Angetestet: Tracktion T7 - Eine DAW für Kreative oder Einsteiger ?
Seit Anfang März diesen Jahres ist die neue Version der Tracktion Workstation erhältlich. Diese DAW gibt es seit 2002. Zunächst war es das alleinige Programmierprojekt von Julian Storer, der übrigens auch der Entwickler von JUCE ist (aber dazu an anderer Stelle mehr). 2003 wurde Tracktion dann von Mackie übernommen, was viele Fans zunächst nicht so toll fanden. 2008 war Tracktion dann quasi am Ende, weil Mackie das Projekt nicht weiterentwickelt hat.
2013 hat dann Julian Storer die Tracktion Software Corporation (TSC) gegründet und das Ruder wieder in die Hand genommen.
Zunächst wurden mit der Version 4 alle Bugs der Vorgänger beseitigt und Tracktion stabil gemacht. Danach folgten Version 5 und 6, die immer mehr Features hinzufügten und die Software zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für Mitstreiter machte.
Jetzt ist die Version 7 da und erstrahlt erstmals in blau. Während die Vorganger sich immer ein wenig an die windowstypischen Fensterfarben hielten - es dem Anwender aber frei ließen die Farben anzupassen - kommt die neue Version im sogenannten Blue Steel daher und kann auch kaum angepasst werden.
Tracktion gehört zu der Kategorie der Niedrigpreis-Workstations, die zwar alle nötigen Tools zum Aufnehmen und Arrangieren beinhalten, aber bei den Extras sparen. Tracktion T7 kostet zur Zeit 60 Dollar.
Während Pro Tools, Studio One, Ableton und Konsorten haufenweise Extras (Samples, Loops, VST Effekte, VST Instrumente etc) dabei haben, beschränkt sich Tracktion auf das Nötigste.
Der Vorteil ? 1. geringer Preis, 2. geringe Downloadgröße und 3. nicht so CPU-hungrig. Da kann sich Tracktion mit Kollegen wie Reaper oder auch Renoise die Hand schütteln.
Aber was macht Tracktion nun anders als die anderen ?
Wie fange ich da am besten an ? Zunächst einmal spielt sich in Tracktion alles in einem Fenster ab. Da gibt es keine Wechsel zu Editoren oder Mixer oder sonstiges. Lediglich externe Plugins und das Effekt-Rack erscheinen als Popups. Der Rest spielt sich alles in einem Fenster ab. Und das funktioniert auch auf Laptops, ich habe es ausprobiert. Das Bild weiter oben ist auf einem 14″ Laptop entstanden.
Das Edit-Fenster, in dem alle Tracks zu finden sind sieht zunächst einmal aus, wie man es von anderen gängigen DAWs kennt. Hier wird aber nicht unterschieden, ob Audiotrack oder Miditrack. Jeder Track kann alles sein. Links sind die Eingänge: Mikrofon, Line-In, Midi-Controller etc.
Und ganz rechts sind dann die Konsolen für Effekte, Instrumente, Lautstärke usw. Alles fließt quasi von links nach rechts. Erst kommt das Eingangssignal, in der Mitte dann das eigentliche aufgenommene Material und rechts dann die Weiterverarbeitung durch Effekte oder Instrumente.
Eigentlich ist dieser Fluß ganz logisch. Wenn man aber von einer anderen DAW kommt, muss man sich daran aber erstmal gewöhnen. Falls man aber kompletter Neueinsteiger ist, kann es eigentlich kaum einfacher sein.
Dadurch, dass alles in einem Fenster passiert, gibt es keine Mixeransicht. Das schreckt viele ab. Man kann zwar alles rechts in den Konsolen der Tracks abmischen, aber ganz so übersichtlich wie ein gesondertes Mischpult ist das natürlich nicht.
Außerdem verfügt Tracktion über einen Browser, der seinesgleichen sucht. Dieser kann standardmaßig links eingeblendet werden, aber auch nach oben oder rechts verschoben werden. Dort kann man sich alles anzeigen lassen: Dateien, Plugins, Presets, Tracks, Marker ... alles !
Apropos Plugins: Das Nötigste hat Tracktion an Bord (EQ, Kompressor, Reverb, Chorus, Phaser, PitchShifter, Delay ...), aber keine Instrumente. Von dem Sampler, der dabei ist will ich jetzt mal gar nicht reden. Spartanischer kann man einen Sampler gar nicht ausstatten. Ich empfehle da TX16Wx oder gleich Renoise Redux.
Unten am Fenster ist die Transportbar und das Menü. In der Mitte sind die Details des jeweils angeklickten Elements. Das gefällt mir sehr gut ! Man kennt das aber beispielsweise auch von Ableton Live.
Man kann das Ganze aber auch einklappen und hat dann eine verkleinerte Bar. Die Funktion gibt es seit diesem neuen Release.
Der Midi-Editor ist inline, kann aber größenmäßig angepasst werden. Nichts besonderes, aber ich mag ihn.
Toll finde ich die Möglichkeit jede einzelne Note zu automatisieren (Volume, Pan, Portamento, Modulation Wheel ...). Ich weiß nicht, ob andere Programme das auch können ... wahrscheinlich.
Neben der Piano Roll gibt es auch noch einen Step-Seqeuncer für Drums. Den finde ich persönlich recht praktisch und der hat auch einige Funktionen, die mich echt überrascht haben. Er ist zwar längst nicht so mächtig wie z.B. Geist oder Spark. Wenn man aber auf diesen Workflow steht, überlegt man sich schon zweimal, ob man das Geld dafür ausgeben muss. Denn ein guter Freeware-Sampler und der Step-Sequencer in Tracktion können schon einiges.
Neben den obligatorischen Automationen für jede Spur kann Tracktion auch für jeden einzelnen Clip diverse Effekte automatisieren. Das können andere DAWs vielleicht auch, hab es aber nirgends so schön easy eingebaut gesehen.
Ich kann hier natürlich nicht alles erwähnen, was ich gut fand oder nicht. Unter’m Strich kann ich sagen, dass Tracktion T7 mich wirklich beeindruckt. Es ist längst nicht so überladen wie z.B. Reaper, kann aber alles und ist durch seine leicht zu erreichenden Funktionen (Clip-Automation, Step-Sequencer, Freeze Points etc) sehr einfach und auch kreativ einzusetzen.
Da ich persönlich einen relativ alten Laptop besitze, ist für mich auch immer wichtig wie resourcenhungrig eine Software ist. In meiner kurzen Testphase kann ich da nur positives berichten.
Übrigens ist Tracktion für alle Plattformen verfügbar (Win, Linux, Mac). Somit ist T7 für viele Linux-User besonders interessant.
Richtig schlecht finde ich die Tatsache, dass es kein Handbuch gibt. In keiner Form. Es gibt einige Videos, die auf jeden Fall hilfreich sind und ein inoffizielles Buch, für das man aber extra noch bezahlen muss. Desweiteren ist die Plugin-Auswahl etwas mau. D.h. wenn man Tracktion ernsthaft zum Recorden einsetzen möchte, muss man vielleicht noch ein paar Euros in die Hand nehmen und ein paar Instrumente oder Effekte dazukaufen.
Da die meisten ab eh schon einiges an Plugins besitzen, stellt T7 eine echte Alternative dar. Ich kann mir echt vorstellen, diese DAW regelmäßig zusammen mit Renoise bzw. Redux zu benutzen. Ich werde sie die nächsten Tage noch ein wenig ausgiebiger testen.