Der „Sechste Sinn“
Alle haben ihn, kaum jemand kennt ihn, doch ohne ihn würde der Mensch unbeholfen durch die Welt stolpern: der Körpersinn.
Felix Nier geht schlurfend, breitbeinig, steif. Immer wieder bleibt er stehen, schaut an sich herunter, macht erneut ein paar Schritte, blickt abermals auf die Beine. Ginge jetzt das Licht aus, würde er zu Boden fallen und hilflos liegen bleiben. Denn dieser Mann spürt vom Nacken abwärts seinen Körper nicht. Er muss seine Bewegungen unablässig mit den Augen kontrollieren.
Er erkrankte als 19-Jähriger an einer heftigen Grippe. Plötzlich konnte er seinen Körper nicht mehr vom Bett heben und fuchtelte unkoordiniert mit dem Arm herum, wenn er nach einem Buch greifen wollte. Eine Autoimmunreaktion hatte sämtliche Sinnesnerven aus Muskeln, Sehnen und Haut unterhalb seines Genicks vernichtet. Nervenbahnen, mit deren Hilfe das Gehirn Haltung und Bewegung wahrnimmt.
Dieser Körpersinn ist seither unwiederbringlich zerstört.
Die motorischen Nerven jedoch, die den Muskeln ihre Kommandos geben, blieben intakt. So konnte er lernen, die Muskeln provisorisch über das Sehen zu kontrollieren.
Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmecken - jeder kennt die fünf Sinne des Menschen. Der Körpersinn dagegen ist weitgehend unbekannt. Denn nur selten wird uns bewusst, mit welcher Macht er unser Leben regiert. Ohne den Körpersinn könnten wir weder geschmeidig gehen noch Fahrrad fahren, weder Sport treiben noch im Dunkeln hantieren. Der Körper erfüllt bei der Interozeption zwei grundsätzliche Mechanismen, den der Propriozeption und den der Viszerozeption.
Ersterer ermöglicht es einem z.B. beim Fahrrad fahren die relative Position des eigenen Körpers zum Boden wahrzunehmen, die Viszerozeption ermöglicht eine Wahrnehmung der Anstrengung in Form der Herzschlagfrequenz und der Muskelkontraktion.
Das, man kann sagen bewusste, Wahrnehmen eines physiologischen Zustandes und die Bildung einer Repräsentation über dieses individuelle Empfinden stehen in starkem Zusammenhang mit dem Empfinden von Emotionen. Menschen unterscheiden sich in der Sensitivität für solche Prozesse und somit auch in der Intensität emotionalen Erlebens und dessen Verarbeitung. Die Kontrollmöglichkeit, z.B. aufgrund von top-down Prozessen bietet ein weiteres Unterscheidungskriterium.
Für das Empfinden von emotionalen Zuständen, deren Überwachung und die einhergehende Selbstregulierung sind sowohl die somatosensorischen und somatomotorischen Kortizes als auch die präfrontalen Kortizes beteiligt. Zusätzlich spielen die Insula und der Gyrus Cinguli eine wichtige Rolle. Die Insula bildet über viszerale Körperzustände subjektive Gefühle und eine bewusste Selbstwahrnehmung. Durch dieses neuronale Netz entsteht eine Metarepräsentation des körperlichen Zustandes.
Kommt es zu einer Störung beschriebener Vorgänge, haben die Personen entsprechende Schwierigkeiten in der Identifikation, Beschreibung, Regulation und dem Ausdruck von Emotionen. Dieses Phänomen wird als Alexithymie bezeichnet.
Diese verminderte Fähigkeit der Interozeption ist auch ein Symptom für Essstörungen, da die Person Hunger- und Sättigungsgefühle nicht mehr unterscheiden kann.
Die Körperwahrnehmung steht in einem engen Zusammenhang mit dem Körperbewusstsein und letztendlich auch der Selbstrepräsentation.
Somit spielen Interozeption und emotionale Wahrnehmung eine wichtige Rolle für unser Wohlbefinden in einer vielseitigen körperlichen Integrität.










