Tag 3099 / Der Tag, an dem ich die Abstinenzkalender abgehängt habe




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Tag 3099 / Der Tag, an dem ich die Abstinenzkalender abgehängt habe
Tag 1943 / “Ein unverrückbares Gefühl der Zugehörigkeit”
Tag 1723 / Ich klebe keine Abstinenzaufkleber mehr
Tag 1723 / Ich klebe keine Abstinenzaufkleber mehr
Da ist die Wand mit den Kalenderblättern, mit meinen Aufklebern. Es ist die Wand mit den Abstinenzkalenderblättern mit den Abstinenzaufklebern und daneben liegt meine Katze in der Hängematte.
Dieses Bild allein, diese kleine Szene ist eine Sensation.
Eine andere ist, dass diese Woche die Therapie geendet hat, dass ich zum ersten Mal nach Ende der beruflichen Reha bei der Rehaeinrichtung war, dass ich jemandem Selfies mit Gesicht schicke und dabei lächle, dass ich eine medizinische Reha beantragen möchte, trocken.
Dieses Bild ist eine Sensation, weil es mit so vielen schweren Tagen verbunden ist, so vielen zähen Tagen und dass ich heute oder mittlerweile und vielleicht auch, seit ich nicht mehr klebe oder schon eine Weile davor, trotzdem, obwohl ich klebte, ich mir ziemlich sicher war und bin, dass ich trocken bleibe, ich es als selbstverständlich nehme.
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Wollte umkehren
Auf der Bernauer gedacht: Kehre um. "Ich hab keinen Bock!" laut gesagt. Im Meeting gemerkt: Das ist die Sucht. Der tropfende Wasserhahn. (Tag 336)
Matschbirne in der Entwöhnungsklinik Alle anderen topfit ohne Stoff, ich Probleme, den Schlüpper anzuziehen und all die Reize, all die anderen beim Frühstück aushalten, alles anstrengend, so wie heute.
Die trockene Fassade aufrecht erhalten. Anstrengend für mich. Niemandem bei der Arbeit reines Wasser einschenken.
Über Agatha bisweile stundenlang am Tag mit abstinenten Inhalten beschäftigt. Jetzt Agatha oft ausfallen lassen. Diese Katzenhängematte mit Abstinenzaufklebern - eine Ermahnung an das Wertvollste.
"Ein Schatz", sagte Vivien, ein Schatz zum Hüten. (Das Wichtigste, was du hast, ist deine Abstinenz!" Tag 413) Ich vernachlässige den Schatz. "Ich habe mich um mich zu kümmern", sagte der gestern. Ich muss mich um mich kümmern!
Freitag zu Frida beinah gesagt: "Ach, gib mir auch mal eine." Eine Kippe haben wollen. Heute auch wieder das Verlangen, zu Rauchen. Und im Meeting sagt einer den gleichen Satz zum Trinken. "Ach, gib mir auch mal eins." Ein Glas ein Bier.
Als ob die Sucht in mir hochkriecht, spricht.
Hat ihm nicht gefallen in den Gruppen am Anfang, er hat sich selbst nicht gefallen. Nichts hat ihm gefallen. Trotzdem wiedergekommen.
Diese Geschichte von Manja im neuen Job. Da oben lagerte griffbereit der Alkohol. Sie raus, gekündigt, zu gefährlich, zu nah.
Trotz Meeting diese Sehnsucht nach Ohrfeigen verspürt, nach Arsch versohlt bekommen. Doch mit dem treffen, der seine Zahnprothese beim Sprechen verliert? Weil er gesellschaftlich gesetzt ist? Mich nervt dieses Handy so! Diese Tastatur! Wie lange will ich mich noch quälen? Mich nervt dieses Kind so, wie es filmreif mit dem Vater Fantasiespiele spielt.
Ich hatte keine Lust aufs Meeting. Und ich habe keinen Bock, morgen arbeiten zu gehen. Ich denke, es wird schwierig diesen Urlaub mit 5-Tage-Arbeitswochen vorzubereiten. Ich bräuchte jetzt noch den Montag frei, um alles zu regeln.
Ich habe den Vorgesetzten provoziert am Freitag. Ich habe gesagt, der Vorgänger habe doch früher öfters die Notiz mit drauf geschrieben. Ich wusste, dass er das nicht bejubelt. Und trotzdem hab ich noch dazu gesagt: "Es würde mich erheblich entlasten."
Merkfähigkeit nimmt ab seit kein Antidepressivum mehr. Merken muss ich mir, dass mit Heilerdepulver im Glas verrührt es mir deutlich besser geht: Haut, Bauch, Stimmung. Merken muss ich mir, dass ich noch viel mehr auf mich hören muss, was mir gut tut, was ich möchte. Ich brauche dieses Mal BDSM, glaub ich. Auch wenn der andere mir gut tut mental. Ich bin dem zu gar nichts verpflichtet. Aber ich darf auch mitbestimmen. Es ist mein Körper. Ich bestimme.
Man, Agatha, sei wieder froh, nicht mit so anstrengenden Hipsters zusammenarbeiten zu müssen. Du darfst ganz du sein.
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Andreya Triana Woman https://www.youtube.com/watch?v=e9zeNq5QYg4
Tag 1153 / Abstinenztool not found
Das ist natürlich Megakacke. Der Pfad zur Meetingsuche Anonymer Alkoholiker verlegt, umgeleitet, Sackgasse mit dem Link meiner Favoritenliste, Wegweiserfavoriten für das Leben, für die Verbindung mit anderen Abstinenzlern, ein essentielles Abstinenztool, das von heute auf morgen nicht funktioniert. "keep it simple" / "halt es einfach" - wertvolles AA-Gedankengut in der Modernisierung einer Website nicht umgesetzt.
Ich kann nicht mal annähernd beziffern wie oft ich diese Seite, diese Karte von Berlin aufgerufen habe, wie oft ich die Gebiete dort an- und durchgeklickt habe, wo ich hingehen könnte, wann das erste Meeting ist oder das letzte, ob da ein Meeting ist, wo ich einen Termin habe, ob ich einen Ausflug mache wie einst an Tag 102 ins böhmische Dorf, tagesstrukturierend, diese Meetingliste, ein Notfallplan 24 Stunden online erreichbar, jetzt nicht mehr, "URL not found", und über den Menüpunkt neu versuchen, führt auch in beunruhigende Dysfunktion, zumindest im privaten Surfmodus, zumindest, ohne Cookies zu akzeptieren.
Webseiten wollen Gegenleistungen für die Nutzung. Geld oder zumindest deine Daten, deine IP-Adresse, von welcher Seite du gerade kommst, wie lange du bleibst, welche Cookies sonst noch so bei dir rumliegen, vielleicht auch, welche Apps du aufhast und und und. AA war für mich immer etwas, in dem dieses Gegenleistungsdenken nicht stattfand. Gab mir jemand rettende Worte für einen weiteren trockenen Tag mit, war für ihn oder sie höchstens der "Lohn", dass ich irgendwann trocken wiederkam, dass die Worte des jemand oder ein Lächeln, das Anbieten eines Platzes, eines Kaffees mir geholfen hatte.
Die AA-Website war für mich immer angenehm schlicht, schwarz-weiß, keine Bilder, zeitlos, simpel, ohne Bling-Glitzer-Flash, ohne Integration von Google-Maps, ohne automatisierte Standortabfrage. Ich hatte dieses schwarz-weiße Symbol auf meinem Browserfenster. Eins für die Tagesmediation, eins für den direkten Link zur Berlinkarte. In zwei Klicks zum nächsten Meeting.
Hunderte von Screenshots machte ich in diesen über tausend trockenen Tagen und auch schon davor, Screenshots von da, wo ich hin will, falls die Internetverbindung mal versagt, Screenshots auch zur Erinnerung, wo ich wann war oder dass ich in einer Krisensituation mich mit Meetingsuche gerettet, zumindest Zeit vertrieben hatte. In Berlin, aber auch in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, es hatte immer so gut funktioniert in all den Orten, in denen ich trockene Tage sammeln konnte.
So ein Offlinedate muss ich, egal wie lange ich trocken bin, vorbereiten. Ich muss wissen, wohin ich mich retten kann, falls Flucht zur Lösung wird, falls der Typ scheiße ist, ich in gefährliche emotionale und Anspannungszustände komme, ich leide an "Stressverstärkung durch Abstinenzerhaltung" (Tag 871), ich habe sie nicht, "Die Leichtigkeit im Leben der anderen" (Tag 945), für mich heißt es immer noch "Aufpassen, Agatha!" (Tag 174), die "Stolpergefahr" lauert überall, und erst recht auf ungeübtem Terrain, mit Sehnsucht, Geilheit, Abenteuerlust umnebelt im zwischenmenschlichen intensiven Austausch von mehr als Worten.
Die Anonymen Alkoholiker waren am 1. Mai telefonisch nicht erreichbar, dort konnte ich nicht um Korrektur der Website-Darstellung bitten. Also habe ich mir eine Notfallliste im Handynotizenprogramm angelegt. Beginn und Straße. Es einfach haltend. Und wohl wissend, dass mich vor tausend, vor fünfhundert Tagen eine solch trockenheitsgefährdende Störung der Abstinenzroutine hätte umwerfen können.
Tag 1109 / Mein Abstinenzblog zahlt auf alle Resilienzfaktoren ein und hat wesentlich zu meiner psychischen Genesung beigetragen
Resilienzwachstum festgestellt.
Die Resilienzfaktoren wurden in der Reha-Einrichtung besprochen.
soziale Kompetenz soziale Unterstützung
Selbstwirksamkeit Bewusstsein über eigene Stärken und Ressourcen
Lösungsorientierung "Tschüss, Opferrolle"
Handlungsfähigkeit "einfach mal machen"
Akzeptanz (Radikale)
Stressbewältigung, Selbstfürsorge
Sinnhaftigkeit im Leben / mit einzelnen Aufgaben im Leben
Mein Onlineabstinenztagebuch auf tumblr ist ein Beispiel für das Erwerben von Resilienz. Das Bloggen war von Anfang an sinnvoll für mich, ich mache einfach mal, löse beschissene Zustände oder zumindest die Spitze von ihnen mit Schreiben, ich erlebe mich als selbstwirksam - mir hilft mein Blog so sehr beim Trockenbleiben und bei der Radikalen Akzeptanz des F-Diagnosen-Straußes, ich betreibe Selbstfürsorge und ich erfahre auch soziale Unterstützung dadurch, dass hin und wieder jemand einen Blogeintrag liked, dadurch, dass ich Follower habe und Leser.
Beim Mittagessen (ausnahmsweise mal in der Kantine) an den Möhrensalat in der Klinik Tag 592 bis Tag 634 erinnert. Wachstum festgestellt - auch beim Essen des Möhrensalats.
Tag 1063 / Es wird größer, wenn ich's teile.
Tag 1028 / Nicht vom Abstinenzkalender erzählt