Jonas ist verliebt. Diesmal ist es die Richtige, davon ist er überzeugt. Sie heißt Hanna und arbeitet in einer Tierhandlung. Sie haben sich bei einer Besprechung kennen gelernt, bei der Jonas ein Marketingkonzept für vegane Tiernahrung entwickeln sollte. Denn Hanna hat ein Startup. Und weil Hanna die Richtige ist, ist Jonas jetzt übrigens doch konvertiert.
„Das ich darauf nie gekommen bin! Ich meine, es ist doch echt krass. Da zwingen wir Tiere dazu, Tiere zu essen. Quasi sich selbst zu verspeisen...“, liegt er mir seit gut zwei Stunden im Ohr. Es ist der zweite Mittwoch im Monat und wir sitzen an der üblichen Bar.
„Vegane Tiernahrung“, sage ich, „Was soll das überhaupt sein?“
„Also Hanna sagt, das sind vor allem Produkte aus Sojaprotein und Weizenkleie.“, sagt Jonas und ich stelle mir vor, dass die Pampe genauso aussieht wie sie heißt.
„Und das essen Hunde und Katzen?“, frage ich.
„Also Hanna sagt, ihre Katzen sind ganz verrückt nach dem Zeug.“, sagt Jonas.
„Okay, und was soll die Zielgruppe sein? Ich meine, wer kauft denn bitte schön vegane Tiernahrung? Halten sich Veganer überhaupt Haustiere? Ist das mit dem Tiere retten und Planeten sauber halten vereinbar?“, frage ich weiter.
„Boar, ey!“, unterbreche ich ihn, „Das ist jetzt schon der dritte Satz, den du mit 'Also Hanna sagt...' beginnst. Hast du für deine Informationen noch irgendwelche anderen Quellen, oder ist Hanna jetzt dein ganz persönliches Wikipedia?“
Jonas guckt mich beleidigt an.
„Entschuldige bitte, aber wenn du so viel von NAPs verstehst, warum fragst du dann so blöd? Hanna ist hier nun mal die Sachverständige und deshalb beziehe ich mich selbstverständlich auf sie!“
„Ähm, was sind NAPs?“, frage ich irritiert.
„Non animal products.“, sagt Jonas genervt.
Wenn Jonas verliebt ist, dann ist die Angebetete immer die Sachverständige. Ganz egal, um was es geht und völlig unabhängig davon, ob die Frau tatsächlich was von der Materie versteht oder nicht. Jonas hatte schon Expertinnen für fernöstliche Teezeremonien, exotische Küchenkräuter, private Biokraftanlagen und nachhaltigem Papierschöpfen. Und jetzt halt auch eine Expertin für vegane Tiernahrung. Weil Jonas darüber hinaus so ein einfühlsamer Mensch ist, wird er automatisch selbst zum Experten für das jeweilige Fachgebiet. Er ist dann sozusagen der Pressesprecher der Angebeteten.
„Außerdem ist das überhaupt kein Widerspruch: Veganer und Haustiere! Hanna hat ja schließlich auch Katzen.“, sagt Jonas.
„Okay.“, sage ich und hoffe, dass das Thema damit erledigt ist.
„Hanna ist der Meinung, dass Veganer sogar die besseren Herrchen und Frauchen sind.“, sagt Jonas nach einer viel zu kurzen Pause.
„Naja weil...“, beginnt Jonas, „Schau mal, ein Veganer, der keine Tiere ist, würde ja zum Beispiel nie auf die Idee kommen, sein eigenes Haustier zu essen.“
„Was?“, sage ich, „Was ist das denn bitte für eine Begründung?“
„Noch nie was von natürlichem Selbsterhaltungstrieb gehört?“, entgegnet Jonas.
„Doch, davon habe ich tatsächlich schon gehört. Ich wusste nur bis heute nicht, dass der bei Veganern ausgeschaltet ist.“
Jonas schüttelt den Kopf.
„Der ist nicht ausgeschaltet. Nur auf ein Minimum heruntergefahren.“, erklärt er mir, „Lieber isst ein Veganer sich selbst, anstatt seinen Hund.“
„Aha“, sage ich, „und warum macht ihr dann keine Tiernahrung aus Menschenfleisch?“
„Wie krank bist du denn?“, sagt Jonas.
„Ich persönlich finde das nicht viel schlimmer als vegane Tiernahrung aus Weizenkleie.“, sage ich, „Und da wir schon mal bei den Trieben sind: Tiere essen andere Tiere. Das ist für Karnivoren völlig normal. Das nennt man übrigens Jagd. Hannas Katzen machen das bestimmt auch.“
„Also Hannas Katzen haben noch nie ein Tier gejagt oder gegessen. Die sind so sanft wie Hanna.“
Bei den letzten Worten verschlucke ich mich an meinem Biermischgetränk. Auf solche Gespräche bin ich immer so schlecht vorbereitet.
„Ich hab ja auch immer gedacht, dass die ganzen Veganer alle völlig bescheuert sind. Erinnere dich an Sandra.“
Ich erinnere mich an Sandra und will sie im nächsten Moment ganz schnell wieder vergessen.
„Aber die Hanna, die ist ganz anders.“, sagt Jonas, „Die will einem ihre Ansichten nicht aufdrängen.“
„Ja, die ist total reflektiert und liest nur Statistiken aus vertraulichen Quellen. Die will dich nicht indoktrinieren oder überzeugen. Hanna präsentiert nur Fakten und ist ansonsten völlig entspannt.“
„Und wenn ihre Katzen doch mal eine Maus oder einen Vogel fangen?“, frage ich.
„Völlig entspannt.“, sagt Jonas, „Hannas Katzen kommen gar nicht aus der Wohnung raus.“
„Gut, aber wenn du im Restaurant doch mal ein Steak bestellst?“, frage ich.
„Völlig entspannt.“, sagt Jonas, „Wir gehen in keine Restaurant mehr.“
„Okay, aber was wenn du Käse in ihren Kühlschrank packst?“, frage ich.
„Völlig entspannt.“, sagt Jonas, „Hanna hat keinen Kühlschrank.“
„Also Hanna sagt, mit einem Kühlschrank kommt man in die Versuchung, schwer verderbliche, haltbar gemachte Produkte zu kaufen. Hanna kauft immer nur ganz frisch und nur so viel, wie nötig.“
„Und wenn mal unverhofft Besuch kommt?“
„Völlig entspannt.“, sagt Jonas, „Hanna bekommt keinen Besuch.“
„Boah, ey!“, sage ich erneut, „Wie kann man bitte keinen Besuch bekommen? Irgendwann kommt doch immer einer mal vorbei. Wenn's nur die GEZ ist!“
„Völlig entspannt.“, sagt Jonas wieder, „Bei der GEZ kommt Hanna ja gar nicht auf die Idee, die zum Essen einzuladen.“
Ich gebe auf und schlage mit meiner Stirn auf dem Tresen auf. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Jonas mich mit solchen Aktionen einfach nur verarscht. Aber dann lerne ich früher oder später die Frauen kennen, mit denen sich Jonas trifft und jedes Mal nach so einem Antrittsbesuch zweifle ich an der menschlichen Rasse. Woher er die auch immer hat, frage ich mich.
Wir bestellen noch eine Runde Biermischgetränk, während mir Jonas die Vorzüge einer veganen Trockenfuttermischung für die Hunde meiner Mutter schmackhaft machen will. Wie ich ihn kenne, ruft er morgen eh bei Mama an. Sie wird total begeistert sein und das Zeug zu jedem Preis kaufen. Meine Mutter liebt ihre Hunde über alles. Ungefähr so, wie Hannas Katzen die vegane Tiernahrung lieben. Oder wie Jonas Hanna liebt. Oder wie ich Mettbrötchen liebe. Und diese Liebe wird niemals enden.
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