Weil ich gerne als Deutsche anerkannt werden möchte, habe ich mir einfach ausgeredet, dass ich woanders geboren wurde
Das Maßnahmenpaket der Unions-Innenminister machte mich sprachlos vor Entsetzen. Zum Glück traf ich eine Frau, die mir aus der Seele sprach. Rekonstruktion einer Erleuchtung.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière: rund 70 Prozent unbrauchbare Ideen. Foto: Olaf Kosinsky/Skillshare.eu
Seit dieser Woche ist die doppelte Staatsbürgerschaft wieder Gesprächsthema. Grund dafür ist das Maßnahmenpaket der Innenminister der Union, in dem nebst Burka-Verbot, Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht und Vorratsdatenspeicherung auch noch die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft gefordert wird. Und zwar mit dieser Begründung: „Die doppelte Staatsbürgerschaft ist ein großes Integrationshindernis. Wir lehnen diese gespaltene Loyalität ab. Wer sich für die Politik ausländischer Regierungen engagieren will, dem legen wir nahe, Deutschland zu verlassen.”
Das ärgerte mich alles sehr – und machte mich leider auch sprachlos. Den ganzen Tag mussten Marcel und Martin zwar gelegentliche Tiraden zu dem Thema ertragen. Doch es gelang mir nicht, kohärent zu formulieren, was genau ich an dieser Weltansicht für so rückschrittlich – und gefährlich – halte.
Erleuchtung beim Amt
Dann saß ich gestern vor der Tür der Einbürgerungsbehörde. Ich war eine Stunde zu früh da und setzte mich zu zwei anderen Frauen, die ebenfalls auf den Beginn der Sprechstunde warteten. Wir unterhielten uns über den den Einbürgerungstest, mein Studium und darüber, wie lange wir schon in Deutschland leben. Eine der Frauen stammte aus Georgien, ist aber schon seit zwanzig Jahren in Deutschland.
Ich fragte sie irgendwann, ob sie ihre Staatsbürgerschaft ablegen müsse, um die deutsche zu erhalten. „Ja”, antwortete sie und auch, dass sie das sehr schade fände: „Ich habe zwanzig Jahre in Georgien gelebt, das kann ich nicht einfach vergessen.” Zwanzig Jahre in Georgien, zwanzig in Deutschland – eine Biographie, die in gleichwertige Hälften geteilt ist. Sie gehöre zu beiden Ländern, sagte sie.
„Außerdem”, fuhr sie fort “wird der deutsche Pass ja nicht alles ändern. Ich werde nie nur deutsch sein.” Ich konnte mir sofort ausmalen, was sie meinte. Sie sprach perfektes Deutsch, hatte aber einen merklichen Akzent. Die allermeisten Menschen, denen diese Frau begegnen wird, werden aufgrund ihrer Sprechweise davon ausgehen, dass sie nicht in Deutschland geboren ist, dass sie also einen sogenannten Migrationshintergrund hat. Würde es etwas daran ändern, wenn sie ihren deutschen Pass rausholt und erklärt, dass sie keinen anderen Pass hat? Ich denke nicht.
Die Unterscheidung zwischen Deutschen, die hier innerhalb deutscher Familien geboren sind und jenen von uns, die erst im Laufe unseres Lebens zu Deutschen geworden sind, existiert. Die Unterschiede auch – sie zeigen sich manchmal in der Sprache, manchmal darin, welche Feiertage man feiert, manchmal darin, wo man seine Großeltern besucht. Welchen Sinn hat es, sie zu leugnen? „Ich bin beides, ich bin Deutsch-Georgierin”, sagte meine Wartebanknachbarin und ich nickte eifrig.
Ein Migrationshintergrund ist kein Schandfleck!
Ich bin auch beides. Also nicht Deutsch-Georgierin, aber eben Deutsch-Kubanerin. Ich kann die Zeit, die ich auf Kuba gelebt habe, nicht vergessen. Ich kann nicht ändern, dass sie mich geprägt hat. Und ich käme auch gar nicht auf die Idee! Mein Migrationshintergrund ist doch wohl kaum etwas, wofür ich mich schämen muss? Ich bin davon überzeugt, dass es mich als Menschen bereichert, dass ich eine andere Kultur und eine andere Gesellschaft so gut kenne und auch, dass ich die Entwicklungen eines anderen politischen Systems immer noch aktiv mitverfolge. Davon abgesehen, dass ich es toll finde, Tweets sowohl auf Spanisch als auch auf Deutsch schreiben zu können. Ein breiter Horizont an Erfahrungen und Kenntnissen sollte wirklich nicht ein Schandfleck in der eigenen Biographie sein. Und die Lektionen, die ich aus meiner Kindheit auf Kuba gezogen habe, sind allesamt besser mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar, als viele der Vorhaben dieses Maßnahmenpakets.*
Eine Integrationspolitik, die in diesen Erfahrungen nicht potenzielle Bereicherungen sieht, sondern Hindernisse, wird scheitern. Menschen können ihre Biographien nicht neu schreiben und ihre Erfahrungen vergessen, ganz gleich, wie integrationswillig sie sind.
Vielleicht sollte Integrationspolitik von Menschen gemacht werden, die Migration nicht grundsätzlich als eine Art Unfall verstehen
Darin sehen die Innenminister aber wohl eine Gefahr. Ihre Erklärung stellt alle Menschen mit Migrationshintergrund unter Generalverdacht und vertieft damit die Unterscheidung zwischen gebürtigen und nicht-gebürtigen Deutschen nur noch mehr. Denn die Forderung, man solle sich nicht für die Politik ausländischer Regierungen engagieren, gilt ja wohl nur für nicht gebürtige Deutsche. Oder wird deutschen Praktikanten, die bei den amerikanischen Präsidentschaftskampagnen tätig sind oder deutschen Menschenrechtlern, die aktiv versuchen, die Politik anderer Länder zu beeinflussen, ebenfalls nahegelegt, das Land zu verlassen?
Wird es nicht. Das wird nur Menschen mit Migrationshintergrund (insbesondere muslimischen Hintergrunds) geraten, die selbigem dieser Auffassung nach ganz entschieden in jedem Lebensbereich abschwören müssen, um hier toleriert zu werden. Das ist eine absurde Vorstellung davon, wie erfolgreiche Integration gelingt. Sie legt zudem nahe, dass diese Politiker weder Interesse daran haben, die Erfahrungen und Lebensrealität von Migranten zu verstehen, noch daran, einen Migrationshintergrund als etwas anderes als ein Problem zu sehen. Stellt sich die Frage, ob gerade solche Menschen Integrationspolitik gestalten sollten.**
* Nochmal die Vorratsdatenspeicherung, ernsthaft? Die ärztliche Schweigepflicht aufweichen, obwohl Ärzte und Therapeuten heute schon verpflichtet sind, konkrete Hinweise auf geplante Straftaten zu melden? Danke für den Populismus.
** Und die Antwort auf diese semi-rhetorische Frage ist: Nein, sollte es wirklich nicht.














