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Wein - Konversation
Es ist ein trüber, verregneter Tag und ich fröne bereits des zweiten Glases Weißwein, 1.99 Euro im Kaufland um die Ecke. Nie war es leichter, sich diesen einfachen Genüssen des Lebens hinzugeben und wenn die Gesellschaft fehlte, machte Alkohol dies wett.
Die Zigarette zwischendurch dient eigentlich nur dem Gesamtbild. Dem Gesamtbild einer sehr früh gescheiterten Existenz, die, wie es nun malerische Romane beschreiben würden bald errettet werden würde durch die große Liebe. Den auf dem weißen Ross herbei reitenden Prinzen. Nur leider gibt es einen kleinen Haken, mein Haar ist nicht lang genug, um ihn von meinem Turm aus zu erreichen, deshalb müssen wohl der Wein und die Zigaretten erst einmal herhalten bis es das ist.
Schade, leichte Unterhaltung würde bestimmt gut tun.
Da fallen mir meine eigenen Worte wieder ein „Sobald man anfängt, etwas alleine zu konsumieren, fängt man auch an süchtig zu sein.“ Die Weinflasche und ich wechseln ein paar flüchtige Blicke, nun wirkt das Etikett fast schon anklagend traurig und wütend.
Ich greife zu meinem bereit liegenden Handy und rufe einen Freund an.
„Hey.. Hallo! Hast du gerade Zeit für mich und eine Flasche Weißwein?“
„Trinkst du wieder allein?“
„Was heißt wieder und was heißt allein? So oft mache ich das nicht und außerdem ist hier eine Motte, die mich beobachtet.“
„Ich bin in einer halben Stunde da. Trinke nicht zu viel.“
Ich grinse verschmitzt erst die Motte und dann die Flasche Wein an. So habe ich doch irgendwie die Kurve gekriegt und werde nicht den Rest der Woche mit einem schlechten Gewissen und verschlingenden, lebensablehnenden Gedanken geplagt. Wieder eine Woche gerettet.
Basti kommt 5 Minuten später als angekündigt, aber ich lasse mir keinen Groll anmerken, immerhin gibt er mir in diesem Moment das Gefühl nicht süchtig zu sein.
Aber schon als Basti zu reden beginnt, erschöpft er mich. Er erzählt mir von seiner Freundin, wie sehr er sich freut, sie gefunden zu haben und wie sehr er sie liebt.
In meinen Gedanken formt sich eine Leinwand, davor sitzen Zuschauer, wie Schweine an einem Trog fressen sie ihr Popcorn in sich herein und folgen gespannt der Erzählung, doch hat diese Erzählung nichts mit dem eigentlichen Film zu tun.
Oh, dieser Gedanke amüsiert mich.
Sie sitzen also alle da, lauschen Basti's Liebesgeschichte und sehen auf der Leinwand, wie seine Freundin auf seinem Gesicht sitzt und stöhnt wie eine läufige Elchkuh. Langsam erstickend in ihrer Scham ruft er gleich eines Schiffbrüchigen in sie hinein „Ich liebe dich Caro!“. Sie hört es wahrscheinlich, aber ignoriert es. Die Schweine grunzen erheitert und quieken „LUXURIA, LUXURIA, LUXURIA!“. Sie schaut in die Kamera und zwinkert den Zuschauern zu, denn sie weiß, dass sie sie daran teilhaben lässt wie sie Basti fickt. Könnte ich es ihm sagen? Wahrscheinlich nicht, er würde mich angewidert ansehen und mir einen Vortrag darüber halten, etwas lebensbejahender zu agieren und meine Mitmenschen nicht so in den Dreck zu ziehen.
Deshalb schweige ich und nehme genüsslich einen weiteren Zug von meiner Zigarette, sie schmeckt so viel besser, wenn man ein Geheimnis mit sich trägt.
Luxuria, ja, schwierig zu überwinden, die Schlampe hat es in sich.
Basti erzählt weiter, wie talentiert sie doch ist, wie schön sie ist und dass er sie ja mal mitbringen könnte, wenn ich einverstanden wäre. Natürlich bin ich einverstanden, wieso auch nicht? Auch wenn man meinen könnte, dass ich es aufgrund des Kopfkinos nicht wäre. Doch freue ich mich, dass Basti wieder jemanden gefunden hat, mit dem er ein Stück seiner Zeit ins Land streichen lassen kann, bis er wieder merkt, dass es doch nur Verschwendung war.
„Ich muss dich aber vorwarnen, nenne sie nicht meine Freundin.“
Ganz genau, wie ich es mir gedacht habe.
„Tja lieber Sebastian, darum ziehe ich den Wein den romantischen Verhältnissen vor, betrunken wirst du so oder so, da kannst du dir sicher sein. Liebe ist mir zu unbeständig, du wirst nicht immer zurückgeliebt, aber betrunken wirst du.“
„Ach, ich will nicht weiter mit dir darüber reden, du bist so ein ekelhafter Pessimist, sie braucht eben ihre Zeit und die gebe ich ihr auch.“
„Wenn sie dich wirklich lieben wollen würde, müsstest du mich jetzt nicht so traurig ansehen und müsstest du mir keine Gesellschaft leisten, weil du mit ihr beschäftigt wärest. Ist denn der Sex wenigstens gut?“
„Ja ist er.“ nuschelte er.
Na Gott sei Dank, wenigstens ein Trostpreis für vertane Mühe. Bedauerlicher Kerl.
Ich überlege, ihn aus Trost zu küssen, doch verwerfe den Gedanken, denn das macht es nur noch komplizierter für den armen Basti. Diese Zeiten haben wir eigentlich auch hinter uns gelassen. Ich habe mich als Caro entpuppt und den Vorschlag zur Freundschaft aus Güte angeboten.
Jetzt bin ich auf der Leinwand wie ich voller Hohn rauchend, die Nasenspitze lächerlich gen Himmel gezogen in die Kamera sehe. Ist die Zigarette eine Art Phallussymbol? Mein Leinwand-Selbst spitzt die Lippen und zwinkert dem Publikum zu. Die Schweine sind außer sich.
Richtig was los heute im Kino.
„SALIGIA, SALIGIA, SALIGIA!“ schreien sie, doch mein Leinwand-Selbst ist so eingenommen von der ausrastenden Menge, dass es den Ausruf als Kompliment nimmt. Diesen Zuruf bekam es noch nie. Vor allem nicht von so vielen Trog-Genießern.
Ich spüre Basti's Hand auf meinem Knie, sie reißt mich aus meinem Tagtraum vom Ruhm und Reichtum meines Leinwand-Selbst'. Ich sehe in seine verzweifelten Augen und er flüstert vornübergebeugt in mein linkes Ohr „Ich glaube du hast so Recht mit ihr.“ und lehnt sich an meine Schulter, seine Tränen nässen diese, es sind keine Tränen des Liebeskummers, sondern Tränen einer gekränkten, verlorenen Seele, die gerade mit ihren Mitmenschen abrechnet. Es sind Tränen, die, ohne es auszusprechen auch wütend sind, wütend auf die Moderne, auf die Lieblosigkeit. Die voraussichtlich zurückbleibende, nasse Stelle auf meiner Schulter stört mich perspektivisch nicht.
Doch weiß ich nicht, wie ich ihn trösten soll. Ich könnte ihm meine Gedanken mitteilen. Meine Gedanken zu Caro, meine Gedanken zu unserer lieblosen Moderne, die womöglich liebloseste die wir je hatten. Es würde ihn aber nicht trösten, sondern nur weiter deprimieren, also sage ich nichts, gebe ihm einen Schmatzer auf den Kopf und biete die Weinflasche zum Verzehr an.
Er nimmt einen Schluck und sieht mich verbittert an „Der schmeckt scheiße!“.
Idiot. Natürlich schmeckt der Wein scheiße, was hat er erwartet? Was anderes als sonst? Einen Ausbruch aus der Routine? Er ist doch nicht besser als ich, mit seinen vielen Caros, von denen er mir immer wieder erzählt.
„Fick dich!“, schreie ich durch den Raum.
„Fick dich und deine Caros! Es ist immer wieder die gleiche scheiße und du beschwerst dich über meinen immer wieder schrecklichen Wein? Fick dich, Basti!“
„IRA, IRA, IRA!“ schreien die Schweine zur Leinwand. Meinem Leinwand-Selbst ist das eindeutig zu viel und es reißt sie auseinander. Jetzt haben die blöden Schweine nichts mehr zu glotzen, sollen sie sich doch selbst unterhalten! Meine Gastfreundschaft hat eindeutig Grenzen!
Ich stehe auf und sehe ihn wutentbrannt an, in mir tobt ein Fegefeuer, groß genug, um alle Caros der Welt zu verbrennen, gelöscht werden kann es nur von billigem, beschissenem Wein, den sonst keiner trinkt und dessen einziger Käufer vermutlich ich bin. Jedoch sieht mich Basti nur traurig an und schüttelt den Kopf. Er streckt seine Hand aus, packt mich an der Kordel meines schrecklichen Bademantels und zieht mich wieder neben sich auf die Couch.
„Das ist auch nicht auf alles die Antwort, Matze.“
Eindeutig ist wohl eine Zigarette ein Phallussymbol, denke ich mir und unsere Lippen treffen sich.
Da bin ich wohl wieder Caro.
Luxuria, Saligia, Ira, diese verdammten Miststücke!
Verlockung
Regen passt so herrlich zu schlechter Stimmung. Oder ist es doch die schlechte Stimmung, die so gut zum Regen passt?
Regen kommt selten allein, oft mit Wind, Wolken oder Kälte. Der angenehm frische und gut riechende Sommerregen zeichnet sich durch seine Seltenheit aus, drum ist er auch so begehrt.
Würden wir denn den kalten, windigen, wolkigen Regen ebenso begehren, wäre er so selten zu genießen?
Wären Sünden heilige Taten, würde man sie seltener begehen? Kann man sündigen und trotzdem in den Himmel, oder in das Paradies oder was auch immer einen da erwartet, kommen? Was ist eigentlich Sünde? Ist es richtig, immer das “Richtige” zu tun?
Würde mich eine reelle Konsequenz erwarten, wenn ich mich hier und jetzt der Völlerei, Gula, hingäbe? Wenn ich mich mit gespreizten Beinen an das geöffnete Fenster setze und mich zum Höhepunkt brächte? - Luxuria.
Doch dafür bin ich dann doch zu faul und kuschele mich wieder in meine Decke ein. Der Tag darf heute nicht vor dem Abend beginnen. Wäre ich nur nicht von dieser elendigen Acedia besessen. Sie macht mir das Leben so schwer. Diese Trägheit.
Doch es nährt sich an mir und es gefällt mir. Ich liebe das Gefühl, wenn mich etwas oder jemand berührt und wenn es nur der Finger des Gevatters ist.
Man ist sich mittlerweile gut bekannt. Freundschaft möchte ich es nicht nennen, eine Bekanntschaft trifft es sehr gut. Jeden Ta fragt er mich, ob ich nicht auch mal bei ihm vorbeisehen will und ist jedes Mal entrüstet, wenn ich ihn auf den nächsten Tag vertröste. Seit einigen Jahren schon geht das so, dass er bei Nacht durch das offene Fenster kommt, wir uns unterhalten und er mich fragt, wann ich ihn denn mal besuchen käme.
Anfangs war ich noch fest entschlossen, nicht vorbeizukommen, aber in letzter Zeit wird der Gedanke verlockender. Ich möchte sehen wie er lebt. Noch kann ich der Versuchung widerstehen, doch nur knapp. Ich habe den Eindruck, dass nur noch ein (starkes) Argument fehlt.
Heute Abend ist er wieder da, erzählt von seinem Tag und informiert sich Anstandshalber über meinen. Wir sitzen uns danach schweigend gegenüber, seine leeren Augen haben etwas von Unendlichkeit und die blasse Haut erinnert an das feine Porzellan aus Museen. Seine Lippen sind nicht ganz geschlossen und durch sie dringt sein kalter Atem, der mir einen Schauer über den Rücken gleiten lässt.
So sitzen wir eine ganze Weile auf meinem Bett im Mondschein und starren uns an. Mich überkommt ein Gefühl von Friede und Glückseligkeit wie ich ihn beobachte und er mich.
Wir harren aus.
Er schluckt benommen, sucht unter der Decke meine schwitzige Hand und hakt seine Finger in die meinen. Mein Herz klopft, so sehr, dass es auch meinen Kopf pulsieren lässt. Mit seinem verlorenen Blick sieht er mich unausweichlich und viel zu intensiv an.
“Danke, dass du mich begleitest.”
Eine Träne löst sich und rollt über meine rechte Wange.
Auf meinen Lippen schmeckt sie salzig.
Vino
„Tja lieber Sebastian, darum ziehe ich den Wein den romantischen Verhältnissen vor, betrunken wirst du so oder so, da kannst du dir sicher sein. Liebe ist mir zu unbeständig, du wirst nicht immer zurückgeliebt, aber betrunken wirst du.“
Auszug Wein-Konversation
Eden
Wenn sich der Himmel verdunkelt.
Wenn du anfängst zu hassen.
Wenn dein Lächeln schmerzt.
So sehr, dass du es einfach nicht mehr kannst, dann weißt du es ist vorbei. Wird der Himmel nicht mehr hell, so musst du gehen.
An einen Ort, an dem die Sonne scheint, an dem du zur Liebe zurückkehrst, an dem nur Trauer schmerzt und dich zerfrisst, aber es ist in Ordnung.
Denn man darf trauern, nur nicht hassen.
Kirschkernkissen geben nicht genug Wärme
Das kühle Bier an einem heißen Sommertag. Die genüssliche Zigarette nach dem Sex. Die erste Liebe. Wie all das deine Sinne befriedigt. Dich erfüllt.
Sie ist der Fels in der Brandung, an dem du dich über Wasser hältst, weil es dir über den Kopf steigt. Ein Fels, so mächtig und so massiv, dass du nicht spürst, wie dich die Wellen ohrfeigen und in das tiefe blau der See ziehen wollen.
Der Fels ist nicht nicht perfekt, aber was ist das schon? Du erfreust dich eher an dem Moos hier und dort, rund gespülte Ecken und scharfe Kanten an denen du dich zu schneiden drohst. Doch selbst, wenn du dich schneiden solltest, siehst du das warme, dunkle Blut mit Gelassenheit, das ist es dir wert.
Je länger du dich an ihr festhältst, desto ruhiger werden die Fluten. Es ist, als wäret ihr Eins. Stark genug, um ihnen zu trotzen.
Von dem viel zu lauten Rauschen der Wellen ist nun nicht mehr viel da, doch die Konversationen werden nur verzwickter, je besser ihr euch hört.
Endlose Umschreibungen für nichts und wieder nichts.
Ein Hilferuf erscheint sinn- und zwecklos.
Ihr steht bis zu der Hüfte im tiefen Treibsand aus verkapselten, unausgesprochenen Emotionen, welcher euch beide zu verschlingen versucht.
Zwar merkt ihr, dass ihr langsam immer weiter sinkt, doch keiner will es dem Anderen sagen. Stattdessen haltet ihr euch gegenseitig an den Armen fest und hofft, so der Realität des baldigen Verschwindens zu entfliehen.
Du bist bis zum Rippenbogen eingesunken, sie bereits bis zum Schlüsselbein in der Masse verschwunden. Sie sieht dich verzweifelt an und du versuchst nach ihr zu greifen, ihr zu helfen aus dem Treibsand zu entkommen, sie scheint unerreichbar, der Wille zur Rettung wie eine Utopie. Egal, wie oft du nach ihr greifst, halten kannst du sie nicht.
Panik.
Steigt in dir auf, nein, explodiert in einem lauten Knall und breitet sich in deinem ganzen Körper aus. Jede einzelne Zelle.
Zwar kannst du nun zufassen, jedoch sind deine Hände voller Blut, du versuchst krampfhaft, sie an so vielen Kanten zu festzuhalten, dass du dich viel zu oft schneidest. Durch die Mischung aus Blut, Tränen und Schmerz rutscht du wieder und wieder an ihrer rechten Hand ab, das einzige, das du noch von ihr sehen kannst und dein dunkelrotes Blut tropft auf ihre Fingerkuppen, ohne sie aufhalten zu können.
In der Verzweiflung wühlst du im Treibsand, mit einer kleinen Hoffnung, sie wieder herausziehen zu können oder ihr wenigstens folgen zu können. Vergeblich.
Ewige Augenblicke verharrst du, weiter absinkend und atemnötig im Treibsand. Wie konnte es nur so weit kommen?
Der Treibsand löst sich und alles um dich herum wird tiefschwarz, du reißt die Augen auf, doch kannst nichts sehen, versuchst dich festzuhalten, aber befindest dich im freien Fall. Auch sie, dein Fels ist nicht da, du bist allein in einem großen Nichts und fällst immer weiter. Bevor die Dunkelheit auch nur drohen kann dich aufschlagen zu lassen, bekommst du ein Tau zu fassen und kannst dich langsam auf den Boden hinabsinken lassen. Dein ganzer Körper ist feucht und klebrig von Blut,Tränen und Schweiß.
Als deine Füße den Boden berühren, wird das schwarze Nichts in ein stechend grelles Licht getaucht, sodass du erst nach gefühlten Stunden die Augen öffnen kannst.
Um dich herum sind viele vertraute, viele fremde Gesichter, die zugehörigen Körper in schwarze Kleidung gehüllt. Ihr seid in einer Kirche. Vorn steht ein Sarg und ein Bild von einer Frau die ihr schmerzlich gleicht.
Du wünschst dich zurück in den Treibsand eurer geschluckten und vergrabenen Emotionen, als sie noch bei dir war, kurz bevor sie einsank und ging. Du könntest so viel anders machen, so viel besser.
Aber hätte es sie gerettet?
Was wäre, wenn der Treibsand nie da gewesen wäre, oder gar die Flut, in der du einen Fels brauchtest?
Was wäre, wären die letzten Wochen nicht so leer gewesen und das einzig wärmende nicht nur ihr Kirschkernkissen, das sie dir ließ als sie ihre Sachen von dir abholte?
Du spürst das Peitschen der Wellen und merkst - das reicht nicht. In Gedankenspielen verfängt man sich und Kirschkernkissen geben nicht genug Wärme.
Deine Beine zittern.
Die Knie geben nach.
Dein Körper wird unter die da gewesenen Schmerzen in tausende Einzelteile gerissen.
Deine verstummte Stimme ruft ihren Namen lauter als je zuvor.
Ihr Grabstein ist an deinen linken Fuß gebunden und zieht dich in ungeahnte Tiefen.
Die Flut hat dich vollkommen erfasst mit aller Gewalt die sie nur aufbringen kann.
Scherben
Du bist in deinem Fass wochenlang vor dir hin gegoren und spürst an deinen zusammengefalteten Beinen den Spiegel deines eigenen Saftes ansteigen.
Jeden um dich herum siehst zu leben, mit rosigen Wangen lachend durch die Straßen ziehen, während dein Herz mit jedem Schritt blasser wird.
In den Spiegel siehst du schon lang nicht mehr.
Denn wenn du dich doch überwinden solltest, würdest du nur die Fänge deiner Lasten wie trägen, schwarzen Teer an dir heruntertropfen sehen.
Keiner will das sehen. Schon gar nicht du selbst.
Dein Schmerz ballt sich zu Fäusten und schlägt mit gesamter Kraft von innen heraus gegen dein Brustbein. Er will raus, doch du lässt ihn nicht.
Besonders in der Nacht ist er zerreißend.
In deiner Vorstellung wirst du gevierteilt.
Deine geschundenen, durch deinen Gang über Scherben zerfurchten Hand- und Fußgelenke sind gefesselt an die vier apokalyptischen Reiter.
Krieg, gegen dein Selbst.
Hunger, nach Nähe.
Pest, welche dich von innen zerfrisst.
Tod, ersehnt, doch nie eingetreten.
Aber in Wahrheit sitzt du nun wieder in der Dusche auf dem Boden und drückst die Scherbe in deinen Schenkel, voller Hoffnung aus Versehen zu tief zu schneiden und dass dies die letzte Nacht gewesen ist.
Nummer 2
Nummer 2
Sie sah sich um, entdeckte nur fremde Gesichter. Irgendwie auch klar,sie war in B. und kannte niemanden. „Was will ich hier?“ fragt sie sich, doch nach einer Antwort ist ihr gerade nicht, da würde bestimmt ihr Kopf zerspringen. „Unschön“ flüsterte sie zu sich selbst und trabte weiter.
Sie sah in die leeren Gesichter, welche sich der vollen Wonne ihres Smartphones widmeten, irgendwie schön, dachte sie sich... wenn es doch immer so einfach wäre der Realität zu entfliehen und in sich eine schöne Alternativwelt zu erschaffen, fast so wie Gott spielen.
Jedoch wirkten die Götter ihrer eigenen Welten ruhelos, gehetzt, genervt und ignorierten ihre Umwelt völlig. So fiel ihr auf, dass kaum einer hinauf sah zu dem wunderbar blauen Himmel mit der Sonne, die fast schon, als würde sie nach Aufmerksamkeit lechzen, strahlte. An einem Brunnen in der Stadtmitte nahmen ein paar Spatzen ein ausgiebiges Bad, planschten fröhlich vor sich hin und genossen die Sonnenstrahlen.
Doch die leeren, fahlen Gesichter sahen nicht die Schönheit, sahen nicht die Leichtigkeit des Sommertages.
Sie ging in einen Park, sie hoffte so sehr, vielleicht dort auf Frohsinn zu treffen, ihr Herz fühlte sich leer an, so wenig Freude empfand sie bisher bei ihrem Spaziergang.
Dort sah sie Kinder spielen und herumtollen, schoss zwischendurch einen verlorenen Ball zurück, ihr Gang wurde federnd-leicht. Doch wenn sie sich umsah, sah sie auch hier viele Götter der eigenen Welten, wie sie schnell tippten, um vielleicht doch noch etwas an der Schöpfung ändern zu können, gerunzelte Stirnen, wenn dies offenbar nicht funktionierte und erleichterte Blicke – am Display haftend, da sich wohl gerade etwas besonders Schönes in ihrer Welt fügte.
Sie blieb aber nicht stehen, lief weiter, vielleicht, um ein Plätzchen zu finden ohne Götter, ohne perfekte Welten, ohne leere Gesichter. Ihr Gang wurde schneller, sie rannte schon fast, vielleicht, um der Realität zu entkommen.
Bei Gefahr gibt es zwei Optionen: A) Kampf, B) Flucht. Sie entschied sich für zweiteres, wollte keinen ausweglosen Kampf kämpfen, der bereits vor der ersten Schlacht mit einer Niederlage besiegelt war.
„Ich bin feige. Ich bin feige. Ich bin feige. Ich bin feige.“
Ihren Platz fand sie nicht.
Rastlos.
Nr.1
Mit Freunden in der Bar.
F erzählt von ihren Leistungen im Studium, M fängt schon wieder an mit seinen doofen Lebensweisheiten, in ihrem Kopf zieht sich der Knoten immer straffer, bis er zu platzen droht vor lauter „Meine Klausur war die beste des Studienganges“ und „Glaubt ihr, dass Nächstenliebe sinnvoll ist? Ich glaube nicht, weil man muss sich ja selbst lieben und im Einklang sein, dann ist auch jeder geliebt.“. In ihrem Kopf spielt sich ein Szenario ab. Ihr Gehirn spritzt durch die ganze Bar, ja vielleicht bekommt das nervige Paar hinter ihr sogar ein Stück Kleinhirn ab, hach, wie herrlich diese Vorstellung doch ist, die knutschen eh zu viel herum.Doch wie aus dem Nichts kommt eine Welle, vergleichbar mit dem Tsunami 2004, vergleichbar mit der Welle, die sie beim Orgasmus überkommt.
Binnen Sekundenbruchteilen ist ihr jedoch klar, dass diese Welle von nichts übertroffen werden kann, es ist die pure Panik. Schnell rennt sie mit einer Zigarette aus der Bar und setzt sich schwitzend auf den Bordstein, noch bevor sie ihre Zigarette anzünden kann, merkt sie, wie ihr Herz anfängt zu stolpern. Das Feuerzeug fällt ihr aus der Hand und die Zigarette zerdrückt sie ungewollt, alle Geräusche um sie herum werden laut, als würde ihr jede einzelne Person dieser Stadt ins Ohr schreien, sie fühlt sich wie gelähmt, kann nicht atmen, kann nicht schreien, doch zittert der ganze Körper.
Nach ein paar Minuten ist es wieder vorbei. C setzt sich gerade hin, holt sich eine zweite Zigarette aus ihrer Tasche und zündet sie an, als M aus der Bar gestolpert kommt, um nach ihr zu sehen. Die Welt ist plötzlich wieder in normaler Lautstärke. M setzt sich neben C.
Sie lächelt.
Die Vorstellung der Gehirnexplosion statt Panikattacke hallte in ihrem Kopf nach und schien ihr in dieser Situation die bessere Alternative gewesen zu sein.
Doch das Spiel geht weiter.
Funktionieren.
Leben.
Abgrenzen.