Gender, Feminismus, Sexismus
Ich arbeite ja nun seit über 11 Monaten in einer NGO für Women and Girls Empowerment. Dort stößt man immer wieder auf Begrifflichkeiten, wie Gender, Sexismus, Feminismus. Allein schon wenn ich mich frage, was ist Empowerment und wozu braucht man das? Die Antwort kann ganz einfach sein: „Weil Frauen* und Mädchen* das „schwächere“ Geschlecht sind und sie Unterstützung benötigen.“ So einfach ist die Antwort aber nicht und schon gar nicht sind Frauen*, Mädchen* oder sonst ein Geschlecht schwächer oder stärker. In diesem Satz steckt schon sehr viel Sexismus. Einmal von meiner Arbeit abgesehen, stellt sich bei mir im Umgang und im Leben in dieser Gesellschaft immer wieder die Frage nach Sexismus, Gender und Feminismus. Aber bevor ich jetzt darüberschreibe, möchte ich erstmal die Begriffe definieren.
Gender: bedeutet das gesellschaftliche bzw. kulturelle Geschlecht. Damit sind nicht die biologischen Geschlechter gemeint, sondern die Eigenschaften, die Geschlechtern zugeordnet werden. Viele Menschen klassifizieren sich und auch andere Menschen in die Geschlechterrollen von Mann und Frau. Doch gibt es daneben noch viele weiter, wie Transsexuell (wenn sich ein biologischer Geschlecht als ein anderes Geschlecht sieht), Intersexuell (Menschen, die sich biologisch nicht genau einem Geschlecht zuordnen lassen) und noch wesentlich mehr. Um in Texten alle anzusprechen und nicht eine Gruppe auszulassen, wird ein * benutzt.
Sexismus: bezeichnet jegliche Formen von geschlechtsbedingter Benachteiligung, Unterdrückung oder Gewalt.
Feminismus: bezeichnet den Kampf für Gleichberechtigung. Früher war er hauptsächlich auf die Gleichberechtigung von Mann* und Frau* bezogen. Inzwischen bedeutet es aber Gleichberechtigung für alle, egal welchem Gender, Sexualität, Abstammung, Religion, Hautfarbe, etc.
Wenn ich aus meinem Leben aus Indien, Setrawa berichte, habe ich auch schon ein paar Artikel darübergeschrieben, wie Mädchen* und Frauen* hier unterdrückt werden und es keine Geschlechtergleichheit gibt. Klar ist, dass die Ungleichheit in Setrawa in vielem offensichtlicher ist und auch stärker geäußert wird. Wenn ich nur daran denke, dass Frauen* ihr Gesicht verschleiern müssen, um sich vor den Männern* und Jungen* zu schützen. Hier wird offensichtlich, die Frau* wird als das „schwache“ Geschlecht betrachtet, was sich schützen muss. Aber warum kann der Mann* sich nicht benehmen und die Frau in Frieden lassen? Gleichzeitig gibt es in Indien, neben Mann und Frau auch eine dritte Geschlechtsform, die Hijras. Hijras sind Inter- oder Transsexuelle Menschen.
Jetzt könnte man mit dem Finger auf viele andere Kulturen und Länder zeigen und sich darüber aufregen, wie ungleich die Geschlechter sind. Aber wie sieht es in Deutschland, in der ach so vermeintlich gleichberechtigten Kultur aus? Klar, in Deutschland kann eine Frau* oder ein Mädchen* aussuchen, wenn und wann sie heiratet. Sie brauchen auch nicht ihre Brüste unter einem Schal verbergen und müssen auch nicht ihr Gesicht verschleiern. Doch was ist damit, dass wenn ich als Mädchen erzähle, dass ich in der Schule als Leistungskurse Mathe und Chemie hatte, mit großen Augen angeschaut werde. Auch das ist Sexismus im Kleinen. Warum sollte ein Mädchen* keine Naturwissenschaft können? Wieso ist das angeblich ein Fachbereich wo Jungen* besser sind? Oder wieso sind manche Menschen verwundert darüber, wenn ein Mädchen* erfolgreich einen Kampfsport ausübt? Oder warum wird ein Junge* in der Schule als „Weichei“ und „Schwächling“ bezeichnet, nur weil er gut und gerne malt? Mädchen* sind nicht „schwächer“ als Jungen*. Mädchen* können genau dasselbe wie Jungen*. Nicht nur Mädchen* und Frauen* haben unter Sexismus zu leiden. Sexismus ist für alle nicht gut, egal welchen Geschlechtes sich diejenigen zuordnen. Die Stereotypen von einem Jungen*/Mann* sind, dass sie stark sind, keine Gefühle zeigen können und Mädchen*/Frauen sind schwach, emotional und müssen schön aussehen. Leider sind das alles Stereotypen, die so durch die Gesellschaft vermittelt werden. Für kleine Kinder spielt es am Anfang keine Rolle, welchem Geschlecht sie angehören. Männliche Babys schreien genauso, wie weibliche Babys, wenn ihnen etwas nicht passt. Aber auch schon da fängt es an, die Gesellschaft vermittelt einem, wenn du ein Mädchen hast, dann benötigt es ein pinkes Kinderzimmer und ganz viele Puppen. Bei einem Jungen muss alles blau sein und er bekommt Autos und Bauklötze zum Spielen. Wieso kann ein Junge nicht auch mit Puppen spielen und ein Mädchen nicht mit Bauklötzen? Das alles ist Erziehung. Wenn ich meine ganze Kindheit lang in handwerklichen Dingen gefördert werde, logischerweise habe ich dann einen Vorsprung gegenüber anderen, die nicht in dem Bereich gefördert worden sind. Das hat aber rein gar nichts mit dem Geschlecht zu tun.
Sexismus ist in Deutschland aber nicht nur im Kleinen verbreitet, wobei die Erziehung uns ein Leben lang beeinflusst und somit ein sehr wichtiger Teil unseren Lebens ist. Sexismus gibt auch in wesentlich offensichtlicheren Formen. Wenn ich abends unterwegs bin, egal ob auf irgendwelchen Festen oder in Bars und Kneipen, wird mir hinterher gepfiffen oder ich bekomme total bekloppte Anmachsprüche. Auch damit wird Sexismus zum Ausdruck gebracht. Es bleibt bei vielen aber nicht nur bei verbalen Sexismus. Viele Mädchen in meinem Alter können davon berichten, wie sie schon angefasst wurden, obwohl sie es nicht wollten. Auch ich persönlich habe schon einige Situationen erleben müssen, wo ich mich als Mädchen nicht wohl gefühlt habe und sehr doof angemacht wurde-Einen Drink in der Hand und ein Smalltalk bedeuten nicht, dass ein Mädchen* für alles frei zur Verfügung steht. Vielleicht möchte sich das Mädchen* nur nett unterhalten. Wie einige wissen, bin ich in Deutschland im Roten Kreuz aktiv. Wenn ich mich da mit anderen unterhalte, was sie bei Sanitätsdiensten für Erlebnisse hatten und man dann erfährt, dass einige sogar in Uniform (egal ob Rotes Kreuz, ASB, DLRG oder sonstige Organisationen) sexuelle Übergriffe erfahren mussten. Und normalerweise bietet eine Uniform doch einen gewissen Schutz. Egal ob man Uniform, Schlapperlook oder eine sehr kurze Hotpants mit einem kurzen, engen Top trägt, Mädchen* und Frauen* sind keine sexuellen Objekte mit denen gemacht werden kann, was einem beliebt. Alle Menschen sind eigenständige Wesen, mit eigenem Empfinden und einem eigenen Bewusstsein. Was einer*/eine* mag, muss nicht automatisch der*/die* andere auch mögen.
Entsetzt war ich jetzt auch, als ich die Nachricht erhalten habe, dass in Deutschland das so genannte „Nein-heißt-nein“-Gesetzt verabschiedet worden ist. Das Gesetzt besagt, dass es nun schon als eine Vergewaltigung zählt, wenn einmal Nein gesagt worden ist. Vorher musste sich laut Gesetz erst körperlich zur Wehr gesetzt werden, damit es als eine Vergewaltigung zählt. Für mich war immer klar, dass jeglicher Geschlechtsverkehr, der gegen meinen Willen geschieht, als Vergewaltigung gewertet wird. Das Gesetz ist für mich ein Schritt in die richtige Richtung. Hier trifft wohl das Sprichwort: Besser spät als nie. Doch muss auch in Deutschland noch einiges in Richtung Gleichberechtigung geschehen und nicht nur auf juristischer Ebene. Es müssen auch noch viele verstehen, dass Sexismus für alle schädlich ist und es muss ebenfalls in den Köpfen viele Menschen noch reflektiert werden, was alles Sexismus ist. Auch ich bin nicht perfekt. Und manchmal erwische ich mich selber dabei, wie ich immer wieder in den Geschlechterrollen denke. Oder beim schreiben auf meinem Block von Mädchen* und Jungen*/Frauen* und Männern* spreche ohne das * zu benutzen.
Und genau gegen solche Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten wendet sich der Feminismus. Feminismus bedeutet nicht die Abschaffung des Patriarchats und die Erschaffung eines Matriarchats. Feminismus möchte nur die Gleichheit aller.
Ich konnte in meinem Jahr, mir viele Gedanken über Sexismus, Gender, Feminismus und die Gesellschaft machen. Durch sehr anregende Diskussionen mit Aurelia und auch den ganzen Seminaren rund um meinen Freiwilligendienst, habe ich sehr viele neue Impulse und auch Gedanken vermittelt bekommen.