WĂ€hrend des Papsttums seiner Heiligkeit Pius XI. verkĂŒndigte sein damaliger Kardinalvikar im Bezug auf die sittliche Krise des 20. Jahrhunderts unmissverstĂ€ndlich:
âEin Kleid kann nicht als anstĂ€ndig bezeichnet werden, wenn es tiefer als zwei Fingerbreit unterhalb der Halsgrube ausgeschnitten ist, wenn es die Arme nicht wenigstens bis zu den Ellbogen bedeckt und kaum ĂŒber die Knie hinausreicht. DarĂŒber hinaus sind Kleider aus durchsichtigen Stoffen unangebracht.â
Es ist beinahe unmöglich davon auszugehen, dass die Bezirksleiterin der Caritas, die gerade vor mir sitzt, sich nicht den Vorsatz genommen hat, gegen beinahe jede in dieser ErklĂ€rung dargelegte Disziplin der Moral zu verstoĂen. Ich mustere ihre SchlĂŒsselbeine genau, wĂ€hrend ihre Halsgrube dazwischen unaufhörlich von ihrer endlosen Tirade vibriert.
âIm Allgemeinen, Pater, ich richte das hier nur als Bitte an Sie, weil ich mir denken kann, wie schwierig es sein muss, sich bei einer neuen Pfarre zurechtzufinden âŠâ
Dabei braucht man kein MaĂband, um zu erkennen, dass ihr Kleid nicht nur mehr als zwei Fingerbreit unter ihrer Halsgrube geschnitten ist. Sondern â so unmissverstĂ€ndlich wie die VerkĂŒndigung des Kardinalvikars â die Grube zwischen ihren kleinen HĂ€ngetitten entblöĂt.
âTrotzdem bin ich sicher, dass Sie um die Lage des Behindertenwerks hier im Ort wissen. Man hat dort seit Jahren um ein höheres Budget vom Land geworben, aber bis auf die KrankenhĂ€user kriegt niemand mehr Gelder. Dabei wird der Bedarf immer gröĂer. Es hilft natĂŒrlich auch nicht, dass die Altenheime in so einem kleinen Dorf logischerweise völlig ĂŒberfĂŒllt sind.â
Mein Blick ist weiterhin auf ihre âBekleidungâ gerichtet, nun unter dem Schreibtisch, von dem ich etwa einen halben Meter entfernt in meinem Drehstuhl gelehnt sitze: auf die kniehohen Lederstiefel und die Jeansshorts. Ich frage mich, ob das Tragen von Stiefeln ĂŒber dem Knie als eine angemessene Bedeckung des Knies zu werten ist. Eine Frage, die sich logischerweise erĂŒbrigt, da das Tragen von Shorts einen weitaus eindeutigeren VerstoĂ, das Tragen von so kurzen Shorts wiederum einen himmelschreienden VerstoĂ gegen die Sittlichkeit erfĂŒllt. Ihre Cellulite machen das kaum ertrĂ€glicher.
â⊠Also, dazu ĂŒbrigens noch ein interessanter Gedanke. Wir könnten dafĂŒr auch öffentlich und gemeinsam Gelder sammeln. Ich habe letztens mit dem Pfarrer der Freikirche âŠâ
Sie schaut mich verdutzt an.
Der Begriff âKircheâ, erklĂ€re ich, steht einer Institution zu, die sich in Kommunion mit dem römischen Bischof befindet. Sogar das II. Vatikanische Konzil weitet diesen Begriff im Dekret Orientalium Ecclesiarum lediglich auf die Orthodoxen und Ostkirchen aus â aufgrund der anerkannten apostolischen Sukzession, die diese schismatischen Kirchen nachweisen können.
Sie setzt an, von ihrer Altenwerkstatt oder was auch immer weiterzureden. Meine Belehrung lĂ€sst sie scheinbar unberĂŒhrt. Sie kreuzt ihre massiven, von Cellulite umringten Fleischklotze ĂŒber die Knie, was ihr nur gelingt, indem sie mit beiden HĂ€nden einen Lederstiefel ĂŒber das Bein wuchtet. Sie verkĂŒndet irgendetwas vom Gemeinderat â nicht der Gemeinde der Freikirchen, sondern der sĂ€kularen Gemeinde des Dorfes â und verabschiedet sich schlieĂlich mitsamt ihren HĂ€ngetitten.
Ich bleibe zurĂŒck und lese in den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils nach. TatsĂ€chlich mĂŒsste ich sie zurĂŒckrufen lassen, um mich selbst zu korrigieren. In dem mir vorliegenden Kommentar werden auch die anglikanischen Gemeinden in die Definition der Kirche einbezogen. Meine Finger krallen sich zitternd um die Seiten, SchweiĂ tropft von der Nasenstege meiner Brille. Ich schlage das Buch mit Schnappatmung zu und tröste mich mit der Erleichterung, wenigstens nicht zu spĂ€t fĂŒr meinen nĂ€chsten Termin zu sein.
Ein Termin, der nicht auf dem Kalender steht, den meine Pastoralassistentin fĂŒr mich angefertigt hat. Nach monatelanger Ermahnung trĂ€gt sie in meiner Gegenwart tatsĂ€chlich Bekleidung, die zumindest einer sehr liberalen Interpretation der ErklĂ€rung des Generalvikars von Pius XI. entspricht. Trotzdem kommt mir sporadisch der Gedanke an SelbstentzĂŒndung, wenn ich die Jobbeschreibung âDiakoninâ auf ihrem Namensschild lese â was, in Bezug auf eine Frau, gegen die Bullen und Lehren einer kaum zĂ€hlbaren Masse von PĂ€psten und KirchenvĂ€tern verstöĂt.
Ich stelle also sicher, dass sie das Pfarrhaus bereits verlassen hat, bevor ich die VorhĂ€nge vor jedes Fenster meines BĂŒros ziehe. Nach ein paar Minuten trifft Pater Nikolas in Begleitung eines Messdieners und Bruder Pius ein â der ironischerweise seit letztem Jahr ein Kastrat ist, obwohl Pius X. die BeschĂ€ftigung von Kastraten im Sixtinischen Chor verboten hatte.
Nikolas wirft die Dokumente zum II. Vatikanischen Konzil nach einigem BlĂ€ttern unbeeindruckt zur Seite und entzĂŒndet sich erneut seine Zigarette, die in der Zwischenzeit erloschen ist. âDiese Kommentare entstehen wie Fliegen um Mist â wen kĂŒmmert das.â
âAlso, rein theoretisch gesehen âŠâ, fĂ€ngt Bruder Pius an, und ich bilde mir ein, dass seine Stimme seit seiner Kastration tatsĂ€chlich etwas höher geworden ist.
Nikolas fĂ€hrt ihn scharf an, verweist auf Apostolicae Curae von 1896, erklĂ€rt anglikanische Ordinationen fĂŒr null und nichtig und verspottet Hoffnungen auf Internetkonvertiten aus der UK.
Inzwischen legt der Messdiener den versprochenen Revolver auf meinen Schreibtisch und entnimmt pflichtbewusst jede Patrone, um sie der Reihe nach vor mir aufzustellen. Unter seinem Hemd erkenne ich bei 35 °C das Cilicum â ein BĂŒĂerhemd aus Wildschweinborsten, offenbar zusĂ€tzlich mit Stecknadeln bestĂŒckt, was die dunkelroten Flecken an seiner beigen Anzughose bestĂ€tigen.
Der Schmerz, wie jeder weiĂ, ist die Poesie in der Sprache der Liebe. Und der Schmerz in der Strafe ist nicht weniger als das Hohelied des Menschen, fĂŒr den es keine schönere Dichtung gibt, in der er zu Gott singen könnte.
Ich hole die Liste hervor, die ich an diesem Morgen vorbereitet habe, und berichte, dass wir die Adresse der Ferienwohnung von Bischof BrÀuning ausfindig machen konnten. Nikolaus zieht anerkennend die Mundwinkel nach unten und gibt die Liste nickend an den Messdiener weiter.
âAber bitte vor Osternâ, mahnt er. âWenn ich noch einmal diese Fratze am Altar im Dom sehen muss.â
Ich lehne mich wieder in meinen Drehstuhl zurĂŒck. Die Entspannung endet abrupt, als mir wieder in Erinnerung kommt, dass ich mich wohl doch um dieses was-auch-immer der Caritas-Tusse kĂŒmmern muss.
// Von Sebastian Schwaerzel, Kurzprosa auf Fiume Online.
2. Januar 2026 - âEin Kleid kann nicht als anstĂ€ndig bezeichnet werden, wenn es tiefer als zwei Fingerbreit unterhalb der Halsgrube ausgesch