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Marktkrieg und eine todestolle Busfahrt
Santa Cruz und eine lange Busfahrt nach Sucre, 16.-19. Dezember
Nach unserer ersten Nacht im Backofen, wechseln wir in ein Zimmer mit Klimaanlage. Fünf Franken mehr kostet unser weitaus grösseres und schöneres Zimmer. Kaum darin, legen wir uns aufs Bett und jagen die Temperaturanzeige der Klima in den Keller. Daliegen, frieren, gut fühlen.
Eine halbe Stunde später hat die Hitze wieder gewonnen. Wir stehen inmitten von hunderten von Marktständen in einer überdimensional grossen Halle. Stand an Stand reihen sich die halb aufrecht stehenden Kabinen aneinander, dahinter kleine, robuste Frauen mit ledriger Haut und dickem Haar. Hier ist es etwas dunkler, nur wenig Licht kommt von den Seiten herein. Die Halle ist riesig und man bekommt das Gefühl, in einem in sich funktionierendem Ameisenhaufen gelandet zu sein. Wir laufen durch die schmalen Gänge der latent nach Fleisch und Hundefutter riechenden Halle und stellen schnell fest, dass sich Tisch um Tisch das Gleiche in immer etwas anderen Ausgaben stapelt. Make Up, Shampoos und alles was sich gepflegte Nägel wünschen, so weit das Auge reicht. Ein Gang weiter dann das Selbe, nur jetzt mit Schuhen. Nikes, Allstars und unbekannte Marken reihen sich neben-, unter- und übereinander. Schnell haben wir das Prinzip der Ordnung hier verstanden: Ein Gang, ein Ziel! Stunden laufen wir umher, wahrscheinlich immer wieder mal durch die gleichen Gänge, merken es aber nie. Vorbei an rostigen Schrauben, Ungeziefervernichter, Haarmaschenkunst, Babystramplern, Hundeaccessoires, Stecknadeln, Gewürzesäcken, hautengen Glitzerkleidern. Hier findet man ungelogen alles, was man sich so denken kann. Das sich Fortbewegen hier ist Krieg! Verteidigung gegen die impulsiven Verkäufer, Angriff auf das, was man will und natürlich eigentlich nicht braucht. Laufen, schwitzen, sich doch verleiten lassen, etwas anzuprobieren und es dann bereuen. Welche Frau kennt es nicht: Schweissnass bis überallhin, mit einem kurzen Overall, der mir schon an den Armen über meinem Kopf kleben bleibt, stehe ich hinter einem Miniatur-Vorhang, hinter den nun wirklich jeder sehen kann. Bewegen tut sich nichts mehr, weder rauf noch runter und sehen kann ich natürlich auch nichts, da das scheiss Ding genau auf meinem Gesicht Pause macht. Wie schön, dass ich heute ein Oberteil auswählte, das man ohne BH anzieht. Halb nackt, blind und mit in die Luft gestreckten, schwadernden Armen in Bolivien. Grosses Kino wie der Overall sitzt! „Noëmi Hilfe!“ „Dankeschön.“ Wie so oft eine Situation, in der man ungemein froh darüber ist, nicht alleine unterwegs zu sein. So laufen wir noch etwas durch den Irrgarten mit System und ergattern uns eine der schlechtesten Maniküren überhaupt, sowie ein paar neue umwerfende Kleidungsstücke im bolivianischen Weltenbummler Stil; Günstig, bunt, wahrscheinlich schneller kaputt als gekauft und wunderbar leicht. Sogar einen Rasierer haben wir uns geleistet, nachdem wir unseren letzten schon vor Wochen verloren haben. Ade Hippiedasein! Irgendwann sind wir hungrig und merken es natürlich erst, als es schon anfängt dramatisch zu werden. Wir rennen halb durch die Gänge mit Fleisch, vorbei an ganzen Schweinen und Haufen von unerkennbaren Fleischstücken. Rennen, Luft anhalten und geradeaus schauen, beruhigende Worte zu unseren leeren Mägen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Kurz darauf kommen wir zu einer Art Kreuzung, an der mehrere Stände mit Tischen vorne dran zu finden sind. Der fleischliche Todesgeruch wird abgelöst von frischen Früchten und Kaffe. Wir erblicken Leute, die aus grossen Schalen riesige turmhohe Müeslis mit Joghurt, Eiscreme und Früchten essen. Wollen wir und es schmeckt hervorragend! Als wir uns dann einen Weg nach Draussen an die frische Luft erkämpfen, bemerke ich einen kleinen männlichen Träger eines riesigen toten Schweins fast zu spät und werde nur knapp nicht von dem toten Stück Fleisch umgehauen. Aber Gott sei Dank ist knapp daneben ja auch vorbei.
Santa Cruz ist anders, anders als Zuhause, anders als der Rest von Südamerika, den wir bis jetzt gesehen haben. Wahrscheinlich ist ganz Bolivien anders. Weniger vertraut, günstiger, heisser, voller. Die Menschen hier scheinen nicht zu gehen, sondern immer irgendwie zu wimmeln. Tuktuk’s wie in Asien düsen auf den Strassen, alles scheint irgendwie staubiger und Abfalleimer und Strassenrand sind hier ein und dasselbe. Trotzdem lass ich mich von der Stadt faszinieren. Ich mag die Fruchtstände, die nur so überborden an aufgetürmtem Exotischen, das der Armut trotzende immer pulsierende Leben überall oder die fein duftenden Grillstände an jeder Ecke. Glace steht bei uns hier hoch im Kurs und Fruchtsäfte (aber bitte ohne Zucker!) ersetzten ganze Mahlzeiten. Zum warm essen, ist es hier irgendwie sowieso zu heiss.
Es fasziniert mich immer wieder während dem Reisen, wie gut man in der Welt auch ohne Vorplanung zurecht kommen kann und wie sicher ich mich fühle dabei. Ohne Plan wo wir als nächstes hingehen werden oder wie wir dahin kommen, verbringen wir ein paar Tage an einem uns völlig unbekannten Ort. Wir leben vor uns hin, entdecken eine Stadt, Landschaften, lernen Menschen kennen, lassen uns von ihnen inspirieren oder vergessen sie wieder. Zeit erscheint hier relativ, unwichtiger. Wie wir einen Tag verbringen, entscheiden wir fast immer von Augenblick zu Augenblick, Pläne werden sowieso viel zu schnell durch äusseren Einflüssen zu Nichte gemacht. Reisen ist nicht wie Ferien machen. Wir haben keine Highlights, die wir abhacken müssen, dafür laufen wir früher oder später meist irgendwann sowieso an ihnen vorbei. Man hat Zeit, Zeit Menschen zu treffen, sie kennenzulernen und seinen Weg durch ihre Erzählungen anzupassen. Lokale Märkte und zerbeulte Pfannen mit abgeblätterten Böden ersetzen schicke Restaurants und wohnen bei Einheimischen macht viele Museumsbesuche irgendwie überflüssig. Ganz zu schweigen davon, dass sich grosse Shoppingtouren und Rucksäcke verhalten wie bauchfreie T-Shirt’s und tiefgeschnittene Hosen. Tage, an denen wir einfach bloss Filterkaffe trinkend und Menschen beobachtend an einer Strassenecke verbringen oder aber acht Stunden fast nonstop irgendwas erkunden, wechseln sich ab, bis wir irgendwann irgendwo sitzen und feststellen, dass wir weiter müssen.
So auch hier in Santa Cruz. Über einem wirklich hervorragenden, italienisch schmeckenden Cappuccino sitzend, beschliessen wir als Nächstes nach Sucre zu reisen. Weisse Kolonialhäuser, schöne Pärke und kühlere Temperaturen tönen verlockend nach den paar Tagen hier. Kaum ausgesprochen, geht immer alles ganz schnell: eine Unruhe packt uns und wir müssen so schnell wie möglich weiter. 2018 ist auch in Bolivien schon angekommen und Wifi an jeder Ecke ermöglicht rasches Handeln. Googeln, Reiseberichte lesen, Flugseiten checken, bis wir eine Stunde später masslos überfordert feststellen, dass wir keinen blassen Schimmer haben, was das beste ist. Der Bus sei gefährlich aber günstiger, irgendwie dauert die Fahrt je nach Reisebericht 6 bis 15 Stunden, die Flüge werden als günstig angegeben, was uns aber eine europäische Lüge scheint und ausserdem gibt es gefühlte 30 Busgesellschaften, die das Gleiche anzubieten scheinen und dazu noch mehrere Busterminals. Zu viele Möglichkeiten, zu viele Infos. Handy aus. Wir entscheiden uns für den Bus und Tickets kaufen vor Ort. Einfach.
Trotz aller Vorwarnungen und Horrorberichten im Internet oder vielleicht genau deswegen entscheiden wir uns den Weg von Santa Cruz nach Sucre mit dem Nachtbus anzutreten. 14 Stunden Fahrt gegen 40 Minuten fliegen, vierzig Franken sparen. Hört sich nach einem schlechten Deal an, doch als Backpacker man fängt an, absurd zu denken. Ausserdem gefällt uns ruckelndes Schlafen auf Sitzen, die man halb zu einem Bett ausziehen kann. Wer weiss, ob es Abenteuerlust oder pure Naivität ist, wir wissen es nicht. Einen Tag früher besorgen wir die Tickets. Wir erkämpfen uns einen Weg durch die überdimensionale Busstation und suchen unter den zig Anbietern die Flota Bolivar, von der wir durchaus auch schon einige nicht ganz so negative Berichte gelesen haben. Einigermassen sicherer, zuverlässiger und auch wird in keinem Bericht ein betrunkener Fahrer erwähnt, was hier durchaus nicht selbstverständlich scheint. Wir schlängeln uns durch Sitze gefüllt mit stoisch wartenden Einheimischen und ihren Plastiksäcken. Babies, Erwachsene, Dunkle, Helle, Mamacitas und Bettler. Hier in Südamerika muss jeder und jede immer irgendwo hin, irgendwas erledigen. Leute schreien uns Ortsnamen ins Gesicht, die ganz Frechen mit Lautsprechern, wollen uns Fahrtickets ins Niemandsland andrehen. „No gracias“ und weitergehen. Inkafrauen in traditionellen Kleidern, mit grossen Säcken aus bunten Tüchern auf den Rücken, verkaufen kleine Brötchen, die verführerisch nach Speck und Käse duften. Kleine stämmige Frauen, fast schon winzig, genau so wie die Brötchen auch. Ob es dazu eine Jobbeschreibung gibt? „Kleine Brötchen suchen kleine Verkäuferin.“ So wie die asiatischen Restaurants meistens nur asiatische Angestellte haben. Wir finden den Schalter der Flota Bolivar und ersteigern uns für je schlappe 18 Schweizer Franken zwei Tickets, den Sitzplatz dazu können wir frei wählen. Mit Erfolgsgefühl und ohne Brötchen verlassen wir den Busbahnhof.
Gegen Nachmittag des nächsten Tages heisst es dann Aufbruch von Santa Cruz in Richtung Sucre. Wieder laufen wir durch den Busbahnhof, geben unsere Rucksäcke beim Schalter ab und hoffen, sie am anderen Ende wieder zu bekommen. Man weiss ja nie. Dieses Mal lassen wir uns von den kleinen Brötchenfrauen hinreissen, Proviant kann ja nicht schaden. Wir haben zwar gehört, dass es einen Stopp für das Abendessen geben soll, aber mit Sicherheit wissen wir das nicht. „In ein paar Minuten wissen wir, ob wir es bereuen werden, nicht den Flug genommen zu haben“, sage ich zu Noëmi, während wir noch einmal eine Toilette aufsuchen. Ich bekomme nur einen unsicheren Blick als Antwort. Auf der Toilette sitzend führe ich dann eine kleine Streitdiskussion mit meiner Blase. Sie will eigentlich gar nichts hergeben und ich ermahne sie, wie es früher meine Mutter vor einer langen Autofahrt mit mir gemacht hat, dass jetzt die letzte Gelegenheit für seeehr lange sei. Im Bus wird nämlich kein WC vorhanden sein. Nach einem kurzen hin und her ergibt sie sich und ich lasse zurück, was mir möglich ist. Die Getränkeflasche gleich dazu, mit trinken ist ab jetzt eh erst mal finito. Kühn wie zwei Abenteurerinnen laufen wir dann dem Bus Nr 23 entgegen. Gar nicht mal so schütter wirkt der auf uns, gut haben wir uns auf das Schlimmste eingestellt. Wir kommen als erste im Bus an, steigen ein und stellen fest, dass es uns wirklich nicht so sehr schockiert, wie wir gedacht haben. Blaue Sitze, die erwartete nicht vorhandene Toilette, alles etwas abgefuckt, aber doch irgendwie vertrauenserweckend funktionsfähig. Wir beziehen unsere Sitze, testen natürlich gleich die Liegefähigkeit aus und meinen zufrieden, dass es reichen wird. Gleichzeitig mit dem Losfahren, ergeben wir uns dem Geschaukel und werfen alle Warnungen von wegen in Bolivien bloss nicht mit den unsicheren Nachtbussen reisen aus den offenen Fenstern. Busfahrt wir kommen!
Ein paar Kilometer ausserhalb der Stadt ziehen wieder einmal üppige Landschaften an uns vorbei. Grüne Berge und kleine Flüsse, die dahin fliessen. Wir fahren durch Täler, kurvige Strassen, manchmal auch auf Berge hoch und nur wenige Zentimeter neben dem Abgrund her. „Du willst gar nicht wissen, wie nah neben uns es wirklich steil runter geht“, sagt Noëmi zu mir mit einem leicht hysterischen Grinsen im Gesicht. Ich schaue raus. Ja ich will es wirklich nicht wissen. „Visualisier dir, dass wir gut in Sucre ankommen werden. Das hilft.“, meint sie. Ich hoff’s! Doch ich lasse mich entschädigen von der Landschaft, bestechen von der unendlichen Natur hier. Gewaltig, unberührt und wild und irgendwie denke ich mir, dass ich die Busfahrt ja sowieso nicht beeinflussen kann, wieso also nicht einfach geniessen. Kurve um Kurve kämpft sich unser Bus über die Schotterstrassen, hofft, dass er noch eine weitere Fahrt übersteht. Noëmi hält den Kopf aus dem Fenster. „Als Kind habe ich das stundenlang gemacht auf dem Weg in die Ferien. Dabei habe ich laut in den Wind gesungen“, erzählt sie mir und hält den Kopf gleich daraufhin noch etwas weiter raus. Irgendwie verliert man beim Reisen etwas die Grenzen zwischen Abendteuer und Wahnsinn und man fängt sich an zu fragen, wieso man sie überhaupt hatte. Sei es auf einem Auto stehend hintendrauf, das viel zu schnell fährt, ohne Sattel und Helm auf einem erst vor kurzem eingerittenen Pferd, beim essen ungewisser Fleischstücke, die zu lange in der Sonne lagen oder hier in dem abenteuerlustigen Bus. Man fängt sich an zu fragen, vor was wir uns Zuhause immer zu fürchten scheinen. Wieso wir nie eine runtergelassenen Bahnschranke überqueren würden, selbst wenn kilometerweit kein Zug zu hören und sehen ist. Wieso wir beim Wandern ein Handy dabei haben müssen, sobald wir uns mehr als ein paar Stunden entfernt von den nächsten Häusern befinden. Was, wenn etwas passieren würde? Ja, was wenn. Aber was, wenn das Leben so an uns vorbeifährt. Lieber schaue ich da auf die vorbeifahrenden Landschaften.
Stunden vergehen, ohne dass ich es bemerke. Langsam wird es dunkler draussen, rote Berge ziehen an uns vorbei und lassen mich plötzlich an Indianerzeiten denken, ich weiss auch nicht wieso. Ich schaue weiter hinaus, geniesse jede Sekunde, in der die Sonne die Landschaft noch zeigt. Neben dem Abgrund herfahrend, halte ich mich an das Gefühl, das alles irgendwie gut kommt. Noëmi neben mir holt mich aus meinen Gedanken. „Was unheimlich ist, ist dass es immer wieder Grabsteine neben den Strassen hat.“ Irgendwie gibts darauf keine gescheite Antwort, die mir einfällt und ich denke an Bernardo aus Uruguay, der uns mit den Worten: überlebt Bolivien und Kolumbien, verabschiedet hat. Ich muss an meine Schwester denken und vermisse sie. Ich hätte sie gerne hier, dabei auf der waghalsigen Busfahrt ins dunkle Unbekannte. Geschichten über nächtliche Autofahrten in die Ferien, über gemeinsame Campingausflüge und Übernachtungen auf dem Balkon würden nur zu gut hierher passen. Ich stelle mir uns beide vor, wie wir auf den ausziehbaren Sitzen liegend in den immer dunkler werdenden Himmel schauen und über unsere Kindheit reden. Alles um uns herum ist jetzt blau und dunkelgrün. Noëmi ist ins Schreiben verfallen, Musik tönt ununterbrochen aus meinen Kopfhörern, lässt mich durch verschiedene Stimmungen und Gedanken gleiten, wie ein Drache im Wind. Ein paar Stunden später ist die Sonne weg und mit ihr die Landschaft. Irgendwie lässt nun auch unser Sicherheitsgefühl noch mehr nach. „Hat er überhaupt Licht vorne?“, frage ich Noëmi. Sie schaut aus dem Fenster nach vorne. „Nein, ich glaube nicht.“ Langsamer werden wir nicht, trotz der fehlenden Sicht. Ich verlasse mich auf die routinierte Fahrfähigkeit des Busfahrer und auf das eine Auto, das vor uns fährt und zuerst abstürzen würde, wenn die Strasse plötzlich ein Ende hätte. Ich weiss, nicht gerade nett, aber die höchstens vier Leben in dem Auto vor uns würden wenigstens als Helden dahingehen, mit der glorreichen Tat die 40 Busnutzer gerettet zu haben. Wenn dann der Busfahrer überhaupt eine schnelle Reaktion hat. Nette Busfahrt, schöne Gedanken. Ich erinnere mich an grosse Worte vor ein paar Stunden noch über vorbeiziehende Landschaften und das Leben und unsinnige Grenzen. Mittlerweile bemerke ich mehr die fehlenden Grenzen zwischen den Strassen und den Abhängen daneben. Wieso spendet man Bolivien keine Leitplanken? Tatsächlich meldet sich nun auch noch meine Blase und ich sage ihr insgeheim: „Ja das hast du jetzt davon!“ Ich lege mich in meinem Sitz zurück. Im mich in den Schlaf zwingen in ungünstigen Situationen war ich schon immer hochbegabt.
by Nora
Santa Cruz Hitzestau
Das Flugzeug landet in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien. Nachdem wir unsere Koffer abgeholt haben, stehen wir für die Immigration an. Wir wissen nicht genau, in welche Schlange wir uns eingliedern sollen und wählen die vom mittleren Osten. Sie ist uns am nächsten und hier stehen am wenigsten Menschen. Als wir am Schalter sind, begrüsst uns der Beamte freundlich. Er fragt uns, wie lange wir in Bolivien bleiben wollen und dann komischerweise ob wir einen Freund hätten. Wir seien nämlich sehr hübsch. Ich habe vorher noch nie Komplimente von einem Immigrationsbeamten bekommen.
Später in der Stadt: Wir sind im Asien von Südamerika gelandet! Weniger Geld, improvisierter, besser zum fotografieren, da es fremder und manchmal so abgefuckt ist. Die Menschen hier: klein und stämmig, irgendwie näher am Uhrsprung, weniger gemischte Gene. Männer haben Gesichter wie aus groben Holz geschnitzt. Markante Nasen, breite hohe Wangen und braune Haut. Wir werden angestarrt auf der Strasse, Autos hupen wegen uns, Männer rufen uns Sachen nach. Touristen sind die einzigen wirklich Weissen hier, vielleicht ja wegen den Hupenden. Einer ruft Nora Barbie nach und betatscht sie im vorbeigehen. Sie dreht sich um und teilt ein fuck you aus. Können wir auch! Frech diese kleinen Männer! Es stimmt nicht ganz, es hat doch andere Weisse hier. In unserem Viertel hat es weisse, grosse, dünne Menschen. Irgendwie abgehungert sind sie, kleiden sich wie aus dem letzten Jahrhundert. Frauen tragen lange Röcke, klosterhafte Kopfbedeckungen und lange Ärmel. Männer Strohhüte, lange Hosen und Hemden. Bleich sind sie auch noch. Ungesund bleich. Immer ein verkniffener mürrischer Gesichtsausdruck. Sie erinnern mich an Amische, Menschen einer speziellen Glaubensgemeinschaft oder an eine Inzucht Sekte aus dem ländlichen Amerika, die hier ihren verschrobenen Traum lebt. Sie machen mir auch ein wenig Angst ab und zu. Es ist unglaublich heiss hier. Fast nicht auszuhalten. Nicht ein kleines Lüftchen in der prallen Sonne, die Stadt aufgeheizt wie ein Backofen und ich bin der Hefeteig, der darin aufgeht. Alles an mir scheint mehr hier, von einem normalen Körpergefühl bin ich weit entfernt. Unser Zimmer hat leider keine Klimaanlage sondern nur einen Ventilator, der die stehende Hitze ein wenig bewegt. Schweiss läuft mir runter schon im stillen Stehen, beim Laufen fühl ich mich dann wie ein wandelnder Bach. Wir deponieren unsere Sachen und erkunden die Stadt. Die fünfte Querstrasse der Avenida Uruguay nach links, dann fünf weitere geradeaus bis zum grossen Platz, dem Herzen der Altstadt. Heute Freitag Abend wird gegen irgendwas demonstriert. Das Volk will sich durchsetzten beim Verfolgen irgendwelcher politische Ziele. Die Strassen sind voller Menschen, alle kleiner als wir. Sie Schwingen Fahnen, schreien und singen für ihre Sache. Der erste Abend in Bolivien und wir sind mitten in einer Demonstration. Vor mir wimmelt es von Menschen mit farbigen Kleidern wie in einem Ameisenhaufen. Zwischendurch knallen immer wieder Feuerwerke in der Luft. Die Demonstranten halten sie mit der Hand nach oben und dann schießen sie los. Wir gehen auf dem Trottoir. Nora neben mir will gerade die Strasse überqueren, als jemand wieder eine Rakete loslässt. Der Hauptplatz, an dem wir ankommen, ist dekoriert mit üppiger Weihnachtsdeko. Improvisierte Weihnachtsbäume an Palmenstämmen, riesige farbige Kugeln und leuchtende Lichter hängen überall. Rechts und links von den Pflasterstrassen gibt es gefüllte Läden. Süsses steht hier hoch im Kurs, ganze Vitrinen sind gefüllt mit riesigen schön dekorierten Torten. Weihnachtsguezli stapeln sich. Viele Restaurants sind wie Schnellimbisse bei uns; Plastikstühle, Pommes, Salate und Frittiertes. Aus Lautsprechern werden Christmas-Song`s geschmettert. Wir folgen den Demonstranten noch ein wenig weiter, bis sie stagnieren. Eine Frau hält nun durch ein Mikrofon eine mitreissende Rede. Vor uns sehen wir eine alte und wunderschön beleuchtete Bachstein-Kirche. Viele verkaufen Essen auf den Strassen wie in Asien. Suppen, Früchte, Drinks, Wasser. Zwischendurch arme Leute, die auf dem Randstein sitzen und betteln. Viele Frauen mit Kindern die schlafen. Immer noch knallen Feuerwerke in der Luft. Die Nacht bricht an, doch kühler wird es nicht. Wir sehen ein Restaurant auf einer Terrasse, direkt am grossen Platz und beschliessen da etwas zu trinken. Vier Stockwerke mit Treppen, eine unglaubliche Anstrengung für unseren momentanen Zustand. Ganz langsam erklimmen wir Stufe um Stufe. Dass Menschen hier überhaupt arbeiten können, imponiert mir. Ich bin überlastet mit meiner blossen Existenz. Auf der Terrasse weht dann zum Glück ein laues Lüftchen, dem Himmel sei dank. Wir bestellen frisch gepresste Fruchtsäfte für fast kein Geld und beobachten die Demonstranten auf dem Platz. Irgendwann kommt die Volkshymne und alle rund um uns stehen auf, schauen zum Platz und singen mit, die Blicke ernst. Vaterlandsstolz!
Kurze Zeit später schlendern wir durch die Strassen zurück. Und was für ein Glück, unser Zimmer scheint tatsächlich der heissteste Ort in ganz Santa Cruz zu sein! Draussen ist es ein wenig kühler, im Gang zu unserem Zimmer sehr heiss und unser Zimmer ist die Hitzehölle schlechthin. Kein einziger Windstoss dringt hinein. Sauerstoff ist fast nicht vorhanden, eigentlich gibt es hier nur Hitze. „Es ist unaufhaltbar, diese Situation müssen wir mit Humor nehmen“, sagt Nora zu mir. Wir legen uns aufs Bett. Es ist wie in einer Sauna und das ganze Ausmass der Wärme bemerken wir erst mit der Zeit. Sie steigert sich zunehmend. Die Nacht entpuppt sich als verschmierten Fiebertraum. Da liegen und vor sich hin schwitzen. Hoffen, dass die Zeit vergeht. Sich immer wieder unter die Dusche stellen, in der sinnlosen Hoffnung auf Besserung. Fast nackt liegen wir auf dem Bett, jedes bisschen Stoff eins zu viel auf der Haut. Ich träume von Klimaanlagen. Vom Schnee Zuhause. Um vier Uhr wachen wir beide wieder auf. Wir blicken uns an und müssen lachen. Wir gehen nach draussen, auf der Strasse weht ein Wind und es ist jetzt angenehm kühl. Nur unser Zimmer weiss nichts davon. Ich gehe zurück ins Bett und träume, dass ich mein rotes Kleid ohne BH anhabe, nur mit einem Tanga drunter und die Strasse entlang laufe. Es ist das luftigste und frivolste Kleid, das ich besitze und wegen der Hitze habe ich es an. Als ich die Strasse entlang gehe, kommen immer mehr Männer auf der Strasse auf mich zu und kommen mir zu nah. Sie beginnen an meinem Kleid zu ziehen, wollen es wegreissen. Ich wache wieder auf. Heute finde ich keinen Schlaf mehr.
Tschüss und Hallo
Aus den anfänglich drei angedachten Nächten im schönen kleinen Riachuelo wurden mehr als eine Woche und eigentlich wollen wir noch immer nicht gehen. Da unser Flug nach Bolivien aber steht, stellen wir uns dem Abschied. Es ist Dienstag und wir planen gegen Nachmittag den Bus nach Montevideo zurück zu nehmen, unsere Jungs WG dort erwartet uns auch schon mit Freude. Seit nun schon zwei Tagen melden wir uns immer wieder, dass wir bestimmt am nächsten Tag erscheinen werden. Fehlanzeige bis jetzt. Eine letzte Siesta mit Bernardo, ein letztes Mittagessen zubereiten für seinen Gehilfen mit der schiefen Mütze. Wir sitzen auf dem Sofa, Bernardo setzt sich zu uns. Ein Kuss auf den Kopf für jede von uns und er in der Mitte. Zusammengelehnt sitzen wir da, er zeigt uns irgendwelche lustigen Sachen auf seinem Telefon, aber der Abschied liegt schwer in der Luft. Eine Umarmung überkommt ihn. „Warum bleibt ihr nicht einfach hier?“, frage er. „Euer Flug ist ja erst am Freitag und nicht morgen.“ Kurze Zeit später trägt er unsere Rucksäcke raus. Kimbo, Pinga und die dreibeinige Tata stehen draussen wie ein Abschiedskommando Parade. Jedem einzelnen sagen wir tschüss, streicheln ihnen nochmals über die Köpfe. Pinga kann sich wie immer nicht halten und wir bekommen nasse Abschiedsschlaber. Ich umarme Kimbo, den ruhigen Guten. Ein letztes Mal hinten auf die Ladefläche, natürlich im Stehen, wie die Grossen. Bernardo fährt los den Schotterweg hoch und wir schauen ein letztes Mal auf das kleine Häuschen im Feld zurück. Tata hüpft uns auf ihren drei Beinen noch eine Weile hinterher, bis sie merkt, dass es chancenlos ist. Ich hätte nicht gedacht, dass mir der Abschied von diesem haarigen Dreierteam so schwer fallen wird. Den Kopf in den Wind geht es wir los in Richtung Busstation, Haare die uns um die Gesichter wehen, genauso wie unsere Gedanken. Vorne auf der Hauptstrasse warten wir zu dritt auf unseren Bus und trinken einen letzten Mate zusammen. „Wir werden dich vermissen und wir werden zurück kommen“, sagen wir zu Bernardo. „Das nächste Mal mit mehr Zeit.“ „Por uno o dos años“, meint Noëmi halb im Witz, aber nur halb. „Gut. Aber dann braucht ihr ein eigenes Zimmer. Ein Jahr brauche ich, um euch eines anzubauen“, gibt Bernardo zurück. Auch nur halb scherzhaft. Ein Jahr lang eine Uruguayerin sein, von Ort zu Ort reisen und unsere neuen Freunde besuchen. Asado um Asado essen, mit dem charmanten Grossvater ein Glas zu viel trinken, Kühe treiben. Es ist unglaublich, wie wenig man hier bräuchte, um voll und ganz glücklich zu sein. Irgendwelche Dinge zu kaufen, die einem Zuhause als notwendig erscheinen, ein Coiffeurbesuch oder sich um Zukunftspläne zu sorgen, gerät hier weit in den Hintergrund. Materielles verschwindet, das Leben bekommt mehr Platz und man fängt an alles zu nehmen wie es kommt. Wir stehen da, zu dritt an der grossen langen Strasse und winken dem Bus zu, als dieser auf uns zu kommt. Zu dritt umarmen wir uns, dann noch einzeln. Umarmungen die man am liebsten nicht mehr beenden würde, fest und echt. „Überlebt Bolivien und Kolumbien, versprecht es mir und kommt wieder zurück!“, ruft uns Bernardo beim gehen noch zu. Klar, werden wir!
Doch alles kommt dann doch ganz anders und irgendwie will uns dieses kleine Örtchen doch noch nicht so ganz verabschieden. Sobald wir im Bus sitzen, bemerken wir nämlich, dass wir gar kein Bargeld dabei haben und auf den Vorschlag, das Geld am Schluss der Fahrt an der Endstation abzuheben und dann zu bezahlen, möchte der liebe Buschauffeur nicht eingehen. Bernardo wurde anscheinend schon angerufen und gebeten, uns wieder abzuholen. Zehn Minuten später sitzen wir dann etwas verdutzt auf unseren Rucksäcken, mitten im Nirgendwo am Strassenrand. Halb peinlich halb lustig finden wir die Situation, die Schweizer in Uruguay, die kein Geld haben. Und da kommt auch schon der weisse Truck auf uns zu mit unserem lieben Bernardo drin, er fährt um uns herum mit herunter gelassenem Fenster und singt dazu mit seiner schiefen Stimme: „Las Suizas no se van. Las Suizas no se van.“ Wir lieben ihn für dieses sofortige Wiederbegrüssen und zu dritt fahren wir dann halt wieder zurück.
Und was soll’s, wenn wir schon mal dabei sind, bleiben wir doch auch gerne noch eine weitere Nacht und geniessen ein weiteres Asado mit Freunden und Familie. Farmleben wir lassen uns nochmals verführen! Grosseltern, Männerkumpels, Erzeuger, der Mops und oh Gott! sogar Gemüse sind heute mit von der Partie. Da das Wetter nicht grilltauglich ist, wird das ganze Spektakel heute nach drinnen verlegt. In einer riesigen Lagerhalle, wieder eines dieser Brockenhäuser, wird gefeuert, was das Zeug hält. Alle freuen sich über unsere erneute Anwesenheit und unsere Busaktion ist der Running Gag des Abends. Während wir auf das Essen warten, streifen wir durch das Lager, finden Kleider, Handyhüllen und verstaubte Bücher. Ich bekomme einen Rock von der Grossmutter geschenkt mit dem Auftrag ihn aber nicht ohne Strümpfe zu tragen, dafür sei er zu kurz.
Am Schluss nach dem Essen beim Tschüss sagen, umarmt sie uns lange und fragt uns dann verdutzt, ob wir denn tatsächlich gehen würden am nächsten Tag. „Ich habe wirklich gedacht, ihr bleibt jetzt.“, sagt sie. Würden wir ja gerne!
Am Abend im Bett sind wir einfach nur froh nochmals hier sein zu können. Geniessen die Minuten Kopf an Kopf liegend auf dem Sofa, bis wir einschlafen. Pure Geborgenheit.
Doch natürlich kommt auch der nächste Tag und dieses Mal heisst es wirklich: Aufbrechen ohne Zurück. Irgendwie noch schlimmer als beim ersten Mal verabschieden wir uns. Überfordert mit dem emotionalen Zustand sitzen wir im Bus, fahren immer weiter weg vom Ort, an dem wir sein wollen und sagen uns immer wieder, dass wir zurück kommen können. Felder ziehen vorbei, ewige Weite. Immer weiter weg, doch der Zauber der letzten Zeit bleibt.
Am Abend sitzen wir wieder im Garten, nur dieses Mal in Montevideo, zurück am Anfang von Uruguay. Freudig wurden wir hier von allen wieder willkommen geheissen, doch nur halbherzig konnten wir das erwidern. Bernardo fehlt uns, die Hunde fehlen uns, Freunde und Familie auch. Die Ruhe, das Land, die Kühe, unser Sofa. Santi aus Punta del Este schickt uns eine Sprachnachricht. Er ist auch gerade in der Stadt und fragt uns, ob wir noch was unternehmen wollen. Silvias Schwester, die wir noch nie gesehen haben, meldet sich per WhatsApp, dass sie mit Freunden tanzen gehe und ob wir mitkommen wollen. Einmal mehr sind wir überwältigt von den Menschen hier. Doch wir verabschieden uns früh ins Bett, irgendwie überfordert mit den vier Jungs hier und der Erwartung nach Erzählungen unserer Erlebnisse. Nach ein paar Stunden nur klingelt dann auch schon der Wecker, um fünf Uhr morgens geht unser Flieger nach Santa Cruz, Bolivien. Noëmi trinkt gerade noch schnell einen Kaffe im Garten, um einigermassen halbwegs lebendig zu werden, als völlig unerwartet Picu anklopft. Er sei per Zufall aufgewacht und hätte uns gehört. Wohl eher nicht, da er sowieso im anderen Hausteil schläft. Hat er extra einen Wecker gestellt? Er kommt zu mir ins Zimmer, drückt sich etwas herum und ich merke, dass er nervös ist. Ich hätte das erste Mal als wir hier waren, etwas gesagt, was ihn beschäftigt habe, meint er. Dass man Dinge im Leben einfach tun solle, anstatt sie nicht zu tun und es danach zu bereuen, dass man sie eben nicht tat. Ich denke: oh je das wird ernst, um drei Uhr morgens und stimme ihm aber zu. Ein paar Sekunden später finde ich mich in einer anrührenden Liebeserklärung wieder. „I have really strong beautiful feelings for you“. Geile Wortwahl denke ich, während ich auf dem Bett sitzend überwältigt bin und mich irgendwie auch ans anderen Ende der Welt wünsche. Ich bin aber nun mal hier und denke mir selbst: du bist erwachsen Mädel, du kannst das handeln, auch mit verpennten Augen und wilden Haaren! Aber ach du Schreck es folgt noch mehr. „I think you have a special energy“, die nächsten Worte. Ich zwinge mich zur Coolness, höre mich ein „thats nice sagen“ und denke im gleichen Moment: top Antwort, filmreif. Überforderung und wo ist eigentlich Noëmi, wenn man sie braucht!? Ich sage ihm, dass ich es gut fand, dass er mir das gesagt hat, auch wenn ich es nicht so meine und rede ohne Stopp weiter. Versichere, dass es uns hier auch sehr gefallen hat mit ihnen allen, auch wenn das vom Thema irgendwie weit weg ist. Er meint, sie hätten alle vier darüber geredet, dass unsere Art zu leben sie inspirierte und wir sie zum nachdenken über ihr eigenes Leben brachten. Mir verhaut’s ein wenig die Sprache über so viel imposante Worte von jemandem, den ich nur so kurz kenne und ich weiss gar nicht, was ich sagen soll. Er steht nun aber doch zu verloren da und ich finde, wir sollten uns der Wichtigkeit des Moments halber umarmen, merke dabei wie sehr er vor Aufregung zittert und fühle mich wie in der Grundschule. Noch ein paar Worte meinerseits über Freunde und so, er noch etwas verschupft vor mir und der Moment ist vorbei, überstanden und gemeistert. Keine Panik, kein Gespräch das in peinliches Nichts geendet hat. Ich setze mich wieder aufs Bett und freue mich irgendwie über die Komplimente. Auf jeden Fall verwerfe ich jetzt endgültig das Gefühl, dass wir damals vor drei Wochen selbstsüchtige Antworten gegeben hätten und denke mir, dass wir dadurch, dass wir die Menschen zum nachdenken bringen, ja auch schon etwas auf der Welt zurück lassen. Nachdenken ist immer gut und wenn wir dazu noch mit positiver Energie aushelfen können, machen wir das gerne. Noëmi kommt zurück und in Windeseile bestelle ich ein Uber, wir tragen alles raus, Picu im Schlepptau. Eine schnelle Umarmung, die mir nicht zu kurz erscheint und verschwinden im sicheren Taxi, bevor der Liebe noch auf weitere waghalsige Ideen kommt. Sogar eine Liebeserklärung hat uns Uruguay zum Schluss noch geboten.
Am Flughafen sind wir endlich einmal früh dran, doch beim Gepäck einchecken lernen wir den ausgewanderten Frankfurter David kennen, der unsere Rucksäcke entgegen nimmt. Er ist in der Ausbildung als Pilot und lebt seit einigen Jahren hier in Uruguay. Er scheint uns zu mögen, denn das Einchecken unserer zwei Rucksäcke dauert über eine halbe Stunde, warum wissen wir auch nicht. Er schreibt sich die Website unseres Blogs auf und gibt uns noch das Versprechen, uns bei unserem nächsten Besuch auf ein Asado einzuladen. Dann merkt der charmante angehende Pilot, dass er unsere Gegenwart wohl zu lange genossen hat und wir eigentlich schon beim Flug sein sollten. Er lotst uns durch die Pass- und Handgepäckkontrolle und begleitet uns bis vor den Flieger. Dort ruft er den Kollegen zu, dass es bald ein Asado mit uns geben wird und verabschiedet uns dann mit Umarmung und Kuss auf die Wange. Sitzen, Laptop raus, Fensterladen rauf. Die Sonne geht auf und färbt alles in strahlendes Rot. Es ist wunderschön! Auf nach Bolivien, mit Uruguay im Gepäck, das wir nie mehr gehen lassen. Wir haben uns verliebt in Land und vor allem Leute, Uruguay irgendwie im Sturm erobert und uns erobern lassen. Ein Ort an den wir irgendwann bestimmt wieder zurück kehren werden!
by Nora
Nächtliches Vogeltöten
13. Dezember, Riachuelo by Noemi
Das jetzt gerade ist so einer, ein ganz guter Moment. Ich hocke auf der Ladefläche des Autos, in meiner Hand ein Gewehr. Neben mir Bernardo’s Grosserzeuger, er leuchtet mit einem handlichen Scheinwerfer in das weite Feld hinaus. Nora sitzt hinter mir, Bernardo am Steuer, seine Flinte lugt zum Fenster raus. Dunkelheit rund um uns herum. „Siehst du den roten Punkt durch das Guckloch?“, fragt mich der Grosserzeuger. Mein Auge am Visier entdecke ich den roten Punkt in der Mitte des Fadenkreuzes. Meine Hände halten die Flinte. Das abgeschnittene Gras wird von einem rundem Lichtschein erhellt. „Siehst du den Vogel? Ziel und schiess!“, sagt der Lichtmachende. Ich bin nervös, nun ist es soweit. Mein Finger am Abzug. Ich drücke mit dem Finger… Peng. Ein Schuss dröhnt in die Nacht hinein. Heute morgen hätte ich nie gedacht, dass ich mich in so einer Situation wieder finden würde. Alles begann heute Morgen.
Ich wache auf, es ist halb neun. Bernardo ist schon weg, wie immer irgendwo auf den Feldern. Unser Bett, das weinrotes Sofa ist bequem und das Aufstehen ein Kampf. Nora macht Kaffe. Silvia, die auch noch hier ist, schläft noch. Ich blinzle mehrmals, versuche aufzuwachen und stelle die Musk an. Die Musikanlage in diesem kleinen süssen Haus ist der Wahnsinn! In jedem der drei Räume hat es mindestens eine riesige Lautsprecherbox im retro Stil; In der Wohnküche, im Schlafzimmer und im Bad. Der Kaffee ist fertig, wir trinken ihn mit heisser Milch, unser Morgenritual. Wir öffnen die Tür und werden von den zwei Hunden begrüsst. Die kleine Nudel Pinga, ich nenne sie insgeheim Filou, springt an uns hoch und schleckt uns unsere Beine ab. Die Sonne scheint, wir setzen uns an den langen Tisch und trinken unseren Kaffee. Rund um uns herum Natur, der Blick von unserem Tisch bietet eine Wiese, dahinter gibt’s ein kleiner Wald aus halbhohen Bäumen und dahinter richtig hohen Langen. Irgendwo dazwischen erkennt man das Haus von Bernie`s Bruder. Es steht hinter dem kleinen Wald und sieht aus wie eine Peter-Pan-Burg. “Hola chicas, beunos dias!“, Silvia gesellt sich zu uns und es gibt für jeden einen Kuss auf die Wange. Zusammen sitzen wir draussen und sind friedlich. Dieser Ort hier ist magisch, selten habe ich so wenig gebraucht und mich so Zuhause gefühlt. „Es wäre so toll, wenn wir nun unser Großmütter hier hätten und ein wenig Kaffee trinken könnten“, meint Nora. Ich stimme ihr zu. Zu Mittag kommt Bernardo vorbei und nimmt uns mit dem Auto zu einem grossen Platz im Freien mit. Neben einem Gebäude, das irgendwie ein grosses Brockenhaus zu sein scheint, befindet sich ein Abstellplatz mit diversen Sachen und einem Grill. Mittagessen und verschiedene Leute sind hier. Die zwei Grosseltern unseres Buben auch, Meme und Alfred. Man gibt sich Küsse auf die Wangen und die Männer werfen das Fleisch auf den Grill. Zu grosse Stücke werden mit der Hand wieder weg genommen und mit einem Messer vor Ort zerteilt.
„Unsere Grossmutter hiess für uns auch Meme!“ sagt Nora zu mir. Zufälle gibts, nachdem wir heute Morgen über sie gesprochen haben. Meme ist eine energische kleine Frau, die die Familie mit einer eiserner, liebevollen Hand im Griff hat. Ihre Stimme ist leicht kratzig und sie beschwert sich immer ein wenig über alles. Uns behandelt sie wie ihre Grosskinder. Es werden mehr Stühle geholt und Plastikbecher verteilt. Friedliche Runde; wir zwei, Silvia, Bernardo, die Grosseltern und ein paar Farmmitarbeiter. Der Unterschied zwischen Jung und Alt ist hier fast nicht vorhanden. Hier begrüssen sich alle gegenseitig mit einem Kuss auf die Wange und einer Umarmung. Auch die Männer untereinander. Wieder einmal Asado oder unkompliziertes Beisammensein mit Grill. Das Fleisch wird wieder vorweg frisch geschnitten mit Brot dazu. Alle reden miteinander nur einer der Farmmitarbeiter ist lieber still. Er ist gross, hat eine Hautfarbe wie ein Indianer, schulterlanges Haar und einen immer neutraler Gesichtsausdruck. Seine Augen blicken scharf, auf seinem Kopf ist ein französisches Perret, in seiner Hand lässig eine Zigarette. Er beobachtet die anderen und will sich nicht einbringen. Ich wiederum beobachte ihn und finde ihn spannend. Er ist so atypisch hier, vielleicht wäre er lieber wo anders. „Stell dir vor, wenn ich, die die eigentlich fast niemand wirklich kennt, nun einfach aufstehen würde und dem Grossvater eins schmieren würde, einfach so aus dem Nichts.“ sagt Nora plötzlich zu mir. „Wie würden die Leute wohl reagieren?“ Wir lachen beide ab der Absurdität dieser Vorstellung und malen uns mehrere solche Situationen aus. Nach dem Essen liegen wir im Gras am Schatten bis die Ruhe zu Ende geht. Vamos! Silvia muss auf den Bus. Wir sitzen im Auto. Bevor Bernardo abfährt, stupst er mich am Arm an und sagt: „Schau, ich habe Haare auf der Brust.“ Er zieht an einem vereinzelten Brusthaar und schaut mich verschwörerisch an: „Ich bin nun ein richtiger Mann.“ Ich schaue interessiert auf das Haar, das von seinen Fingern in die Länge gezogen wird und sage: „Wow, wirklich, gerade jetzt?“ „Ja.“, sagt er und schaut mich ganz stolz an. „Erstaunlich!“, gebe ich zurück. Dann dreht er die Musik auf und wir klatschen alle im Takt dazu, während das Auto auf die Strasse rausfährt. Es sind genau diese unsinnigen Dinge, die die Menschen auszeichnen. Er kreierte die Situation aus dem Nichts und ich liebe ihn dafür. Wir sind angekommen und Silvia muss gleich los, wieder mal ein Abschied. Ein Schneller. Viele Küsse und Versprechen, das wir uns wieder sehen werden. „Amigas por siempre.“, sagen wir uns und sie springt davon zum Bus. „Dale dale!“, ruf ich ihr hinterher.
Das Nachtessen findet dieses Mal Zuhause bei den Grosseltern statt. Ihr Haus liegt noch mehr irgendwo im Nirgendwo und hat eine lange Einfahrt. Davor liegt ein sorgfältig gepflegter Garten, der mit Schwänen aus Keramik geschmückt wurde. Drinnen universeller Oma Stil: Rüschen-Vorhänge, alte Buffets, in denen Sachen sorgfältig zur Schau gestellt werden und viele Bilder von all ihren Kindern und Kindeskindern. Sie zeigt uns alle und erzählt von jedem. Es gibt kaltes Asado, sie würde es aber auch aufwärmen, wenn wir es wollen würden. Sowieso sollen wir uns fühlen wie Zuhause. So viel essen, wie wir wollen oder eben nicht. Wir fühlen uns sofort wohl. Bernardo schneidet sich auf einem Brettchen kleine Stücke Fleisch ab, übergiesst sie mit Zitrone und drückt Mayonnaise daneben. Dazu gibt es Brot wie immer und Reissalat hat es auch. Irgendwie essen wir auch immer am meisten von allen hier. Man macht sich mittlerweile schon darüber lustig. „Möchtet ihr schiessen gehen?“, fragt uns Bernardo’s Grossvater nach dem Essen. „Claro.“ Das Auto wird starklar gemacht. Die grosse Lampe wird am Automotor angeschlossen und vom Grossvater hinten mit auf die Ladefläche genommen und wir düsen los auf das Feld, rein in den ganz guten Moment.
Ich höre den Schuss immer noch hallen. „Hat es noch mehr Patronen darin?“, frage ich. „Si, Claro“, meint der Grossvater. Also los, ich schiesse drei Mal. Einfach so, weil ich es kann in diesem Moment. Es wird brenzlig, der Vogel merkt es auch und fliegt davon. Ausrufe von Bernard und seinem Grossvater. Ich habe den Vogel nicht getroffen. Bin erleichtert. Das Auto setzt sich in Bewegung, der Scheinwerfer sucht im Gras nach neuen Opfern. Ich muss lachen. Eine tolle Truppe! Die Lustigen. Sie rasen mit uns in einer Selbstverständlichkeit um elf Uhr nachts sinnlos auf einem Feld herum, mit Gewehr und Scheinwerfer um Vögel abzuknallen. Ich würde nichts lieber tun. Uruguay ich liebe dich! Während dem Fahren sitzt der Grossvater nicht ab, sondern steht die ganze Zeit mit der Leuchte, um den Weg zu weisen, sonst ist alles Dunkel. „Uruguay hat einfach zu viel Land und viele Männer, die sich hier mit „Mann-sein“ beschäftigen können. Deshalb passieren hier so Situationen.“, meint Nora schmunzelnd zu mir. Sie hat recht. Hier blüht das Bubenherz jedes Mannes auf. Wir düsen weiter, ich sitze und die Flinte liegt auf meinen Beinen, meine Finger halten sie fest. Ich gebe Acht, dass ich dem Abzug nicht zu nahe komme. Wir merken, dass uns etwas auf dem Feld in der Dunkelheit folgt. Wir halten, der Leuchter steigt aus und gibt mir die Lampe. Dann geht er zum Zaun und drückt ihn mit seinen Schuhen runter. Ich scheine hinter uns auf das Feld. Diverse Augenpaare leuchten mir im Dunklen entgegen. Schwarzweiss gefleckte Kühe in einer Herde starren uns an. Der Grossvater klettert wieder auf die Ladefläche, ich reiche ihm die Lampe. Wir sind wie ein eingespieltes Team. Vögel suchend düsen wir weiter und die Kühe rennen uns nach bis an den Zaun. Das Jagdfieber hat mich gepackt. Ich überlege mir, ob ich das nächstes Mal auf den Vogel zielen soll, einfach um zu wissen ob ich es könnte. „Nein mach das nicht.“, meint Nora. Aber ich fühle mich hier als Jägerin, die Natur ist wild und ich hab eine Flinte. Normalerweise bin ich dagegen Tiere aus Spass umzubringen, aber hier, jetzt in dem Moment, erscheint mir das nicht so wichtig. Spinnen und Käfer habe ich ja auch schon getötet, wo liegt der Unterschied zu einem Vogel? Wir rasen über’s Feld, immer wieder klatschen Käfer oder Mücken in mein Gesicht. Der gelbe Lampenschein sucht unaufhörlich das Feld ab. Ich überlege immer noch, ob ich den nächsten Vogel töten soll oder nicht. Nora hinter mir sitzt auf der Ladefläche, eingemummelt und schaut in die Sterne. Wir passieren diverse Zäune. Ich fühle mich als Teil einer Gang. Wir sind wild und gefährlich. Ich stelle mir vor, dass wir immer in der Nacht mit dem Auto die Nachbarschaft terrorisieren und Schutzgeld verlangen würden. Nora sieht uns eher als irgendwelche Überlebende auf der Flucht. Wieder Walking Dead Feeling. Leider deutet der Grossvater aber schon wieder zum Haus und ich kann gar nicht entscheiden, ob ich noch einen Vogel töten will, denn es gibt gar keinen mehr. Für heute ist fertig rumgeräubert. Oma Meme empfängt uns.
Im Haus versucht sie uns nochmals den Schokoladenkuchen, den sie schon zu Mittag loswerden wollte, zu verkaufen. Leider will niemand. Bernardo schneidet ihn aus Solidarität auf und jeder isst ein halbes Stück. Alle Omas wollen immer, dass man isst.
13. Dezember, Riachuelo by Nora
Heute Mittag gibt es Asado. Natürlich gibt es das, was denn sonst. Bernardo kommt vorbei, wir sind wieder einmal Zuhause, schreiben und sind einfach. „Vamo, vamo“, hören wir ihn schon, als der Gute zum Auto rausspringt. Wie immer passierte lange nichts und dann ganz plötzlich gehts los. Wie der Moment beim Start in einem Flieger, bevor man sich wegen einer Stunde Verspätung sinnlos im Sitz gelangweilt hat. Sofort springen wir auf, ziehen unsere Schuhe an und steigen auf die Ladefläche. Wären wir seine Hunde, wir wären echt gut erzogen. Irgendwo gehts hin, wir haben natürlich wieder mal keinen Plan wohin genau, aber es ist uns auch egal. Fünf Minuten Fahren später biegen wir in eine Einfahrt hinein, fahren auf einen Hinterhof mit einem angefangenen Haus und einem Haufen Krempel. Unter einem Baum stehen schon die Plastikstühle und Tische bereit, der Grill gleich neben an und das Feuer brennt schon. Die Grossmutter, die Meme genannt wird, mit violett lackierten Fingernägeln und Leoparden Oberteil lernen wir nun kennen, ebenso den dazugehörenden Grossvater, dessen Gesicht nur aus Nase zu bestehen scheint. Ich mag sie beide sofort. Tischtücher hat sie mitgebracht die Gute und einen Lappen, um die Tische zu putzen. Unter dem Tisch entdecke ich einen Mops, der irgendwie so gar nicht ins Bild hier passt und immer wieder von der Grossmama mit Liebe überschüttet wird. Und grosses Kino; heute gibts zu Fleisch und Brot sogar Salat. Reissalat mit Eiern drin und vereinzelten Erbsen aus der Büchse. Das Fleisch brutzelt in der Sonne über dem Feuer und wir alle inklusive Bernardo’s Farmarbeiter, um die es bei der Fütterung hauptsächlich geht, sitzen unter einem riesigen Baum und trinken Zuckergetränke und Mate. Sein Erzeuger ist mit von der Partie, hier wird sogar ein einfaches Mittagessen zum Familienfest. Das Fleisch dauert nicht lange und Bernardo läuft mit Plastikteller und geschnittenen Stücken herum und versorgt alle fein säuberlich mit Nahrung, uns immer als erste. „Para mi hermanas.“, meint er. „Gracias senor!“, geben wir zurück. Irgendwie sind wir heute nicht so in Redestimmung, sitzen am Rand der Runde und geniessen einfach das Nichtsreden. Während wir so dasitzen und Essen, schaue ich den Mops an, wie er so dick und feiss dasitzt und immer wieder mal von irgendjemandem gestreichelt wird. Noëmi scheint fasziniert von dem abseits sitzenden Uruguayer mit dem Perret, der etwas von einem französischen Poeten hat, aber von einem dem nie was glückt. Der Mops hechelt ununterbrochen vor sich hin, wie die Möpse das halt so machen, während ich versuche die vitaminlosen Erbsen aus dem Reissalat zu picken mit der Hoffnung, dass sie zum Fleisch doch noch ein paar zusätzliche Nährwerte abgeben. Sehr wahrscheinlich relativ sinnlos. Es wird gegessen und getrunken, die Grossmutter schimpft ab und zu über irgendwas und gibt sich dann wieder von der freundlichen Seite. Ein kleiner Haudegen, der den Haufen hier im Griff zu haben scheint. Mit ihrem grossen kleinen Liebling: dem Mops. Wie ich da so sitze und einfach den Moment geniesse, verfalle ich ins Tagträumen. Was wenn ich jetzt einfach etwas völlig unerwartetes in der fremden Runde machen würde, wie zum Beispiel dem Grossvater eine Schmieren? Würden sie mich dann zum Teufel jagen? Wahrscheinlich schon, Noëmi meint das auch. Ich stelle mir vor, wie ich dem Hund ein Stück Fleisch abgeben und er sich daran verschlucken würde. Ich sehe ihn sich keuchend und hustend, noch mehr als normal, im Kreis drehen. Irgendwie schnell, aber doch auch wieder nicht so schnell, da dies wegen seiner ungelenkigen Postur gar nicht so einfach wäre. So würde Bewegung in die ruhige Runde kommen, wie in einen Ameisenhaufen, in den man mit einem Stock hineinsticht. Die wild gemusterte Grossmutter würde in Panik die Hände über den Kopf werfen, versuchen zu helfen und dabei alles irgendwie schlimmer machen. Die Männer wären gänzlich überfordert mit allem, der Gehilfe mit der Schiebermütze würde ziemlich sicher einfach weiter essen, während der Französische vielleicht schon ein Gedicht über die Szene am verfassen wäre. Bernardo würde hektisch umher rennen. Wohin und wieso er genau rennt weiss ich auch nicht, aber es wäre auf jeden Fall hektisch. Der arme Mops ist in meiner Vorstellung ist mittlerweile völlige gestresst, hauptsächlich durch die Leute und erleidet einen tragischen Herzinfarkt. Und irgendwie würde das arme Tier auf dem Rücken liegen und alle Vieren steif in den Himmel von sich strecken, da bin ich mir sicher. Ein toter umgekehrter Mops inmitten von massenhaft Fleischstücken. Ich erzähle es Noëmi und wir lachen im Gras. Ich picke weiter nach Erbsen und frage mich, ob andere auch manchmal solche merkwürdigen Tagträume haben.
Sauerkraut und frische Orangen
8.-12. Dezember, Riachuelo by Noëmi
Glühwürmchen blinken auf wie kleine Blitze in der Luft. Wir sitzen auf der Strasse vor dem Haus von Bernardo’s Vater, er nennt ihn „Papo“. Er, Bernardo und Juan ein Freund teilen sich ihren Mate. Soziale Sache dieser Tee, viel besser als das Internet. Im Baum hat es ein Glühwürmchen, das immer wieder aufblinkt. Wie schön. Hier sind es eher Blinkwürmchen. Grillen summen, die Nacht senkt sich langsam über uns. Nora isst neben mir gerade Orangen. Wir haben sie vorher frisch vom Baum gepflückt und wurden dabei ein wenig gierig. Die Orangen sind die besten, die wir jemals gegessen haben und wir haben unseren Rucksack mit zehn mehr davon gefüllt. „Am Wochenende gibt es in der Schweizerkolonie (ja das gibt es hier!) ein Bierfest“ sagt Bernardo’s Vater. Seine Stimme ist tief, weich, beruhigend und bestimmt. So wie er. Vom ersten Wort an, wollten wir nicht mehr von seiner Seite weichen. Er soll immer weiter reden und ich will immer zuhören. Am liebsten würde ich seine Stimme heimlich aufzeichnen und sie dann Abends zum einschlafen abspielen. Wir sind hingerissen von seiner Person. Irgendwie will ich ihm auch immer gefallen, ihn mit Stolz erfüllen und Lob erhalten, wie von einem stolzen Grossvater. Möchte, dass er mich als einen Teil seiner Familie ansieht, wieso weiss ich auch nicht. „Am liebsten würde ich ein ganzes Hörbuch von Papo hören!“, meint Nora zu mir. „Ja, ich auch.“, erwidere ich. „Vielleicht sollten wir ihn nicht immer Papo nennen, das versteht jeder und dann weiss er, dass wir von ihm sprechen.“, sagt sie. Stimmt, denk ich mir und überlege mir Alternativen. „Wie wär’s mit Produzent? Der Produzent von Bernardo.“ „Jap und der Grossvater ist der Grossproduzent.“, meint sie Orangen essend zu mir. Es ist nun schon fast neun Uhr und Bernardo hat irgendwelche Pläne für den Abend. Gegessen haben wir noch nicht, dafür aber waren wir live dabei bei der Befruchtung von zwei Kühen oder beim ‚hacer amor con las vacas’ nach Bernardo’s Worten und wenn wir Glück haben, werden in ein paar Monaten eine Noëmi und eine Nora geboren. Festes Versprechen von Bernardo. „Nos Vemos“, sagt Bernardo neben mir plötzlich zu seinem Erzeuger. Es geht ruckzuck los, die Gemütlichkeit ist fertig. Wieder einmal fahren wir im Auto irgendwo hin, halten sonst wo und werden dann in das Zuhause von Fremden geführt, die uns wie Freunde willkommen heissen. Asado auf dem Grill und fremde Freunde drum herum. Brot auf dem Tisch und erstaunlich guter Wein aus dem Tetrapack. Wir werden ganz normal behandelt, man gibt uns keine besondere Aufmerksamkeit, wir werden eher natürlich nebensächlich in die Konversationen eingebunden. Früher habe ich mir oft überlegt, wie ich mich in einer Gruppe mit vielen neuen Menschen am besten verhalten soll. War unsicherer, habe mir so viele Gedanken gemacht über alles. Soll ich nun allen Besteck verteilen? Jeden fragen, ob er auch Wein will? Wo soll ich mich am besten hinsetzen? Mögen mich die anderen? Solche Gedanken habe ich abgestellt, bin einfach genauso, wie ich auch bei meinen Freunden wäre. So funktioniert es am besten. Jeden Abend essen wir hier bei jemand anderem. Jeder ist hier immer willkommen und kann jederzeit spontan noch Freunde mitnehmen. Essen ist immer in Massen vorhanden. Ich liebe diese soziale Art der Uruguayer. Hier sperrt niemand sein Haus ab. Bei einem Freund im Haus zu warten, der noch nicht da ist, ist völlig normal. Ich liebe das. Wir sitzen um das Feuer, das Fleisch wird auf einem Brett immer wieder direkt vom Grill kommend aufgeschnitten und Brot mit den Händen in Stücke zerteilt. Wir witzeln herum und reden darüber wer einen Freund hat oder mehrere und wer verheiratet ist und wer nicht. Nachdem Essen sind wir hundemüde und brechen nach Hause auf. Die Nacht über uns, das Auto auf der Straße und Palmen links und rechts. Ich will das Fenster runterlassen, es funktioniert nicht ganz. Bernardo lässt es auf der anderen Seite immer wieder rauf. Immer für so kleine Witze zu haben der Gute. Zuhause schlafen ich und Nora wie Steine auf dem Sofa, nachdem Bernardo uns wieder einmal mehr sein Bett angeboten hat und wir ablehnten.
Nach wenigen Tagen schon haben wir uns hier ganz dem Farmerleben hingegeben. Wir kennen immer mehr Leute und noch viel mehr Hunde. Heute über den Mittag kochen wir für Bernardo und Felipe seinen Farmkompadre, nicht der Schlauste und ganz so wie man sich einen Gehilfe auf einem abgeschiedenen Bauernhof vorstellt: Schräge Schiebermütze, zu grosse Kleidung, etwas grummlig und ansonsten eher still aber doch irgendwie nett. Danach halten die zwei einen kurzen Mittagsschlaf wie jeden Tag und gehen dann wieder arbeiten, ich und Nora backen zu Weihnachtsmusik Mailänderli. Irgendwann kommt Bernardo’s Auto wieder angefahren. Die Sonne geht langsam unter und wir kletterten hinten auf die Ladefläche seines Autos, eine Aufforderung braucht es schon gar nicht mehr. Wir wissen was kommt und fahren hinten mit zu den Kühen. Jeden Tag dasselbe Ritual: Zur Dämmerung zu den Kühen, mit dem Vorhaben sie von der Weide in das kleinere Gatter zu bugsieren. Wir laufen der Sonne entgegen, hohes Gras um die Waden, die Horde Kühe mit Kälbern vor uns hertreibend. ‚Dale dale' rufen und formatiert nebeneinander hergehen, keine wird zurück gelassen. Mit dem Staub und der hinein scheinenden Sonne sieht es hier immer aus wie in einem Western. Dann wenn alle Kühe am richtigen Ort sind, muhen sie laut und rufen nach den dazugehörenden Kälbern. Wir setzen uns ins Gras und beobachten die Riesen, schauen ob sie sich fruchtbar verhalten. Mate wird getrunken, in Spanisch über den Alltag geredet. Kälber streiten herum, beäugen uns neugierig, rennen umher und trinken Milch von ihren Müttern. Rundherum nur Grillen, Bäume, Felder und sonst nichts. Die Sonne leuchtet immer schräger und ihr Licht wird goldig. Dies ist hier meine Lieblingszeit. Wir sind tiefenentspannt. Zeit ist hier nichts, was man plant. Man hat sie einfach. Zuhause in der Schweiz hetze ich öfters von einem Ort zum anderen, um alles zu erledigen, alles zu erleben. Die Uhr tickt immer irgendwie, jede Sekunde zerrinnt sofort und Monate rasen an mir vorbei wie zu schnelle Autos auf der Schnellstrasse. Die Schweiz, beherrscht von zwei Zeigern im Zifferblatt, immer pünktlich, immer ohne Zeit. Ich habe das Gefühl, hier hält die Zeit länger, ist vollwertiger. Sich Zeit zu nehmen um Zeit zu haben, ein wertvolles Gut. Das trockene Gras pickst durch meine Hosen.
„Dale, Vamos“ ruft Bernardo urplötzlich und steht auf. Wieder folgt ein rapider Aufbruch auf die Stille. Bernardo ist ein Unikum von einem Menschen. Immer unter Strom, der innere Drang sich zu betätigen muss bei ihm unvorstellbar gross sein. Jeden Tag ist er bester Laune, kümmert sich liebevoll um seine Tiere und nun auch um uns. Er ist ein Schatz von einem Menschen und ich möchte es nicht missen ihn zu kennen. Mittlerweile hat er sogar unsere Namen behalten, nennt uns aber trotzdem meistens konsequent einfach Lisa oder Nadine oder sonst wie. Er redet immer viel und laut, keine fünf Sätze vergehen ohne einen Witz. Dunkle Locken um das schöne Gesicht, sympathische Lachfalten um die Augen. Die Männer hier sind Gentlemen, helfen einem beim Aussteigen aus dem Auto, lassen einem nichts Schweres heben. Wir klettern wieder auf die Ladefläche, wo wir hingehören und knien uns aufrecht hin mit dem Gesicht in Fahrtrichtung, fahren macht so am meisten Spass. Wir können in dieser Position über den vorderen Teil des Autos auf die Strasse blicken. Sorgen um unsere Sicherheit sind schon lange abgelegt. Hier passiert nie etwas, zumindest nicht in unserer Vorstellung. Was für ein Leben, auf der Ladefläche des Pickups düsen wir begleitet vom Sonnenuntergang durch das klitzekleine Dorf. Wir kennen schon fast alles hier. Zuhause erfahren wir dann noch von der örtlichen Zumbastunde. Bis zum Abendessen dauert es eh noch ewig und logisch gehen wir hin. Sport BH aus dem Rucksack fischen und los. Es ist dunkel draussen, Taschenlampen sind für Anfänger und wir sind schon lange Fortgeschrittene. Überall erscheinen kurze Blitze in der Luft, auf dem Feld und in den Bäumen. Die Glühwürmchen leisten ganze Arbeit und machen den Weg zu einem Erlebnis.
Auf der Strasse biegen wir rechts ab und laufen 50 Meter weiter bis zur Kirche. Zumba in der Kirche, ich liebe dieses Volk immer mehr. Vor der Kirche stehen etwa zehn Frauen in Sportkleidung, es ist also wirklich kein Witz. Wir gucken zum Fenster rein und drinnen findet gerade noch eine Kraftstunde statt. Die ganze Kirche ist in einen improvisierten Fitnessraum umfunktioniert worden. Sinnvoll. Ich stelle mir vor, wie ein tiefbraver, stocksteifer Pfarrer diesen Vorschlag aufnehmen würde. Den heiligen Ort mit schwitzenden Menschen entweihen. Unvorstellbar! Wir haben noch Zeit und holen im Supermarkt drei Flaschen Bier für das Essen danach. Zurück bei der Kirche geht die Stunde gleich los und wir platzieren unsere Biere unter der Madonna in der Ecke. Sie wird gut aufpassen. Reggaeton Musik hallt durch den Kirchensaal, wir schütteln unseren Körper dazu, schwingen die Hüften, Kreisen die Arme im Takt und schwitzen. Hinter mir tanzt ein ambitionierter älterer Herr, seine Bewegungen zeugen von Erfahrung. Ich konzentriere mich so auf die Instruktorin, dass ich mich immer unbemerkt nach vorne in ihre Richtung bewege, wie eine Motte zum Licht. Irgendwann realisiere ich, dass ich nun mit Abstand die Vorderste bin und hüpfe zurück in die Reihe. Tropisch heiss ist das Klima und der Schweiss läuft mir über das Gesicht. Nach jedem Lied beklatschen wir uns alle selber. Gut gemacht! Zum Schluss wird noch gedehnt. Maria hat die Cervezas beschützt und jeder geht nun in der Dunkelheit seinen Weg. Wir Richtung Asado, schon wieder, dieses Mal bei uns Zuhause. Am Tisch sitzend applaudieren wir zusammen mit Freunden dem Grillmeister Bernardo zu und feiern einen weiteren gelungenen Tag mit Fleisch.
Schweizer in Uruguay, by Nora
Seit wir hier angekommen sind, haben wir Folgendes festgestellt: Das kleine Land empfindet eine fast unheimliche Faszination für das noch Kleinere, Uruguay verehrt die Schweiz. Fondue, Demokratie, Berge und eine Gesellschaft in der alles perfekt funktioniert - das uruguayische Bild der Schweiz lässt uns wirklich im besten Licht erstrahlen. Silvia aus Punta del Este in Uruguay, eine gute Freundin von Bernardo hält uns während eines gemeinsamen Abendessens einen ganzen Vortrag über die Schweiz. „Unglaublich wie anständig ihr alle seid, kein anderes Land hat eine so optimierte Form des Zusammenlebens.“ Eine Kollegin von ihr die in Zürich war, erzählte ihr, dass sie einen Schweizer vor sich herlaufen sah, der eine Zigarette mehr als hundert Meter mit sich trug, um sie dann in einem Abfalleimer zu entsorgen. „Bei euch sind alle anständig.“ Silvia ist hellauf begeistert von den zwei Suizas guapas am Tisch, sie selbst ist aber noch nie im Land der Träume gewesen. Für den nächsten Abend planen wir zusammen mit Bernardo und seinem Erzeuger dem Festival de la Cerveza in der Colonia Helvecia einen Besuch abzustatten. Schweizer Fondue, Bier und Musik, das müssen wir natürlich sehen!
Nach dem Kühetreiben am nächsten Tag fahren wir also zu viert ins Schweizer Mekka. Natürlich sind wir wieder so spät, dass wir fast einen Hungertod erleiden, doch kaum angekommen gibts zum Glück auch schon den ersten Fondueteller. Nicht ganz so cremiger, weicher Käse in einem Plastikbehälter und Brot ohne Geschmack. Trotzdem lassen wir’s uns schmecken und geben uns etwas dem Weihnachtsfeeling hin. Essend stehe ich unter einer Fahnenstange, an der alle unsere Kantonsflaggen vertreten sind. Von irgendwoher wehen Schweizer Ländlermusik und Kuhglocken Geräusche zu mir herüber und ich brauche irgendwie einen Moment, um zu checken wo ich bin. Danach essen wir frittierte Ravioli, anscheinend auch eine Schweizer Spezialität. Aha, interessant. Sogar Sauerkraut aka Chucrut und eine Art Bratwurst findet man hier, doch besonders das Sauerkraut trifft bei den Uruguayern auf keine grosse Bewunderung. Wir lieben es! Und was sie nicht wissen: es ist das einzige Essen, was wirklich sehr ähnlich wie Zuhause schmeckt. Wir treffen matetrinkende Leute in Trachten und Deutsch spricht leider niemand. Nach dem Essen gehen wir alle vier zur grossen Festivalbühne, auf der eine uruguayische Band Musik macht. Davor sitzen Leute in kleinen Campingstühlen, keiner steht und ich sage zu Noëmi: „Die kleinen Uruguayer, die sich noch kleiner machen.“ Wie Riesen fühlen wir uns, als wir durch die tief sitzenden Leute durchlaufen bis ganz nach vorne direkt vor die Bühne. Niemand tanzt, wir schon. Wir rauben den Leuten die Sicht, doch Noemi meint nur lachend im Tanzen: „Wir dürfen alles, wir sind hier die Originale.“ Die originalen tanzenden Schweizer im stillsitzenden Lateinamerika. Wer hätte das gedacht.
Einen Tag später muss ein richtiges Schweizer Essen her, finden wir, nachdem gerade mal knapp zweitklassiges Fondue und den frittierten Ravioli. Eins führt also zum anderen und wir wollen die Jungs mit wirklichem Schweizer Essen beeindrucken. Dazu planen wir selbstgemachte Spätzli mit einem riesigen Eintopf aus Gemüse, Fleisch und Rotweinsauce. Zum Desert einen Orangenkuchen - natürlich. Schon am Mittag beginnen wir zu kochen und lassen es auf alle Arten ausarten. Da man nie weiss, wer noch erscheinen wird, machen wir von allem viel zu viel. Topf für Topf, so ziemlich alle Teller und Besteck ohne Ende werden verwendet. Jede Schublade wird geöffnet, über zwei Stunden mit dem aus den 70ern stammenden Gasofen gekämpft und leichte Angstattacken vor Explosionen durchlebt. Ich wasche ab, zum tausendsten Mal, eine Abwaschmaschine gibt es nicht und das Waschbecken ist zu klein. Aber in unserem neuen Landfrauen Dasein ist das alles kein Problem und wir schmeissen den Laden, als wäre es unser eigener. Dazu läuft ständig Musik, es wird getanzt, Silvia kommt dazu und bietet uns Tequila und Marihuana an, was wir dankend ablehnen. Über eine Stunde werfen wir Teigfäden in kochendes Wasser. Bernardo kommt nach Hause und ruft zur Tür herein: „Was bin ich nur für ein glücklicher Mann, ich komme nach Hause und drei Frauen sind schon da!“ Er kommt zu mir, legt mir zur Begrüssung den Arm um die Schulter und drückt mir einen Kuss auf die Wange. „Las suizas que non van“, singt er immer wieder. Die Schweizerinnen, die nicht gehen. Wollen wir auch nicht.
Um zehn Uhr sitzen wir - Bernardo, sein Papo, Silvia, Noëmi und ich, beim Abendessen um heisse Töpfe und duftenden Kuchen. „Nächstes Jahr müsst ihr wieder kommen und mich dann auch in meinem Haus in Punta del Este besuchen“, meint Silvia. Und sowieso, wieso wir eigentlich nicht bis nach Weihnachten bleiben würden? „Tengo cuatro hermanas - vier Schwestern“, erzählt sie und sie gehen oft zusammen reisen. Alle um die dreissig, alle ohne Mann und Kinder, frei wie Vögel. Sie mag es unabhängig zu sein, meint sie. „Nächstes Jahr werde ich mein Studium in Spanien als Anwältin fortsetzten, bis dahin muss ich aber noch eine Zweitsprache lernen.“ „Komm uns dann auf jeden Fall besuchen“, meint Noëmi und wir schmieden Pläne über eine Europareise, bei der es auf jeden Fall auch nach Italien gehen müsse, weil Silvia da die Männer mag. „Ich hatte einen Freund in Spanien. Er war gerade daran unsere Hochzeit zu planen, als ich in Uruguay einen Italiener kennen lernte und mich hoffnungslos verliebte.“ Tja aus der Hochzeit wurde dann nichts mehr. Silvia erzählt uns, dass wir als chinesische Sternzeichen Pferde seien. „Ihr liebt eure Freiheit, seid leidenschaftlich, doch wenn ihr liebt dann richtig.“ Einverstanden. Papo möchte Nachschlag und den kriegt er natürlich. Bernardo bringt Mezcal und irländischen Likeur. „Como va con Tinder?“, frage ich ihn. „Nada.“, antwortet er.
Aus anfänglich mal zwei geplanten Tagen hier wurden drei und aus drei wurde noch mehr und noch immer wollen wir eigentlich nicht weg. Jetzt schon gar nicht mehr. Wir haben uns so schnell in das Farmleben eingelebt, wie Bernardo Auto fährt. Jeden Morgen werde ich beim Rausgehen als erstes von Pinga wild begrüsst. Freude und Energie scheinen sie manchmal so auszufüllen, dass ich mir schon fast Sorgen darum mache, ob sie bald innerlich platzen wird. Kein Platz für so viel Leben in dem kleinen Körper. „Jaja das Leben ist unheimlich aufregend“, sage ich zu ihr, während sie versucht mein Gesicht möglichst effizient abzulecken. Bernardo ist um diese Zeit schon weg, jeden Morgen macht er sich um sechs Uhr auf den Weg, um nach den Kühen zu schauen. Ich setze mich dann an den langen Holztisch vor dem kleinen Haus. Er muss lang sein, man weiss nie, wer noch zum Essen vorbei schaut. Zusammen mit Noëmi beginne ich den Tag immer gleich. Kaffe, einen Haufen kleiner Orangen und Omelette vor uns. Der Honig dazu im grossen Glas ohne Etikett zum Frühstück ist der beste, den ich je gegessen habe. „Heute könnten wir in die Stadt fahren.“, meint Noëmi. „Oder wir könnten einfach hier bleiben und was kochen.“ Tönt perfekt. Wer einmal hier ist, will nicht mehr weg. Die Stadt scheint eh irgendwie zu einer anderen Dimension zu gehören, auch wenn Colonia des Sacramento eine wunderschöne Altstadt zu bieten hat. Danach beginnt unser „Alltag“ hier. Wir versorgen unser Kram, legen die Decken zusammen, damit das Sofa im Wohnzimmer frei wird, räumen die Küche auf, tun ein bisschen dies, ein bisschen das. Zum Mittag klopft es an der Tür. Filipe mit der Schiebermütze steht da und fragt: „Gibt es was zu essen?“ „Nein, wir haben nichts gemacht“, meine ich. Verdutzt schaut er mich an und meint er habe aber Hunger. Schlechte Hausfrauen sind wir, doch wir wissen uns zu helfen. Im Handumdrehen mixe ich ihm ein Omelett zusammen; Eier, Knoblauch, Zwiebeln und Gewürze, dazu viel Mehl als Energiespender und frittiert in Öl. Deftig heftig für den Bauernjungen. Er mag’s. Ich fange an das Essen für den Abend vorzubereiten, Noëmi saugt das Wohnzimmer und Bernardo ist bei den Kühen. Idyllische dreier Ehe im Bauerndorf. Danach vertun wir uns mit schreiben, besuchen mehrmals täglich den zweihundert Meter entfernten winzig kleinen Supermarkt, weil wir doch noch was brauchen oder werden von Bernardo zu irgendwelchen Kühen mitgenommen. Ich lerne Traktor zu fahren und Noëmi wie man mehr oder weniger ladylike Kamera haltend oberhalb des hünenhaften Traktorrads sitzt. Am späten Nachmittag kommt Bernardo nach Hause und ruft „hola Lisa, hola Nadin“ zur Tür herein. Wir rufen „hola Frederico“ zurück. Darauf folgt ein Kuss von ihm zur Begrüssung. Zusammen mit dem Hund gehen wir zu den Kühen, sitzen da in der Weide, beobachten und trinken bitteren Mate. Manchmal fahren wir auch einfach irgendwo hin an einen schönen Ort, um einen Mate zu trinken. Es heisst dann immer: „Vamos a tomar Mate.“ Um mehr geht es nicht, mehr braucht es nicht. Abend für Abend gibt es Essen mit Freunden, immer bei jemand anderem, hier isst niemand alleine. Die Hunde scheinen genau das gleiche System zu verfolgen, immer wieder trifft man sie in verschiedenen Gruppen an verschiedenen Orten an. Sie können hin wo sie wollen, welcher Hund genau zu wem gehört, wissen wir gar nicht.
Am Abend sitze ich mit Bernardo auf dem Sofa und wische mich mit ihm durch Tinder. Er zeigt mir Fotos von Frauen und ich antworte mit „si“ oder „no“. Der Spass dauert aber nicht lange, nach drei Frauen ist die Auswahl schon alle hier. Armer Bernardo. Aber immerhin, ein Match hat sich ergeben. „Was schreibst du ihr jetzt“, frage ich. „Ich frage sie, ob sie ein Bier trinken kommt“, meint er. „Aber am liebsten treffe ich mich mit Tinderbekanntschaften eigentlich direkt hier Zuhause oder irgendwo an einem einsamen Strand.“ Erscheint sinnvoll bei den uruguayischen Tinderabsichten.
Freundliches Farmleben
8. Dezember, Riachuelo, Uruguay
Ich sitze auf einem grossen Stein im Garten und Pinga, die sechs Monate alte Boardercollie Hündin kommt mir schwanzwedelnd entgegen. Sie scheint immer innerlich vor Freude zu platzen und nicht zu wissen, wohin mit ihrer jungen Energie. Im Schlepptau Kimbo, die nach Zuwendung lechzende, ruhigere und ältere Version von Pinga. Schülerin und Lehrmeister. Pinga schaut mich eine Sekunde lang mit ihren lustig nahe beieinander sitzenden Knopfaugen an, bevor sie mit aller Überzeugung versucht mein Gesicht abzulecken. Es weht ein angenehm warmer Wind hier, der die langen Gräser um mich herum ins Wanken bringt. Vor mir steht das kleine Häuschen aus weissem Stein, aufgehängte Wäsche und ein grosses Netz davor, alles windet ruhig vor sich hin. Der Wind ist hier irgendwie sanfter, wärmer und freundlicher. Im Hintergrund zirpen ein paar Grillen und rundherum gibt es Natur soweit das Auge reicht. Die Landschaft erinnert mich ein wenig an Italien, viele tiefe Gebüsche und Bäume, trocken und doch grün. Vogelgezwitscher mischt sich in das Zirpen, macht alles noch friedlicher. Hier wirkt alles fast schon unglaubwürdig harmonisch und mich packt das Gefühl, in so einem amerikanischen Farmroman gelandet zu sein, in dem die Leute Finn und Wendy heissen und jeder jeden grüsst, während sich die Männer dabei an den Hut tippen. Stattdessen befinden wir uns aber in Riachuelo, einem kleinen Ort auf dem Land in Uruguay ganz in der Nähe der Kolonialstadt Colonia del Sacramento. Einer der wenigen Ortsnamen hier, der nicht mit ‚Punta del‘ anfängt. Bernardo der Hausbesitzer und gleichzeitig unser Couchsurfer Host gönnt sich gerade eine Siesta drinnen. Er musste schon um sechs Uhr morgens raus, seine Kühe kennen kein Ausschlafen.
Noch vor einem Tag befanden wir uns in Montevideo beim Frühstück und hatten wieder einmal keine Ahnung, wo es uns als Nächstes hinspülen wird. Doch wie jedes Mal liessen wir uns treiben, nahmen alles wie es kommt und es hat sich gelohnt. Ein paar Nachrichten auf der Couchsurfer Website und schon ein paar Minuten später bekamen wir eine Antwort von Bernardo. Er lebe auf einer Farm und könne gerade etwas Hilfe gebrauchen. Am Abend gebe es Pizza mit Freunden, das uruguayische Fussballfinale stand an. Klar, wir sind dabei! Zwei Stunden später sitzen wir im Bus, auf ins fremde Unbekannte, dieses Mal ist es der Westen Uruguays. Wir fahren mit immer mehr Hunger und kommen vier Stunden später an einem Busbahnhof an. Ein Gebäude mit haufenweise Bussen vorne dran und Strassen die davon weg führen. Wir steigen aus, sind wie jedes Mal glücklich, unsere Rucksäcke wieder sicher aus dem Businneren zu bergen und setzen uns vor die Station auf eine Steinbank. Dann gilt es abzuwarten. Bernardo hat uns bereits mitgeteilt, dass er zu spät dran sein wird. Wir sitzen also da, um uns herum gibt es so gut wie nichts und in solchen Momenten fragt man sich immer ein wenig, was man eigentlich genau macht. „Meinst du er kommt?“ fragt Noemi. „Wer weiss das schon. Sonst laufen wir dann einfach mal los in irgendeine Richtung“, ist meine Antwort. Sorgen machen wir uns nie, es würde ja eh nichts bringen und ohne Plan ist jeder Ort richtig, an dem wir landen. Wir nutzen die Zeit und stürzen uns auf die Empanadas im vorhandenen Mini-Imbiss und gerade als wir einen heissen Kaffe vor uns haben, taucht Bernardo auf. Er begrüsst uns mit Küsschen und dann heisst es auf die Plätze fertig los. Er ist im Stress und meint halb rufend: „Vamo, Vamo!“ Wir leeren unsere Kaffees runter und folgen dem Nervenbündel vor uns.
Zu dritt auf der Vorderbank fahren wir in seinem Truck davon, unsere Rucksäcke hinten auf der Ladefläche. Sofort ist klar, Bernardo hat nicht nur ein sympathisches Lächeln, er ist es auch und zudem unfassbar lustig und wie wir gleich feststellen, immer irgendwie unterwegs, immer im Stress. „Mucho trabajo, todo es complicado.“ Er ist kleiner als wir und hat eine raue Stimme, die immer einen leicht schrägen Ton zu treffen scheint. Irgendwie erscheint er mir zu fein für das grosse Auto und die Arbeit, die er macht. Schönes Gesicht und wer hätt’s gedacht, wieder einmal einer mit Locken, in die man am liebsten ständig hineingreifen möchte. Die Uruguayer haben’s echt drauf, was die Haarpflege angeht. 300 Kühe besitzt er zusammen mit seiner Familie, was nicht so viel sei hier und ausserdem ein paar Pferde. Wir düsen (wirklich düsen!) eine Strasse entlang, rechts und links stehen Palmen und er sagt uns, was alles erledigt werden muss. Irgendwas bei einer älteren Frau abholen, danach zu einem Typen weiter, dann zum Schluss irgendwas von wegen die Kühe auf eine andere Weide treiben. Draus kommen tun wir natürlich nur mässig, so ganz logisch sind uns die südamerikanischen Pläne nie. Wir sind aber bei allem dabei. Den ersten Halt machen wir bei Theresa, einer etwa 75 Jahre alten Spanierin. Sie hat eine Garage voll altem Zeug, was alles auf unseren Truck geladen werden muss. Theresa trägt eine Strickjacke, einen langen Rock, hat eine liebe Stimme und ich würde mich am liebsten gleich mit ihr in den herzigen Garten vor dem Haus zum Tee hinsetzen. Doch nichts da, wir müssen weiter, die Arbeit ruft und die Zeit scheint viel zu knapp. Wir bringen die Sachen zu einer riesigen Lagerhalle, wo wir alles wieder abladen. Alte Kassen, Möbel aus vergangenen Zeiten, Geschirr, Kleidung und mehr findet man hier, jeder Brockibesitzer würde bei diesem Anblick feuchte Augen bekommen. Bernardo steht auf dem Truck, gibt uns die Kisten herunter und wir stellen sie irgendwo auf eine freie Stelle am Boden, danach schwingen wir uns sofort wieder auf die Vorderbank und rasen weiter. Immer im Bewusstsein, dass wir bei einer Vollbremse ungebremst durch die Vorderscheibe flitzen würden. Ich glaube, ans nicht Anschnallen werde ich mich nie gewöhnen können.
Während der Fahrt wird geplaudert. Wir verstehen uns wieder einmal wunderbar mit unserem neuen Gastgeber und er fragt uns, wie viel Zeit uns noch bleibe in Uruguay. „Etwas mehr als zehn Tage.“ „Gut, dann seid ihr für diese Zeit meine Arbeitssklaven.“ Einverstanden mit Bedingungen. Wir vordern genug Essen und Noemi Bier, was er auf einen Liter Wasser und Bier für ihn selbst runterhandelt. Er spricht schnell und mit uruguayischem Dialekt, doch damit kommen wir mittlerweile ziemlich gut zurecht. Uns wird eingebläut für welche Fussballmannschaft wir am Abend fanen müssen und ich mag den lieben Bernardo auf Anhieb. Nach einigen Minuten Fahrt befinden wir uns auch schon auf dem Land, um uns herum weite Felder und wunderbare Ruhe. Wir halten bei einem Haus, hier wohne sein Vater, erklärt er uns. Weisse Mauern, ein Innenhof und grüne Ranken die oben drüber wachsen. Kaum ausgestiegen, kommt uns die dreibeinige Hündin Tata schwanzwedelnd vor Freude begrüssen. Wieder einmal mehr ein paar sanfte Augen und eine liebe Ausstrahlung, die den Hund umgeben. Bellende, nervöse Hunde wie bei uns Zuhause in der Stadt scheint es hier in Uruguay nicht zu geben. Zum Haus dazu gehört eine grosse Scheune, mit alten Satteln, Werkzeug, Futtersäcken und unendlichen vielen Sachen mehr darin. Brauntöne, Heu am Boden und leicht dunstiges Licht geben allem eine freundliche Authentizität. Irgendwo liegt an einem dünnen Seil angebunden ein Kalb am Boden. „Se llama Joel“, meint Bernardo. Das zwanzig Tage alte Kalb sei auf dem Feld draussen fast an einer Entzündung gestorben. Grosse Augen, lange Wimpern und ein weiches Fell lassen uns natürlich gleich in ihn verlieben. Neben ihm sitzend streichle ich über seinen Kopf und er legt ihn mir dankbar in die Hände. Der vorher so nervöse Bernardo wird nun ruhiger, geht zu dem Kalb und hält ihm einen Finger hin. Als dieser anfängt hungrig daran zu saugen, gilt es Joel mit Milch und Vitaminspritzen zu versorgen. Danach steht der Kleine auf, verloren auf seinen wackligen Beinen und scheint mit der ganzen Nahrung in sich drin oder auch der ganzen Welt irgendwie nicht so ganz zurecht zu kommen. Armes, verlorenes Baby und Noëmi die sich schlecht fühlt keine Vegetarierin zu sein. Dann packen wir alles zusammen und steigen zum vierten Mal ins Auto. Keine zehn Meter weiter biegen wir in einen kleinen Kiesweg ein und rollen über einen Schotterweg zu Bernardos Haus. Rechts und links von uns gibt es grosse, gelbe und grüne Felder. Schon beim Aussteigen sage ich zu Noëmi: „Ich glaube, von hier möchte ich nicht wieder weg.“ Es scheint als würde einem der Wind hier gleich bei der Ankunft die Gelassenheit und Ruhe des Landes einhauchen.
Bernardo’s Haus besteht aus einem grossen Wohnraum, einer offenen Küche, seinem Schlafzimmer und dem Bad. Alles darin scheint mit Absicht platziert worden zu sein, hat seinen Platz und trägt zur Atmosphäre bei. Grosse vintage Lautsprecher stehen neben dem Sofa, eine Holztruhe mit Silberrand dient als Ablage in der Mitte der Küche und besonders gefällt mir das dunkle Buffet neben dem Ofen mit verschieden gefüllten Einmachgläser darauf. Wir beziehen die bequeme Couch im Wohnzimmer, nachdem wir Bernardos Angebot, dass er auf der Couch schlafen könne und wir in seinem Bett, dankend abgelehnt haben. Viel Zeit bleibt uns aber nicht und wir werden aus unserem Entzücken über die Wohnung gerissen. „Vamo“, schreit der Liebe hinter uns nach wenigen Minuten wieder durchs Zimmer und mit einem „Si senor“ gehts halb rennend wieder ins Auto. Kimbo der grosse Bordercollie springt hinten auf die Ladefläche, seine Schicht beginnt. Noch kurz beim Ortsladen vorbei, um ‚Cervezas‘ zu besorgen, die wichtigste Aufgabe bis jetzt und dann weiter zu den Kühen. Kimbo hinten kann sich nicht entscheiden, ob sich die rechte oder die linke Seite besser eignet, um den Kopf in den Wind zu halten und rennt unaufhörlich hin und her, wie ein aufgescheuchter Hase in einem Käfig. Bei der Weide angekommen, bekommt Noëmi eine Akte mit Unterlagen zu den Kühen in die Hand gedrückt und wir laufen zu viert der grossen Herde Riesen entgegen. Wie schwarze Felsbrocken stehen die wuchtigen, fast durchs Band einfarbigen Tiere auf dem Feld und schauen uns entgegen. Gut haben wir den Farmer dabei, denke ich mir meiner mickrigen Gestalt gegen ihre mehr als bewusst. Doch es ist alles ganz einfach und im Handumdrehen haben wir die ganze Herde in Bewegung gesetzt und treiben sie auf ein kleineres Feld, dazu rufen wir ‚dalle dalle’ und laufen langsam hinter den letzten Tieren her. Das ganze wird durch einen spektakulären Sonnenuntergang begleitet, dem wir entgegen laufen. Auf dem neuen, etwas kleineren Feld werden die Kühe dann beobachtet. Es geht darum, herauszufinden welche Kuh es zu befruchten lohnen würde und Bernardo achtet penibel genau auf allfällige sexuelle Betätigungen der Riesen und sitzt dabei Mate trinkend im Gras, wir daneben. Die Schönheit dieser Landschaft lässt nun sogar uns verstummen. Die Sonne steht schon ziemlich tief, schlängelt sich durch die Bäume, um die Felder und Bäume in goldiges Orange zu färben. Der durch die Kühe aufgewirbelte Staub lässt die Luft hier irgendwie nicht durchsichtig sondern ‚stimmungssichtig‘ erscheinen. Riesige, dicke Palmenblätter, die im Wind rauschen und Kühe davor sind für uns eine ungewohnte Kombination. Ich denke an die Kühe Zuhause und an die jetzt schneebedeckten Berge.
Den Abend verbringen wir bei Freunden mit Outdoorküche, während im Hintergrund das Fussballspiel läuft. Schon nach einem Tag haben wir festgestellt, dass Bernardo viel Ironie besitzt, man seinen Stress nicht zu ernst nehmen darf und Eile hier draussen sowieso etwas anderes bedeutet als bei uns Zuhause. Wir lernen seine Männerrunde kennen, spielen Pingpong und fühlen uns wohl, wo es uns hinverschlagen hat. Ausserdem bekomme ich Unterricht im Fussballschauen. „Schrei einfach immer Puta, wenn wir es machen, dann kommt das super.“ Porca putana schreiend sitzen wir dann mit fünf Fussballjungs auf Sofas in einer riesigen Lagerhalle und fühlen uns wie harte Kerle. Die Pizza ist dann wahnsinnig gut und auch beim Pingpong halten wir uns irgendwie immer wackerer. Das Fussballspiel scheint dann gegen Ende niemanden mehr zu interessieren und irgendwann sind dann eh alle plötzlich verschwunden. Egal wo auf der Welt, bei Männerrunden scheint es immer normal zu sein, dass man irgendwann halt plötzlich weg ist.
Einschlafen tun wir dann ein paar Stunden später Kopf an Kopf auf der langen, bequemen Couch, während es draussen von Sternen nur so wimmelt und der Regen auf das Holzdach prasselt. Einfach nur gemütlich.
Den zweiten Morgen begrüssen wir mit lange Ausschlafen und einem ausgiebigen Frühstück. „Das haben wir uns sowas von verdient“, meint Noëmi. Mit was wissen wir auch nicht. Danach verbringen wir den Tag mit Geniessen der Ruhe und der Landschaft, mit den zwei Hunden vor dem Haus und Bernardo’s Besuch zum Mittagessen. Gegen Abend erfolgt dann wieder das gleiche Prozedere wie schon am Vortag. Wir treiben die Kühe vor uns hin, trinken Mate und beobachten. Es gesellen sich heute noch zwei Freunde von Bernardo sowie ihre Matebecher dazu und alle zusammen sitzen wir da unter der riesigen Palme und schauen den Kühen zu. Bernardo und seine Freunde besprechen schon wieder, wo man Abendessen wird und wer was zu besorgen hat.
Etwas später am Abend nach getaner Arbeit sitzen wir dann neben Feuer und Asado, dieses Mal bei anderen Freunden von Bernardo. Hier kocht immer irgendwer und alle anderen kommen dann dazu. Es ist etwa neun Uhr und das Asado liegt schon über dem Feuer, als wir ankommen. Wir sitzen in einem Hinterhof eines Steinhauses auf Plastikstühlen, neben uns der grosser Grill. Das Fleisch liegt hier nie direkt über dem Feuer sondern immer etwas daneben, weshalb es gut eine Stunde oder mehr dauern kann, bis es fertig ist. Wir sind eine Runde von fünf Männern und uns zwei, irgendwie wissen wir auch nicht, wie das genau geht, dass wir so selten auf andere Frauen treffen. Doch man merkt schnell, dass nicht alle Männer hier an Frauen interessiert sind und wir quatschen mit dem Rosahemdträger über Tinder und Männer. „Es ist besser, keinen Freund zu haben, während man reist“, meint er. „Ein Freund ist wie ein Hund. Man braucht jemanden, der ihn füttert, wenn man nicht Zuhause ist.“ Auch eine Ansicht. Wir erfahren von ihm, dass man sich in Uruguay über Tinder fast ausschliesslich nur für Sex trifft. Bernardo erzählt von einer alten Liebschaft, die er aber dann nicht mehr wollte und dass es hier nicht viele Frauen gäbe. Das wird auch gleich bewiesen, indem der arme Bernardo zweimal nach links wischt auf seinem Tinderprofil und die Auswahl an dem weiblichen Geschlecht damit dann auch schon beendet ist. Noëmi meint darauf scherzhaft: „Egal, ihr habt ja dafür die Kühe.“ Darüber lacht aber irgendwie niemand ausser wir zwei. Mittlerweile ist es elf Uhr und das Asado wird aufgetischt oder besser gesagt, vor uns hingelegt. Auf einem Holzbrett werden die Fleischstücke und Chorizos verschnitten und in die Mitte des kleinen Tischs gestellt, jeder greift mal zu, niemand kommentiert das Essen. Es dreht sich alles weiterhin um die Gespräche, das Essen ist hier nie Mittelpunkt. Um zwei Uhr fällt Bernardo vor Müdigkeit schier vom Stuhl und wir verabschieden uns dankend von den neuen Freunden. Mit einem „nos vemos“ werden wir von allen küssend verabschiedet.
Ein Weihnachtsgruss für Euch Zuhause
Es ist Weihnachten. 24. Dezember, Potosi, Bolivien.
Wir sind zwar noch in Uruguay mit unseren Blogberichten, doch für Weihnachten holen wir kurz setwas vor.
Es ist irgendwie merkwürdig. Ich dachte immer, Weihnachten hier so weit weg von Zuhause würde nichts Besonderes werden. Zuhause verpassen einem die Lichter in den Fenstern, die Geschenke, das Mailänderlibacken, das Zusammensein mit den wichtigsten Menschen und die Kälte schon Anfangs Dezember das richtige Feeling. Adventskalender, die grossen Feste, die Essen und die passenden Filme dazu - all das liebe ich an der Weihnachtszeit. Ich dachte, hier so weit weg von Zuhause, vom Schnee, von Familie und Freunden würde keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Ein Tag wie jeder andere, doch ich lag irgendwie ziemlich falsch.
Wir sind gerade in Potosi, einem kleinen Bergdorf auf etwa 4000 Meter Höhe in Bolivien. Die Höhe macht alles kalt, die Bewegungen anstrengend und verpasst uns latentes Kopfweh. Alte Kolonialgebäude, Steinkirchen und Berge um uns herum. Aber auch hier so weit weg von Zuhause wird Weihnachten gefeiert. Grosse Schnee- und Weihnachtsmänner aus Plastik stehen überall Parade, sogar ein Weihnachtsmarkt fehlt nicht und überall blinken bunte Lichter um die Wette. Man könnte meinen, Potosi habe von verschiedensten Orten aus aller Welt die Resten ihrer Leuchtketten bekommen und nun alles gegeben und alles durcheinander aufgehängt - Disco Weihnachten. Eine kleine arme Stadt von Minenarbeitern, die sagen will, was ihr könnt, können wir schon lange! Die traditionell in bunte Tücher gewickelten Frauen mit ihren langen Zöpfen verkaufen bolivianische Weihnachtsguetzli mit Dulce de Leche, Picana das traditionelle Weihnachtsessen mit verschiedenen Fleischsorten in würziger Soße und Panetones. Die italienischen Kuchen findet man gefüllt mit Erdbeercreme, Schokolade, mit getrockneten Früchten und mehr. Da scheint sich jede Bäckerei frei ausleben zu können und die meisten wissen wohl gar nicht, dass der Panetone eigentlich aus Italien kommt. Am Strassenrand stehen alte Männer oder Kinder, die auf Panflöten, kleinen elektrischen Keyboards oder einfach nur mit ihrer Stimme die passende Musik beitragen. Aus schlechten Lautsprechern ertönt Jingle Bells und Santa Baby. Sogar Schnee haben wir gestern gesehen in den Bergen um uns herum. Auf den ersten Blick alles so gleich wie Zuhause und irgendwie halt doch so anders. Es fehlt der Glühwein, die Guetzli von Zuhause, Lucy’s leuchten, die Geschenke. Und natürlich die Leute. Wir haben keinen Familienzmorgen hier, schmücken keinen Weihnachtsbaum und ich packe nichts ein ausser mich selbst in meine dicke Jacke. Es gibt keine Vorfreude auf ein Geschenk, kein Kochtag und ich sehe meine Familie nicht. Dafür sehen wir nebst oberflächlich schöner Weihnachtsdeko hier etliche Bettler auf der Strasse, für die dieser Tag wirklich ist wie jeder andere. Kinder die den ganzen Tag über in Flipflops an einem Stand stehen und Dinge verkaufen, anstatt Zuhause bei einem Weihnachtsbaum zu sitzen. Gestern besuchten wir eine Mine, in der Arbeiter tagein tagaus unter Extrem-Bedienungen unter tonnenweise einsturtzgefährdeten Felsen in engen staubigen Gängen arbeiten. Einer von ihnen war 16 Jahre alt und etwa jeden zweiten Tag stirbt ein Arbeiter aufgrund einer Explosion, eines Einsturzes oder der Folge einer Staublunge. Zu Weihnachten bekommen sie ein paar Tage frei, um sie mit der Familie zu verbringen. Als sie uns gestern nach der Arbeit entgegen kamen, schienen sie tatsächlich übermütig glücklich vor Vorfreude, wahrscheinlich sogar glücklicher als einige bei uns Zuhause mit so viel mehr. Feliz Navidad und ein Lächeln gab es für uns, den Fremden aus der reichen Welt.
Heute morgen standen wir auf, ich kramte warme Kleider aus meinem Rucksack und wir assen Frühstück an dem grossen Tisch in unserem Hostal. Melone, frischer Orangensaft, Banane und kleine Brötchen mit Honig. Das Hostal bietet Touren an, die gleichen wie jeden Tag und es ertönt hier nirgends Weihnachtsmusik. Nichts Besonderes. Doch trotzdem fühlt sich der Tag heute nicht wie jeder andere an. Wir haben keine Lust gross etwas zu unternehmen, schauen nach dem Frühstück den ersten Weihnachtsfilm und lassen uns von der Gemütlichkeit packen. Noemi und ich beschliessen schon am Morgen den Tag zu feiern, auch wenn nicht so wie gewohnt. Wir nehmen uns drei heisse Schokoladen mit Schlagrahm vor, frierend durch den Markt zu strolchen und den Flipflop Kindern Weihnachtsguetzli vorbei zu bringen. Obwohl wir vorher nicht gross in Weihnachtsstimmung waren, hat uns der Tag heute unvorbereitet emotional gepackt. Es ist komisch, dass Weihnachten eine solche Bedeutung hat, selbst wenn man sagen kann, es ist ein Tag wie jeder andere. Ist es eben doch nicht.
Im Familienchat lese ich, wann die Feier am Abend los geht. Ich stelle mir vor, wie Zuhause wie wild gekocht und dekoriert wird. Saucen für Fondue Chinoise werden da jetzt zubereitet, irgendwo liegen sicher noch Guetzli herum, zu viele wie jedes Jahr und allen hangen sie schon aus dem Hals heraus, wie man so nett sagt. Brunsli, Mailänderli und vielleicht noch eine Sorte mehr. Ich glaube niemandem aus meiner Familie ist wirklich klar, warum wir immer die doppelte Menge des Guetzliteiges machen, aber wir machen’s trotzdem. Meme, die italienische Grossmutter hat diese Regel irgendwie in Stein gemeisselt, oder besser gesagt ins Wallholz und ich unterstütze es unerbittlich. Flo, little Sister ist jetzt wahrscheinlich schon bei den Eltern Zuhause, big brother Basil wohl eher noch etwas verpeilt bei sich und vielleicht noch in letzter Eile sein Geschenk in Gutscheinform am Ausdrucken. Seit letztem Jahr haben wir die Eingeschenk-Regel eingeführt, was alles etwas stressfreier macht. Ich hoffe, es läuft laut Trompetenmusik im Wohnzimmer, die mag ich immer am liebsten an diesem Tag und dass es bei Mam und Flo irgendwann in einer wilden Tanzsession ausartet. Der Truthahn den wir seit einigen Jahren am Weihnachtstag bei uns im Ofen hosten, wird diese Weihnachten Zuhause von einem Fondue Chinoise abgelöst - unser Kindheits-Traditionsessen vor dem grossen Vogel.
Schon beim Frühstück hier in Potosi drehen sich Noëmi’s und meine Gespräche um Weihnachten. Ich erzähle von meinem Vater, der dem Essen unserer Meinung nach immer viel zu lange Aufmerksamkeit erteilte, bevor wir endlich die Geschenke auspacken durften. Fleischstück nach Fleischstück tauchte er in die heisse Bouillon und trieb uns damit fast in den kompletten Wahnsinn. Danach hiess es Christchindli Eingang öffnen, kalte Luft reinkommen lassen und uns Kinder raus befördern. Irgendwie wurde es dann immer geschafft, das wir keinen blassen Schimmer hatten, wie die Kerzen angezündet wurden und die Geschenke unter dem Baum auftauchten - plötzlich ertönte einfach das Glöckli und man wusste, es ist endlich geschafft. Zurück ins Wohnzimmer, Geschenke sichten und wieder dem Wahnsinn verfallen, dieses mal vor Freude. Doch ein Aufreissen wie in den Hollywoodfilmen, gab’s bei uns nie. Eine Schleife nach der anderen wurde geöffnet, Papier um Papier weggezogen und jedes Geschenk von jedem und jeder bestaunt und begutachtet. Ich habe es geliebt. Unser Auspack-Länge-Rekord lag bei sage und schreibe über drei Stunden. Mam und Dad ihr den Tag immer zu Weihnachten gemacht! Sogar eine Pause zur Stärkung gab es dazwischen, wo man seinen eigentlich noch immer vollen Magen mit der Tiefkühltorte aus dem Supermarkt zu noch mehr Höchstleistung antrieb. Meringue, Erdbeerglace und Schlagrahm - es wäre heute noch mein favorite Desert, doch ich werde jedes Jahr überstimmt.
Noch nie habe ich Weihnachten nicht Zuhause verbracht und hier im Hostal scheinen wir die einzigen zu sein, die mit unseren kleinen Musikboxen und unserer Spotify Christmas Playlist allen anderen Weihnachtsgefühle aufzwingen. „I dont care about the presents“ singt Mariah Carey neben mir und ich muss ihr recht geben. Zwar sagt man ja sowieso immer, dass es nicht um die Geschenke und den Schnickschnack drumherum geht, doch so richtig bewusst wie jetzt war mir das noch nie. Noch mehr als Zuhause merken wir hier, ohne die gewohnten Weihnachtszutaten, dass es tatsächlich um die Leute geht. Die Menschen machen diesen Tag aus, selbst wenn sie nicht alle hier sind. Wir denken an Zuhause, an euch, daran wie ihr den Tag verbringt und müssen zugeben, dass wir heute etwas von Heimweh gepackt werden.
Und da wir mit Geschenken dieses Weihnachten nicht aushelfen können, wollen wir uns wenigstens kurz bedanken. Dafür dass ihr alle immer da seid, dass ihr Teil unseres Lebens seid, uns unterstützt, alles mit uns durchmacht und einfach so seid wie ihr seid und unser Zuhause. Dad überiss dich bis zum Umfallen und erzähl den Witz von James Bond und Schmutz Lee, Mam lass dich nicht stressen, wenn etwas nicht pünktlich parat ist und ein kleines Chaos entsteht, alle lieben was du machst, so oder so! Basil trink einen mehr und geniess das Familientamtam, es wird auch wieder ruhiger werden. Flo sing doch mal ein Weihnachtslied, iss für mich Desert, vermiss mich, denk an mich, ich mach es genau gleich! Noémi feier schön und mit Tee zum Schluss, wo auch immer du gerade bist, ich schicke einen Kuss für die beste Gotte der Welt. Und Regina und Moritz gehört einfach weiterhin zur Familie, wie ihr es schon immer gemacht habt. Ihr seid alle die besten!
Und auch wenn man es ja eigentlich weiss und immer wieder hört: Geniesst das Fest Zuhause, schätzt was wir alles haben, die Leute hier haben es nicht so.
Vergesst uns nicht heute, auch wenn wir nicht da sind. Wir denken an euch, den ganzen Tag und feiern das schöne Fest zu zweit wie die Grossen!
Verpeiltheit auf hohem Niveau
By Noëmi:
An unserem letzten Tag in Punta del Diablo haben eigentlich nichts, weder Geld noch ein Ziel, nur den Willen hier wegzukommen. Ausserdem einen Hangover und der hat uns im Griff. Verwirrtheit in Person. Am Abend zuvor wechselten wir in ein neues Hostel, da uns das andere zu teuer war. Kleiner, weniger Gäste und herziger. Und nur die Hälfte vom Preis des Ersten. Die zwei Hostelangestellten, zwei Argentinier scheinen sich auch sehr über unsere Ankunft zu freuen und planen sogleich einen Partyabend, wozu sie Tequila und mehr besorgen. Wir haben zwar nach nichts gefragt, aber am Abend stehen Flaschen in Reih und Glied. Ein DJ Häuschen im Hostel, eine Bar und eine Tanzfläche, mehr brauchen wir nicht. Zusammen mit den Argentiniern und zwei Deutschen - einer Mutter und ihrer Tochter feiern wir was das Zeug hält und tanzen und trinken bis in die Nacht. Irgendwie nicht das Schlauste, wenn man am nächsten Tag weiterreisen will und noch nicht einmal weiss wie.
Nun ja, wir nehmen es wie es ist und schmieden Pläne, wie wir hier wegkommen könnten. 1.: Sachen packen, auf die Strasse stehen und mit dem ersten Auto mit, das uns mitnimmt, wo auch immer es hingeht. 2.: Sachen packen und in den Hostels nachfragen, ob irgendjemand irgendwohin geht und wir uns anschliessen können. 3.: Sachen packen und rausfinden in welche Richtungen die Busse fahren.
Wir sitzen überlegend vor dem Hostel, es windet ein wenig, Nora hat Kopfweh. Meine Gedanken sind wie Wasser in einem Sieb und fliessen mir fortlaufend davon. Es gibt irgendwie ein Problem bei jedem der Pläne, aber mir ist entfallen welches. Meine sinnlosen Versuche zur Konzentration werden durch kurze erschöpfende Lachanfälle unterbrochen. Vor lauter Unentschlossenheit machen wir mal ein paar Fotos von den Argentiniern und dem Hostel, von dem wissen wir immerhin, das wir es können und beim Fotografieren kommen uns immer die besten Ideen.
Fokussieren, was verfolgen wir? Es ist gut, wenn wir mal aufstehen und packen. Packen ist irgendwie in jedem Plan beinhaltet. Dann fällt mir das Problem bei den Plänen ein: Wir haben so quasi kein Geld mehr und hier gibt es keinen Geldautomaten. Nur den Einen, aber der ist momentan leer, also zählt er nicht. Autostopp erscheint uns als die einzige wirklich in Betracht kommende Möglichkeit. „Jetzt bin ich ein wenig klarer!“, meint Nora plötzlich zu mir, aber ich glaube es nicht so richtig. Ich lache komisch als Antwort, mehr geht nicht. „Wir können durchs Hostel laufen und hoffen eine Möglichkeit zu finden irgendwie an Geld zukommen, den schönen Gingu nochmals zu sehen oder eine Mitfahrgelegenheit zu finden.“, sagt sie. Aha, das sind mal Ideen. Ich bin in meinem Zustand tatsächlich stolz auf sie und wir laufen los. Leider finden wir genau nichts, nicht einmal Gingu und machen uns auf zum Supermarkt, vielleicht ergibt sich da ja was. Unterwegs begegnen wir an einer Kreuzung unseren neuen uruguayischen Kollegen, die wir gestern kurz vor dem Hostel kennen gelernt haben. Wir kamen mit ihnen ins Gespräch und teilten ihnen mit, dass wir eine Mitfahrgelegenheit suchen würden. Sie halten nun an, lassen das Fenster runter. Ob wir den schon jemanden gefunden haben, um weiter zu reisen, fragen sie und lachen. Ich glaube, auch sie finden unsere Planlosigkeit mittlerweile lustig. Wir schütteln die Köpfe und müssen selbst lachen. „Ein Kolleg von uns fährt in zwei Stunden zurück nach Montevideo, wollt ihr mit?“, fragen sie uns. Perfekt, die Weiterreise ist gesichert. Lustig wie sich alles so ergibt, denke ich mir.
Eine halbe Stunde später verabschieden wir uns von den zwei Argentiniern und den Deutschen im Hostel. Während wir unsere Rucksäcke runterholen, wartet Juan (unsere Mitfahrgelegenheit) schon mit seinem Auto vor dem Hostel auf uns. Die zwei Hosteljungs unterhalten sich noch etwas mit ihm, wir haben das Gefühl, sie nehmen ihn noch etwas unter die Lupe, bevor sie uns ihm übergeben und wir fühlen uns sicher aufgehoben. Danach helfen sie uns noch die Rucksäcke ins Auto zu hieven - schon schön das Frausein hier! Und dann gehts los zurück nach Montevideo, um von dort aus einen anderen Teil des Landes zu entdecken. Juan ist etwa dreissig, besitzt eine Farm mit 600 Kühen, raucht viel und trinkt wie jeder hier permanent Mate. Er ist irgendwie immer auf Draht und erzählt uns viel, während wir fahren. Die Landschaft hier ist schön und Kühe grasen auf den Wiesen. Machmal höre ich ihm nicht richtig zu, lasse meine Gedanken schweifen. Irgendwie sollte man das ganze Leben lang reisen können, die Welt Zuhause kommt mir hier manchmal so klein vor. Wie eine Kristallkugel. Das Glas die Grenzen, erzeugt durch irgendwelche Vorgaben in den Köpfen der Leute. Ich glaube, viele Menschen haben zu klare Erwartungen an ihr Leben. Schule, Ausbildung, Geld verdienen, Partner finden, Kinder auf die Welt stellen, glücklich sein. Ich will das alles auch irgendwie, nur anders und nicht so klassisch wie die meisten anderen. Das ist das Problem am Reisen: Die Welt wird immer grösser und das Zuhause immer kleiner. Mein Fotografenalltag Zuhause mit Nora ist schon sehr frei und kein Tag gleicht dem anderen, trotzdem sehne ich mich nach noch mehr Abenteuer. Mehr verschiedene Menschen, verschiedene Geschichten, Sprachen, Lebensformen. Ich lerne unterwegs so viel mehr. Hier treffe ich Menschen von überall, sehe dass es verschiedene Möglichkeiten gibt sein Leben zu leben und lerne so neu, wie ich selbst leben will. Wir werden in ein System hineingeboren, dass uns als das Richtige erscheint, das Reisen aber verwirft all das und zeigt einem neue genau gleich richtige Wege. „Mate is very important for all the Uruguayos.“ höre ich Juan neben mir sagen. Ich zwinge mich ihm zuzuhören. „Do you already have plans for the evening?“ Ich lehne den Kopf zurück und verneine. „If you want, we can make a stop for one night in Punte del Este before we go to Montevideo. My friend has a House there.“ Ich überlege wieso auch nicht, da waren wir noch nicht. Ein kurzer Blick zu Nora. Klare Sache, wir gehen nach Punte del Este.
Wir fahren schnell wie immer ohne Gurte, die gar nicht vorhanden sind und die Landschaft zieht an uns vorbei. Immer wieder giesst sich Juan ein wenig heisses Wasser in seinen Matebecher. Ein paar Stunden später kommen wir an. Punte del Este ist wie Miami in Uruguay. Hohe Gebäude bis in den Himmel mit Strand davor. Wir fahren durch gepflegte Gegenden. Häuser und dazugehörige Gärten, hier findet man die High Society von Uruguay sowie Stars und Sternchen, die hier ihre Ferien verbringen. Das Gras ist grün und gerade hier. Wir biegen in eine Einfahrt ein und halten vor einem schönen, weissen Ferienhaus im amerikanischen Stiel. Grosse Küche, noch grösseres Wohnzimmer mit Veranda und ein hübscher Garten vor den bodenlangen Fenstern. Wir werden herzlich willkommen geheissen und niemand findet es merkwürdig, dass zwei weitere Fremde hier sind, alle freuen sich einfach. Santi, dessen Onkel das Haus gehört, umarmt uns freundlich. Wir dürfen uns ein Zimmer aussuchen und entscheiden uns für eines mit einem geblümten Doppelbett und einem Cheminée. Ab der kuschligen Bettdecke flippen wir fast ein wenig aus und unser Kater scheint uns zuzuflüstern, dass wir uns hinlegen sollten. Doch wir widerstehen und verschieben das Schlafen auf später. Nah dies nah kommen immer mehr Freunde in das grosse Haus. „Fühlt euch wie Zuhause, nehmt einfach alles was ihre wollt.“, meint Santi. Er wohnt immer wieder ein wenig hier, wenn er nicht gerade legales Gras am Anbauen ist. Er ist gross, schmal, dünn, feine Haare, die immer ein wenig in alle Richtungen stehen und hat ein breites Lachen. Marihuana gibt es bis zum Umfallen in diesem Haus, alle rauchen fleissig. Sein Freund Nico kommt an, wir kennen ihn schon aus Punte del Diablo. Er ist klein, hat ein schönes Gesicht und die passenden Beachlocken dazu. Passionierter Surfer, mega nett. Wir mögen ihn. Er wohnte ein paar Jahr in Australien und arbeitete da, nun ist er seit kurzen zurück und baut mit seinem Bruder ein Haus in Punte del Diablo. Als alle da sind, wird irgendein Ausflug geplant, Thermoskannen werden mit heissem Wasser gefüllt, Matebecher mit Yerbakraut, noch kurz ein paar Joints gedreht und los gehts. Juan, Santi, Niko und wir zwei zwei fahren der Küste entlang zum anscheinend schönsten Sonnenuntergangsplatz in ganz Uruguay. Ja wir wissen’s, man sollte nicht mit fremden, bekifften Männern in Südamerika im Auto mitfahren, aber was solls. Fahrend hören wir Musik und sind cool. Sie alle strahlen so eine ‚ich-bin-Surfer-und-weiss-immer-wo-was-abgeht-Coolness‘ aus, die man sich nicht kaufen kann, sondern einfach über die Jahre hinweg erlangt und es färbt auf mich ab. Am Ziel angekommen, befinden wir uns auf einem grasigen Hügel und schauen hinaus aufs Meer. Wir sitzen zu fünft im weichen Gras, es wird gekifft, Mate getrunken und den Sonnenuntergang beobachtet. „Lustig wo wir so gelandet sind.“, sage ich zu Nora.
By Nora:
Am Abend sitzen wir um einen Tisch, Santi schläft, drei rauchen und die anderen machen sonst etwas. Bob Marley und Marihuanageruch schwirren durch die Luft. Es wird in Spanisch gesprochen, manchmal etwas zu schnell, um alles zu verstehen. No Woman no cry. Der Schlafende dreht sich um, murmelt etwas vor sich hin. Ein Feuerzeug zischt, erlischt wieder. Rauch der hochsteigt, sich in der Luft auflöst, zu Luft wird. Die Luft hier ist nicht durchsichtig, alles ist voller Rauch. Gespräche über Plata und Mate. Everything’s gonna be alright. Nun gehen die Gespräche um die Welt, um die verschiedenen Länder, hauptsächlich um Europa. Alle reisen, arbeiten da und dort, dort und da und wieder Daheim. Ich schreibe auf der weichen Couch. Glühende Zigaretten, noch ein Stuhl wird geholt, der andere schläft immer noch. Ein Joint wird ausgedrückt, eine Hand greift nach einem Drink auf dem Tisch. Irgendwas mit Rum und Eis. Die Gespräche ziehen noch immer um die Welt, jetzt sind sie in Frankreich. Vor mir unter dem Tisch liegen Bücher über Kunst, dahinter ein Cheminée ohne Feuer drin. Juan streicht sich durch die Haare, sie sprechen über zukünftige mögliche Orte zum arbeiten, irgendwo auf der Welt. ‚Una playa' sei wichtig. Surfen. Aber es geht auch mal ohne, hauptsache unterwegs. Zuhause in der Welt, Ausgangspunkt klein Uruguay. Und Matte muss dabei sein. Natürlich. Wenn er ausgeht, kann man in Australien und Neuseeland neuen bestellen. Lohnenswerter Zwischenstopp. „Könnten wir in der Schweiz für eine Zeit arbeiten?“, fragt mich Nico. Santi hebt im Schlaf kurz den Kopf und döst dann weiter. Noëmi ist auch eingeschlafen, jetzt schlafen also zwei, zwei Rauchen, drei reden. Ich schaue auf und rüber zum Tisch. Überdimensional grosse Colaflaschen, Schweppes, Zucker, Rum und Limetten. An Zucker fehlt es am wenigsten. Niemals. Zum ersten Mal trinkt keiner Mate. Gingu’s Kolleg aus Punta del Este erzählte uns, dass man mit dem Mate trinken hier schon als Kind beginnen würde, deshalb fände man ihn auch nicht zu bitter. „Ich glaube meine Mutter hat mir Matte gegeben, keine Milch.“, sagte er. Ich schreibe langsamer, meine Finger müde vom wenigen Schlaf, vom Kater, vom vielen Rauch und dem fehlenden Sauerstoff. Meine Augen sind schwer und ich frage mich, ob ich mich ins Gespräche einbringen soll. Tu ich aber nicht. Faszinierend sind die Gespräche der Bekifften um mich, die so seriös wirken, kein Lachen, wie Diskussionen auf hohem Niveau. Dem Jüngsten, einer der erst gerade dazu kam, fallen die Augen zu, trotzdem spricht er weiter. Nächstes Jahr will er durch Europa reisen. „In Holland werde ich nur farbige Kleider anziehen, da ist es sonst schon genug oft grau wegen dem Regen.“ Noch mehr Rauchen, dieses mal Zigaretten, keine Joints, Jugendclub mit Kellerfeeling lässt grüssen. Im Hintergrund noch immer Bob Marley, dessen Stimme besser mit dem Rauch umgehen zu können scheint als meine. Hier in Uruguay gibt es sogar sogenannte ‚Marleys’ zu kaufen. Grosse, dicke, runde Kekse gefüllt und überzogen mit Schokolade und Dulce de Leche, extra erfunden für den Kifferhunger. Ich sehne mich nach einem Bett, denke an die weiche Decke oben. Couch, müde, zu viele Stimmen. Santi schläft immer noch, seine Füsse sind verfärbt vom barfuss herumlaufen. Die Luft wird immer mehr eingenommen vom Rauch, vertrieben und ausgelöscht. Wie Atlantis vom Meer, zumindest in den Geschichten. Der Bildschirm brennt sich in meine Augen, auch er scheint benebelt und jetzt muss ich wirklich ins Bett.
Fliegende Rücksäcke und schmachtende Blicke für Gingu
1. Dezember, Von Cabo Polonio nach Punta del Diablo
An der Strasse stehend, Daumen raus und die Rucksäcke neben uns. Die Sonne scheint unerbittlich auf uns herab und wir ziehen uns unter Nadelbäume und freundlichen Schatten zurück. Mit unseren kleinen Musikboxen unterstreichen wir den Moment, Jonny Cash besingt unser Hitchhiking Dasein. Die ersten Autos fahren vorbei, nichts da, kein Halten. Egal, wir lassen uns nicht unterkriegen, tanzen auf der Strasse, singen zu „Fly like a bird“, fühlen uns unbesiegbar und siehe da, der erste Truck hält an. Vater und Sohn, etwa 60 und 30 alt nehmen uns ein Stück mit in die Richtung, die wir geplant haben. Sie haben beide dieselben Augen, stammen aus einem Dorf nicht weit von Cabo Polonio und sind auf dem Weg nach Valizas, einem kleinen Dorf nebenan. Der Vater, Juan besitzt einen Bio Garten, pflanzt Zucchetti, Rucola und Radieschen, der Sohn, Frederico führt ein Hostel. Ein Dorf weiter sind sie schon am Ziel und nehmen uns noch mit dem Auto mit auf eine Rundfahrt durch den Ort. Unterwegs wird frischer Fisch, Fleisch und Brot abgeholt. Sie erzählen uns vom Ort, vom Land, den Palmen und dem Hippiedasein der Leute. Hauptsächlich die schönen Palmen werden immer wieder erwähnt und von uns immer wieder bestaunt. Wir erfahren, das Capo Polonio Hippiechic sei und fragen, ob noch mehr Hippiesein überhaupt möglich sei. Sie müssen lachen und meinen ja. Frederico erzählt, dass er ein Jahr in der französischen Schweiz gearbeitet hat. Viel gesehen hat er aber nicht in dieser Zeit, da er immer zu müde war am Abend, um etwas zu unternehmen. Er hat ein Gesicht, das immer zu lachen scheint und freundliche Lachfältchen um die Augen herum. Juan hat zwei Jahre in Miami gewohnt, irgendwo bei den Latinos, da wo man kein Englisch brauche. Eine Stadtrundfahrt später fahren sie uns wieder zurück auf die Hauptstrasse, wir hieven unsere Rucksäcke aus der Ladefläche und verabschieden uns mit einem muchas gracias und Küsschen auf die Wange. Weiter gehts, Rucksäcke am Strassenrand, dieses Mal ohne Schatten. Es dauert nicht lange und ein älterer Herr hält mit seinem Pick up und fragt uns wo wir hin müssen. Er geht nicht ganz bis zu unserem Ziel aber in die richtige Richtung, die Rucksäcke werden auf die nächste Ladefläche geworfen und wir schwingen uns in die nächste Mitfahrgelegenheit. Ich frage den Mann, woher er kommt und er gibt eine knappe Antwort, fragt nicht zurück, woher wir seien und wir merken, dass er nicht an einem Gespräch interessiert ist. Eine stumme Fahrt. Für uns auch gut. Ich geniesse die Gesprächspause, die Ruhe, das Dahinziehen der Landschaft. Es ist unglaublich, wie sehr ich mich hier im Unbekannten wohl fühle und wie wenig mir das Bekannte fehlt, umso mehr ich mich von allem entferne. Die Landschaft gefällt mir, die Nadelbäume, die Weite und die endlosen grünen Felder mit gelben Blüten drauf. Von Juan weiss ich nun, dass das Grundwasser hier nur zwei Meter tief unter der Erde vor sich hin fliesst und mir ist nun klar, wieso hier in der ewigen Sonne alles trotzdem so grün und voller Leben sein kann. Schafe, Pferde und Kühe tummeln sich auf dem Gras um uns herum, wir fahren an Bergen vorbei, alles hat Platz hier und nichts scheint zu klein. Eine halbe Autostunde vor unserem Ziel lässt uns der stumme Herr aus seinem Auto, wir bedanken uns und er fährt still weiter. Auf seine Art sehr sympathisch. Wir warten wieder. Kurze Zeit später hält ein Auto hinter uns und lässt drei Jungs, eine Gitarre und die dazugehörenden Rucksäcke raus. Andere Autostöppler. Sie kommen zu uns, sagen hallo und geben uns den Fortritt auf der Strasse. Wer zuerst kommt, fährt zuerst. Gentlemen. Sie scheinen noch sehr jung, vielleicht achtzehn Jahre alt. Rastas, leicht abgefuckt und so als wären sie mit allen Wassern gewaschen. Sie erinnern an die Strassenkatzen aus Aristocats, aber sehr sympathisch und hoch anständig und ich hole unsere Kamera, um sie zu fotografieren. Sie freuen sich, erzählen, dass zwei von ihnen aus Chile seien und der Dritte aus Argentinien. Vor ein paar Tagen haben sie sich in Montevideo kennen gelernt und sind nun zusammen unterwegs zu einem Zirkus in Santa Teresa. Sie machen Musik, spielen Gitarre und singen dazu, alles leicht schräg aber doch irgendwie mitreissend und möchten damit sowie mit einigen Jonglierfähigkeiten beim Zirkus teilnehmen. Süsse Jungs, jung und verwegen, so als wären sie sich kein anderes Leben gewöhnt, als das ewige Vagabundendasein. Zukünftige Herzensbrecher. Ich stelle mir den Zirkus vor, muss irgendwie an eine Freakshow denken und an geheime Magier aus aller Welt, die sich da treffen werden. Sogar Wehrwölfe und Vampire würde ich da erwarten, wo diese Jungs hinwollen. Sie freuen sich über die Fotos, wir werden Facebook Freunde da im Nirgendwo in Uruguay und ich verspreche ihnen die Bilder zu schicken.
Wieder haben wir Glück oder sehen einfach sympathisch aus und der nächste Autofahrer haltet, noch ein Truck. Zum dritten Mal heute werden unsere Rucksäcke durch die Luft geworfen, dieses Mal in Eile, da das Auto nirgends richtig halten kann und mitten auf der Strasse stehen bleiben muss. Ich sitze vorne, fange an zu plaudern mit dem etwa 70 Jährigen. Er ist umwerfend süss mit seinen wenigen feinen Haaren, die in alle Richtungen gehen nur nicht nach unten, erzählt mir eine halbe Stunde lang über die Geschichte des Landes. Über Leute, die in den Bergen wohnen, über eine schwarze Lagune, erzählt, dass der Name der hübschen gelben Blumen ‚Margeritas de las dunas’ ist und er Uruguay möge, da es hier Menschen aus aller Welt gebe. Deutsche, Italiener, Spanier und Franzosen. Zwischendurch mach ich mir etwas Sorgen, da seine Gesprächigkeit dazu führt, dass er sich nicht mehr so gut auf die Strasse konzentrieren kann und das Auto ab und zu ins Wanken kommt. Aber der alte Herr scheint die Strecke in und auswendig zu kennen und wir düsen weiter wacker voran. Seine Mutter war aus Frankreich, er spreche aber kein Französisch. Er war schon einmal in Brasilien und Argentinien, weiter noch nicht. Pferde seien zum Arbeiten hier und er verstehe nicht, warum man so viele Tiere immer als Haustiere haben wolle. Alles auf Spanisch und schnell wie sein Fahrstil, aber ich komme ganz gut mit und halte mich gut beim antworten und nachfragen. Geschichtsstunde, Spanischunterricht, eine gratis Fahrt und eine rührende Spontanbekanntschaft, das hat sich gelohnt. Er lässt uns in Punta del Diablo raus, erklärt uns noch wo was ist und steigt dann aus dem Auto, um uns richtig und mit einem Kuss auf die Wange zu verabschieden.
Wir kommen an in dem jetzt noch kleinen verschlafenen Surferdorf. Küste, Sonne, Wellen und Hostels lassen hier im Sommer die Puppen tanzen. Ein Traumziel für junge Backpackers mit Surfboard, jetzt in der Nebensaison aber wunderbar ruhig und leer. Wir finden schnell ein Hostel und quartieren uns ein und kurze Zeit später treffen wie wieder auf die Strassenkinder mit Zirkusflair. Sie verlassen gerade mit Rucksäcken und Gitarre unser Hostel. „Hier gibt es keine Arbeit für uns, wir versuchen es wo anders“, meint der Gruppenanführer mit Rastas zu mir. „Vielleicht sollten wir auch am Strand übernachten, die Aussicht da wäre fantastisch“, sagt der Argentinier gedankenverloren zu sich selbst und schaut dabei mit der Hand über den Augen Richtung Strand. Irgendwie umhauend und bewundernswert diese drei und Noemi sagt zu mir: „Wenn ich jemals ein Kind haben werde, das mit 18 meint, es wolle durch Südamerika trampen per Autostopp, werde ich ihm eins schmieren.“ Alles Gute ihre drei Musketiere.
Am Abend sitzen wir mit einer Flasche Wein in den Garten, ein Verschlag aus Containern, ein paar Tischen und einem riesigen Grill. Ein paar Jungs machen ein Feuer. Ein paar Minuten später probieren sie unseren Wein, wir bestaunen ihre lausigen Feuerkünste und alle zusammen erzählen wir lachend über dies und das. Einer der drei hat ein Gesicht wie ein nordisches Supermodel und wir fragen ihn, ob wir ihn fotografieren dürfen. „Sure“, meint er und wir machen Portraits im Abendlicht von ihm. Blonde Locken, Wimpern zum dahinschmelzen und ein schelmisches Lachen lassen unsere Herzen höher schlagen. Süsse zwanzig ist der Argentinier, heisst Gingu und arbeitet hier für die nächsten paar Monate zusammen mit seinem gleichaltrigen Kolleg, der ebenfalls zfotografiert. Die beiden wohnen in einem Zimmer mit sieben anderen Hostelangestellten, darunter vier Frauen. „Privatsphäre ist das einzige Problem hier, aber wenn es nötig ist, weiss man schon, wohin man mal ein leeres Zimmer mit einem Bett findet“, erzählt der andere Fotograf mit einem verschmitzten Lächeln. „Einigen ist es aber auch einfach egal, ich bin auch schon aufgewacht, weil zwei unter mir Sex hatten und das ganze Bett wackelte.“ Nun macht es mir auch durchaus Sinn, weshalb in den Toiletten der Massenschläge auch oft ein Zettel hängt mit der Info: Bitte keine Kondome die Toilette runterspülen.
Wo wir schon dabei sind, halten wir auch noch die anderen zwei Feuermacher mit unseren Kameras fest, einer aus Vancouver, der andere aus Kalifornien. Sie bieten Fokuhila und kanadisches Holzfällerhemd sowie lange Haare, Bart und durch und durch ein gechilltes Dasein. Der Fokuhila vielleicht schon etwas zu verchillt und er lässt vermuten, dass so einige chemische Zaubermittel nicht ganz unbeteiligt daran sind. Das Feuer will nicht so recht, klappt dann aber doch noch und wir kommen in den unverhofften Genuss von Fleisch, Gemüse und Kartoffeln. Wir sitzen da wie alte Freunde, trinken Wein und lachen ab den Hunden, die beim Anblick des Essens schier vergehen. Mittlerweile ist es dunkel und wir reden über den Amazonas und das Abenteuer Leben. Auf Anhieb verstehen wir uns alle super, haben den selben Humor. Immer wieder frage ich mich in solchen Momenten, was diese Menschen Zuhause wohl für ein Leben führen. Ich denke mir, dass ein Alltag, eine Struktur so gar nicht zu ihnen passt und frage mich, ob sie das Gleiche über uns denken. Vermutlich. Aber es ist eh egal, das Leben Zuhause hat hier für andere wenig Bedeutung und man ist einfach so, wie man gerade ist. Diese Menschen die wir hier treffen, bekommen ein Bild von uns, was vielleicht nichts mit dem von Zuhause zu tun hat. Vielleicht aber dafür umso mehr mit uns selbst. Es ist als würde man sich hier in einer Parallelwelt befinden, die gleiche Person sein, nur mit einem immer wieder anderen Leben. Ein Leben hier, ein Leben dort, immer wieder in einer anderen Haut, so wie einem gerade zumute ist, mit immer neuen Menschen um einen herum. Doch es fühlt sich richtig an, nichts ist gespielt, weil man auch niemandem etwas vormachen muss. Man ist irgendwie echter noch als Zuhause, einfach dadurch, dass man nichts und niemandem gerecht werden muss und sich einfach treiben lassen kann. Der Kalifornier mit den langen Haaren hat ein lautes Lachen, das ansteckt. Der junge, schöne Argentinier sitzt im Schneidersitz auf der Holzbank und raucht, während ihm seine Haare immer wieder fabulös ins Gesicht wehen und der Fokuhila ist einfach durch und durch sympathisch auf seine Art und auf eine für uns nicht ganz klare Weise ebenfalls sehr angetan von dem jungen Gingu. „Come to visit me in California, Gingu. You can work there on a weed farm“, sagt der Fokuhila zu Gingu. „And we could spend more time together“, meint er mit bedeutungsvollem Unterton in der Stimme, während er ein Herz auf ein Papier malt, in das er Gingu’s und sein Name schreibt. Gingu lächelt verlegen, ganz abgeneigt scheint der schöne Lockenträger auf jeden Fall nicht zu sein. Es ist kühl. Sterne über uns und der fast Vollmond. Ich mache immer wieder ein paar Fotos. Ein Hund legt sich auf meine Füsse, geniesst die gelassene Stimmung genau so wie ich auch. Ich fühle mich pudelwohl. Noch mehr Wein, noch mehr Bilder.
Etwas später fallen wir todmüde in unsere Betten. Ein Massenschlag von sechs Kajüttenbetten und wir sind wieder einmal alleine darin. Noch eine Weile liege ich wach im Bett, beschäftigt mit Gedanken über die Erlebnisse des Tages und beginne alles aufzuschreiben.
Am nächsten Abend wiederholen wir das ganze mit den selben Leuten und noch ein paar mehr. Über den Tag haben wir noch einen zwanzig jährigen Schweizer kennengelernt, der etwas kiffend und ab und an Drogen probierend alleine durch Südamerika schlendert. „Ihr müsst das wirklich auch mal ausprobieren mit den Pilzchen, alle haben immer Angst davor, aber was viele nicht wissen ist, dass es einfach nur lustig ist“ meint der drogenbegeisterte Junge mit den kleinen Augen, während er ein Bier trinkt. Wohl eher nicht, denken wir für uns. Am ersten Tag in Uruguay ging er mit einem Fremden im Auto mit irgendwohin ans Stadtende, nachdem er ihn nach Gras gefragt habe, erzählt er. Dort trafen sie einen Kolleg von jenem Fremden, der den Schweizer Reisenden versorgte. Faszinierend, wie der Kleine so durch Südamerika kommt, von Ort zu Ort gespült wird ohne jede Vorbereitung und doch irgendwie überlebt. Ebenfalls mit am Tisch sitzen noch Luis und sein französischer momentaner Reisekolleg, die wir schon aus Cabo Polonio kennen. Sie sind gerade in irgendwelche Kartentricks vertieft, zwei die sich gefunden haben. Heute steuern wir einen grossen Salat bei für alle, den die Jungs mit Freuden begrüssen. „Ich habe das Gefühl nur Fleisch gegessen zu haben die letzten Tage“, sagt der Kalifornier. Auch davon gibt es aber natürlich nicht zu wenig und wir essen tatsächlich etwa über zwei Stunden hinweg. Luis geht in zwei Wochen wieder zurück nach Schweden, wo der aus Guatemala stammende seit einigen Jahren lebt. Seit acht Monaten ist er nun unterwegs und bis vor kurzem habe er noch gedacht, er freue sich aufs Heimkehren, aber jetzt als es immer näher kommt, nicht mehr. „Ich glaube, wenn ich wieder Zuhause bin, werde ich mir ein Hostel suchen, um da immer ein wenig im Aufenthaltsraum rumzuhängen“, sage ich zu ihm und er erwidert lachend: „Ja das habe ich mir auch schon überlegt!“ Es werde ihm fehlen Leute kennen zu lernen und er habe das Gefühl, dass das Leben Zuhause nicht so ‚Echt‘ sei, wie das Leben unterwegs.
Gingu, den wir heute Nachmittag bei einem zweistunden Shooting nochmals von jeder Seite einfangen durften, sitzt dabei neben mir und raucht eine. “Fast schon unheimlich wie unfassbar schön jede seiner Bewegungen ist”, schwärmt Noemi. “Wie ein junger Gott, der sich seiner Person noch nicht bewusst ist.” Stimmt schon, selbst die Bewegung wie er sich eine Zigarette anzündet wirkt wie aus einer Marlboro Werbung.
Der Fokuhila lädt uns nach Kalifornien ein, wir sollen mit ihm zusammen an das Burning Man Festival. Dazu bauen er und seine Freunde jedes Jahr einen grossen Festivalwagen und würden dann Tagelang feiern. Anstrengend und amüsant.
Bis irgendwann spät in der Nacht reden wir, immer wieder sitze ich an einem anderen Platz. Der Schweizer sitzt ganze zwei Stunden still am immer selben Ort am Tisch und schaut zufrieden verklärt vor sich hin, während er ein Joint nach dem anderen inhaliert. Zwischendurch trinkt er etwas Bier, das brauche er, da es ihn wieder munterer mache. Was für ein Ausgleichssystem! Ich lerne noch einen Kartentrick, der wirklich an Magie grenzt genauso wie dieser ganze Abend. Fokuhila flirtet mit Gingu, der auch von uns immer wieder mit schwärmenden Blicken angestarrt wird. Ein Abend von dem ich wünschte, er würde nie zu Ende gehen.
by Nora
Beautiful full moon walk in Cabo Polonio, Uruguay
“Es ist einer dieser Momente, in denen man fast nicht realisiert, dass sie gerade passieren. Realität sind. Festhalten, aufsaugen, Gefühl speichern. Um uns ist es Nacht und wir fahren auf einem riesigen Monster in ein surreales Dorf.”
Reise ins Nirgendwo
29. November 2017, Cabo Polonio
Nachmittags brechen wir auf zum grossen Busbahnhof in Montevideo und fünf Stunden später steigen wir aus dem Bus. Angekommen im kleinen Ort Cobo Polonio, denken wir zuerst und irren uns. Der Bus hat uns vor einem flachen, langen Gebäude mit Kiosk und Schalter rausgelassen. Runderhum nichts. Es dämmert schon langsam und ist kühl. Wir fragen am Schalter, wo das nächste Hostel sei. Der alte Mann meint nur, hier sei kein Hostel und zeigt mit dem Finger hinter uns. In diese Richtung sind die Hostels. Ob wir Tickets wollen für den Bus? Zu Fuss sei es eine Stunde und dies ist der letzte Bus. Ihm sei es ja egal, er gehe nachher einfach nach Hause, meint er der Sympathische hinter dem Schalter. Wir kaufen die Tickets und sind sofort in Eile, rennen durch den Gang, den anderen zwei Frauen hinterher, die vorher auch mit uns hier ankamen.
Durch eine Türe treten wir hinaus auf einen Sandplatz. Was da auf uns wartet, ist kein wirklicher Bus. Es ist riesig, mehr wie ein überdimensionaler Safaritraktor. Das Gefährt ist rundherum verstärkt mit breiten, gelben Röhren, die eine Art Schutzwall oder Netz bilden und so dick sind wie meine Hand. Surreal. Auf den Seiten kommen rechts und links Stahlkörbe raus, in die wir unsere Rucksäcke werfen. Zuhinterst gibt es eine erhöhte Sitzbank, ein Adlerhorst auf den man raufklettern und über den Truck schauen kann. Zwei junge Leute sitzen da oben im Schneidersitz. Rastas, Matte und einen Joint in der Hand. Verwegen. Reinklettern und Platz finden. Der Himmel ist hellgrün und wird immer dunkler. Wir setzten uns hin. Etwa sieben Leute sind mit uns im Gefährt, alle Einheimisch, bilden wir uns ein. Vor uns sitzt ein junger Mann, der an Frodo aus dem Auenland erinnert, nur aktiver. Etwa wie Frodo auf Drogen, denke ich. Er redet mit allen, reisst Witze und raucht hektisch. Rechts von uns eine Frau um die sechzig, die aussieht wie aus dem tiefen Nepal, Furchen im Gesicht, mit ihren Fingern einen Wc Deckel umklammernd. Die Bewegungen vom Traktor sind ruckartig, ich falle fast vom Sitz. Die Landschaft ist nur noch schemenhaft erkennbar. Links ein Kerl, sitzt da wie ein Klumpen, schwer, unveränderlich. Langes graues Haar hinter dem Kopf zusammengebunden. Neben ihm ein Staubwedel in Regenbogenfarben. Geiler Kontrast. Drogenfrodo vor uns trommelt ab und zu etwas vor sich hin, die zwei jungen Frauen hinter uns reden unaufgeregt, für sie ist das alles normal. Wir hingegen flippen fast aus. Diese Situation, mehr Abenteuer geht nicht. Man schmeckt das Meer, meine Hände klammern sich an die Stange vor mir. „Einfach festhalten, das ist eine der geilsten Situationen meines Lebens“ sagt Nora neben mir. Ich lache, blicke auf und wir fahren auf Kilometer weitem halb nassem Sand. Links das Meer rechts die Dünen. Kein Mensch, ausser wir auf dem Zukunftstruck, kein Licht ausser mein Telefon und die Sterne. Keine Worte für diese Situation. Wir fahren ins Nichts hinaus. Die Spuren im feuchten Sand lösen sich sofort auf, der Mensch hat hier nichts zu melden. Rauschen vom Meer, Sterne am Himmel. Alle sind nun still, ich auch. Starre, schaue, versuche zu begreifen, wo ich hier bin. Fühle mich bedeutungslos klein und genieße es. Der Motor dröhnt in meinen Ohren, bezwingt das Meer. Der erste Halt: die Frodogruppe steigt aus, wie Affen springen sie weg, holen ihre Rucksäcke. Nora und ich angeln uns auf den nun freien Adlerhorst und weiter gehts. Das ist das Geilste. Der Wind schlägt an meine Ohren, meine Haare zieht es in alle Richtungen. Es ist mittlerweile ganz dunkel, der Mond leuchtet. Pures Glücksgefühl durchströmt meinen Körper. Wir starren, staunen, sind sprachlos, atemlos durch die Nacht. Wenn Helene Fischer wüsste, dass ich im Nirgendwo in Uruguay an ihren scheiss Song denken muss. Merci Radio und Après-Ski! Es ist einer dieser Momente, in denen man fast nicht realisiert, dass sie gerade passieren. Realität sind. Festhalten, aufsaugen, Gefühl speichern. Um uns ist es Nacht und wir fahren auf einem riesigen Monster in ein surreales Dorf. Die Häuser sind dunkel. Vereinzelt warme Lichter, in Cabo Polonio gibt es generell keinen Strom, keinen Verkehr. Deswegen sind die Sterne so schön. Ich möchte schreien, einfach um die vielen Gefühle loszuwerden, reisse mich aber zusammen. Der Leuchtturm zündet uns immer wieder an. Sarons Auge hat uns erblickt! Die Häuser sind erstaunlich klein und in den Dünen verstreut. Ein neuer Platz, eine Minute Fahrt vom ersten entfernt, wir halten wieder. Aussteigen, Rucksack anschnallen, loslaufen, ohne Plan aber mit viel im Kopf in die Dunkelheit. Der Sand unter meinen Wanderschuhen gibt bei jedem Schritt nach. Auf dem Weg richtung Strand finden wir das Hostel Pancho, dreizehn Franken für eine Nacht mit Frühstück. Darin kommt Skihüttenfeeling auf. Niedere Decken, Wände aus Holz und ein vertrauter Geruch. Im Aufenthaltsraum ein paar Gestalten, man grüsst sich, redet. Wir suchen ein Restaurant und gehen wieder ohne Plan los: Durch die Dünen streunen und den Lichtern nach. Alle Häuser sind hier eine Mischung aus kreativem Gartenschopf und Zwergenunterkunft. Liebevoll und jedes einzigartig. Das Restaurant das wir finden, wird beleuchtet mit Kerzen, wir bekommen Wein und Fisch mit Reis. Herrlich. Nora fotografiert. Langzeitbelichtungen mit der Kamera wirken hier geheimnisvoll und die Sterne beeindrucken mich. Etwas ist lange hell am Himmel und bewegt sich, ein Flugzeug? Nein, die längste Sternschnuppe, die ich je gesehen habe. Ich wünsche mir was. Später im Bett hört man das Meer rauschen, die Temperatur geht gerade noch mit vielen Decken und ich schlafe ein.
Die Sonne geht hier früh auf. Komischerweise wache ich vor sechs Uhr auf, dann wieder um zehn vor sieben. Beide Male ist es schon hell. Wir stehen auf, erkunden das Dorf. Cobo Polonio besteht aus etwa fünf Strassen und einem Sandkreisel, der das Zentrum bildet.
Wir steuern Richtung Strand. Hier scheint es immer Wind zu haben, durch ihn fühlt man sich isoliert von der Umgebung. Geräusche um einen herum gehen unter, man ist abgeschnitten, jeder in seiner eigenen Windblase. Das Meer wirft seine Wellen immer und immer wieder gegen den Strand. Als würde es seine Heerscharen schicken, um das Land anzugreifen. Schaumkronen werden mir entgegen getragen und verweilen auf dem Sand, wenn sich das Wasser zurück zieht. Manchmal muss ich rennen, damit die Wellen mich nicht erwischen. Wir laufen den Strand entlang, keine Ahnung wie lange, hier ist man zeitlos. Die riesigen, weiten Dimensionen machen die ganze Situation unglaubhaft. Ich starre gegen das Meer rechts und gegen die Dünen links. Ich sehe eine Wüste und keinen Horizont nur eine seltsame Vegetation, die zwischendurch den Sand belebt. Es wäre warm, aber der Wind macht es frisch. Jeder Schritt ein Kampf. Gegen den Wind, gegen den Sand und doch wahnsinnig schön. Der Wind reisst an meiner Jacke. Ohne Menschen vor mir, der kleinen Siedlung im Rücken und der Leere vor mir laufe ich weiter. Immer wieder ein seltsames Gefühl ohne Zivilisation, so ungewohnt.
Ich weiss nicht, wie lange wir schon laufen, es könnten dreissig Minuten oder aber auch drei Stunden sein. Wir sind müde, legen uns in den Sand und dösen etwas vor uns hin. Der Sand unter uns ist warm und die Sonne wärmt uns von oben. Zwei kleine Menschen, die in Milliarden von Sandkörner liegen. Stein der zu Sand wurde und nun die ganze Welt bereist. Ich wache wieder auf und wir laufen weiter, genießen die Leere und die Stille in uns. Zurück im kleinen Dorf stellen wir fest, dass wir mehr als vier Stunden gelaufen sind. Zeit für eine Siesta bis uns der Hunger überkommt. Ein grosses Schnitzel später, kehren wir für einen Desert in das süsse Restaurant vom Abend zuvor zurück, das draussen so viele Kerzen hat. Männer machen ein Feuer mit Erfolg. Wir setzen uns dazu. Lagerfeuer, Wärme im Gesicht und Rauch in den Kleidern. Rotes warmes Licht strahlt auf die Gesichter um das Feuer rundherum. Alle reden miteinander, meistens Fremde, hier sind alle gleich. Alles Reisende von verschiedenen Orten. Spanisch, English, Französisch und Brasilianisch um sich zu verständigen. Ein Joint wechselt die Hände in der Runde. Uruguay das Kifferland und wir sitzen im Hippiedorf, während die Zeit fast still steht.
by Noëmi
Marihuana und Mate
Montevideo, Uruguay, 25. November
Wir kommen an einem Sonntag in Uruguay an. Von gross Brasilien nach klein Uruguay, wo ein Sonntag noch ein Familientag ist. Mit einem Uber fahren wir vom Flughafen zu unserem Airbnb, wo wir mit vier Jungs zusammen wohnen werden. Noemi verfällt in Tiefschlaf sobald das Auto losfährt, ich unterhalte mich auf Spanisch mit englischen Einbrüchen mit Nicolas dem Uberfahrer in unserem Alter. Er erklärt mir dies und das, zeigt mir Gebäude und Plätze im vorbeifahren, Namen die mir sofort wieder entfallen. Wir verstehen uns, ich bekomme Mate Tee aus dem Holzbehälter mit Silberrand während wir an hübschen Häusern und gepflegten Rasen vorbeifahren. Ich weiss jetzt schon, dass ich dieses Land mögen und gleichzeitig das Chaos und Üppige in Brasilien vermissen werde. Ich schaue hinaus, geniesse die Fahrt durch das fremde Land, bis Nicolas sich wieder bemerkbar macht. Er bietet an, uns immer und überall hinzufahren und ehe ich mich versehe, bin ich im Besitz seiner Handynummer. Naja, meine bleibt geheim und er meint noch, dass wir die Brasileiros sicher etwas loco gemacht hätten. Lachend packe ich mein Handy weg, trinke noch etwas Matte und schaue mir die faszinierend unterschiedlichen Gebäude dieser Stadt an.
In unserem Airbnb angekommen, erwarten uns zwei von unseren vier Mitbewohnern - Lucas und Picu - auf der Treppe vor dem Haus. Extra gewartet haben sie. Wir werden willkommen geheissen und es gibt auch gleich eine Tour durch die zwei Hausteile, die jeweils aus einer Etage bestehen und dem Garten dazwischen, der alles verbindet. Hohe Räume mit kargen Wänden, Zimmer mit durchsichtigen Gittertüren, eine Küche mit altem Gasherd, ein grosser Tisch im Garten, endlos viel Pflanzen und eine Herzlichkeit seitens der zwei Jungs, die man selten antrifft. Ich weiss selbst nicht wieso, aber in unserem fensterlosen Zimmer mit den zwei kleinen Betten, der Uruguayflagge an der etwas voll gekritzelten Wand und der klemmenden Tür, fühle ich mich irgendwie sofort wohl. Alles ist einfach, alt, etwas kaputt und versehen mit Details, die von Leben und Geschehnissen hier erzählen. Die Tomaten und Kräuter im Garten, die Velos vor dem Haus und die Tragetaschen aus Stoff lassen uns schnell wissen, dass unsere neue Gang alternativ eingestellt ist. Schnell lernen wir auch die zwei weiteren Mitbewohner - Pancho und Agustin - kennen. Kaum gesehen, wissen wir auch alle schon, dass wir uns mögen und schmieden Pläne für einen gemeinsamen Abend. Irgendein Trommelumzug steht an und den müssen wir natürlich sehen. Zuerst gibt es aber noch Salat mit selbst gemachtem Brot - diese Jungs können echt kochen! Mit den Velos machen wir uns dann alle zusammen auf den Weg ins Zentrum der Stadt. Eine halbe Stunde sind wir unterwegs, ich und Noemi immer in der Mitte unserer Velolinie, nie ganz hinten, nie ganz vorne. Es ist rührend, wie sie uns aufnehmen und wir fühlen uns total geborgen und umsorgt von den vier Jungs. Im Zentrum angekommen, werden die fünf Velos zusammengestellt und bis zum geht nicht mehr festgemacht. Eine gefühlte Viertelstunde wird mit fünf Schlössern hantiert, die immer wieder weggenommen und an einem anderen Ort angemacht werden. Geliebte Velos. Ein Wirrwarr aus Metall, Schlössern und Drähten später, frage ich mich, ob wir wohl Alkohol trinken werden und ob wir unsere Velos dann jemals wieder rauskriegen werden. Wir laufen durch die Altstadt von Montevideo und wir bemerken, dass es hier wohl keine architektonischen Vorschriften für die Gebäude gibt. Jedes Haus scheint in einem anderen Stil gebaut zu sein und von Hochhäusern über schicke Minischlösschen bis hin zu Häusern, die man irgendwo im Emmental antreffen könnte, ist hier alles zu finden. Ein Mix aus Kreativität, wunderschön und sympathisch. Mittlerweile ist es dunkel und wir kommen auf einem Platz an, wo sich Menschen von Jung bis Alt herum tummeln. Und mit Jung bis Alt meine ich von Kleinkindern bis zu Grosseltern. Lucas kauft ein Bier, riesig gross zum teilen. Auf einem Platz liegen Haufen mit glühenden Kohlen herum, drumherum grosse Trommeln. Die Wärme bereite das Holz und die gespannte Haut obendrauf vor. Gleich nebenan entdecken wir eine Gruppe Capoeira Kämpfer und gesellen uns zu ihnen. Wir schauen zu, lassen uns etwas mitreissen von der Musik und dem Gesang. Eine Frau kämpft gegen einen Mann, sie bewegt sich langsam und bewusst, er sich schneller, sie gewinnt. Wie eine Katze, die einen Vogel einfängt. Ein Joint wird herumgereicht, Uruguay wir sind angekommen. Kurze Zeit später geht es mit der Hauptattraktion des Abends weiter. Trommeln werden hochgehoben, umgeschnallt von grösstenteils schwarzen Männern. Eine Kultur aus Afrika hier in Uruguay, erzählt uns Lucas, mitgebracht von den Sklaven. Überall kommt sofort Bewegung rein und schnell bildet sich aus all den Menschen eine Art Ameisenhaufen mit Struktur. Die Trommler starten, es ist laut und wir setzten uns inmitten von hunderten anderen Leuten in Bewegung. Ein Umzug durch die Strassen beginnt, den Takt vorgegeben durch die Musik, mal schneller, mal langsamer. Hauptsächlich langsamer. Laufend, tanzend und umgeben vom ständigen Marihuana Duft fangen wir inmitten all der anderen an, uns wie in Trance zu bewegen. Laufen, immer weiter laufen ist die Devise, von der Orientierung habe ich mich eh schon lange verabschiedet. Ich schaue umher, sehe Leute die lachen, solche die einfach laufen und bemerke, dass wir umgeben von Einheimischen sind. Touristen sehe ich keine, wahrscheinlich stehen sie grösstenteils am Strassenrand als Beobachter des Geschehens, wenn es überhaupt welche hat. Doch wir sind mittendrin, umgeben von unseren vier Beschützern, laufen weiter und geniessen den Moment inmitten all dem Leben. Tiefe Trommeln wie Herzschläge, Körper von rechts nach links wippend und wieder zurück und das Gefühl ein Teil eines Ganzen zu sein. Als wären wir alle zusammen ein grosser Organismus, der sich langsam aber beharrlich durch die Strassen schlängelt. Ich habe das Gefühl, so könnte man die ganze Welt umrunden und denke an die Sklavenmärsche. Laufen, laufen immer weiter laufen. Als ein Container auf der Strasse auftaucht, werden wir langsamer, die Menschen ganz rechts müssen nach links und wir bewegen uns etwas auf der Stelle. Alles verläuft ohne Probleme, fügt sich wieder richtig zusammen, keiner gerät aus dem Takt und irgendwie kommen mir die Zombieherden aus Walking Dead in den Sinn. Versklavte Zombies. Irgendwann nach unbestimmter Zeit verstummen die Trommeln, die Menge löst sich auf und alle treiben so schnell davon, wie sie gekommen sind. Wir sechs sehen uns an, ich und Noemi klatschen in die Hände und wir versichern unseren neuen Freunden, dass es uns gefallen hat.
Am nächsten Tag packen wir uns in unsere Windjacken - Uruguay ist windig - und beim rausgehen bekomme ich von Pancho noch ein Kompliment über meine Jacke, die schön sei. Lustig, denke ich mir, in Zürich würde ich für die schwarze Funktionsjacke wohl eher kein Kompliment bekommen. Ich und Noemi erkunden zu zweit mit unseren neuen alten Velos die Stadt, entdecken den Mercado del Puerto und lassen uns verzaubern von der Harry Potter Atmosphäre darin. Eine grosse alte Uhr thront unter dem Holzdach des Marktes und die riesigen, offenen Grille füllen die Halle mit fein duftendem Rauch. Durch die Strasse laufend, merken wir immer wieder, wie uns hauptsächlich von den männlichen Spaziergängern nachgeschaut wird und ich sage zu Noemi: „Die schauen alle unsere Jacken an und denken sich wahrscheinlich: Shit, diese Qualität“. Noemi meint darauf nur: „Nein, das ist mein Eisprung.“ Was auch immer. Aber alle sind freundlich, niemand aufdringlich. Ganz Montevideo verströmt eine Gelassenheit, der wir uns sofort hingeben. Wir geniessen kleine Süssigkeiten mit Dulce de Leche, trinken Kaffe in einem Lokal, wo wir auf Ritiseilis sitzen und verirren uns zwischen imposanten Gebäuden und kleinen Bäckereien. Überall begegnet man umwerfenden Grafitis, Kunstinstallationen, raffinierten Details und Geschäften mit schönen Sachen. Montevideo ist eine Kunststadt und die Uruguayer haben Stil.
Irgendwann schreibt Picu, dass sie Abendessen machen werden und wir flitzen mit unseren eingang Velos tollkühn nach Hause. Da brodelt auch schon die selbst gemachte Tomatensuppe auf dem Herd, Pancho baut einen Joint und wir untersuchen die Marihuana Packungen aus dem Supermarkt. Matte wird getrunken und die Suppe schmeckt hervorragend. Sogar ein Feuern brennt im Kamin im Wohnzimmer und wir spüren, dass es draussen kälter war, als wir bemerkten. Eine Gitarre wird geholt, wieder wird Musik gemacht, dieses Mal aber von uns selbst. Ich und Noemi singen, Lucas und Agustin spielen Gitarre, Picu sitzt trommelnd auf der Cajon und Pancho raucht zufrieden seinen Joint. Zuhause bei den Alternativen, umgeben von Relaxtheit. Wir haben unsere Momente, die Musik ist auf dem Höhepunkt und wir lachen begeistert los, als wir merken, wie gut wir harmonieren. Noemi begleitet alles mit Quakgeräuschen auf einem kleinen Frosch aus Holz und dem dazugehörenden Stab, ich steige mit dem Triangel mit ein. Von Justin Bieber über die Beatles lassen wir nichts aus. Irgendwann werden die Gitarren in die Ecke gestellt, die Handys übernehmen die Musik. Lucas schiebt Stühle beiseite, Möbel werden umgestellt und eine Tanzfläche erschaffen. Schweizer und uruguayische Musik vermischen sich und lassen uns tanzend und hüpfend durch das Wohnzimmer bewegen. Es ist laut, Vodoo die stetig latent aggressive Katze verpisst sich und das Feuer ist zu heiss. Als wir nicht mehr können, setzen wir uns nach Draussen in den Garten, das Herzstück des alternativen WG Daseins. Agustin und Pancho verabschieden sich schon bald ins Bett und wir bemerken, dass irgendein uns bis dahin unbekannter Deal stattgefunden haben muss, wer den weiteren Abend mit uns verbringen darf. Picu setzte sich neben mich auf einen Stuhl, Noemi bekommt von Lucas das Dach gezeigt und als sie zurück sind, wissen wir beide, wir sollten jetzt wohl besser schlafen gehen. Eine Massage wird Noemi sogar noch angeboten, die sie dankend ablehnt. Die zwei weinvollen Jungs finden sich mit ihrem Schicksal im einsamen Bett ab und wünschen uns einen Kuss auf die Wange gebend gute Nacht. Egal ob gechilltes Uruguay oder feuriges Brasilien, Latinos sind sie überall.
Am nächsten Morgen duftet es schon wieder umwerfend nach frischem Brot und wir steuern noch Omeletts mit Bananen, Erdbeeren und Honig dazu und überessen uns mit Frühstück. Die Stimmung ist normal, umgehen können sie mit Abfuhren die Männer hier. Agustin’s 30er Geburtstag steht an ab Mitternacht und wir nehmen uns alle vor, zu feiern. Dafür wird ein weiteres Abendessen ausgemacht und wir übernehmen den Desert. Irgendwas mit Schweizer Schokolade muss her und unsere Tagesaufgabe besteht darin, alles für ein Toblerone-Nutella Mousse zu finden. Ok, das Nutella ist nicht so ganz von uns aber egal.
Am Abend gibt es wieder Feuer im Kamin und umheimlich viel Fleisch. Asado, uruguayisches Barbecue aus verschiedenen Fleischsorten, Chorizo und Blutwürsten wird geboten. Dazu machen wir einen Quinoasalat mit Gemüse, Früchten, Honig und Zitronen. Und natürlich den versprochenen Desert. Das Fleisch grillt im Feuer vor sich hin, Pancho gibt sich vor dem Haus seiner Dauerbeschäftigung hin, Noemi schläft auf dem Sofa und ich halte alles mit unserer Kamera fest. Zwischenzeitlich ist noch ein weiterer Gast angekommen, eine Deutsche die in Chile studiert und für ein Meeting in Montevideo ist. Sie hat unser bereits besetztes Zimmer auf Airbnb gebucht, da wir den Jungs direkt schrieben und das Zimmer deshalb fälschlicherweise noch frei war im System. Aber kein Problem, sie wird im Wohnzimmer einquartiert. Dass wir unser Zimmer abgeben müssten, komme nicht in Frage, meinen alle. Arme Deutsche. Das Essen ist fertig, Sofas werden zusammen geschoben und Stühle organisiert. Fleischstück um Fleischstück wird aus dem Kamin geholt, aufgeschnitten und verteilt. Salat wird herumgereicht, wieder Wein getrunken. Essen, aufschneiden, essen, plaudern. Alles ist hervorragend. Sogar Vodoo zeigt sich ausnahmsweise einmal von der freundliche Seite, greift uns nicht an und hüpft sogar zu mir aufs Sofa, nachdem ich sie mit Fleisch bestochen habe. Zum Schluss gibts Tobleronemousse in Tassen, überhäuft mit flüssigem Nutella. Pancho kann sich kaum mehr halten, findet keine Worte für seine Desertbegeisterung und greift dreimal wie ein Grosser zu. Bajón - Kifferhunger und ein Wort mehr in unserem Sprachwortschatz.
Wieder sitzen wir danach in den Garten, dieses mal bleiben sie alle. Nur die Deutsche zieht sich heimlich zurück ins Bett. Kurz vor Mitternacht sind wir alle ausgezeichneter Laune, haben Drinks vor uns und zählen die Minuten bis zum gratulieren. Schon fast zu viel Rummel um seine Person für den lieben ruhigen Agustin und dann Punkt zwölf springen wir alle auf, umarmen ihn, überhäufen ihn mit Glückwünschen. Im Hintergrund Marilyn Monroe, die verrucht aus den Lautsprechern gratuliert. Wir holen unsere Kameras, halten alles fest. Portrait um Portrait wird gemacht und alle haben eine wahre Freude daran. Ein Licht wird abgeschraubt, Menschen in Pflanzen gestellt, waghalsig auf Stühle geklettert. Pancho übernimmt die Kamera, jeder wird zum Künstler. Danach gibt es Gespräche über Gott und die Welt.
Wir sprechen über Wünsche im Leben, darüber was man am Ende erreicht haben möchte. Agustin meint, er wolle einfach gut leben, zufrieden sein und einen Beitrag an eine bessere Welt leisten. „I don’t want to hurt anybody“, meint Lucas. Noëmi antwortet: „I just want to be happy.“ Und der immer leicht verwirrte Pancho wird plötzlich sehr ernst und meint, dass er möglichst viel Gutes in der Welt hinterlassen wolle. Ich antworte, dass ich am Schluss meines Lebens nichts bereuen möchte. Dass ich nicht zurückschauen und denken werde, ich hätte etwas nicht getan, was ich hätte tun sollen. Sind sie zu fest auf uns selbst bezogen unsere Antworten und müssten wir uns auch mehr für die Welt um uns herum wünschen wie die Jungs?
Agustin macht weiter mit der Frage, ob man Kinder haben möchte oder nicht. Wir scheinen alle ziemlich die gleiche Meinung zu haben, der Wunsch ist irgendwie da, nur fühlen wir uns noch nicht erwachsen genug dazu. Wollen die Verantwortung noch nicht auf uns nehmen. Ob man sich überhaupt irgendwann dazu bereit fühlt? Einheitliches Unwissen. Beruhigend, da alle um mich und Noemi herum schon ein paar Jahre älter sind und es mir das Gefühl von Zeit gibt. Irgendwie wusste ich immer, dass ich schon früh Kinder haben möchte. Sicher vor dreissig, aber dann ist man plötzlich da und fühlt sich doch noch nicht so erwachsen, wie man sich das vorstellte. Ein neuer Wein wird geöffnet, Picu spricht von Reinkarnation in Form von Energie nach dem Tod. Für Pancho ist es einfach vorbei danach, Lucas ist seiner Meinung. Aus die Maus, ich möchte auf Picu setzen, weiss es aber nicht. Mache stattdessen weiter Fotos und streichle zwischendurch die Katze auf meinem Schoss, mit der ich Freund bin seit dem Fleischspektakel. Nur fair von ihr. Am Ende des Abends meinen die Jungs, sie hätten es besprochen und wir würden trotz der Deutschen einfach so lange bleiben können, wie wir wollen und ausserdem gratis, wir seien nun ja Freunde. Sie tut mir zwar etwas leid, aber ich bin wirklich gerührt von der Selbstverständlichkeit, wie wir hier aufgenommen werden. Der Plan ist trotzdem am nächsten Tag weiter zu ziehen und dann aber vor unserem Flug nach Bolivien, nochmals ein paar Tage hier zu verbringen.
by Nora
Von Paraty über Sao Paulo nach Uruguay
Es ist angenehm kühl im Bus, den Sitz kann man zu einer Liege umfunktionieren. Wir sind in einem Bus von Paraty nach Sao Paulo, um von dort weiter nach Montevideo in Uruguay zu reisen. Draussen stehen Bäume so weit das Auge reicht. Die Dämmerung ist da. Mit jedem Kilometer Distanz zu Paraty nähern wir uns neuen Erlebnissen. Paraty gefiel mir, ich könnte bleiben für eine Weile. Ich lebe so extrem im Moment, dass sich das Leben wie ein langer Gang anfühlt. Mit jedem neuen Ort öffnet sich eine Tür zu einem Zimmer, darin lebe ich dann, als wär es für immer, bis ich die nächste Tür finde und in den Gang hinaustrete. Wir kommen in der Nacht in Sao Paulo auf dem Busbahnhof an. Die Uhr zeigt 11 Uhr abends. Nichts gebucht und fast kein Geld in der Tasche, ein Abenteuer. Irgendwo in der riesigen eher gefährlichen Stadt, wir zwei mit unseren Rucksäcken. Wir hängen uns an den anderen Alleinreisenden, er hat ein Zimmer gebucht in einem Hostel. Wir teilen uns das Taxi. Es wird sicher noch ein Zimmer für uns haben. Er ist aus London, gross und auf eine stille Art nett. Wortkarg aber nicht direkt unfreundlich. Wir fahren durch unzählige Strassen in der Nacht. Halten an einem komischen Ort. Ein paar suspekte Gestalten sitzen auf der leeren Strasse, beleuchtet von den Strassenlaternen. Eine Strasse bei der ich eigentlich nicht raus will. Es geht schnell, Rucksäcke raus. Selbstbewusst in der dreier Gruppe die Strasse entlang laufen. Rufe ignorieren und sich nichts anmerken lassen. Nicht aussehen wie mögliche Opfer. Um die Ecke bessert es. Wir treten in ein Gebäude und der Londoner redet mit einem Mann, der alles auf seinem Telefon übersetzt. Digitale Technik sei Dank. Er ist der Betreiber des Family Hostels, in das wir wollen. Mit dem vergitterten Lift fahren wir in den vierten Stock, ich fühl mich nicht so wohl. Der Mann ist nicht gross und hat einen kleinen Bauch, ich kann mich nicht entscheiden, ob ich ihn mag. Er versucht die Tür zu einer Wohnung zu öffnen. Einen Moment später sind wir in der winzigen Wohnung. Family Hostel heisst, bei einer Familie in einem separaten Mehrbettzimmer zu schlafen. Für eine Nacht geht das gut. Er nennt uns den Preis, günstig. Wir sparen, gutes Gefühl. Sechs Betten in einem kleinen Zimmer, draussen ein Tisch der den Raum ausfüllt und ein kitschiger Weihnachtsbaum aus Plastik in einer Ecke. Daneben eine winzige Küche und ein noch winzigeres Bad. Die ganze Familie wohnt in einem zweiten Zimmer. Müssen sie das andere vermieten, um sich die Wohnung leisten zu können? Wahrscheinlich. Wir sind alle müde, suchen uns die Betten aus. Sie sind hart wie Stein, wir könnten auch auf dem Boden schlafen, es würde keinen Unterschied machen. Wir schlafen wie in einem Sarg auf dem Rücken, die Hände über dem Bauch gefaltet, anders ist es nicht möglich. Nicht wirklich schlafen, eher ganz still ruhen. Der Morgen bricht an, wir stehen auf. Unsere Hostel Family ist zuvorkommend, nett, fragt ob wir Kaffee wollen. Sie würden uns auch Frühstück machen, aber wir beschliessen, auf der Strasse was zu suchen. Der Londoner schläft noch weiter im Zimmer. Der jetzt doch nette Host begleitet uns und zeigt uns einen guten Ort. Der Laden direkt um die Ecke ist wie eine grosse Version von Cindy’s bei uns. Man kann sich alles zusammen bestellen, von Smoothies über Omelettes bis hin zu Fleischteller. Guter Smoothie, wir sind gestärkt und versuchen nun einen Geldautomaten zu finden. Riesige Strassen mit riesigen Häusern, überall Menschen. Wir laufen nach Gefühl. Eine steile Treppe herunter, rechts und links dutzende Läden, Kleider, Schmuck, Bikinis alles günstig. Leute verkaufen auf der Strasse alles Mögliche. Kokosnüsse, Wasser, Musikboxen, Sonnenbrillen, Armreifen ecetera. Wir biegen in die Hauptstrasse ein. Noch mehr Leute, wie Ameisen auf den Strassen, alles wimmelt und bewegt sich. Die Luft summt, Strassenverkäufer schreien einem direkt ins Gesicht. Andere preisen mit einem Mikro die Waren in ihrem Laden an. Alle fünf Meter hat es jemand der mit einer Pistole Seifenblasen macht. Alle sind laut, laufen ist eher ein Kampf, man geht unter in der Menge. Wir suchen Turnschuhe für Nora und werden schnell fündig. Bikinis zu haben wäre auch gut, wir treten in den Laden ein. Vollgestopft bis an die Decke mit verschiedensten Variationen aus Farben und Modellen. Die Treppe rauf befindet sich ein Sexshop. Die Verkäuferin holt uns Bikinis runter mit einem langen Stab. Es gibt keine Umkleidekabine und wir versuchen die Bikinis im Laden hinter einem Regal über unsere Unterwäsche anzuprobieren. Sofort kommt eine Verkäuferin angerannt und fragt uns hysterisch, was wir machen. Keine gute Idee, ob wir den wahnsinnig seien, meint sie und hält verzweifelt ein kleines Tuch vor uns hin, versucht uns zu bedecken. Wir ziehen uns wieder an und geben die Bikinis zurück, ohne anzuprobieren kann man keine Bikinis kaufen. Wir gehen durch diverse Strassen, passieren unzählige Läden und werden müde. Beim nächsten Kaffee mit Wifi checken wir unseren Flug und wo sich der Flughafen befindet.
Wir kommen zurück ins Hostel, der nette kleine Familienvater nennt uns jetzt einen höheren Preis für die Nacht, wir haben ihn gestern anscheinend nicht richtig verstanden. Gar nicht mehr so nett finden wir ihn nun und können ihn nur mit dem restlichen Schweizer Geld bezahlen. Am Bankautomat haben wir zu wenig abgehoben. Wir lügen beim Wechselkurs für Schweizer Geld, unsere eigene Gerechtigkeit.
Wir bestellen ein Uber, um zum Flughafen zu kommen. Die Dunkelheit schleicht sich heran und wir müssen wieder auf die suspekte Strasse, wir gehen aber erst raus als das Uber da ist, alles andere wäre sehr unvernünftig. Der Uberfahrer, ein kleiner Chinese (Sachen gibts!) fühlt sich auch nicht wohl hier und wir stopfen die Rucksäcke in einem irren Tempo in das winzige Auto. Dabei geht ein Mann neben uns vorbei, der fies lächelt und mit den Fingern eine Pistole formt und auf uns zeigt. Freundlicher Fremder und weg sind wir, zum Glück!
Wir sind beim Check-In, mein Rucksack liegt auf dem Band, 15.4 Kilo. Gar nicht so schwer. Nora sieht mich an und sagt: „Schwächle nicht immer so und zeig dich mal von deiner strammen Seite!“ Wir lachen beide. Lichter blinken, wir rollen auf die Startbahn und es drückt mich in den Sessel. Schneller, schneller, höher, die Erde entfernt sich unter uns. Atmen, ein und aus. Das Fenster zeigt nur noch den blinkenden Flügel. Sau Paulo taucht weit unten auf, sieht schön aus, so viele Lichter, so friedlich. Es ruckelt, wir schweben waghalsig in der Dunkelheit. Eigentlich ein Wunder, dass es immer wieder klappt, aber Wunder passieren täglich. Fliegen ist surreal und ich mag es nicht. Oft habe ich das Gefühl, die Seele bleibt wegen der hohen Geschwindigkeit zurück. Ich stelle mir ein Stückchen meiner Seele vor, das mir schwebend zwischen Himmel und Erde hinterher jagt. Die Lichter gehen aus und ich erleide eine kleine Panikattacke. Irgendwie bin ich so müde und am Ende, dass mich die Flugangst überkommt und ich weine ein wenig vor mich hin. Trotz der Sinnlosigkeit kann ich die Angst nicht abstellen. In der fliegenden Höllenröhre gefangen, so ist fliegen für mich. Jedesmal ein kleiner Abschied und Erleichterung beim landen. Das tolle Gefühl beim fliegen das andere beschreiben ist mir ein Rätsel. Wir gehen runter, waghalsig diese Piloten! Ganz knapp über den Häuser donnern wir auf die Landebahn. Fast schon Todestoll. Angekommen in unserem Zwischenstop, bevor wir dann morgen weiter nach Montevideo fliegen.
Es regnet hier, ist dunkel und mittlerweile 1 Uhr morgens. Mit einem breiten Taxifahrer gelangen wir zu unserem vorher kurz rausgesuchten Schlösschenhotel. Das Hotel ist sehr einfach aber liebevoll eingerichtet. Nach den Stein-Matratzen fühlt sich das Bett an wie Watte. „Es ist wie im Himmel“ sage ich. Draussen vor dem Fenster, ein unruhiger Hund der die Nacht anbellt. Er meint es ernst und ich höre ihn bis ich einschlafe. Der nächste Morgen ist da. Wieder einmal der ständige Kampf mit dem Reisverschluss. Ich wünschte, ich würde so reisen wie Merlin der Zauberer aus Paraty, eine kleine Umhängetasche und das wärs. So leicht, so schnell, so simpel. Wie versuchen den hoteleigenen Transfer zu finden und merken, dass er gar nicht existiert. Jemand hat gelogen. Es wird immer ein wenig später und wir können uns mit der Receptionistin fast nicht verständigen. Eine junge Uruguayerin sagt, sie spreche ein wenig English und versucht zu vermitteln, heraus kommt: heute gibt es keinen Transfer. Hat es denn jemals einen gegeben? Sie ist auch ein Gast und ihre Eltern bieten uns an, uns an den Flughafen zu fahren. Sie müssen zwar nicht da hin, aber es sei ja nicht weit. Die Fahrt dauert sicher 25 Minuten. So nett, so menschlich. Ich nehme mir ein Beispiel und will auch mehr so sein, nicht nur zu Freunden. Wieder im Flieger. Wir starten, es regnet immer noch. Irgendwie habe ich das Gefühl, hier regnet es immer. Mit mehr Schlaf geht das Fliegen besser. Heute nur eine Stunde, fast fühle ich etwas ähnliches wie Freude. Auf nach Montevideo. Der Reiseführer verspricht nur Gutes, vor allem bestes Fleisch. Ich versuche mich mit schreiben abzulenken. Immer wieder komisch auf etwas zu stehen, dass sich wie Boden anfühlt, aber selbst in der Luft schwebt. Nicht denken, Musik hören, ich bin zuversichtlich zu überleben. Wir brechen durch die Wolken, schweben über einem weissen Meer und unter einem stahlblauen Himmel. Langsam lichtet sich das Wolkenmeer und Erde kommt zum Vorschein, weit weit unten. Seit ich die Tattoo’s habe, verbiete ich mir selbst das Nägelkauen. Meine Hände sollen so schön sein wie noch nie, eine Art Wiedergeburt durch Tattoo’s. Langsam senkt sich die Schnauze und ein merkwürdiges Gefühl durchströmt meinen Körper, wie jedes Mal wenn die Landung beginnt.
Nightly walk in beautiful Paraty, Brasil
Meer und Tattoo’s
Die Wellen in den Ohren und Sand im Gesicht. Die Sonne kämpf sich durch die Wolken und erringt ab und zu einen kleinen Sieg. Fabrizio ist gerade im Wasser und reitet auf den Wellen. Nora ist in der Stadt und fotografiert.Unser neuer Freund, ursprünglich aus Buenos Aires, lebt schon seit vier Jahren hier in Paraty. Wir haben ihn am Geburtstag seines Freundes beim Tanzen kennengelernt. Er, leidenschaftlicher Surfer, Masseur, lustig, gross, lange Locken ähnelt einem modernen Jesus. Nun ist es heute, heute Nachmittag und in seinem kleinen Auto sind wir an diesen Strand gefahren. Einer von vielen hier. Neben den Strassen leuchtet es grün in allen Farben. Die Natur ist hier mächtig, wuchtig, immer präsent und irgendwie in der Größe übertrieben. Avocados so gross wie kleine Bälle, viermal so gross wie Zuhause. Mindestens. Ich sitze im Sand und schaue ins Meer hinaus. Denke nach. Fabricio will reisen und überall leben und ich bin am reisen und frage mich, will ich immer in der Schweiz leben? Muss man das den wissen? Ich erblicke ihn in den Wellen oder glaube es zumindest. Die Sonne siegt wieder für fünf Minuten und meine Haut wird warm. Das Meer kommt immer näher, Ebbe und Flut. Ich sehe mich von oben, ein kleiner Punkt mikroskopisch klein. Nichtig und doch so wichtig, für mich, für ein paar andere Punkte die mich kennen. Aber irgendwann hat es sich für uns alle ausgepunktet. Dann bleibt das Meer, das von oben immerhin eine Fläche ist, nicht nur ein Punkt.Man könnte so viele verschiedene Leben leben. Die Möglichkeit ist da, nur die Zeit fehlt, um sie alle auszukosten, alle zu probieren, sie alle zu leben. Wie weiss man, welches das beste ist? Oder sind es sowieso nur Zufälle? Manchmal ist die Angst da, auf der Suche nach dem einen richtigen Leben, alle anderen Möglichen nur oberflächlich zu streifen.Er kommt aus dem Wasser auf mich zu, das Surfbrett lässig im Arm und lächelt. Surfen, seine Sucht, der Moment in dem alle seine Sinne nur auf ihn, das Brett und das Wasser fokussiert sind. Mediation für ihn. Auf dem Weg zurück zeigt er mir versteckte Wasserfälle im Jungle. Wunderschön, Adam und Eva könnten hier hinter einem Baum hervorkommen und es wäre ganz normal. Die Natur gewaltig, ihre Schönheit wild und er geht vor mir wie ein Tarzan. Führt mich durch die verschiedenen Grüntöne an geheime Orte. Auf dem Rückweg albern wir herum, Humor kann eine universale Sprache sein.
Der letzte Tag in Paraty hat begonnen. Wieder einmal ein wenig zu spät, wieder einmal wegen mir. Wir sammeln unsere Habseligkeiten aus unserem Zimmer zusammen, denn wir müssen es verlassen und bezahlen. Draussen wartet Fabricio rauchend auf uns, sein bester Freund ist Tätowierer und wird uns heute in unsere Hände stechen. Die Sonne strahlt auf uns herab und wird von keiner Wolke gestört. Herrlicher Tag. Ich schaue mich nochmals um, wir haben alles. Um den Rucksack anzuziehen, muss ich jedes mal ein wenig Starthüpfen, um ihn dann mit Schwung auf den Rücken zu hieven. „Hey Girls, are you ready?“ Fabricio oder wie wir ihn nennen ‚Surferjesus‘ strahlt uns entgegen. „What a wounderful, wounderful day Girls!“ singt Merlin der Zauberhippie, der plötzlich auch da ist und uns anlächelt. Er scheint glücklich und wird heute auf Ilha Grande übersiedeln.Wie immer trägt er die selben esoterischen Nirvana Klamotten. Als die Katze erscheint, ist er total aus dem Häuschen. „Olga, hallo Olga! What a Beautiful Day! Hello my Friend, Olga wow look at you! You changed into a Chat!“ Merlin nennt alle Tiere Olga. Singt sie mit einer fast unheimlichen Euphorie an. Die ‚originale‘ Olga ist ein Perlhuhn, das sich ab und zu in den Garten verirrt. Immer schreit er sie an, dass sie sicher sei und er sie nicht essen wolle. Ich mag ihn. Es gibt eine grosse Umarmung von Joseph für jeden von uns, Wünsche fürs Leben noch dazu. Beide Rücksäcke sind verstaut. Es ist heiss und das Auto eine rollende Sauna. Zwischenstopp am Busbahnhof und mit dem Ticket nach Sao Paulo im Sack fahren wir zu Fabricio`s Wohnung. Der Gedanke Paraty und unsere neuen Freunde zu verlasen, macht mich wehmütig.
Seine graue Katze Zuhause mit stahlblauen Augen will Aufmerksamkeit. Sein Freund Joe entspricht exakt meiner Vorstellung von einem Tätowier. Sympathisch, denk ich. Seine Freundin mit den blauen Haaren passt auch ins Bild und macht uns allen Kaffe. Immer beruhigend, wenn Situation so sind, wie man sie sich vorstellt. Wir fühlen uns wie bei langjährigen Freunden Zuhause. Jemand zeichnet, es gibt Kaffe und Fabricio spielt Gitarre. Wir entscheiden uns für die Schrift und den Ort der Tattoos. Wir zeigen John unsere Finger und erklären, er nickt, versteht sofort. „Who’s first?“ Nora und ich lachen uns an. Aufgeregt. Ich bin Erste, setze mich auf den Stuhl. Schaue interessiert zu wie er mit einem roten Stift das ‚NO‘ auf die Innenseite meines Zeigefingers zeichnet. Er hat kräftige Hände. Angenehm, es sehen alle zu. Die Skizze stimmt, ich Atme ein und aus, beäuge interessiert die Maschine, die die Farbe in meine Haut jagen wird. Sie vibriert sanft. Er versucht meinen Finger zu drapieren, keine Bewegung für mich, aber Bewegungsfreiheit für ihn. Es beginnt. Ich bin fasziniert. Ich werde Tätowiert. Spannend, ganz neu. Der Schmerz ist nicht so gross, nur die doppelten Linien schmerzen, aber aushaltbar. Musik ertönt aus dem Laptop, alternativer easy Rock. Nora fotografiert, was passiert. Das Erste ist fertig und nun folgt das Zweite. Die exakte Stelle am Handgelenk muss noch festgelegt werden. Mehrfaches aufzeichnen, Bedenkzeit für mich, Rauchpause für ihn. Dann gehts wieder los, das Zweite geht ganz schnell und ich liebe es, als wäre es schon immer ein Teil von mir gewesen. Nora fotografiert mich, Fabricio und die Frau mit den blauen Haaren. Fabricio fotografiert auch, aber mit dem Telefon und auch sie mit den blauen Haaren macht Bilder mit ihrer Kamera. Alle halten den selben Moment fest, aus den selben Gründen, aus verschiedenen Winkeln. Ich fühle mich ganz verwegen, neu und irgendwie gefährlicher mit der permanenten Tinte in meiner Hand. Nora setzt sich auf den Stuhl, es wird wieder vorgezeichnet mit roter Farbe, kontrolliert und los. Nora verzieht das Gesicht, die Schmerzen werden grösser. Sie steht es durch, das Erste ist vorbei. Ich beginne Portraits zu machen. Von ihr, von Fabricio und vom Mann der tätowiert. Nora hält es fast nicht mehr aus, hat nun einen irren Blick. Ich halte ihre Hand und rede auf sie ein. Ich erzähle von unserer Reise, von Erlebnissen die noch da Draussen irgendwo auf uns lauern. Sie hat es geschafft, durchgehalten. Das Letzte am Finger, für ihre Schwester. Ich mache ein Video. „Flo das ist für dich, für uns“, sagt Nora mit einer seltsamen Stimme, ihr Blick wird immer wahnsinniger. Die Nadel sticht in ihre Haut, unaufhörlich, weil sie es will. Endlich, Erlösung, Freude. Wir sind so glücklich, aufgeregt, bestaunen die neuen Zeichen, zeigen uns gegenseitig unsere Hände. Yes, endlich, irgendwie sind wir neu, gefährlich und rockig. Nun sind wir schon wieder im Stress, diesmal nicht wegen mir. Der Bus fährt in 15 Minuten. Folien auf die Tattoo’s und schon sind wir alle im Auto, zusammengepfercht wie Dosensardellen. Der Weg zum Bus geht mir zu schnell, denn es gefällt mir hier. Wir kommen am Busbahnhof an, Gepäck raus, den richtigen Bus finden. Lange Umarmungen, das Versprechen sich vielleicht wieder zu sehen. Selten habe ich fortlaufend so viele Menschen verabschiedet. Zwischenstationen, Punkte auf der Linie die mein Leben ist. Jeder Mensch hinterlässt etwas in mir, von jedem nehme ich etwas mit und lasse ihm etwas da. Wir verändern einander, auch wenn es uns nicht immer bewusst ist. Ist es Zufall? Ich denke über die Anzahl Menschen und Orte nach, die Milliarden Möglichkeiten sich zu verpassen. Es erscheint mir wie blanker Wahninn, wenn man Menschen ohne es zu planen zwei oder drei Mal im Leben wieder trifft. Ein Zufall wie ein Lottogewinn oder Bestimmung.
by Noëmi
Paraty - Zuhause mit Merlin dem Zauberer
25. November, im Bus nach São Paulo
Das Licht tänzelt durch die Bäume, es ist grün überall unglaublich grün. Das Ruckeln des Busses wirkt einschläfernd und doch kann ich kein Auge zutun. Zu viele Gedanken im Kopf, zu viele Gefühle um abzuschalten. Ich schaue hinaus und muss lächeln, vom Glück gepackt. Wir sind auf dem Weg nach Sao Pãulo, verlassen Paraty, wo wir die letzte Woche verbracht haben. Die Zeit war intensiv, fühlte sich länger an. Und doch, würde mich jemand fragen, was wir erlebt haben, könnte ich noch nicht einmal viel antworten. Wir schauten uns die Highlights nicht an, besuchten nicht die Orte, die man gesehen haben muss und probierten nicht viele der wunderbaren Restaurants aus, für die Paraty bekannt ist. Wir kamen an, stürzten uns ins Leben und kamen nochmals an, kamen richtig an.
Bei unserem Couchsurfer Gustavo bleiben wir die ersten fünf Nächte, helfen auf seinem Boot aus, mixen Caipirinha um Caipirinha für Touristen, tanzen Abend für Abend bis unsere Beine uns nicht mehr tragen können und geniessen Regentage gemütlich vor dem Fernseher. Wir teilen Abende mit gutem Essen, meist viel zu spät, weil der Alltag dazwischen kommt und Gustavo immer irgendwo unterwegs ist. Immer im Seich, immer bei der Arbeit, ständig am das in Ordnung bringen, was seine Angestellten verbocken. Das Boot für die Touristenfahrten geht kaputt, ausgerechnet an einem Samstag und am Sonntag ist niemand da, der es reparieren kann. Er muss Fahrten absagen, verliert eine Menge Geld. Aber davon lässt er sich nicht beirren, es scheint, als sei er es sich daran gewöhnt. Einmal sind wir in einer Bar und Gustavo möchte einmal nur kurz Zigaretten holen. Nachdem er nach einer Stunde immer noch nicht zurück ist, fangen wir an, uns langsam Sorgen zu machen. Der freundliche Barbesitzer, der uns selber hinter der Bar mixen lässt und kurzum sogar einen neuen Drink nach Noëmi benennt „CaipiNoemi“, fragt uns immer wieder, ob alles ok sei. Auch die anderen in der Bar, ausschliesslich Brasilianer, sorgen sich um uns und bieten uns an, Gustavo für uns suchen zu gehen. Irgendwann steht er aber einfach wieder da, meint, der Angestellte an der Reception in seinem Hostel, sei nicht für die Nachtschicht erschienen und er musste kurz jemand anderen organisieren. So ist sein Alltag. Man hat das Gefühl, als würde er gegen Treibsand ankämpfen, umso mehr er versucht, umso mehr geht schief.
Schon nach dem zweiten Tag bei ihm Zuhause, stehen wir am Morgen auf und merken, dass Vibe der Hund, der sonst im Garten haust, verschwunden ist. Ein Dalmatiner, eine Seltenheit in Paraty. Zuerst ist Gustavo nicht sehr besorgt, da er denn Hund eh jeden Morgen rauslässt, damit dieser ein bisschen spazieren gehen kann. Warum genau er einen Hund hat, haben wir nie so ganz verstanden, aber er hat ihn nun mal und auch wenn er scheinbar nie was mit ihm unternimmt, scheint ihm viel an ihm zu liegen. Nach ein paar Stunden ist klar, dass Vibe nicht so schnell wieder zurück kommen wird. Wir machen uns alle Sorgen und ich gehe mit Gustavo mit, das fehlende Gruppenmitglied zu suchen. Aus dem ‚rufend-im-Quartier-herumlaufen‘ wird schnell hektisches durch die Strassen laufen und sich von Person zu Person durchfragen, ob jemand einen Dalmatiner gesichtet habe. Die Nachricht geht wie ein Lauffeuer durch die Stadt und nach kurzer Zeit schon kommen wildfremde Menschen auf mich zu und fragen mich, ob wir den Hund schon gefunden haben. Nun, gesehen haben ihn alle mal, der eine verweist zum Hafen, der andere zum Strand und der nächste ist sicher, ihn im Zentrum gesehen zu haben. Nur wir sehen ihn nirgends. Das Problem ‚Vibe‘ zieht sich über fast zwei volle Tage hinweg und wir geben alles, um mitzuhelfen, mit dem einzigen Ergebnis, dass mich meine Füsse verfluchen vom vielen Laufen über die unebenen Pflastersteine. Gustavo meint, vielleicht habe jemand seien Hund gestohlen, um ihn zu verkaufen oder Touristen hätten ihn mitgenommen. Er sei zu lieb und anhänglich und würde mit jedem mitgehen. Es könnte aber auch sein, dass er einer anderen Hündin nachgelaufen ist, schliesslich habe sein Hund noch nie Sex gehabt und da sei diese Lösung ebenfalls naheliegen. Nun ja, warum auch nicht, Vibe der alte Schürzenjäger. Am Abend nachdem er immer noch nicht Zuhause ist, vermischen sich Tränen von Gustavo mit Capirinhas, Tequila und doch wieder guter Laune. Nach stundenlangem Extremsport-Tanzen und mich von einer schwarzen Tanzmaschine durch die Luft werfen lassen, gibt’s nochmals ein verzweifelter nächtlicher Durchgang durch die Stadt. Hätten meine Beine eine eigene Stimme, bin ich mir sicher, würden sie mich fragen, ob ich sie eigentlich verarschen will. Schliesslich gehen wir zu dritt - ohne Vibe - nach Hause. Am nächsten Tag muss Gustavo um sieben Uhr raus, ein weiterer Versuch, das dem Untergang geweihte Boot zu retten. Wir verbringen den regnerischen Tag damit, uns mit Pablo Escobar und den Gringos nach Kolumbien zu träumen und mit der hübschen Nachbarin und ihrem unglaublich süssen kleinen Mädchen zu plaudern. Sogar ein schweizerdeutsches Wort kann ich der Kleinen beibringen und sie läuft das ‚Büsi’ rufend durch den Garten. Dann irgendwann die grosse freudige Nachricht, eine Whatsapp Nachricht von Gustavo, mit einem Foto wie er im Auto sitzt und Vibe auf dem Beifahrersitz. Die Freude ist gross - zumindest von unserer Seite her. Gustavo lädt den Hund nur im Garten ab und muss dann sofort weiter, irgendein nächstes Problem steht an, das es zu lösen gilt. Den sehr verschüchterten und leicht hinkenden Vibe verpflegen wir noch mit viel Fürsorge und Liebe, was er alles dankend entgegen nimmt, bevor wir uns hungrig wie immer wieder mal auf die Socken machen. Jedem Hund nachzuschauen, konnte ich mir bis zum Schluss nicht mehr abgewöhnen.
Ein paar Tage später müssen wir von Gustavo in ein Hostel wechseln, da seine Familie sowie seine Exfrau zu Besuch kamen. Es gilt uns genug früh raus zu buxieren, aus irgendeinem uns unerfindlichen Grund, darf uns möglichst niemand bei ihm zu Gesicht bekommen. Nun gut, wir ziehen um in ein super schönes Hostel gleich im Zentrum und bekommen auch prompt ein 7er Massenschlag für uns alleine, da sowieso nur ein weiterer Gast vorhanden ist. Langsam können wir mit unserem Glück fast nicht mehr umgehen, nachdem wir ja schon auf Ilha Grande ein Zweierzimmer für den Preis eines 7er Zimmers bekamen und eine Nacht im Hostel vorher nicht mal bezahlen mussten. Warum auch immer. Aber wir nehmen das Glück mit offenen Armen entgegen und schaffen es tatsächlich innert kürzester Zeit, jedes einzelne der sieben Betten mit irgendwas zu belagern. Woher kommt eigentlich das ganze Zeug? Einmal mehr frage ich mich, ob man nicht mit noch weniger reisen könnte, aber ich weiss auch nicht, was ich weglassen sollte.
Nach kurzer Zeit im Hostel freunden wir uns mit dem einzigen anderen Gast an und kommen schnell zur Erkenntnis, dass Joseph definitiv eine der bemerkenswertesten Figuren ist, der wir je begegnet sind. Wer Merlin den Zauberer kennt, kennt auch Joseph. An seinem Gesicht fallen einem sofort die leuchtend hellen Augen auf, alles andere wird von seinen unzähligen Rastas, seinem Bart und seinem immer präsenten Hut überdeckt. Seine Kleider - weite Leinensachen - bestechen einen mit bunten, wilden Mustern. Ob er Schuhe dabei hat, haben wir nie so recht herausgefunden, auf jeden Fall aber sein kleines Beutelchen aus Stoff, das immer und überall dabei ist. Und natürlich seine Lesebrille, bei der ein Henkel fehlt und die ihm immer krumm über der Nase hängt. Wir lernen von ihm, wie schnell die Erde sich im Universum bewegt, erfahren, dass wir alle Träumen wenn wir wach sind und meditieren wenn wir schlafen. An sein plötzliches Herumtänzeln auf der Stelle und die tiefen langen Umarmungen aus heiterem Himmel ist man sich schnell gewöhnt, man lernt all dies sogar zu schätzen. Er stellt uns seine Lieblingspalme vor, daran könne man sich perfekt anlehnen. Und Olga die Katze, die zwischendurch auch mal als Vogel oder Hund auftaucht. Wir fragen ihn, woher er komme. Seine Antwort: “I am from Mother Earth, but this lifetime my mother borned me in the States.”
Als er in einem riesen Topf Pasta für die Hostelcrew und uns macht, lässt er stolz verlauten, dass er findet, die Menschen müssen sich mehr umeinander kümmern und nicht bloss um sich selbst. Er schaue immer gern für alle, deshalb sollen alle mitessen, es habe genug. Schliesslich habe er für das Essen sieben verschiedene Pack Teigwaren in der Küche zusammen geklaut. Die Tomatensauce habe er selbst gekauft. Robin Hood sei dank kommen wir so dann auch zu unseren ersten verkochten Teigwaren, die aber alles in allem wirklich ziemlich hervorragend sind. Er erzählt nicht viel aus seinem Leben vor dem Reisen, erwähnt nur einmal, dass er früher eine Familie hatte. Ein ‚normales‘ Leben, einen Alltag, dann aber alles aufgab und ging und auch nie mehr in ein solches Leben zurückkehren könnte. Glaubhaft.
Einmal erwische ich unseren Merlin auf einer Bank sitzend und Kokosnuss essend, als ich gerade alleine von einem Spaziergang durch die Altstadt zurück komme. Ich setzte mich neben ihn und setze es mir zum Ziel etwas aus dem vorherigen Leben des 60 Jährigen herauszufinden. Ich frage ihn nach seiner Familie. Er habe eine Schwester und zwei Brüder, alle jünger. Ausserdem vierzehn Nichten, alle wohnen sie in West Virginia. Besonders gut versteht er sich nicht mit ihnen. „Why not?“ frage ich. „Because they’re not happy and they’re probably jelaous because I am.“ Ob sie wirklich nicht glücklich sind oder er sich einfach nicht vorstellen kann, dass man in einem ‚normalen‘ amerikanischen Familienleben glücklich sein kann? Der Mann seiner Schwester sei sehr kleinkariert und spitzfindig. Trotzdem gehe er jedes Jahr einmal nach Hause, ausser nächstes Jahr, da schaffe er es wahrscheinlich nicht. Wie es wohl ist, seinen Bruder alle Jahre zu sehen und ihn jedes Mal weniger zu erkennen? Einfach bestimmt nicht und ich frage mich, was wohl dazu führte, dass er sich entschied so anders als seine Geschwister zu leben. Er erzählt, dass er schon viermal um die Welt gereist ist. Zweimal auf dem Seeweg, zwei mal auf dem Landweg. Ich sehe ihm in die Augen und stelle mir vor, was sie schon alles gesehen haben müssen. Ich frage ihn nach seinen Eltern und ob auch sie schon reisten. Sein Vater war bei der Navy und reiste in den USA herum. Seine Mutter starb mit 52, seine Schwester war damals erst 17 Jahre alt. Wieder frage ich warum und weiss nicht, ob ich damit zu weit gehe. Doch er antwortet, wenn auch auf seine Weise. Sie habe ein zu grosses Herz gehabt für diese Welt, immer nur an andere gedacht und nie an sich selbst. Deshalb wäre sie gestorben, sie war nicht für hier gemacht und musste gehen. Ich akzeptiere die Antwort und denke mir, dass sie vielleicht mehr aussagt, als wenn er gesagt hätte, sie sei krank gewesen oder eine andere Standardantwort. Danach merke ich, dass der Moment vorbei ist, er aufsteht, wieder anfängt zu tänzeln und langsam davonläuft. Merkwürdig denke ich, merkwürdig, dass mir sein Verhalten so normal vorkommt hier. Er scheint hierher zu gehören wie die bunten hübschen Vögel, die wir am Tag zuvor am Strand sahen. Ich weiss nicht wieso, aber ich stelle mir vor, dass er früher vielleicht einmal einen guten Job hatte. Irgendeine hohe Position, vielleicht sogar in einer Bank, irgendwas Wichtiges. Irgendwie muss er wohl Geld zur Verfügung haben, um all das Reisen zu finanzieren. Ich mag seine Art, seine gutmütigen Augen und seine Gelassenheit. Nichts wirkt aufgesetzt, wie es bei vielen anderen Hippies manchmal scheint. Positive Durchgeknalltheit dieses Ausmasses kann nur echt sein. An einem Nachmittag treffen wir Fabricio wieder, der argentinische Surferboy wie er im Bilderbuch steht. Lange Locken, gebräunte Haut, ein ständiges Lächeln im Gesicht und ein Gang der von Selbstüberzeugung zeugt. Doch auch wenn er allen Grund dazu hätte, ist er kein bisschen eingebildet, ist sympathisch und wir verstehen uns alle sehr gut. Am Abend bei Caipirinhas (wer hät’s gedacht), erfahren wir, dass sein momentaner Mitbewohner Tätowier ist. Wir packen die Gelegenheit beim Schopf und verabreden einen Termin für unser schon lange geplantes Tattoo. Als wir sagen, dass wir es auf unsere Finger abgesehen haben, warnt der liebe Fabricio vor wenig Haut und viel Knochen und den Schmerzen. Egal, Indianer kennen keinen Schmerz. Sagen wir uns.
Gustavo sehen wir in dieser Zeit immer wieder mal, wir sind ein Dreiergespann geworden, dass sich gegenseitig ans Ende aller Kräfte bringt. Wir bringen ihn zum feiern, er uns zum weiterfeiern und vergisst dabei jegliche Pflichten, wie das Bezahlen seiner Miete bis hin zu einer privaten Bootstour, für die er von einem Touristenpärchen angeheuert wurde. Nun ja, aber das Boot ist ja eh mehr im Wasser als darüber. Doch kommt Zeit kommt Rat, am zweitletzten Tag von unserem Dasein in Paraty kommt dann doch noch der Elektriker, das Boot wird gerettet und es scheint als wäre nun alles wieder gut. Doch als Gustavo immer noch im Elend scheint, gehe ich auf Tuchfühlung, weil ich das Gefühl habe, irgendwas stimmt nicht und meine Neugier einmal mehr siegt. Nach langem Reden erfahre ich von seinem wahren, noch viel grösseren Elend. Kurz und bündig, seine Exfrau kommt aus Holland und zog für die fünf Jahre, in denen sie verheiratet waren zu ihm. Nach zu vielem Streiten, trennen sie sich und sie geht zurück nach Holland. Dann nach ein paar Wochen kommt die Nachricht, sie sei schwanger. Gustavo sagt ihr, er würde sie bei jeder Entscheidung unterstützen, sie aber nicht mehr lieben und sich auch keine Beziehung mehr mit ihr vorstellen können. Sie entscheidet sich für das Kind und bekommt prompt Zwillinge. Niemand kann es glauben, Gustavo am allerwenigste. Eine Welt bricht zusammen, seine Welt, ihre wahrscheinlich auch erstmal. Er kann sich nicht vorstellen, dass seine zwei Söhne in einem fremden Land mit einer fremden Sprache aufwachsen sollen. Vielleicht werden sie ihn nicht einmal wirklich kennen lernen, dabei gäbe es so viel, was er ihnen beibringen müsste. Wer sollte das nun tun? Doch nach Holland ziehen sei auch keine wirkliche Möglichkeit. Was hätte er dort für Aussichten, ohne Schulabschluss und ohne die Sprache zu sprechen. Er müsste wieder ganz unten anfangen. Als er das sagte, fängt er an zu weinen, meint, er erinnere sich noch zu gut an die Zeit früher. Als er auf dem Fussboden schlafen musste. Ständig Hunger hatte. Wenn er jetzt nach Holland ginge, würde er keinen richtigen Job bekommen. Was solle er da? Er spreche die Sprache nicht, habe keine Ausbildung. Er müsste für andere Leute arbeiten, Teller waschen, Kellnern. Noch mal das Gefühl haben, Niemand zu sein, unter allen anderen zu stehen. Das schaffe er nicht. Nun gut, auf dem Fussboden müsste er in Holland sicher nicht schlafen und hungern auch nicht, aber ich verstehe ihn durchaus sehr gut. Hier hat er sich alles aufgebaut aus dem Nichts, ist erfolgreich. Hier ist sein Zuhause. Ich möchte ihm helfen, ihm irgendwas sagen, was hilft, aber es gibt nichts. Für eine solche Situation gibt es keine richtige oder falsche Lösung. Wahrscheinlich gibt es nur verschiedene Wege um die Lösung herum, die so denke ich, am Schluss aber genauso zu einem Ziel führen. Ich sage ihm, er müsse die Dinge anders sehen. Sich nicht denken, wenn er hier bliebe, sei er ein schlechter Vater und wenn er nach Holland ginge, werde er alles hier verlieren. Viel mehr müsse er sich sagen, wenn er nach Holland geht, wird er ein guter Vater sein, wenn er hier bleibt, wird er erfolgreich bleiben. Mir ist klar, dass es so einfach nur von Aussen gesagt ist, spüre seine unendliche Verzweiflung und nehme ihn in den Arm. Daraufhin fängt er noch mehr an zu weinen und zu zittern und ich mache mir wirklich Sorgen um ihn. Er bebt immer mehr, sein ganzer Körper scheint zu zittern. Worte über Worte brechen aus ihm heraus, hören nicht mehr auf. Auch wenn ich nicht viel tun kann, hilft es ihm, als ich ihm sage, dass er stolz auf das sein könne, was er schon alles aus dem Nichts aufgebaut habe und er meiner Meinung nach ein guter Mensch sei, auch wenn er das selbst nicht so sah. Einmal mehr merke ich, was für ein anderes Leben wir haben. Seine Probleme wirken absurd und unaufhörlich und ich denke irgendwie an die Jungs aus den Castinghows, die mit traurigen Hintergrundgeschichten bei den Zuschauern punkten wollen. Nur sein Zittern macht mir wieder klar, dass dies hier die Realität ist. Ich überlege mir, wie es Zuhause wäre und ob sich nicht mehr liebende Eltern aus Vernunft zusammen bleiben würden. Und ob es besser wäre oder nicht. Er meint, ich sei die erste Person, die ihm wirklich sage, dass er stolz auf sich sein könne. Er beruhigt sich und wir sitzen noch eine Weile so da.
All das und noch mehr hat uns das kleine Paraty geboten. Viel mehr Orte als die Stadt selbst und einen wunderschönen Wasserfall haben wir nicht gesehen, doch wir haben die Menschen darin erlebt und uns von ihnen berühren lassen. Haben Freunde gefunden, Krisen geteilt, mitgeholfen, beigestanden, Nachts um die Wette gesteppt, auf einem Boot gearbeitet, gratis gewohnt und uns nebenbei von den berauschend schönen Kolonialhäuser bezaubern lassen. Mann kann ganz kitschig sagen, wir sitzen gerade mit einem Lächeln auf den Lippen und Tränen in den Augen im Bus und verlassen die Stadt. Nicht zu vergessen unsere mit frischer Tinte durchstochenen Hände - schade bin ich keine Indianerin.
Ich komme mit meinen Gedanken zurück ins Jetzt, wieder in den Bus. Draussen ist es mittlerweile dunkel, doch die Fahrt dauert noch ein paar Stunden. Ich fühle mich wie damals als Kind, als wir jedes Jahr im Sommer mit dem Auto durch die Nacht in die Toskana fuhren. Schon damals liebte ich es hinaus ins Dunkle zu schauen, nicht zu wissen, was einem am anderen Ende erwartet und wo man schlafen wird. Und obwohl ich so weit von Zuhause weg bin und noch nicht einmal weiss, wo uns der Busfahrer um fast Mitternacht in Sao Paolo abladen wird, geschweige denn, wo wir dann hingehen werden, fühle ich mich sicher. So sicher wie damals auf dem Rücksitz, als mein Vater und meine Mutter die ganzen acht Stunden durchfuhren.
by Nora