Film dich und zeig das live im Internet! So lockt die Seite „YouNow“. Jugendliche lieben es. In Deutschland machen Tausende mit. Was passiert da? [1]
YouNow ist eine Internetplattform, auf der man sich via Facebook, Instagram, Twitter oder Google anmelden kann. Wenn man die Seite aufruft, wird man gefragt, ob man 12 oder jünger, oder 13 oder älter ist. Daraufhin öffnet sich ein großes Videofenster, in dem ein Live-Video läuft. Hierbei handelt es sich um eine Live-Schaltung aus einem x-beliebigen Kinderzimmer in Deutschland. Kinder und Jugendliche können sich dort anmelden und Videos live aus ihrem Kinderzimmer senden. Die anderen User können in einem zusätzlichen Chat Fragen an denjenigen der sich filmen lässt, stellen. Diese werden live in dem Video beantwortet. Es ist keine Seltenheit, dass hierbei auch sexistische Kommentare und Aufforderungen gepostet werden.
Hier stell ich mir die Frage, wie weit kann es noch kommen? Dass sich heutzutage selbst schon Kinder im Netz auf diese Art und Weise preisgeben. So eine Art von Unterhaltung und Kommunikation wäre vor 10 Jahren undenkbar gewesen. Auch das Thema Privatsphäre und Datenschutz wird hier anscheinend nicht sehr groß geschrieben, da durch Naivität und Leichtsinn der Nutzer sehr schnell private Daten an die Öffentlichkeit gelangen können.
Doch nicht nur in diesem Portal wird leichtsinnig mit dem Datenschutz umgegangen. Wer hat heute nicht mindestens 4 Internetmitgliedschaften bei Facebook, Instagram, Google, Amazon, Ebay oder Pinterest? Doch verwenden wir in jedem Internetportal den selben Usernamen? Wenn wir uns unter einem Pseudonym anmelden, werden wir dann trotzdem noch unter unserem Echt-Namen in Google gefunden? Man sollte sich die Frage stellen, wann die Grenze zwischen öffentlich und privat endgültig verschwimmt. Wir geben mehr Informationen im Internet preis als je zuvor, und vergessen dabei, dass diese Daten niemals gelöscht, sondern von verschiedenen Organisationen gesammelt werden, wie Alessandro Acquisti in seinem Video Talk erklärt. [2]
Die Gesellschaft kann nicht mehr ohne die digitalen Medien und geht sogar soweit, dass man sich schon seit einiger Zeit um seinen digitalen Nachlass kümmern kann bzw. sollte. “Als einen digitalen Nachlass bezeichnet man die Gesamtheit der Rechtsverhältnisse eines Verstorbenen, die informationstechnische Systeme einschließlich seines gesamten digitalen Datenbestands betreffen. Dazu gehören neben Verträgen mit Telekommunikationsdienstleistern auch Webseiten, E-Mail- und Social-Media-Accounts, PayPal-Guthaben, Cloud-Daten, auf analogen Medien gespeicherte Daten, virtuelle Adressbücher und vieles mehr.” [3] Es gibt viele Service-Anbieter, die sich um den digitalen Nachlass eines Verstorbenen kümmern. Hierbei werden die Hard- und Software analysiert und ausgewertet. Um diese Prozedur zu vermeiden, kann man selbstverständlich schon vor seinem Tod dafür sorgen, dass man sich ein Testament für seinen digitalen Nachlass beglaubigen lässt. Doch leider macht das fast niemand, und so haben die Angehörigen nach dem Tod einen enormen Aufwand, der selbstverständlich auch mit hohen Kosten verbunden ist, die man sich eigentlich hätte sparen können. Ich denke, dass der digitale Nachlass noch nicht sehr bekannt ist, und sich dadurch auch nicht sehr viele Leute damit beschäftigen. Außerdem ist es ein sehr makaberes Thema, sich damit auseinanderzusetzen, was nach dem Tod z.B. mit meinem Facebook-Account passiert. Der wird nämlich in eine digitale Gedenkstätte verwandelt, auf der die befreundeten Kontakte trauern können.
Man kann auch schon zu Lebzeiten einen Kontakt bestimmen, der sich nach dem Tod um den Account kümmert und zum Beispiel neue Status-Updates wie eine Einladung zur Beerdigung oder andere Dinge postet, wobei dies immer im Namen des Betreuers geschieht, nicht im Namen des Verstorbenen. [4]
Ich persönlich habe bei dem Thema “trauern im Internet” ein komisches Gefühl. Es fühlt sich für mich ein bisschen wie fehl am Platz an. Aber ich denke trotzdem, dass es einigen Menschen helfen kann, ihre Trauer im Internet, sei es in Facebook oder in Stayalive [5], zu bekunden. Stayalive ist ein soziales Netzwerk, in dem man eine Gedenkstätte für einen Angehörigen errichten kann. Man erstellt ein Profil für den Verstorbenen, man kann Fotos, Videos und Musik hochladen, die mit dem Toten in Verbindung stehen. Sogar Freunde kann man hinzufügen und einen Stammbaum erstellen. Es gibt einen digitalen Friedhof, wobei auf der Startseite angezeigt wird, welcher Friedhof am meisten besucht wurde. All diese scheinbar “wichtigen” Funktionen finde ich maßlos übertrieben.
Man sollte sich allgemein überlegen, wie weit man sich der Digitalisierung beugen möchte. Auf der einen Seite muss man mit dem Trend gehen, damit man nicht untergeht, doch auf der anderen Seite sollte man nicht vergessen, wo alles herkommt und wie es mal war.
[1] Frankfurter Allgemeine
Artikel: Videoportal „YouNow“ - Zeig doch mal deine Beine
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/familie/was-eine-14-jaehrige-auf-dem-videoportal-younow-macht-13441879.html
abgerufen am 22.04.2015
[2] TED
Was Datenschutz ausmacht
http://www.ted.com/talks/alessandro_acquisti_why_privacy_matters?language=de
abgerufen am 22.04.2015
[3] Datenschutzbeauftragter Info
https://www.datenschutzbeauftragter-info.de/digitaler-nachlass-passiert-mit-den-daten-nach-meinem-tod/
abgerufen am 17.04.2015
[4] Digitaler Nachlass: Facebook ermöglicht Account-Betreuung nach eurem Tode
http://www.blogtogo.de/digitaler-nachlass-facebook-ermoeglicht-account-betreuung-nach-eurem-tode/
abgerufen am 17.04.2015
[5] Stayalive
http://www.stayalive.com/de
abgerufen am 22.04.2015