Die schöne Demut
Ihr war schlecht. Allein schon bei dem Gedanken daran. Aber sie hatte keine Wahl. Sie wusch sich das Gesicht und zog sich an. Sie wollte sich nicht schön machen. Sie wollte nicht schön aussehen. Ihr war schlecht. Sie atmete ein. Eins. Und aus. Zwei. Und ein. Drei. Und aus. Sie fuhr los. Mit dem Fahrrad durch die frische Morgenluft. Die Sonne schien, blendete sie.
Sie schloss ihr Fahrrad am FuĂgĂ€ngerzonen-Schild an und ging in den Laden. Die nette alte Dame hatte ihn schon aufgemacht und saĂ nun mit einem Kaffee am Tisch.
Die Kirchenglocken lieĂen die Stadt wissen, dass es jetzt neun Uhr war. Das MĂ€dchen machte sich an die Arbeit, die sie am Tag davor nicht fertig geschafft hatte. Ihr war schlecht. Aber die Arbeit machte ihr SpaĂ. Sie lenkte sie davon ab.
Es war zehn Uhr zwanzig. Die Arbeit machte langsam nicht mehr so SpaĂ. Zehn Uhr einundfĂŒnfzig. Hunger. Ihr war schlecht. Elf Uhr fĂŒnf. Der Chef schneite herein und begrĂŒĂte sie herzlich. Ein schmieriger Typ, aber nett. Er kam immer erst so spĂ€t. Er war der Chef, er durfte das.
Der Laden, der zuvor so schön ruhig war, wurde jetzt durch die GesprĂ€che des Chefs beschallt. Telefonate. Privat. Er war der Chef, er durfte das. Elf Uhr dreiĂig. Er fing an zu arbeiten.
Zwölf. Mittagspause. Sie atmete auf. Sie ging zum BĂ€cker, kaufte sich ein belegtes Brötchen und setzte sich in die wĂ€rmende Sonne. Zwölf Uhr sechs und zwanzig. Sie machte sich auf den Weg zurĂŒck. Ihr war schlecht.
Der Chef war gerade mit einem Kunden beschĂ€ftigt. Die nette alte Dame war nicht mehr da. Das MĂ€dchen setzte sich zurĂŒck an ihren Platz, an ihre Arbeit.
Der Chef redete gern. Die Kunden gingen. Der Chef sprach sie an. ErzÀhlte ihr begeistert irgendeine Geschichte. Sie verstand sie nicht. Sie verstand ihn nicht.
Fröhlich singend lief er durch den Laden. Er machte irgendwas oder auch nichts. Er war der Chef, er durfte das.
Er lief immer wieder an ihr vorbei. Strich ihr durchs Haar oder streichelte ihre Schulter. Er war der Chef, er durfte das. Er massiert sie. âVerspannt bist du aber.â Ja und schlecht ist ihr. Er schwĂ€rmte, wie toll sie doch sei. Er war der Chef, er durfte das. Er bat sie, die Toilette zu putzen. Er war der Chef. Ihr war schlecht. Er umarmte sie. Ihr wurde schlechter. Er war der Chef, er durfte das. Er kĂŒsste sie. Er war der Chef, durfte er das? `











