bus nicht, ich bin mit der Straßenbahn in die falsche Richtung gefahren und habe mich schließlich auf dem Weg von der Zielhaltestelle zum Meetingort total verlaufen, obwohl ich mir so sicher war, heimisch zu sein. Und bei diesem Herumirren auf kleinen Straßen mit und ohne Steigung musste ich an einem Lokal vorbei, dessen Tische den Gehweg verengten. Und auf diesen Tischen standen Gläser mit Weißwein gefüllt. Und mein Frustlevel war inzwischen so hoch, dass ich mich einen Moment lang gerne dazugesetzt und mitgetrunken hätte. Es ist nicht selbstverständlich, da widerstehen zu können als Alkoholikerin. Es ist nichts selbstverständlich.











