Die Blätter vor meinem Fenster fallen. Die Hausmeister und Laubsauger haben den Kampf gegen die neu fallenden Blätter aufgegeben.
Dieses Zimmer ist keines, welches zum Verweilen einlädt. Dieses Zimmer bietet keinen Platz mehr für Gastfreundschaft und Offenheit.
Das war mal anders.
Aber seit letzten Samstag ist alles anders. Seit letztem Samstag rennen meine Gedanken nur noch im Kreis.
Ich bin nun endlich frei, frei von Ängsten, Sehnsucht und dem Gefühl der Verlassenheit. Die Klavierklänge klingen endlich wieder richtig für mich. Ich kann mich der Musik hingeben und lautstark mitsingen.
Meine Füße trauen sich endlich wieder zu tanzen. Ich bin zuversichtlich und kann in die Zukunft sehen. Vor ein paar Wochen sah das noch ganz anders aus. Da rannten meine Gedanken nur noch im Kreis.
In meinem Zimmer stapeln sich Papierstapel und Medikamentenpackungen. Alles Infomaterial, welches mir Samstag zu geschoben wurde. „Positiv...“, dieses Wort spukt mir seitdem im Kopf...Positiv....dass ich nicht lache...
Die letzten Seiten meiner Bibel werden von den Flammen im Kamin gefressen. Gott, dass ich nicht lache. Meinen Psychologen meide ich. Ich möchte nicht, dass ein Laie mein Leben bewertet. Der kennt doch mein Leben gar nicht.
Ich solle zu einer Selbsthilfegruppe geben, was ein Schwachsinn. Mir ist nicht mehr zu helfen. Über mir schwebt ein Todesurteil.
Warten auf den Tod...inmitten von Erinnerungen, Herbstblättern und Einsamkeit. Keiner meiner Freunde lässt sich aus Angst blicken...Ich lade niemanden mehr ein. Ich baue eine Mauer um mein Leben, so hoch und fest wie die chinesische Mauer.
Mein Medikamentenwecker piept. Ich ignoriere ihn. Soll mich doch Aids dahinraffen...ich habe den Kampf aufgegeben.
In meinem Zimmer stapeln sich Papierstapel und Medikamentenpackungen. Das Infomaterial, welches ich aufhebe um mich zu motivieren. „Positiv..“, vor diesem Wort habe ich keine Angst mehr. Ich lache.
Meine Bibel liegt auf meinem Schreibtisch , bereit um mich in meine Selbsthilfegruppe zu begleiten. Gottesdienst zum Aidstag, vorbereitet durch meine Selbsthilfegruppe. Ich hoffe, dass DU da bist.
Aber nirgendwo in der Menge bist DU.
Ich mache mich auf den Weg zu deiner Wohnung und klingel Sturm.
Ich kenne dein Leben zwar nicht, aber ich möchte dir helfen.
Das positive Ergebnis ist doch längst kein Todesurteil mehr. Aber du scheinst eine Mauer um dein Leben zu bauen, aber keine Mauer steht ewig ohne löchrig zu werden.
Mein Medikamentenwecker piept und ich greife zu meinen Tabletten
Die schrillen hohen Klänge meiner Klingel kommen an mein Ohr. Wer soll das denn sein? Der Paketbote, der Psychologe oder etwa schon wieder die Nachbarin, um sich über den Müll vor der Tür zu beschweren.
„Ich komme, ich komme“, brülle ich. Ein Satz purer Ironie. Langsam schleppe ich mich lustlos zur Tür und öffne sie.
„Was denn zur Hölle? Ich räume den Müll ja weg...Frau Bunder.“, sage ich unfreundlich. Dann hebe ich meinen Blick und da stehst DU. Na das hat mir ja grade noch gefehlt. Ich stehe einfach nur da in Jogginghose und dem T-shirt, welches schon seit Samstag an meinem Körper klebt.
Was sollst DU denn jetzt bloß von mir denken...dabei habe ich versucht so zu wirken, als könnte mich kein Ergebnis der Welt schocken.
Scheiße, ich habe in meinem Selbstmitleid den Gottesdienst ganz vergessen. Und jetzt stehe ich nur wie ein Häufchen Elend vor dir. Unschlüssig, ob ich die Tür wieder zu schmeißen soll, oder dich reinbitten soll.
Aber auch du scheinst nicht ganz zu wissen, was du mit mir anfangen sollst.
Ich nehme dich in den Arm.
DU umarmst mich und ich lasse das zu.
Ich umarme dich und DU lässt es zu. DU machst keine Anstalten mich loszulassen und scheinst genau das gebraucht zu haben, jemanden der dich festhält während dein Leben seit Samstag am auseinanderfallen ist.
Ich nehme dich bei der Hand und führe dich in deine Wohnung. Sie ist anders jetzt. Sie lädt nicht mehr zum Verweilen ein. Es stapeln sich Medikamentenpackungen und Papierstapel von Infomaterial. In deinem Kamin verbrennen grade die letzten Seiten deiner Bibel.
Ich habe sie dir geschenkt, weil ich dachte sie würde dir helfen. Dir scheint das peinlich zu sein und du scheinst dich zu schämen.
Beschämt folge ich deinem Blick zum Kamin. Du hast mir die Bibel geschenkt und mir von Jesus erzählt, weil er doch alles besser machen würde. Das glaube ich nicht mehr. Was soll er denn machen? Vom Himmel herabsteigen und mich heilen? Nein...nichts macht er. Das kommt ihm bestimmt gerade gelegen. Er hat doch keine Lust zu beweisen das er da ist. Das hat er doch noch nie gewollt.
Aber deine Umarmung fühlt sich gut an. So sicher und geborgen, in dieser Zeit, in der ich mir über nichts mehr sicher bin.
Du scheinst, aber nicht sauer über meine Tat zu sein. Du lächelst mich nur an.
Du lächelst mich nur an. Und ich beginne dir von meiner Kraftquelle zu berichten. Ich bringe dich dazu dir etwas frisches anzuziehen, duschen zu gehen. Wir laufen schnurstracks zu dem Gemeindehaus in dem sich meine Selbsthilfegruppe trifft. Ich nehme dich bei der Hand und führe dich in den Klaviersaal. Du hörst meinem Spiel geduldig zu und lächelst erneut.
Es kommen noch andere dazu und versuchen dir deine Ängste zu nehmen.
Du ziehst mich einfach nur an meiner Hand in ein großes Haus mit einem Kreuz an der Tür, zunächst möchte ich flüchten. Wieder zurück in mein kleines sicheres Zimmer, aber du lässt nicht locker. Du setzt dich ans Klavier und beginnst mich mit deinen Klavierklängen einzufangen. Es kommen noch andere dazu und plötzlich kann ich endlich ausbrechen aus meinem Gedankenkreislauf.