Erste Momentaufnahme in der Nacht
Der Mond gibt sich in dieser Nacht wie der Boden einer mattweiĂen Flasche, in die jemand schrĂ€g eine Taschenlampe hĂ€lt. Vielleicht, weil dieser jemand betrunken ist und nach einer letzten, egal wie kleinen Erhöhung seines Alkoholpegels sucht.
Die Sterne wissen nicht so recht, ob sie sich sie sich hinter dem schluderigen Vorhang aus unsteten Wolken verstecken wollen oder doch nicht. Wenn man diese matschigen Kondensgebilde so betrachtet, könnte man an einen nassen Duschvorhang denken, der mal streichglatt und mal arg zusammengeknĂŒllt vorbeizieht.
Auf dem Hof brennt Licht, nicht viel, aber es reicht, damit potentielle Einbrecher abgeschreckt werden und die Frauen, die hier des Nachts ihren Dienst tun, etwas wohlen fĂŒhlen. Bei der Totenstille, welche gerade herrscht, sofern sie nicht alle paar Stunden vielleicht mal von einem vorbeifahrenden Auto unterbrochen wird, scheint jedes noch so kleine GerĂ€usch wie der Angriff eines Raubtieres.
Auch wenn die Duschvorhangwolken an dem Flaschenbodenmond und den Sternen vorbeiwandern, hier unten ist es windstill. Das kĂ€ltliche Licht des Mondes kann weder groĂ hervorheben, noch schattieren. Es packt alles in liebloses Plastiklicht, lĂ€sst wirken, egal ob schön, langweilig oder hĂ€sslich, als wĂ€re es im Ein-Euro-Laden gekauft worden und wĂŒrde bei nĂ€herem beschnuppern nach Billigplastik und Weichmachern aus Ăbersee riechen.
Cayman und der Kameramann haben es sich auf der vor dem GebĂ€ude gestrandeten, alten, leicht schmuddeligen, senffarbenen Couchgarnitur so gemĂŒtlich gemacht, wie es auf Eigentlich-SperrmĂŒllmöbeln eben geht. Das ist Berlin, sogar noch die gemĂŒtliche, friedliche Version von Berlin. Inmitten einer Nacht, die gar gĂ€nzlich befreit ist von dem, was neben der Stadt an sich die gröĂten Probleme und Sorgen bereitet: Die Menschen. Denn die meisten von ihnen schlafen. Selbst oben, dort wo der junge Mann sonst immer im kaltweiĂen Licht vor seinem riesengroĂen KĂŒhlschrank steht, ist es dunkel. Im GetrĂ€nkemarkt im NebengebĂ€ude fahren die beiden Roboter ihre steten Bahnen, mimen eine Zukunft ohne Menschen, Mitarbeiter, Vorgesetzte und Politiker die keine Argumente mehr haben, jemandem zu sagen, er oder sie solle arbeiten gehen, weil Bruttosozialprodukt und der ganze alte Plunder jetzt von Maschinen und KI ĂŒbernommen wird.
Cayman sitzt nach vorne auf seine Knie abgestĂŒtzt und schaut auf den Boden. Der Kameramann derweil hat sich von einem Automaten einen dieser Fertig-Eiskaffees gekauft, dem ihm das Ding mit einem lauten Poltern in den Ausgabeschlitz fallen lieĂ, dass man Angst haben musste, die Zuckersuppe mit Coffeeinezusatz könnte noch hinter der Scheibe alles vollsauen, weil der Becher platzt.
Cayman seufzt...
Der Kameramann sĂŒffelt an seinem Einwegtrinkprodukt und stimmt zu: âDie Nacht soll ja angeblich ein Löschblatt sein, fĂŒr alle Sorgen. Oder fĂŒr viele Sorgen zumindest. Und jeder Morgen soll demnach ein potentieller Neuanfang darstellen. Glaube ich aber nicht dran. Vor allem nicht fĂŒr Leute die vor lauter Sorgen gar nicht schlafen können oder wollen.
Cayman antwortet: âIn der heutigen Zeit, wo SupermĂ€rkte rund um die Uhr aufhaben, das Internet ununterbrochen mit mehr aufwartet, als wir alle jemals konsumieren könnten und man an jeder Ecke suggeriert bekommt, dass man etwas verpasst hat, wenn man nicht sofort... Unfug! Nichts wird gelöscht, alles hastet immer weiter und verlangt nach immer mehr. Und die, die feststecken, fĂŒhlen sich umso abgehĂ€ngter und verzweifelterâ
Der Kameramann nickt, nimmt einen weiteren Schluck, hĂ€lt dann wie ein Revolverheld seinen Zeigefinger auf uns und sagt im vĂ€terlichen Ton: âUnd wenn dem so ist... Ihr seid nicht alleine. DafĂŒr gibt es das Sorgentelefon. Die können vielleicht nicht zaubern, aber die hören euch zu. Das macht oft schon ganz viel. Und wenn ihr respektvoll miteinander umgeht, dann haben beide Seiten was davon!â
Cayman lĂ€chelt und blickt uns ebenfalls an: âUnd darĂŒber, ĂŒber diese Menschen, die sich ihre Freizeit, ihre Wochenenden, ihre Zeit als Rentner dafĂŒr nehmen, um anderen denen es schlecht geht, zuzuhören und ihnen nach Möglichkeit sogar zu helfen, wurde nun ein groĂartiges Buch geschrieben. Und das schauen wir uns jetzt einmal genauer an!â
Der Kameramann nickt, hebt seinen Becher und sagt: âUnd Ăktschenn!â
Cayman liest
Buchkritik
Dieses Mal:
Judith Kuckart
"CafĂš der Unsichtbaren"
âDas Ohr in der Dunkelheitâ
Was macht eigentlich das âSorgentelefonâ?
Wer âSorgentelefonâ hört oder liest, dem wird vermutlich als erstes DOMIAN einfallen, und danach vielleicht, weil es als einziges im GedĂ€chtnis geblieben ist, der â30-Kilo-Hackfleischtypâ oder âDer Hitleropa mit seinen scharfen Handgranaten auf dem Dachbodenâ. Eventuell auch noch die Frau, die immer geil wird, wenn in Kochshows jemand mit Pfannen und Töpfen klappert. Sprich das, was wie bei den Castings von DSDS an, nennen wir es mal, âParadiesvögeln und Freaksâ am ehesten noch hĂ€ngenbleibt: Die verrĂŒckten oder ab und an auch mal die besonders tragischen Charaktere.
Nichts gegen DOMIAN oder seine Show, und wer dort anruft, der weiĂ dass er sich in die breiten Ăffentlichkeit wagt. Doch sollte man sich durchaus die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt zwischen einer buntbeleuchteten TV-Sendung in aller Ăffentlichkeit, und der wahren Arbeit des Sorgentelefons, weitab und jeglichem Glamour und Zuschaueraugen stellen.
Denn Menschen die beim Sorgentelefon anrufen, sind meistens keine verrĂŒckten Paradiesvögel die mit ihren Schrullen oder sehr schlimmen Schicksalen kollektiv im GedĂ€chtnis bleiben. HĂ€ufig sind es die einsamen, abgehĂ€ngten, ĂŒberforderten Mitglieder unserer Hochleistungsgesellschaft, die zwar so tut als sei sie empathisch, es aber in vielen FĂ€llen nicht ist. Es sind Menschen die aus den verschiedensten GrĂŒnden ins Abseits oder gar in abgrundtiefe, dunkle Löcher gerutscht sind, oder schon ihr ganzes Leben darin festsitzen.
Die Mitarbeiter des Sorgentelefons sind im schlimmsten Fall die einzigen, denen sich zumindest ein paar dieser âUNSICHTBARENâ anvertrauen, oder als Blitzableiter fĂŒr ihre Wut, ihren Zorn, gelegentlich auch ihrem Irrsinn benutzen. Und die NĂ€chte sind fĂŒr die Anrufer in keinster Weise ein Löschblatt aller Sorgen. Sondern, wenn Sorgen, Ăngste, Schmerzen und psychische Probleme Ăberhand nehmen, sogar weitaus unertrĂ€glicher als der Tag. Speziell der Nachtdienst beim Sorgentelefon kann ein harter Job sein, an dem mal ganze LebenslĂ€ufe besprochen werden, mal bis auf wenige verzweifelte Worte nur Schweigen herrscht oder wilder, blinder Hass durch den Hörer entgegenpeitscht.
Es ist ein Job, eine âBerufungâ, die im Grunde genommen gar nichts mit dem zu tun hat, was das Fernsehen uns bei DOMIAN prĂ€sentiert. Das Sorgentelefon ist anonyme Anlaufstelle, Boxsack, Tröster und manchmal letzter Anlaufpunkt, bevor sich jemand das Leben nimmt. FĂ€lle in denen sich sogar jemand AM TELEFON umbringt kommen ebenfalls vor. Somit ist dieser Job, dessen Wert fĂŒr unsere oftmals ignorante Gesellschaft, welche solche unschönen Dinge mehr als gerne ausblendet gar nicht hoch genug zu bewerten.
Und Judith Kuckart hat speziell dem nĂ€chtlichen Sorgentelefon und jenen, die diesen WOHLGEMERKT EHRENAMTLICHEN JOB machen, einen groĂartigen, mal atemlosen, mal abgrundtief finsteren, lebensweisen, zeitweise liebenswerten, traurigen, nachdenklichen... Einfach in vielen vielen Belangen hin... Wirklich GROĂARTIGEN ROMAN gewidmet.
Zwar sind die Figuren, die Orte und alles andere frei erfunden, jedoch merkt man, dass die Autorin sich selber ausgiebig mit dem Thema beschÀftigt hat und sich in ihrem Buch in keinster Weise um Effekthascherei geht.
Kuckart belĂ€sst es auĂerdem nicht bei den Anrufern, sondern sie begleitet auch jene, die am anderen Ende der Leitung sitzen, schaut ihnen ĂŒber die Schultern, ist dabei wenn es ihnen schlecht geht, sieht ihre Sorgen, Ăngste, WĂŒnsche, TrĂ€ume und Hoffnungen. Sie ist dabei, wenn jemand von der Vergangenheit nicht losgelassen wird, wenn jemand es nicht schafft ĂŒber seinen eigenen Schatten zu springen oder auch, wenn sich eine komplette Lebensplanung auf den Kopf stellt, weil sich zwei Blicke treffen, die womöglich schon immer zusammengehört haben. Die Anrufer bleiben gesichtslos und anonym am anderen Ende der Leitung, und bleiben doch oftmals lĂ€nger bei ihren Sorgentelefon-Mitarbeitern, als es ihnen selber gar lieb ist.
ErzĂ€hlerische SchĂŒtzenhilfe bekommt Kuckart von ihrer fiktiven Ich-ErzĂ€hlerin âFrau von Schreyâ, einer alten, etwas exzentrischen, jedoch resoluten Frau, deren Leben sich mehr als einmal radikal verĂ€ndert hat, und die bestens weiĂ, was das Leben bereithalten kann.
Jede Figur mit mindestens einem âAch!â unter ihrem Dach
Insgesamt sieben Charaktere werden in diesem Buch ihre Arbeit beim Sorgentelefon verrichten, immer am Wochenende und meistens in der Nacht. Dabei werden sie abwechselnd entweder von der Autorin oder von Frau von Schrey begleitet. Und diese Charaktere haben viel, das man beleuchten, besprechen und bewundern oder verurteilen kann. Jede Figur hat ihre eigenen dunklen Flecken oder gar schwarzen Löcher, versteckten Narben, UnzulÀnglichkeiten, hellen Seiten und Geheimnisse.
Da wĂ€re beispielsweise Rieke, die angehende Theologin. Pflichtbewusst, mitfĂŒhlend, ein bisschen naiv und nicht immer ganz frei davon, ihren eigenen Glauben ĂŒberzubewerten. Im Buch gibt es einen ganz speziellen âAntagonistenâ, der faszinierend, wie verstörend daherkommt, dessen (eventuelle) abgrundtiefe Finsternis immer nur von ihm selber angedeutet wird, und der sich einem selber, wie auch Rieke tief in die Seele brennt: âDER SEGNERâ. Letztlich jedoch, so viel sei verraten, schafft es die gute Rieke ihm eins reinzuwĂŒrgen. Vermutlich verdient, jedoch ist das Ungeheuer nur verdroschen, nicht aber geköpft. Aber das kann ihr egal sein, denn gegenĂŒber des GebĂ€udes, in dem das Sorgentelefon sitzt, da lebt ein junger Mann in einer der Mietwohnungen. Dieser nennt einen kolossalen KĂŒhlschrank sein eigen und hĂ€lt nicht viel von VorhĂ€ngen. So zieht er, vor seinem KĂŒhlschrank stehend, im hellen KĂŒchenlicht in Szene gesetzt die Aufmerksamkeit auf sich, bis sich seiner und Riekes Blicke schlieĂlich treffen und âDER SEGNERâ seine entsetzlich-liebenswĂŒrdigen Monologe voller schrecklicher Andeutungen zukĂŒnftig bei jemandem anderen abladen muss. Falls man seine Nummer nicht doch auf Dauer gesperrt hĂ€lt.
Da ist Wanda, die âDDR-Frauâ, die sich freiwillig gefangen hĂ€lt in einer Welt, die es offiziell nicht mehr gibt, und die doch, speziell in Berlin ĂŒberall nach wie vor lebendig ist. Und sei es als Schmerz einer Trennung, einer Ansammlung von nie eingehaltenen, gebrochenen Versprechen und zerstörten LebensentwĂŒrfen. Wanda ist HĂŒterin einer Art âAufbewahrungsstelleâ von DDR-Museumsrelikten, GerĂ€tschaften und GegenstĂ€nden, welche andere Menschen dort abgeben. FĂŒr Wanda hat die DDR nie aufgehört zu existieren. Schon deshalb, weil es ihre Kindheit war. Bis jener Augenblick eintrat, an dem ihre Mutter erst ihre Arbeit, dann ihren Verstand und schlieĂlich alles andere verlor, und heute nicht mehr zurĂŒckgeblieben ist, als fiebertraumhafte Erinnerungen und eine alte Arbeiterjacke.
Da ist Matthias, der âtraurige Bauarbeiterâ, ein Vagabund, ein unsteter Umherreisender, der in kleinen Miniwohnungen und engen Absteigen im Schlafsack auf dem nackten FuĂboden schlĂ€ft, die WĂ€nde mit seinen Fotos in kleine Galerien verwandelt, die so gut wie niemals jemand besuchen wird, und der das Schauspiel liebt, die Kunst, aber an ihrer Ăkonomie und ihrer ellebogenhaften Exzentrik stets scheitert. Er ist einer, dem das Leben zwar nicht unentwegt ins Gesicht spuckt, dem jedoch genausowenig etwas geschenkt wird, der manchmal so wirkt, als haben Schicksal und Leben ihn ganz einfach vergessen.
Oder da ist Lorenz, ein ehemaliger, mittlerweile berenteter B-Promi eines Lokalsenders, mit einer Vorliebe fĂŒr Paranormales und der wenig schmeichelhaften UnfĂ€higkeit, ein arrogantes, in sich selbst zerstrittenes Arschloch zu sein. Lorenz hat im Leben viele Entscheidungen getroffen, die anderen Menschen wehgetan haben, erfahren wir. Wenn ihm derweil etwas Ă€hnliches widerfĂ€hrt, dann sind wir zwar ein klein wenig bestĂ€tigt, jedoch hĂ€lt sich die Schadenfreude dennoch in Grenzen. Denn wir merken schnell: Lorenz ist ein zerrissener Charakter. Er wĂŒrde gerne ein liebenswerter Mensch sein, doch etwas in ihm, in seinem tiefsten Wesen grĂ€tscht immer wieder dazwischen, und er selber kommt nicht darauf, was es sein könnte, wo es sitzt und wie er es ausmerzen kann.
Frau von Schrey derweil, die uns mit teils schiefer, mal poetischer, mal selbstkritischer und mal wunderschöner Bildsprache durch ihren und den Alltag ihrer Mitstreiter begleitet, wĂ€chst einem augenblicklich ans Herz und wartet am Ende der Geschichte noch einmal mit einer âBomben-Ăberraschungâ auf. Und der Feststellung, dass Liebe und Politik eine mehr als unheilvolle Mischung ergeben können.
Eine Geschichte ĂŒber Elend, Einsamkeit, Liebe und VerĂ€nderung
WÀhrend das Buch wie auch Frau von Schrey uns diejenigen, die beim Sorgentelefon an den Hörer gehen durch ihren Alltag, ihre Sorgen, Nöte, schönen Momente und gemeinsamen Abenteuer begleitet, wird der Blick immer auch wieder auf die Anrufer gelenkt:
Das junge MĂ€dchen, das frĂŒhmorgens auf der Toilette sitzend panisch anruft, weil der Schwangerschaftstest positiv ist und sie nicht weiĂ, wie sie ihren Eltern oder ĂŒberhaupt jemandem das erklĂ€ren soll.
Der junge Mann, der weiĂ dass er pĂ€dophil ist und sich davor fĂŒrchtet. Den die Angst davor, irgendwann mal etwas schlimmes zu tun nicht nur den Schlaf, sondern auch den Verstand raubt. Ob er schon mal einen Arzt aufgesucht hat? Eine Beratungsstelle? Er schweigt, nuschelt leise und leidend etwas in sich hinein. Er schweigt lange und viel. Irgendwann bedankt er sich, es hĂ€tte ein wenig geholfen, er werde nun versuchen zur Ruhe zu kommen.
Der Rentner der pflegebedĂŒrftig im Bett liegt, derweil seine Frau sich dazu entschieden hat, sich von ihm zu trennen, weil ER sie gleich zweimal betrogen haben soll. Sagt sie. Das erste mal, so der alte Mann, hat sie sich das zusammenphantasiert. Beim zweiten mal war es echt und viel schlimmer als jede AffĂ€re es jemals sein könnte. Sie fand nĂ€mlich heraus, dass ihr Noch-Ehemann... DER FDP BEIGETRETEN IST! Was er jetzt tun solle, fragt er, der zum einen pflegebedĂŒrftig ist und zum anderen fast sechzig Jahre mit seiner Frau verheiratet war?!
Die manisch-lebenslustige Frau, die sooooooo gerne kĂŒsst! Ja sie KĂSST SO GERN! SIE KĂSST UND FEIERT SOOOOO GERN! Aber etwas anderes kommt ihr nicht mehr in die TĂŒte, nach all den schlimmen Dingen, die ihr angetan wurden! Die Vergewaltigungen, die SchlĂ€ge, all das andere! Nein nein! Wir wollen FRĂHLICH SEIN UND KĂSSEN! KĂSSEN! JA KĂSSEN!
Der psychisch gestörte, der keinerlei Impulskontrolle mehr hat. Der voller Hass ist. Der die gesamte Welt in Fetzen schreien und zerreiĂen will. Vor allem Frauen. Alles Fotzen. Gehören alle plattgemacht. Ach was... KALTGEMACHT. Er ruft immer dann an, wenn selbst die Polizei nicht mal mehr an seiner HaustĂŒr poltert, weil die Nachbarn mal wieder die 110 gerufen haben, weil er so auĂer sich ist, ohne genauer zu wissen warum. Weiber vermutlich, die ganzen Fotzen. Weil die ganze verdammte scheiĂ Wut in ihm nicht wegwill. Weil alle kaltgemacht gehören. Der ganze scheiĂ Fotzenhaufen.
Der einsame Perverse, der nicht mehr verlangt, als dass jemand am anderen Ende des Hörers dabei ist, wenn er sich des Nachts schnell einen runterholt. Er muss niemanden beschimpfen oder bedrohen, er hat nichts gegen niemanden. Er ist bloĂ einsam, vermutlich sehr introvertiert und hinterher glĂŒcklich.
Die Frau die ihre alte Mutti pflegt. Bei der die Krankenkasse sagt: âEin Pflegeaufwand konnte nach Aktenlage nicht festgestellt werdenâ.
Der Elektriker, der nicht mehr weiĂ wo ihm der Kopf oder das Leben steht, weil er ein KĂŒndigungsschreiben fĂŒr seine Wohnung erhalten hat. Wegen angeblicher Ruhestörung.
Wieder die Frau mit ihrer alten Mutti.
Der PĂ€dophile wieder. Heute Nacht ist es mal wieder besonders schlimm sagt er. Zu wissen dass man âkrankâ ist, gefĂ€hrlich ist.
Ob er mal einen spezialisierten Arzt aufgesucht hÀtte? Nein, bis jetzt nicht. Angst. Scham.
Beim Sorgentelefon zu arbeiten bedeutet ZUHĂREN â Das Sorgentelefon ist ein Ohr und ein Anker im Getöse des Alltages am Tag und in der drĂŒckenden Schwere der Nacht. Wenn die Sorgen, Nöte, DĂ€monen und Ăngste einen zersetzen und es sich anfĂŒhlt, als wĂŒrde man in unsichtbarer SalzsĂ€ure ertrinken. Beim Sorgentelefon zu arbeiten bedarf eines dicken Panzers auĂen, der Geduld eines tausend Jahre alten Mönches innen und der Auffassungsgabe eines Adlers. Wenn das nĂ€chste mal jemand andeutet sein Leben beenden zu wollen und es dann in der Leitung immer stiller wird oder sich dieser Verdacht aufdrĂ€ngt, muss man geistesgegenwĂ€rtig handeln. Wenn die Polizei vor der TĂŒr steht, weil sie die Leiche gefunden, die letzten Kontakte durchsucht hat und beim Sorgentelefon den letzten Kontakt kurz vor dem Ableben festgestellt hat, dann ist es zu spĂ€t. Es muss nicht immer ein durchgeknallter Nazi-Opa sein, der scharfe Handgranaten auf dem Dachboden herumrĂ€umt, damit man sogleich begreift, dass hier gerade Menschenleben auf dem Spiel stehen. Manchmal, oder gar viel öfter ist Schweigen ein viel deutlicheres Indiz.
Schon deshalb kann nicht einfach jeder beim Sorgentelefon anfangen. Es braucht bestimmte Charakterwerte, Eigenschaften. Welche das sind, das entscheidet im Falle des Buches ein sehr engagierter, wie abgeklĂ€rter Leiter. Wohlwissend, dass jene, die er sich dort ins Team holt, eventuell gar nicht lange durchhalten, garantiert aber eines Tages weiterziehen. Rieke zum Beispiel âmussâ diesen Job machen, fĂŒr ihre weitere Ausbildung. Bleiben wird sie nicht, trotz aller christlichen Menschenliebe.
Und jetzt stelle man sich noch vor, man arbeitet beim Sorgentelefon... IN BERLIN!
Eines der gröĂten, sozialen Moloche des Landes. Könnte man glauben. Ein Ort an dem es von Bekloppten, die sich gegenseitig immer noch bekloppter machen nur so wimmelt. Gegen den selbst die BĂŒrorĂ€ume von Twitter/X wie ein BĂ€llebad im Kinderparadies wirken. DEM Siedepunkt der eiseskalten Ellebogengesellschaft schlechthin. Verteidigend muss man jedoch hinzufĂŒgen, dass ĂŒberall dort, wo viele Menschen auf einem Fleck leben, natĂŒrlich expotentiell die Rate an âProblemenâ jeder Art rapide ansteigt. So oder so ist der Arbeitsplatz beim Sorgentelefon hartes Holz.
Aus unter anderem diesem Grund sollte man immer eine Vase mit frischen, bunten Blumen oder gleich zwei ins Arbeitszimmer stellen. Und guten Kaffee im Pausenraum griffbereit haben. Denn die Finsternis, welche aus den Telefonhörern kriecht, selbst wenn immer mal wieder auch gelacht wird oder man doch helfen kann, sie zerrt an einem. Man lernt an diesem Ort fĂŒrs Leben, mit ein wenig Pragmatik auch Demut fĂŒr das eigene Leben. Jedoch sollte man niemals all die schlimmen Dinge zu nahe an sich herankommen lassen, keine Freundschaften oder Ă€hnliche Beziehungen zu den Anrufern entstehen lassen. Denn professioneller Abstand ist das A und O.
Dann kann dir selbst DER SEGNER nichts mehr anhaben. Und wenn er mit seiner bettwarmen Stimme, der extrem höflichen, liebenswerten Umgangsform und seinem beeindruckenden Intellekt auch noch so tief in deine Seele blickt. Das abgrundtief Böse muss nicht immer heroisch besiegt werden. Das Sorgentelefon ist nicht das Bundesamt fĂŒr Weltrettung oder die Justice League. Wenn wir dem schwangeren MĂ€dchen den nötigen Mut beigebracht haben, ihren Eltern zu beichten, dem einsamen Perversen ein etwas weniger einsames Wochenende beschert haben oder der Frau mit ihrer Mutti vielleicht einen Tipp geben konnten, an welchen Anlaufstellen man sich melden kann, damit der Krankenkasse in den Arsch getreten wird oder sonstwie Hilfe bezogen werden kann...
Dann hat man bereits eine oder gar gleich mehrere kleine Welten, Leben, Schicksale gerettet oder sie zumindest auf einen anderen, besseren Weg gebracht. Und fĂŒr sich selber etwas mitgenommen, das einen das ganze, restliche Leben wie ein Talisman begleitet.
FAZIT
âCAFĂ DER UNSICHTBARENâ ist ein Buch, welches einen ausgesprochen finsteren Sog entwickeln kann. Es zerrt beim lesen an der Seele und an den Nerven, aber gleichzeitig will man es, kann man es nicht weglegen, weil sich die Sprache, die Figuren, die Anrufer und ihr ihr Elend, die hellen Momente, wie die schönen, lyrischen Bilder zu etwas vermengen, das die Sogkraft eines preisverdĂ€chtigen Thrillers mit sich bringt.
Das Buch wird seiner gesteckten Grundaufgabe mehr als gerecht. Zum einen zu zeigen, was das Sorgentelefon eigentlich ist, wer die Menschen dahinter sind, wie auch jene, die dort anrufen. Niemand wird ausgelacht, vorgefĂŒhrt oder platt dargestellt. Selbst eher unsympathische Figuren wie Lorenz haben Tiefe und Hintergrund, geben ohne es selber zu sagen zu verstehen, dass Menschen komplizierte Wesen sind, mit mal weniger und mal mehr Verzwicktheiten, Fehlern, Narben und inneren WidersprĂŒchen.
Die fiktive Ich-ErzĂ€hlerin Frau von Schrey ist eine wunderbar-liebeswerte Figur, deren hochtrabendes, lyrisches Sprachbild zwar manchmal ganz schön anstrengt, jedoch mit tollen Wortgebilden, wunderbaren Bildern, Selbstironie- und Kritik, sowie einer finalen Offenbarung gekonnt durch das Buch fĂŒhrt.
Mit einem ĂŒberkorrekten Sachbuch haben wir es hierbei mitnichten zu tun. Alles ist fiktiv und immer wieder schweift die Handlung ab, weg von den Telefonen und hin zu tun einzelnen Figuren und ihren Leben, ihrer Vergangenheit und ihrer Selbst. Nebenher spielen das im Koma der Osterfeiertage liegende Berlin, sowie die niemals ganz untergegangene DDR gar nicht so kleine Nebenrollen.
So lernen wir recht schnell: Menschen die âUnsichtbarâ sind, weil... gibt es sehr viele, weitaus mehr, als die kleine Zahl derer, die es schaffen beim Sorgentelefon anzurufen und sich kund zu tun. Und je gröĂer die Stadt, desto anonymer, einsamer sind viele Menschen. Und manchmal sind beide Seiten der Leitung davon betroffen. Nur weiĂ das hintere Ende, dass es eine Aufgabe hat, stĂ€rker sein muss. Denn die Stimme oder das schmerzerfĂŒllte Schweigen auf der anderen Seite, die flehende oder wahnwitzige Stimme möchte fĂŒr einen kurzen Augenblick erhört werden, jene Mitmenschlichkeit spĂŒren, welche ihr ansonsten verwert wird, weil...
Judith Kuckart hat ein schönes, wenngleich anstrengendes, lebenskluges Buch mit tollen Charakteren, ohne platte Klischees oder Effektgewitter geschaffen, welches ein Thema aufgreift, das viel zu sehr untergeht in unserer Gesellschaft. Und all das, ohne jemals zu missionieren oder aktivistisch aufzutreten.
Dieses Buch hat vieles: Humor, DĂŒsternis, Spannung und MitgefĂŒhl. Und wenn man davon ergriffen ist, dann kann es damit enden, dass man es in gerade mal intensiven Lesesitzungen durchsuchtet und wĂ€hrenddessen alles um sich herum komplett vergisst.
Und mehr als das kann Literatur zu einem ernsten, sozialen Thema nicht leisten.
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Judith Kuckart
âCafĂš der Unsichtbarenâ
Buch gebunden
DUMONT
Erschienen 2022
Preis: 23,00âŹ
PERSĂNLICHE NOTE: 1+++
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Letzte Momentaufnahme am Ende der Nacht
AllmĂ€hlich wird es Zeit, auch dieser Nacht ihr Ende zuzugestehen. Selbst wenn es nach wie vor nicht danach aussieht, als wenn es jemals wieder Tag werden wĂŒrde. Der Glasflaschenbodenmond hat sich mittlerweile hinter die GebĂ€ude und MietshĂ€user mit ihren schwarzen Fenstern verzogen und ein paar der kaltweiĂen Sterne als ĂŒbergroĂe LED-Birnchen zurĂŒckgelassen.
FĂŒr manche Menschen bleibt es auch dann Nacht, wenn schon lĂ€ngst die Sonne aufgegangen ist.
Und Cayman wie auch der Kameramann hoffen, dass zumindest ein paar von ihnen geholfen werden konnte. Und sei es, weil jemand ihnen zugehört hat. Jemand diese Last auf ihren Schultern fĂŒr einen Moment aufgegriffen und ihrem erdrĂŒckenden Gewicht zugestimmt hat, oder dieses gar vermindern konnte.
Cayman steht auf und streckt sich: âEin neuer Morgen beginnt bald. Here we go againâ
Der Kameramann trinkt den letzten Schluck von seinem Eiskaffee: âAber sein wir mal ehrlich, ganz ehrlich... Wann hast DU das letzte mal ĂŒberhaupt an das Sorgentelefon gedacht? Dass es das gibt? Und hĂ€ttest du, wenn du in so einer Lage wĂ€rst, jemals die Idee in ErwĂ€gung gezogen, da anzurufen? Oder dort zu arbeiten? Auch noch ehrenamtlich? Am Wochenende? Mitten in der Nacht?â
Cayman nickt anerkennend, wie leicht verschĂ€mt: âWohl eher nicht. Mir wĂ€ren höchstens DOMIAN und der DreiĂig-Kilo-Hackfleischtyp eingefallen und ich hĂ€tte gedacht... NÀÀÀ! Zu der Freakshow gehöre ich garantiert nicht. Oder ich wĂ€re einer von denen gewesen, die dann schweigen und kein Wort rausbringenâ
Der Kameramann schaut sich nach einem MĂŒlleimer um, findet aber keinen. Und kommt auch nicht auf die Idee, dass ganz Berlin neben seiner Bestimmung als Openair-Hundeklo ein einziger, groĂer Wastecontainer ist, wenn es mal ganz fies betrachtet. Die gute Erziehung und das linksgrĂŒnversiffte Umweltbewusstsein verbieten es.
Cayman lĂ€chelt: âGib dir keine MĂŒhe. Wir machen es wie immer... Nur in unserem Fall freiwilligâ
Derweil von den fremden Stimmen verwundert, kommt Matthias die Treppe herunter, öffnet die TĂŒr zum Hof und blickt sich um.
Doch da ist niemand. Die versessene, senffarbene Couch steht da wie immer, das Tor ist geschlossen und es ist, bis auf ein weiter weg vorbeifahrendes Auto, totenstill.
FĂŒr den Bruchteil eines Momentes, welcher lĂ€ngst dabei ist, sich wie ein einzelner Tropfen Milch in einem stilliegenden Badesee fĂŒr immer aufzulösen, glaubt er die Anwesenheit mindestens einer Person wahrzunehmen.
Aus einem Impuls heraus tritt er auf den Hof, stellt seine Atmung so leise wie er kann und wird zu einer menschlichen Radaranlage, die versucht etwas zu erfassen, das vielleicht nie da war, wenn man nicht weiĂ, dass es jemals da war.
Als sein Blick erneut auf die senffarbene Couch geht, kneift er die Augen zusammen. Ist es die Beleuchtung, der Einfallwinkel des kĂŒnstlichen Lichts? Oder sind da gleich zwei Sitzmulden? Und warum fĂ€llt ihm das auf? Oder ist das alles nur Einbildung?
Wo sollten die Personen hin sein? Vor allem so schnell? Das Tor ist geschlossen.
SchlieĂlich dreht Matthias sich leicht misstrauisch um, geht zurĂŒck und zieht die TĂŒr hinter sich zu.
ENDE










