1985–2009 (aufgeschrieben 2026)
Alle meine ausgestorbenen Jobs
1985–1988: Ghostwriting von akademischen Arbeiten. Auf diesem Level (neunte bis zwölfte Klasse Gymnasium) ist der Job ziemlich sicher kurz nach 2022 ausgestorben, weil das jetzt große Sprachmodelle machen. Im Studium und bei Promotionen existiert er vielleicht noch.
Ca. 1992: Als Hilfskraft an der Uni tippe ich die Ergebnisse einer Fragebogenaktion zur Evaluation der Lehre (die gerade experimentell eingeführt wird) von den Fragebögen ab. Kurze Zeit später gibt es dann einen Scanner und ich muss die Fragebögen nur noch auf den Scanner legen. Dieser Job ist ausgestorben, ich weiß nicht, wann genau, aber wenn ich seit 2014 (auf der evaluierten Seite) mit Lehrevaluation zu tun hatte, war das ein papierloser Vorgang.
Ca. 1992: Für einen Uni-Dozenten lege ich in Microsoft Access eine Datenbank zur Literaturverwaltung an. Das ist eigentlich schon zu diesem Zeitpunkt unnötig, es gibt fertige Lösungen, von denen wir nur beide nichts wissen.
1993: Für eine britische Dozentin übersetze ich Auszüge aus einem nur auf Deutsch erschienenen Buch, das sie für ihre wissenschaftliche Arbeit braucht, ins Englische (schlecht, aber das ist ihr egal). Es dauert Monate und ich bekomme einigermaßen viel Geld dafür. Ausgestorben ab 2017, jetzt dauert das noch zehn Sekunden.
1994: Ich tippe handschriftlich ausgefüllte Überweisungsformulare in den Computer ein. Kann sein, dass das irgendwo noch ein oder zwei Menschen machen, vielleicht gibt es eine Bank, die noch handschriftliche Überweisungen auf Papier akzeptiert.
Erste Hälfte der 90er: Ich tippe, wiederum für ein Uni-Projekt, Zeitungsartikel von Erik Reger ab, die im Tagesspiegel erschienen sind. In Frakturschrift, und das kann man nicht automatisch texterkennen. (OCR von Nicht-Fraktur ist zu dieser Zeit auch noch ziemlich fehlerhaft und braucht viel manuelle Nachbearbeitung.) Ausgestorben, aber das ist noch gar nicht so lange her: Fraktur-OCR funktioniert erst seit ungefähr 2019.
Um 1995: Ich tippe handschriftlich ausgefüllte Pflegegutachten ab, ein bequemer und gut bezahlter Job, der leider irgendwann aus Datenschutzgründen nicht mehr an Externe vergeben werden darf. Wie das jetzt bei der Beantragung von Pflegegraden läuft, weiß ich nicht. Ich kann nur vermuten, dass dieser Job spätestens nach dem Auftauchen von handschriftfähigen Tablets, also in den 2010er Jahren, abgeschafft worden ist.
Um 1996: Ich arbeite eine Weile als Hilfskraft für die Multimediaagentur Pixelpark, kann mich aber 2026 nicht mehr erinnern, woraus dieser Job bestand. Grafiken freistellen vielleicht? Ich musste offenbar nicht viel denken dabei, und das heißt, dass es ziemlich sicher Dinge waren, die seitdem automatisiert worden sind.
Ca. 1997–2015: Ich übersetze einige Bücher. Das gibt es 2026 immer noch als Beruf, aber er sieht jetzt anders aus.
2002–2006: Ich untertitle DVDs. Das wird vielleicht 2026 immer noch von Menschen gemacht, aber der widerliche Teil mit dem manuellen Feststellen der Timecodes fürs Ein- und Ausblenden der Untertitel sicher nicht mehr, zum Glück! Beim Übersetzen und Zusammenkürzen nehme ich auch an, dass das jetzt automatisch passiert und Menschen nur vielleicht noch etwas nachbessern. Aber ich weiß es nicht und kenne auch keine Untertitlerinnen mehr (es waren alles Frauen), die ich fragen könnte.
2003–2009: Auch die Jobs der Zentralen Intelligenz Agentur sind inzwischen, zwanzig Jahre später, nur noch eine verschwommene Erinnerung für mich. Ich glaube aber, ich habe dort vor allem das gemacht, was jetzt große Sprachmodelle machen, nämlich für Unternehmen Text produziert, der schön klingt und nicht besonders viel sagt. (Es waren auch Beratungsleistungen involviert, und mit denen wird sicher auch heute und in Zukunft noch Geld verdient. Aber damit hatte ich weniger zu tun.)
Meine bisher unausgestorbenen Jobs habe ich hier nicht aufgelistet. Sie hatten mit manueller Arbeit zu tun, mit Ideenhaben, Recherche, Schreiben oder mit körperlicher Anwesenheit (beim Vortraghalten). Die manuelle Arbeit war sicher auch damals schon automatisierbar, aber ich war billiger. Bei Ideen, Recherche und Schreiben holen die Sprachmodelle gerade sehr schnell auf. Ich finde mich zwar bisher noch besser, glaube aber, dass der Unterschied außer mir nicht vielen auffällt. Körperliche Anwesenheit wird sich nicht so bald ersetzen lassen. Leider finde ich sie den anstrengendsten Teil meiner Arbeit.
(Kathrin Passig)














