Tag 586 / „Kommste übern Schwanz“
An Schwänze habe ich heute sehr intensiv gedacht. In dem Zeitraum der zu-Hause-Pause zwischen tagsüber und abends unterwegs. An Schwänze Denken entspannt mich so wie es andere entspannt, an Titten zu denken. Es holt mich aus der HierundJetzt-AchDuScheisse-WieSollIchDasAllesNochSchaffen-Anspannung.
Eins meiner effektivsten Abstinenzerhaltungs- und Hochanspannungsreduktions-Tools des angebrochenen zweiten Trockenheitsjahres ist mein Dildo.
Wie gerne hätte ich mir heute Nippelklemmen gekauft. Zwischen Arzttermin und Einkaufszentrum habe ich in meinem internetfähigen Mobiltelefon nach Sexshops gesucht. Ich hatte keine Kraft und Zeit für große Umwege. Irgendwo auf dieser Strecke oder der vom Einkaufszentrum zum Tierfuttermittelfachgeschäft, ohne noch ein- bis zweimal zusätzlich umzusteigen, muss es doch Nippelklemmen zu kaufen geben.
Gibt es nicht.
Im Berlin des Jahres 2016 ist kein Sexshop in einem der großen Einkaufszentren. Am Bahnhof Zoo musste ich heute umsteigen. Doch da ist sogar kein Sexshop MEHR! Im Berlin des Jahres 2016 ist der Sexshop immer noch in einer völlig unberechtigten Schmuddelecke. Die Berliner bestellen bestimmt gerne in all den neuen Onlineshops, die so viel Werbung machten und machen jetzt oder auch in den Tagen um Tag 152. Aber mal reingehen, anfassen, anprobieren, nicht nur auf dem Monitor ansehen, sondern real, die Verarbeitung beurteilen, das Gewicht erfühlen, ist echt schwierig aufgrund des Mangels an Ubiquität.
Nagelstudios, Friseure, Spätis, Kneipen an jeder Ecke. Aber Sexshops?
Inzwischen kann man ja bei manchen Drogerien vibrierende Penisringe, fingergroße Minivibratoren und Liebeskugeln kaufen. Die Märkte öffnen sich. Nur noch nicht für Nippelklemmen, lebensgroße Dildos, Vibratoren, die nicht nach Zahnarztstuhl klingen, Plugs und Dildoslips.
Ich gestehe gerne öffentlich meine Nutzung von Liebesspielzeug, von mir aus auch BDSM-Spielzeug. Ich muss mich dafür nicht schämen. Niemand muss sich schämen.
Und da ich heute von 13.35 Uhr bis 13.39 Uhr im Einkaufszentrum durch das Buch blätterte, dessen Veröffentlichung ich nicht verhindern konnte, möchte ich auch explizit alle Frauen sehr herzlich zur Nutzung von Liebesspielzeug aufrufen.
Ich finde meinen Dildo so bereichernd, dass ich schon überlegt hatte, Mutti davon zu berichten. Vielleicht wäre das auch was für sie. Aber wir reden nicht so intim. Das würde das Verhältnis sicher irritieren, wenn ich mit ihr für sie einen Dildo kaufen ginge.
Ich möchte Frauen ermutigen zur Selbstverwöhnung, weil es so wunderbar unabhängig macht.
Statt ein Casual Date mit ungewissem Ausgang, mit jemandem, der kifft, obwohl wir das anders besprochen hatten, statt aufwändiger Offlinesexvorbereitung, treffe ich, wann ich will meinen Silikonschwanz oder den, der auch noch vibriert.
Nippelklemmen fänd ich parallel schön. Am besten welche, die auch vibrieren. So.
Die versoffene Buchautorin ruft ja in ihrem Vorwort pseudo-intellektuell untermauert nicht nur zum alltäglichen Alkoholkonsum auf, sondern sogar dazu, die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau auch aufs Trinken zu beziehen. Ich, die ja “Die abstinente Frau” bin, gebiete dem Einhalt.
Gerade viele gebildetere Frauen - mein früheres Ich eingenommen - denken, dass die Eroberung der Prolligkeit des Saufens eine heldische Leistung, ein Manifest des coolen Neuzeit-Feminismus wäre.
Mitnichten.
Man kann sich den für das weibliche Geschlecht de facto schädlicheren Alkoholkonsum nicht schönreden, schönschreiben und schon gar nicht schöntrinken. Da, wo Frau von Natur aus in Überlegenheit ist, sollte sie sich nicht - von wem auch immer angeleitet - selbst abstürzen.
„Alkohol für Frauen zu tabuisieren ist“ KEIN „kleiner Schritt in einem größeren System“. Deutsche oder Europäische Frauen, die mit ihren „kleinen Leber“n weniger Alkohol verzehren sollen, haben NICHTS gemeinsam mit südamerikanischen Frauen, die nicht abtreiben sollen oder mit streng muslimischen Frauen, die nicht ohne vorherige Absprache mit dem Ehemann von A nach B gehen sollen.
Es ist großartig, wenn Frau weniger verträgt! Sie schadet sich damit auch weniger! Sie schadet ihrem sozialen Umfeld und der Außenwelt damit weniger. Wenn Frau so viel verträgt wie Männer, hat sie bereits ein manifestes Alkoholproblem. Das hatte ich wahrscheinlich auch schon in etwa zur Abizeit.
Auf jeden Fall schaden Silkondildos nicht und Silikonvibratoren auch nicht. Meine Haarspangen taten jedoch zu sehr weh als Klemmenersatz.
Am Ende der Nachsorgesitzung gab mir jemand für die Klinik mit auf den Weg: „Kommste übern Hund, kommste übern Schwanz.“
Und ich, die heute schwanzfixierter war als an manch anderen Tagen, dachte unmittelbar wieder an das menschliche Geschlechtsteil, nicht an das tierische Körperteil und fand diese Aussicht, diesen Wunsch für meine Rehazeit ganz anregend.
Die Redensart besagt vielleicht eher, dass der Schwanz zum Hund dazugehört, und ich die bevorstehenden Wochen als einen wichtigen Baustein beim Übersteigen des Hundes sehen soll, dass der Hund nur mit Schwanz komplett ist. Oder es ähnelt dem „Vom Hundertsten ins Tausenste“-Spruch. Oder die Person wollte mir damit sagen, dass ich das Schwierigste schon hinter mir habe, dass jetzt nur noch ein kleiner Teil kommt, der ungefährlich ist.
Wer nüchtern lebt, kann auch Redensarten mannigfaltig deuten.
Zu Beginn der Nachsorgegruppe hatten wir eine Entspannungsübung unter Anleitung gemacht. Und ich war so dankbar, gerade in diesem Moment an diesem Ort zu sein. Ich war dankbar, suchtkrank und abstinent geworden zu sein, sonst gäbe es diesen Augenblick erfüllt von Zufriedenheit und Entspannung für mich nicht.
Entspannung und gute Gefühle gehen nämlich auch ohne echte und unechte Schwänze.