Der 40-jĂ€hrige Familienvater Michael Monstein leidet an einer seltenen Form von LymphdrĂŒsenkrebs. Chemotherapien haben versagt, seine letzte Hoffnung liegt in der Gentherapie Kymriah, die letzten Herbst zugelassen wurde: Dem Patienten werden Immunzellen entnommen, bei Novartis in den USA gentechnisch zu Krebskillerzellen umprogrammiert und dem Patienten als Infusion zurĂŒckgegeben. Die Krankenkassen sind nicht bereit, die von Novartis geforderten 370'000 Franken zu bezahlen. Sie klagen ĂŒber mangelnde Transparenz, ein systemisches Problem: Einerseits halten die Pharmafirmen ihre Entwicklungs- und Herstellungskosten geheim, andrerseits sind die Anforderungen der Behörden an die Datenlage bei Medikamenten fĂŒr seltene Erkrankungen verhĂ€ltnismĂ€ssig klein. Die Studienresultate von Kymriah reichen nur ĂŒber 18 Monate: Bei 40 Prozent kehrt der LymphdrĂŒsenkrebs in dieser Zeit nicht zurĂŒck, ob Kymriah langfristig nĂŒtzt, weiss niemand. Die Krebskillerzellen wurden nicht in den Labors von Novartis erfunden, sondern an einer US-UniversitĂ€t. Kein Einzelfall: Ăber 60 Prozent der neu zugelassenen Medikamente in den USA wurden von kleinen Biotechfirmen entwickelt. Pharmafirmen fungieren heutzutage vielfach als Kapitalgeber, die mit UniversitĂ€ten zusammenarbeiten oder Biotechfirmen aufkaufen. JĂŒngstes Beispiel ist die weltteuerste Gentherapie Zolgensma, die Novartis in den USA fĂŒr 2,1 Millionen Dollar verkauft, nachdem der Konzern die Biotechfirma Avexis, die Zolgensma entwickelte, fĂŒr 8,7 Milliarden Dollar ĂŒbernommen hat. «Der Kaufpreis beeinflusst den Medikamentenpreis», sagt Investor Alfred Scheidegger. Als UniversitĂ€tsprofessor Carl June vor fast 30 Jahren mit seiner Forschung begann, interessierte sich kein Pharmakonzern dafĂŒr. «Nur dank 20 Millionen an Steuergeldern und Spenden von Philanthropen konnten wir Kymriah entwickeln», sagt June. Novartis rief erst 2012 an, als die Erfolgsgeschichte eines leukĂ€miekranken MĂ€dchens um die Welt ging, dessen Krebs dank Kymriah verschwand. Durch einen Kooperationsvertrag mit der UniversitĂ€t konnte sich Novartis das exklusive Vermarktungsrecht fĂŒr Kymriah sichern. Um Kymriah an den Markt zu bringen, hat Novartis sodann weltweite klinische Studien finanziert. In der Pharmaindustrie hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Wurden hohe Medikamentenpreise frĂŒher mit den Forschungskosten begrĂŒndet, so argumentiert die Branche heute mit dem Wert eines Medikaments; dem Wert von gewonnener Lebenszeit. Das Gesundheitswesen sei kein Luxusmarkt, warnen Kritiker und verweisen auf die Rationierung in England, wo ein zusĂ€tzliches Lebensjahr nicht mehr als 50'000 britische Pfund also rund 63'000 Franken kosten darf. Wie viel ist ein Menschenleben wert? Novartis-Manager Emanuele Ostuni preist wertbasierte Preismodelle, auf die Frage, ab welchem Betrag er das Gesundheitswesen rationieren wĂŒrde, hat er aber keine Antwort. Unterdessen wartet Michael Monstein auf seine Krebskillerzellen aus den USA. Wird er es schaffen?







