Zehn Dinge, die du lernst, nachdem du zum ersten Mal eingewiesen wurdest
1. Du kannst dich mitten im Wahnsinn sicher fühlen
Weil sich die Ärzte und Sanitäter nicht sicher waren ob du mit Freiheit umgehen kannst ohne sie gegen dich selbst zu verwenden hast du zunächst einige Tage auf einer geschlossenen Station verbracht. Du teilst dein Zimmer mit Brandstiftern und Junkies, bist umgeben von Menschen mitten in einer Psychose und du fühlst dich fast... entspannt. Wenn alle um dich herum durchdrehen dann musst du kein Stück deiner sozialen Fassade waren. Zum ersten Mal darfst du so tieftraurig aussehen wie du dich fühlst und wenn Dir danach ist, kannst du apathisch in einer Ecke sitzen und für Stunden in die Leere starren und du fällst nicht ein bisschen auf.
2. Psychosen sind so tragisch wie unterhaltsam
Es ist dein erster Morgen in der Klinik. Du nagst noch lustlos an einem trockenen Brötchen als sich jemand neben dich setzt. Sie ist jenseits der fünfzig, ihr dünnes blondes Haar kurz geschnitten und bis auf einen einzelnen goldenen fehlen ihr sämtliche Zähne. Sie blickt Dir mit einer Vertrautheit in die Augen, die wir uns sonst für unsere nächsten Angehörigen bewahren und fragt „Hey sag mal, wie gehts eigentlich dem Richard?“. Weder weißt du wer Richard ist noch hast du je zuvor mit ihr gesprochen, das scheint sie aber auch nicht weiter zu stören. Unterhaltungen mit ihr sind Achterbahnen der Themen und Gefühle. Mal bricht sie unerwartet in Tränen aus, mal unterbricht sie lange Monologe um dich genervt anzufahren, dass sie jetzt überhaupt nicht darüber reden möchte und du aufhören sollst nachzubohren. Du unterdrückst den Impuls sie darauf hinzuweisen, dass du seit zehn Minuten kein Wort gesprochen hast. Die meiste Zeit jedoch lacht sie so aufrichtig und warm, dass es dich vergessen lässt was dich eigentlich herbrachte. Außerdem ist sie überzeugt, dass du ihr lang verlorener Halbbruder bist. Auf deine schwachen Proteste antwortet sie sanft „Glaubst du mir noch immer nicht? Ist in Ordnung. Warst ja auch noch sehr jung.“ Das pure Mitgefühl in ihrer Stimme lässt deinen Widerspruch verstummen.
3. Nichts ist merkwürdiger als ein Montag, nachdem du geschworen hast, dieses Wochenende wäre dein letztes. Ist die Sonne wirklich aufgegangen? Bin ich noch hier?
4. Depressionen machen keinen Spaß
Du vermisst das Chaos und die rohen Emotionen der geschlossenen Station. Auf der Offenen ist jeder gefangen in seinem eigenen Nebel. Zeit fließt hier wie zäher Honig, stumm werden leere Blicke ausgetauscht und man ertränkt die drückende Langeweile in Litern von Kamillentee. Gelegentlich werden müde Worte getauscht, doch Depression erstickt jedes Gefühl in den Stimmen. Zwei von fünf Sternen. Nicht zu empfehlen.
5. Ein Tag Heimurlaub bricht dich beinahe erneut.
6. Du hast Dir die falschen Probleme ausgesucht
„Gott ich befehle dir, mach diesen Generator an!“ Aus seiner Stimme tropft pures Selbstbewusstsein. Ohne die göttliche Antwort abzuwarten geht er und ganz ehrlich, du willst haben, was er hat. Er liebt sich selbst nicht nur, er bewundert sich. Keine Zweifel verdunkeln seinen Verstand. Klingelt sein Handy antwortet er mit „Hier spricht der König“. „Böse Onkels, beste Band“ sagt er im Vorübergehen und streckt die Faust zum Gruß. Kein Grund zu fragen ob du die Bösen Onkels überhaupt hörst. Sieht er Dir an. Alles schon geregelt, geklärt, er hat’s unter Kontrolle. Man fragt sich, warum er überhaupt hier ist.
7. Es gibt keine gute Art deiner Schwester zu sagen, dass du versucht hast dich umzubringen.
8. Jemand fragt dich ob du denn froh bist, dass die Dinge so gekommen sind wie sie gekommen sind. Du sagst ja. Du lügst. Wenn du ehrlich bist fühlst du dich wie aus einem schlimmen Traum erwacht, schon erschreckt davon, wie tief du gefallen bist, doch unsicher ob der Fall echt war. Immer noch im Prozess die Scherben deiner Persönlichkeit einzusammeln und vorsichtig wieder zusammen zu setzen, du hast dich noch nicht getraut deine Gefühle zu betrachten aus Angst sie würden dich auseinanderreißen.
9. Du hast deine Freunde nicht verdient
Wochenlang hast du deinen Verstand verloren, tollwütig um dich geschlagen, panisch Halt gesucht, mit Dir hinab gerissen, wen du zu fassen bekamst und von Dir gestoßen, wer stehen blieb. Und hier sind sie, jeden Tag, ein Lächeln, wo du ein Lächeln brauchst, eine Umarmung, wo du drohst auseinander zu fallen, Halt, wo du deinen Glauben daran verloren hast. Du hast sie nicht verdient. Und doch sind sie hier.
10. Du bist Dir immer noch nicht sicher ob du leben möchtest.
Die Herbstsonne fällt rot durch die Vorhänge, die du so brutal um deinen Hals gewickelt hast. Die Schürfwunde an deiner Kehle ist kaum noch zu sehen. Du bist froh wieder hier zu sein, doch sicher fühlst du dich nicht. Du sitzt verloren auf deinem Bett und suchst ein Ende für den Text an dem du seit ein paar Tagen schreibst. Du könntest voller Pathos erklären, dass du heilen willst. Dass du leben willst. Doch in Wirklichkeit willst du deinen Freunden glauben können, wenn sie sagen, dass sie dich lieben. Du willst Ihnen sagen, wenn du traurig bist und dich danach noch spüren können. Du willst glauben können, dass du krank bist, nicht zerbrochen. Du willst deine Gefühle ertragen können, ohne dich zerstören zu müssen. Du willst weinen können. Du willst schlafen. Und zumindest jetzt gerade möchtest du morgen wiedererwachen.