Tag 2307 / Ich reiß dir ein Bein aus und dann kümmer ich mich um dich
Und kaum, dass es wieder nachgewachsen ist und du wieder laufen lernst, tret ich noch mal drauf, damit du zumindest wieder humpelst oder ich reiß es dir halt wieder raus oder ein anderes.
Ich hab da so ein Bild vor Augen von der Spinne mit sechs Beinen und dass meine Mutter der Spinne immer ein Bein ausreißt und die Spinne dann so lange im Käfig hält, bis es wieder nachgewachsen ist, damit die Spinne dann frei laufen kann. Aber, immer wenn sie nachguckt, ob alles in Ordnung ist, das macht sie zum Beispiel mit einem Holzstab, sticht sie rechts, links so um Spinne rum, ob alles okay ist, da verletzt sie die Spinne wieder. Man kann sie nicht aussetzen, weil sie immer verletzt ist irgendwo.
Ich reiß dir ein Bein aus und dann kümmer ich mich um dich, weil du ja nicht alleine gut laufen kannst.
Ich nehm dir dein Auto weg und dann helfe ich dir wieder Fahrpraxis zu gewinnen, weil du ja unsicher geworden bist ohne Auto, ohne tägliches Autofahren.
Ich kaufe dir Wein und geh mit dir in die Kneipe oder ins Restaurant, ich bezahle den Wein für dich und dann bringe ich dich in die Entgiftung und dann vier Tage später trinke ich wieder Wein mit dir und dann bringe ich dich ein paar Monate später in die Entwöhnung.
Ich halte schlechte Nachrichten von dir fern, damit du ja nicht auf die Realität vorbereitet bist. Ich schone dich, damit der Alltag nicht zu viel für dich ist, damit ich mich immer um dich kümmern kann.
Ich glaube wirklich inzwischen, dass das hoch pathologisch ist wie meine Mutter agiert.
Und die einzige Lösung und ich weiß, es wiederhole mich, aber Entwicklung geht nur über Wiederholen, Vokabeln wiederholen, eine Erkenntnis wiederholen und versuchen, danach zu leben; ich kann nur emotionale Stabilität erreichen, wenn ich mich fernhalte. Sie bringt immer wieder Instabilität rein.
Durch fehlende Informationen, durch dramatisch geschilderte Zustände oder Situationen. Ich kann mich nur schützen, indem ich selber nicht mehr darauf reagiere, indem ich lerne zu denken, sie ist so, sie ist so unsicher, ihre Unsicherheit überträgt sich auf mich und ich kann nur die Übertragung stoppen, nicht die Unsicherheit.
Dieses pathologische Muster von Unselbstständigkeit pflegen, das Leben von jemandem fernhalten, die Spinne immer wieder in den Käfig tun, weil sie ja sowieso schon verletzt ist, so oft wurde das Bein ausgerissen, die kann gar nicht mehr gehen, ohne sich weh zu tun. Und das ist immer wieder eine Bestätigung dafür, dass sie lieber doch nicht losgeht. Ich komm da echt nicht raus aus der Nummer, wenn ich nicht in mir so stabil bin, dass ich ich mich abgrenze.
Das war nicht die einzige Mutter oder der einzige Elternteil, der sein erwachsenes Kind in eine Entgiftung oder in eine Entwöhnung bringt. Aber das war einer der wenigen, die einem Erwachsenen über 35 Jahre alten Kind den Suff finanzieren. Die Flaschen hinstellen, ist ja eine Sache. Das zu tolerieren, dabei zu sitzen, nicht wissen, wie man was dagegen tut. Aber das zu besorgen, das Zeug für jemanden, der in psychiatrischer Behandlung ist, der schon mal in der Klinik war, erst in der stationären Klinik, dann fünf Monate lang in der Tagesklinik.