Tag 453 / Ich träume von Krieg
Gestern Nacht war ich schon alleine im zweiten oder dritten Stock des Altbauhauses. Andere, die mir nahestehen, haben sich in einem anderen Haus, im Keller oder in einem Schutzraum verkrochen. Die kauerten gemeinsam. Ich stand noch aufrecht. Aber es war klar, dass die Truppen kommen. Das Knallen der Gewehre und die Explosionen der Bomben waren deutlich zu hören. Meine Katze war irgendwo draußen unterwegs. Untypisch für eine Wohnungskatze. Träume haben ihre eigenen Gesetze. Das Unaushaltbare, Furchtbare war für mich nicht, dass ich bald sterben werde, sondern das, was mein Haustier verängstigt in den Trümmern erleiden musste. Ja, da waren Trümmer und meine Wohnung, das Haus schon größtenteils zerstört. Zerbrochene Fensterscheiben, verwüstete Zimmer, kaputte Möbel, zerlöcherte Wände, zerfetzte Tapeten, Putzbrocken überall. Als ob das der zweite Sturm auf unsere Heimat sein sollte. Neben der großen Sorge um mein geliebtes Haustier quälte mich auch im Traum, wie das Sterben ist. Ob ich sofort tot sein oder an den Folgen einer Verletzung krepieren werde. Was macht die Katze draußen? Ob ich sie suchen gehe? Eine Hoffnung war auch, dass ich mit dem Haus nach einer Bombendetonation einstürze, in dem Haufen aus Schutt, Asche, Trümmern verschüttet werde, jedoch überlebe.
Das klärte sich aber in dem Traum nicht.
Vor nicht allzu langer Zeit träumte ich, dass Isis im Anmarsch ist auf das Gebiet in Deutschland, in dem ich zur Suchttherapie war. Und ich befand mich natürlich gerade dort. Ein älterer Mann moderierte und dirigierte uns, den Pulk Ängstlicher, Aufgeschreckter. Er war die personifizierte Kommandozentrale mit schwarz-grauem Haar und Schnurrbart. Erst wenn er es sagte, sollten wir alle in den Sicherheitsbunker gehen. Vielleicht weil es da eng ist und warm und dunkel. Auf einem Monitor verfolgte der Mann wie Isis näher kam. Und ich telefonierte mit Mutti. Sie war woanders im Land, weit weg, in Sicherheit vor Bodentruppen. Ich sagte ihr mehrmals das Gleiche. Sie solle nicht beten, dass ich am Leben bleibe, denn es war sicher, wir würden sterben. Ich sagte ihr, sie solle beten, dass ich schnell sterbe, dass ich sofort tot bin, dass ich nicht lange leiden muss, nicht totgequält, gefoltert werde.
Auch in diesem Traum gab es keine Auflösung, kein Ende der Schreckensgeschichte.
Warum ich von Krieg träume, hätte ich in der Therapie besprechen können. Aber ich habe es vergessen.
Traumdeutungswebseiten schreiben von Konflikten.
Vielleicht ist auch meine Jetzt-Welt dabei, zu zerbrechen. Alles stürzt ein. Mal wieder. (Tag 90) Es wird alles wieder aufgebaut. Neu. Anders. Eventuell sogar schöner und besser. Aber aktuell ist da Angst, Todesangst. Sorge, Befürchtungen, Weltuntergangsstimmung, Endzeitpanik.
Ich werde diesen Krieg wahrscheinlich überleben. Wie viele Kriege zuvor. (Tag 124) Es gab schon eine Menge gefährlicher, potenziell zerstörerischer, brutaler Situationen, die ich trocken überstanden habe. Im Moment glaube ich nicht daran, dass ich irgendwas, das mit Beruf und Arbeit zu tun hat, trocken durchstehen kann.
Es wird wahrscheinlich alles gut gehen.
Im Moment fürchte ich mich aber vor dem, was auf mich zukommt.
Und ich fürchte mich vor den kommenden Nächten, vor Alpträumen, unruhigem, unterbrochenem Nachtschlaf. Im Moment fürchte ich mich vor dem Aufwachen am Morgen, vor dem immer steifer werdenden Nacken, der unter meinem immer extremer werdenden Zähneknirschen ebenso dramatisch leidet wie das gelockerte Abutment meines Implantats, welches in seiner Funktion als Stützpfeiler unter dem immensen, permanenten Druck nicht mehr standhalten konnte.