Auf alle Knöpfchen drücken, bis sie von selbst ihre Funktionen preisgeben
Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal eine Bedienungsanleitung eines technischen Geräts gründlich gelesen habe – oder ob ich das womöglich noch nie richtig getan habe. Aber mir ist kürzlich eingefallen, woher meine Angewohnheit stammt, mir das Bedienen und Programmieren von Geräten intuitiv zu erschließen. Offenbar ist es mir aber schon öfter zum ersten Mal eingefallen, denn als ich es begeistert dem Mann mitteilte, meinte er nur: “Jaja, ich weiß, das hast du mir schon mindestens fünfmal erzählt.”
Als ich ungefähr elf Jahre alt war, zogen wir mit der Familie nach Krefeld um, wo mein Vater eine leitende Position in einem Werk eines Elektronikkonzerns antrat. In diesem Werk wurden Fernseher und Videorekorder hergestellt. Wenn ich mich richtig entsinne, hatten wir ab da keinen eigenen Fernseher und Videorekorder mehr, sondern bekamen alle paar Monate ein neues (Leih-) Gerät einer neuen Produktionsserie zum Testen und zum Dokumentieren etwaiger “Kinderkrankheiten”.
Dies führte dazu, dass der Kundendiensttechniker der Niederlassung, Herr W., ein sehr netter, sehr schlanker, feinsinniger rothaariger Mensch, ziemlich oft auf einen Kaffee zu Besuch war – um die Geräte wieder instand zu setzen, manchmal auch auszutauschen, vor allem aber wohl auch, um die Fehler zu dokumentieren. Er trug immer einen weißen Kittel und hatte eine große Werkzeugtasche mit teils sehr kleinen, sehr filigranen Geräten, deren Benutzung mir jedoch leider nicht zustand.
Was Herr W. aber meistens nicht übernahm, war die jeweils initiale Einrichtung des Gerätes, denn das brachte meist jeweils mein Vater mit (wenn ich mich recht entsinne). Jeder Fernseher, jeder Videorekorder hatte ja jeweils eine neue Bedienung, und die war oft alles andere als intuitiv. Es mussten jedes Mal die Sender wieder eingestellt, die Uhrzeit programmiert und das eine Gerät mit dem anderen abgestimmt werden. Zuweilen war das eine ganz schöne Herausforderung und oft eine alles andere als frustfreie Angelegenheit. Die Einzige, die begeistert war, war ich.
Es war die Zeit in meinem Leben, als ich mit meinem Elektronikbaukasten täglich neue Schaltungen konstruierte, um den anderen Familienmitgliedern das Leben zu erleichtern: Überlauf-Alarme für die Badewanne, Alarmanlagen für einzelne Zimmertüren, die – heimlich angebracht – den ungewarnt Eintretenden mit ihrem lauten Geheule schon einmal fast zu Tode erschreckten.
Nun hatte ich eine neue Aufgabe, die ich mit Begeisterung wahrnahm, weil sie nicht optional war, sondern für das mediale Überleben der Familie unabdingbar. Nach einiger Zeit konnte ich jedes neue Gerät mehr oder weniger im Schlaf einrichten. Der Sendersuchlauf war mir zur zweiten Natur geworden. Kein AV-Kanal blieb mir lange verborgen. Bedienungsanleitungen? Für Amateure!
Muss ich erwähnen, dass das Vorhandensein jeweils der neuesten, anderswo oft noch gar nicht vorhandenen Fernsehtechnik in unserem Haushalt mir in meinem Freundeskreis durchaus auch einen gewissen Prestigegewinn einbrachte? Zumindest solange, wie ich noch mit Jungs herumzog, ohne mich für sie als Jungs zu interessieren.
Soweit meine – zweifellos durch die kindliche Sicht eingefärbte – Erinnerung. Ich weiß nicht mehr, wann das aufgehört hat mit den neuen Geräten; vielleicht erst, als mein Vater in den 1980ern eine neue Stelle in Köln antrat. Vielleicht waren es meine Eltern auch irgendwann einfach leid mit den immer neuen Geräten. Vielleicht wurde das Testverfahren verändert und nicht mehr dem Management (mit) überlassen? Irgendwann jedenfalls war Herr W. kein häufiger Kaffeegast mehr. Mein Elektronikbaukasten wich derweil irgendwann einem Chemie-Experimentierset. Um dann einem Tanzkurs und anderen, eher geselligen Vergnügungen zum Opfer zu fallen.
Aber die Angewohnheit, bei neuen Geräten immer sofort auf alle Knöpfchen zu drücken, bis sie von selbst ihre Funktionen preisgeben – die ist mir geblieben. Meistens fahre ich damit immer noch recht gut. Wenn nicht, motzt der Mann ein bisschen, lädt sich die Bedienungsanleitung aus dem Internet herunter, studiert sie gründlich und richtet es wieder.