Dialog statt Diktat // Gastbeitrag in HORIZONT 39/ 2013
Nachdem jetzt genug Zeit verstrichen ist, um meinen Gastbeitrag, wie es sich gehört, auf Seite 26 der Print-Ausgabe zu studieren, hier die digitale Version. Der Artikel ist die deutsche Zusammenfassung des, zugegeben recht langen, Traktats, dass ich hier in den letzten beiden Wochen hĂ€ppchenweise gepostet habe. Viel SpaĂ beim Lesen!Â
 Dialog statt Diktat
Als ich Ende 2011 erstmalig das SoundCloud-BĂŒro betrat, war ich ĂŒberwĂ€ltigt und verunsichert zugleich. ĂberwĂ€ltigt von der AttitĂŒde, die Welt zu verĂ€ndern âno matter whatâ. Verunsichert, da ich dazu verdammt war, der meist gehasste Mensch in der Firmengeschichte zu sein. Die Mission: Entwicklung und Implementierung einer Werbestrategie fĂŒr den US-Markt.Â
SoundCloud ist die gröĂte Social Sound Plattform der Welt. 2008 gegrĂŒndet, wird sie heute von ĂŒber 180 Mio Usern im Monat besucht. Erster Kontaktpunkt ist meist das Player-Widget, das auf Facebook, Google+, Twitter und Tumblr eingebunden werden kann, um Audiodateien im Social Web zu verbreiten. UrsprĂŒnglich als Kollaborationsplattform fĂŒr Musiker erdacht, ist SoundCloud heute eine einzigartige Community von Musik- und Audioproduzenten, KĂŒnstlern und Soundliebhabern. Kernmarkt sind die USA mit 30% der Gesamtnutzung. Die Plattform ist werbefrei.Â
No advertising, no issues
âWe donât have advertising, so we donât have issues.â Das war meine inoffizielle BegrĂŒĂung. Aus dem mittelmĂ€Ăigen Start wurde bald: âWe put product first, second and third, so we donât have issuesâ. Die Strategie geht auf: Zwischen April 2012 und 2013 konnte die Plattform 60% an Nutzung zulegen (Quelle: Unique Visitors/ month USA, Comscore).Â
Die âkritische Masseâ die SoundCloud in die Top10 der am schnellsten wachsenden Sites in den USA katapultiert hat, ist mĂŒndig und selbstbewusst. SoundCloud steht prototypisch fĂŒr Plattformen, die ihre Nutzer mit dem Respekt behandeln, den sie verdienen und dadurch eine auĂergewöhnlich loyale Community aufbauen. Wie aber implementiert man ein Werbemodell auf einer Site, die seit jeher werbefrei und âim Besitzâ solch einer kritischen Zielgruppe ist? Die mutige Entscheidung nach 12 Monaten: Wir gehen unseren eigenen Weg. Jeder spielt nach den Regeln der Community. Jeder ist gleich, egal ob er Skrillex, cjlea oder Red Bull heiĂt. Wie jeder andere können auch Marken SoundClouder werden, können inspirieren, sich inspirieren lassen, Sound erschaffen, teilen und gehört werden.
Frei nach Howard Gossage hören Menschen nichts, was sie nicht interessiert. Man könnte annehmen, es sei naheliegend, auf einer Audio-Plattform Audio-Werbung anzubieten. Falsch. Eine Community ist per se selbstreinigend. Wenn man ihr etwas aufzwingt, das nicht âweggewischtâ werden kann, beschĂ€digt man sie. Soll eine Botschaft oder ein Inhalt gedeihen, muss er die Community bereichern.
Streng genommen bedeutete der Entschluss, werbefrei zu bleiben. Wir waren darauf bedacht, eine möglichst organische Evolution des Produktes zu initiieren. Wir mussten Formate finden, die im Sinne unserer Partner arbeiten, ohne die User Experience zu beeintrĂ€chtigen. Unsere erste Idee erwies sich als die richtige: nichts hinzufĂŒgen, sondern nutzen und verbessern, was wir haben. So entstand das ProPartner Program, das von Fachpresse und Werbepartnern in den USA gelobt wird, sowie zwei weitere Herausforderungen:Â
Marken brauchen Content, um auf der Plattform stattzufinden.Â
Wir bringen wir das bloĂ den Agenturen bei?
Das Spiel muss sich Àndern
Jede Marke hat relevanten Content. Er erzeugt Emotionen, erreicht Herz und Kopf. Er ist aufmerksamkeitsstark, weil er inspiriert und Marke erlebbar macht. Es gilt nur, ihn glaubwĂŒrdig in Szene zu setzen. Versuchen Sie nicht, Menschen zu ĂŒberreden, Sie zu mögen. Bringen Sie Menschen dazu, ĂŒber Sie zu reden.Â
ZukĂŒnftig geht es darum, jederzeit ĂŒberall die richtigen Inhalte und Informationen zu bekommen. Es geht um Transparenz. Darum, als Konsument in der Position zu sein, zu vergleichen, zu bewerten und maĂgeschneiderte Leistungen zu bekommen. Es geht um Vertrauen, nicht um SchnĂ€ppchen. MĂŒndige Konsumenten möchten eine Marke âbesitzenâ, nicht von ihr unter Druck gesetzt zu werden. Die Zukunft ist Dialog, nicht Diktat.Â
Druck funktioniert nicht bei Multiplikatoren, Variety Seekers, Millenials oder wie auch immer Sie Ihre Zielgruppen nennen. Wenn man sie erreichen will, kann man keine alten Media-Strickmuster verwenden. Es gibt keinen Autopilot, kein Copy&Paste. Dennnoch bestehen Media Networks darauf, dass zeitgemĂ€Ăe Online-Kampagnen in untaugliche Angebotsformulare aus den 90ern gepresst werden. Nachdem ein Angebot mit falschen Tools bewertet wurde, folgt die Standardfrage: âUnd was verdienen wir?â NatĂŒrlich gibt es Ausnahmen. Wenige. Das Spiel muss sich grundlegend Ă€ndern.
Kontrolle loslassen
KĂŒrzlich sprach ich mit einem Marketingmann ĂŒber âKontrolleâ. Ich regte an, âloszulassenâ und (ausgewĂ€hlte) Communitys mit seinem Content spielen zu lassen. Menschen bekommen eher das GefĂŒhl, eine Marke âzu besitzenâ, wenn sie Einfluss auf die Brand Experience haben. Seine Antwort war vorhersehbar: âMenschen besitzen unsere Marken nicht. Wir besitzen sie. Menschen interagieren mit ihnen, weil wir es ihnen sagen. Unser Marketing Board stellt sicher, dass wir die richtigen Entscheidungen darĂŒber treffen, wie unsere Marken wahrgenommen werden. Das ist das Ergebnis langjĂ€hriger, professioneller MarkenfĂŒhrung. Wir haben stets die volle Kontrolle.â Â
Ich war versucht, ihn zu fragen, was das Marketing Board im Sinn hatte, als es dazu aufrief, gegen die jĂŒngsten ĂuĂerungen des CEO Sturm zu laufen und den Konzern auf allen sozialen KanĂ€len wegen Genmanipulation und der Verwendung von Plastikflaschen zu attackieren. Man kann âdas Internetâ nicht kontrollieren. Wenn Sie schlechte Produkte verkaufen, wird man Sie dazu auffordern, sie zu verbessern. Wenn Sie zur Herstellung Ihrer Produkte Kinderarbeiter einsetzen, wird man Sie drĂ€ngen, es sein zu lassen. Es gibt nichts, was Sie tun können - auĂer Ihr Verhalten zu Ă€ndern.Â
Marketing Boards entscheiden nicht ĂŒber GlaubwĂŒrdigkeit. GlaubwĂŒrdigkeit muss man sich verdienen. Sie können Ihre Spendings im Social Web verzehnfachen - so lange Sie nicht glaubwĂŒrdig sind, wird es keine positive VerstĂ€rkung Ihrer Botschaft geben. Ganz im Gegenteil: Die Gegenreaktion der Community wird umso heftiger ausfallen, je mehr Promoted Tweets und Sidebar Ads sie geschaltet haben, wenn Ihnen ein PR-Bug unterlĂ€uft. Es gibt keine Stratgie Es zĂ€hlt nur Aufrichtigkeit. Sie sind ein einfaches Mitglied einer selbstreinigenden Community. Willkommen in der echten Welt. Die Einwohner schĂ€tzen Relevanz, GlaubwĂŒrdigkeit, Tranparenz und Mitsprache. Hören Sie Ihnen zu und nehmen Sie sie ernst. Geben Sie Ihnen Kontrolle. Sie werden Ihre Marke gegen Angriffe verteidigen und sich mit Kritikern auseinandersetzen. Alles was Sie tun mĂŒssen, ist relevant, transparent und glaubwĂŒrdig zu sein. Wenn Sie das nicht sind: Lassen Sie um Himmels Willen die Finger vom Social Web!Â
Die virtuelle Welt ist die echte Welt
Sie haben keine Kontrolle
Gehen Sie Risiken ein
Werben Sie nicht im Social Web - werden Sie ein Teil von ihm
Seien Sie relevant, glaubwĂŒrdig, und transparent gegenĂŒber Kunden und Konsumenten
Inspirieren Sie Menschen, anstatt sie zu beeinflussen
Sie entscheiden nicht, wie Sie eine Community aktivieren - die Community entscheidet, ob sie Sie aufnimmt.
Ihr Produkt verÀndert nicht die Community - die Community verÀndert Ihr Produkt.
Wenn Sie mit Konsumenten reden, werden sie antworten. Kommunikation findet nicht in Kampagnen, sondern im dauerhaften Dialog statt
Bought Media ist die Voraussetzung fĂŒr Earned Media, Der SchlĂŒssel zu mehr Earned Media ist nicht mehr Bought Media
Content is King
Mit klassischer Online-Werbung verschaffen Sie Ihren Kunden keinen Zugang zu den Zielgruppen, die sie erreichen wollen.Â
Klassische Online-Werbung macht Ihre Kunden nicht interessant.
Wenn Sie eine content-basierte Kampagne buchen, sollten Sie Content, einen Produktions- und einen Redaktionsplan haben, nicht nur eine Idee und einen Claim
Funktion und und Umfeld bestimmen das Format
Bei Impressions zÀhlt nicht die QuantitÀt, sondern die QualitÀt
Ihre Media-MaĂeinheiten haben keine GĂŒltigkeit mehr.
Hören Sie damit auf, Netto-TKP und GRP zu optimeren, optimieren Sie das Ergebnis fĂŒr Ihre Kunden.Â
Hören Sie damit auf, Ihre Kunden âdumm zu haltenâ, Binden Sie sie ein, und ermutigen Sie sie, Ihre ĂŒberholten Media-Gebote zu brechen
Ihr System kann die echte Welt nicht messen und bewerten. Versuchen Sie nicht die Welt zu Àndern. Bauen Sie ein neues System
Wenn Sie keine Lust haben mit der Kreativagentur zu sprechen, heuern Sie ein paar fÀhige Entwickler und Designer an, die die echte Welt verstehen. Andererseits könnte es effizienter sein, die schrÀgen Bohemains ab und zu anzurufen
Ein schlechtes Produkt bleibt ein schlechtes Produkt. Die Zeiten, in denen man Katzen in SĂ€cken verkauft, sind vorbei. Â
Hören Sie jungen Menschen zu.Â
Seien Sie im Zweifelsfall alles, was Sie in den letzten 60 Jahren nicht waren.
Layer Ads suck Big Time! Â

















