sie verspotteten ihn in münchen als “kohlrabiapostel”, dabei hatte sich der maler bereits mit seinem bürgerlichen namen karl wilhelm diefenbach hieß mit ebendiesem in der kunstwelt bereits bekannt gemacht. doch bereits als maler bekannt hat er ein schlüsselerlebnis, dass ihn das leben umdenken lässt. er wird neben der kunst zum lebensreformer (und will nicht nur das leben der menschen sondern auch gleich die kunst mitreformieren fürein neues zeitalter). verschiedenen modernen reformschriften folgend lehnte diefenbach fortan tierische lebensmittel ab, predigte das “vegetarianertum”, lehnte bekleidung ab und predigte die freikörperkultur, ebenso die heilkraft der natur geen alle möglichen krankheiten und gebrechen, lehnte die religion ab und forderte die freie liebe. damit zog er fortan durch münchen und tat allen seine reform des lebens vor in der hoffnung viele anhänger um sich zu scharen. so kam er zum spöttischen spitznamen und bei so manchem fielen seine ideen auf fruchtbaren boden. doch die finanzen brachten ihn immer wieder an die grenzen, es reichte immer nur knapp, wenn er mal wieder ein bild an den mann brachte. irgendwann ergab sich die gelegenheit in einem verlassenen steinbruch nicht allzu weit von münchen, in höllriegelskreuth eine kommune aufzumachen, in der er und seine jünger leben konnten und seine ideen umsetzen konnten. und er bekam zulauf, auch mit hilfe seines treuesten jüngers fidus. doch die probleme, die diese lebensreformideen mit sich brachten, ließen nicht lange auf sich warten: seine beiden frauen wollten bald nicht mehr so recht mitspielen, obwohl sie sich darauf eingelassen hatten, doch dann kamen noch kinder ins spiel; so mancher zeitgenosse störte sich an der nacktheit der bewohner - die ordnungshüter sind sehr schnell vor ort; und zu guter letzt die finanzen. doch als er mit fidus gemeinsam das große werk per aspera ad astra erschafft, feiert er seinen großen durchbruch, der auch seiner kommune zugute kommen soll - doch kann der erfolg sich einfach so weitertragen lassen...?
es handelt sich hier um einen biographischen roman über den bekannten künstler des symbolismus und lebensreformer karl wilhelm diefenbach. es ist eine faszinierende geschichte, die felix kucher hier auftischt. im großen und ganzen ist es schwer zu sagen, welche teile nun die ausschmückung sind und welche den tatsachen entsprechen. sollten es nur die dialoge sein, die sich der autor ausdenkt, die gedanken der protagonisten? möglich ist es, denn die stationen im leben, die aktivitäten, die begegnungen sind tatsachen. eine interessante gestalt also, dieser diefenbach, der aus der zeit gefallen zu sein scheint. wüsste man nicht ganz klar zu welcher zeit dieser mann zu verorten ist und wüsste nur, was seine lebensreformideen sind, so könnte man ihn in die 1960er jahre einordnen - also knapp hundert jahre zu spät! doch abgesehen davon, dass man mit diefenbach einen schrulligen vordenker mit all seinen macken vor sich zu sehen bekommt, so wird doch klar, dass im späten 19. jahrhundert eine ganze menge von menschen alternative lebensweisen, heilkunden, lehren, usw. propagieren oder auch erfolgreich installieren. es ist schon recht spannend wie felix kucher den leser an der seite von diefenbach durch den roman führt und uns den “kohlrabiapostel” näher bringt, der trotz all seiner vielen krankheiten und all der rückschläge an seinen überzeugungen festgehalten hat. offensichtlich wird nun, dass das späte 19. jahrhundert nicht nur in der kunst für aufruhr gesorgt hat, sondern allgemein vieles infrage stellte, was als selbstverständlich galt - in allen bereichen der gesellschaft. sehr lesenswert - selbst für menschen die am liebsten den status quo leben...