Therapeutische Wohngruppen - Infos & Erfahrungen
Dieses Thema würde ich gerne anschneiden, da ich vor einigen Monaten selber verzweifelt nach Informationen zu therapeutischen Wohngruppen gesucht habe und nun aber aus persönlichen Erfahrungen sprechen kann. Ich wohne seit Sommer letzten Jahres in einer therapeutischen Wohngruppe und würde euch gerne dazu einige Informationen geben.
Was sind therapeutische Wohngruppen eigentlich?
Eine therapeutische Wohngruppe ist, wie der Name schon sagt, eine Wohngruppe, die therapeutisch arbeitet. In einer therapeutischen Wohngruppe wohnen in der Regel nur psychisch kranke Jugendliche/Erwachsene, die aufgrund ihres Krankheitsbildes nicht in einer Wohngruppe ohne therapeutischen Schwerpunkt wohnen können.
Was macht die therapeutische Wohngruppe “therapeutisch”?
Therapeutisch macht die therapeutische Wohngruppe, dass in den meisten Fällen Therapeuten in einer therapeutischen Wohngruppen arbeiten und so die therapeutische Begleitung sicherstellen. Zudem sind die Betreuer in einer therapeutischen Wohngruppe extra für den Umgang mit psychisch kranken Personen ausgebildet.
Was genau macht eine therapeutische Wohngruppe besonders?
Wie schon gesagt arbeiten in der Regel in einer therapeutischen Wohngruppe Therapeuten und bieten Einzel- und evtl. auch Gruppentherapien an. Zudem wohnen nur Jugendliche/Erwachsene mit psychischen Erkrankungen in einer therapeutischen Wohngruppe. Therapeutische Wohngruppen sind in der Regel 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche besetzt (es sei denn es ist eine Verselbstständigungsgruppe dann nicht unbedingt) und es gibt einige Regeln, die es in normalen Wohngruppen nicht gibt.
Für wen ist eine therapeutische Wohngruppe geeignet?
Eine therapeutische Wohngruppe ist für Leute geeignet, die es aufgrund ihrer Erkrankung nicht schaffen bei ihren Eltern oder alleine zu leben. Zudem ist es auch für Jugendliche, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankungen ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern haben und/oder ein Zusammenleben in der Familie nicht möglich ist.
Welche Voraussetzungen muss man erfüllen um in einer therapeutischen Wohngruppe wohnen zu können?
- eine psychische Erkrankung haben, die einen so sehr im Alltag belastet, dass man von einer (drohenden) seelischen Behinderung sprechen kann
- einen Arztbericht (sei es vom Therapeuten oder aus einer Klinik) haben, in dem steht, dass eine Unterbringung in einer therapeutischen Wohngruppe notwendig scheint
- Motivation zeigen, dass man an seinen Problemen arbeiten möchte
Gibt es Ausschlusskriterien?
Ja, häufige Ausschlusskriterien sind:
- akute Suizid- oder Fremdgefährdung (das heißt NICHT dass man keine Probleme mit Suizidalität haben darf, sondern dass man absprachefähig sein muss)
- primäre Drogenproblematik (das heißt, wenn dein größtes Problem deine Drogensucht ist und du massiv Drogen konsumierst (es gibt allerdings extra therapeutische Wohngruppen für Drogenabhängige, da gilt diese Regel nicht!))
- massive Gewalttätigkeit gegen Mitmenschen
- schwere geistige Behinderung
Mit was für Krankheitsbildern leben die Jugendlichen/Erwachsenen zusammen?
Das ist ganz unterschiedlich. Die meisten therapeutischen Wohngruppen nehmen Jugendliche mit allen möglichen Krankheitsbildern auf. Es gibt auch Wohngruppen, die sich auf bestimmte Krankheitsbilder spezialisiert haben z.B. Essstörungen, Borderline, Traumafolgestörungen, Drogenabhängigkeit etc. Zudem gibt es Wohngruppen ausschließlich für Mädchen/ Frauen oder Jungen/ Männer und auch gemischtgeschlechtliche Wohngruppen.
Wie lebt man zusammen in einer therapeutischen Wohngruppen?
Hier kann ich euch nur von meinen persönlichen Erfahrungen erzählen, sprich man kann meine Erfahrungen nicht unbedingt ins allgemeine übertragen. Ich finde, es ist hier wie in einer großen Familie. Man hat sein eigenes Zimmer, man isst zusammen, man streitet sich, man lacht miteinander. Das Zusammenleben ist oft schwierig, weil alle natürlich belastet sind und es entstehen auch oft Triggersituationen. Doch die schwierigen Situationen schweißen die meisten auch zusammen und man wird zu einer richtigen Familie und findet Freunde fürs Leben. Ich sage immer hier bei uns in der therapeutischen Wohngruppe passiert an einem Tag mehr als draußen bei anderen Menschen in einem ganzen Monat. Hier ist immer was los, es passiert ständig was.
Was gibt es für Regeln in einer therapeutischen Wohngruppe?
Jede Wohngruppe hat seine individuellen Regeln. Aber jede Wohngruppe hat nach Alter gestaffelte Ausgangs- und Bettgehzeiten. Normalerweise muss man zu Essenszeiten da sein und man darf über belastende Themen wie Suizidalität, traumatische Erlebnisse etc. nicht mit anderen Bewohnern sprechen. Außerdem kann es sein, dass man bestimmte Handyreglungen hat z.B., dass man sein Handy nachts abgeben muss o.ä. Zudem sind meist scharfe Messer und Medikamente weggeschlossen, in meiner Wohngruppe sind auch die Kühlschränke abgeschlossen und Essen ist nur zu den Essenszeiten zugänglich.
Wie läuft ein Aufnahmeprozess in einer therapeutischen Wohngruppe ab?
Hier kann ich nur den Ablauf einer Aufnahme in der Jugendhilfe beschreiben. Wenn man sich dazu entschlossen hat in eine therapeutische Wohngruppe zu ziehen, braucht man von einem Therapeuten/Psychiater einen ausführlichen Arztbericht, dass man eine seelische Behinderung hat/ dass man von einer seelischen Behinderung bedroht ist und warum eine Unterbringung in einer therapeutischen Wohngruppe sinnvoll erscheint. Damit geht man dann zum Jugendamt, die wiederum wissen wollen was für dich wichtig ist in der Wohngruppe. Also, ob du in eine gleich- oder gemischtgeschlechtliche therapeutische Wohngruppe möchtest, ob die Wohngruppe in der Nähe deines jetzigen Wohnorts sein soll oder weit weg, ob es Sinn macht nach einer krankheitsspezifischen therapeutischen Wohngruppe zu suchen, ob du lieber in ein Einzelzimmer oder Doppelzimmer willst usw. Das Jugendamt sucht dann mittels des Arztbriefs und deinen Angaben nach Wohngruppen und stellen Anfragen. Wenn die Wohngruppe sich eine Aufnahme vorstellen könnte, wird ein erster Kennenlerntermin vereinbart, der meist noch nicht in der Wohngruppe stattfindet, sondern beim Jugendamt. Da stellt sich die Wohngruppe vor und man stellt sich selber vor und erklärt, was die eignen Ziele sind usw. Wenn sich die Wohngruppe nach der Erstvorstellung immernoch eine Aufnahme vorstellen kann, wird ein Besichtigungstermin vereinbart. Da schaut man sich die Wohngruppe an und spricht über Fragen, Bedenken usw. Nach diesem Termin werden entweder weitere Termine vereinbart oder die Wohngruppe trifft die Entscheidung ob sie die Person aufnehmen oder nicht. Wenn die Entscheidung positiv ausfällt, kommt es zur Aufnahme.
So, ich hoffe, ich konnte euch die meisten Fragen beantworten. Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr sie mir gerne stellen.