Ihr Duft (2. Teil)
...Ihr Parfum hatte ich auf Anhieb erkannt: Aqua di Goya von Armani. Das war einfach, kannte ich von einer Fickbekanntschaft. Bodylotion von Nivea, erriet ich auch noch. Auch, dass sie geraucht hatte. Dass sie Deodorant aufgetragen hatte, vermutete ich. Dass es ebenfalls von Nivea gewesen sein dürfte, konnte ich nur mutmassen. Ihr Haar war jedenfalls frisch gewaschen. Dessen Duft erinnerte an Beeren oder Kaugummi. Fruchtig, süsslich, aber dezent. Nichts, was man nicht in ähnlicher Weise schon mal gerochen hätte. Aber in der Kombination und zusammen mit ihrem Eigengeruch, der, wenn überhaupt, höchstens ganz unterschwellig wahrnehmbar gewesen sein konnte, unwahrscheinlich betörend. Seither sah ich sie beinahe jeden Morgen im Bus, manchmal auch abends. Wenn sie sich nahe genug zu mir setzte, inhalierte ich ihren Duft, wie eine wundersame Medizin. Ich versuchte ihn mir mit allen Nuancen einzuprägen, so dass ich einstweilen ihn mir aus der Erinnerung abzurufen in der Lage gewesen wäre, doch es gelang mir nie vollständig. Sass sie zu weit weg, so das ihr Duft nicht bis zu mir gelangte oder wenn sie sich mal gar nicht erst blicke liess, vermisste ich sie, fragte mich, was sie wohl gerade treibe und ob ihr Duft intakt und unvesehrt sei.
Herauszufinden wo sie wohnte, war nicht schwer. Nahe der Haltestelle, an der sie morgens jeweils zu- und abends wieder ausstieg, gab es eine Kneipe mit Gartenwirtschaft, in welcher ich ihr an einem freien Tag auflauerte und von wo aus ich beobachtete, in welches Haus sie verschwand. Dass ich mich danach öfter in der Gartenwirtschaft blicken liess, erregte keinen Verdacht. Schliesslich wohnte ich nicht weit entfernt und als gewissenhafter Trinker und Trinkgeldlieferant, war ich dort auch nicht ungern gesehen. Dass ich ihrerwegen dort war, konnte niemand ahnen.
Es bei ihr zuhause durchzuziehen war leichtsinnig, aber die Gefahr erwischt zu werden, bereitete mir keine Sorgen, so lange ich denn bloss erst danach erwischt würde. Das war es was zählte. Ich hatte mehrmals beobachtet, wie sie die Glasschiebetür zur Terrasse spätabends geöffnet hatte, so auch an diesem Abend und vermutete, dass sie diese über Nacht offen lasse. Ich nahm den letzten Bus nach Hause. Eigentlich wollte ich etwas essen, aber ich hatte keinen Appetit, also soff und rauchte ich weiter, bis mir der Zeitpunkt reif erschien, mich auf den Weg zu machen. Ich ging zu Fuss, etwa eine halbe Stunde. Es war noch warm, aber eine angenehme Wärme zum Spazieren, verglichen mit der drückenden Hitze, die tagsüber herrschte. Auf dem ganzen Weg sah ich bloss drei Autos, die noch unterwegs waren. Andere Fussgänger begegneten mir keine. Vorbei an der Gartenwirtschaft deren Stammkunde ich kürzlich geworden war, direkt auf ihre Terrasse zu. Die Glasschiebetür wie vermutet unverschlossen. Kein Licht in der Wohnung. Noch ein möglichst unauffälliger Blick hinter mich und nach allen Seiten. Ich wähne mich unbeobacht und trete ein. Drinnen erstmal die Glasschiebetür schliessen und die Vorhänge wieder ganz zuziehen. Dann die Maske aufsetzen, das Isolierband aus dem Rucksack nehmen, schon ein Stück in geeigneter Länge abschneiden und dann ins Schlafzimmer. Die Tür ist zu, aber unverschlossen. Leise öffne ich sie und schleiche hinein. Ich höre sie atmen, langsam, ruhig, friedvoll, aber vor allem rieche ich sie. Endlich besitze ich ihren Duft. Nicht kann sie sich mir mehr entziehen und ihn mir vorenthalten und er ist unverfälscht, um feinste Nuancen abgewandelt zwar, aber ohne Abstriche, was seine Intensität, seine Qualität, seine Verführungskraft angeht. Sie schläft fest, hat nichts an, bis auf ein weisses Höschen. Die Bettdecke zusammengeknüllt am Fussende. Erstmal rasch das Isolierband auf ihren Mund kleben. Ihr Kopf liegt zur Fensterseite geneigt auf dem Kissen. Sachte streiche ich ihr die Haare aus dem Gesicht, ehe ich behutsam, das Isolierband über ihren Mund anbringe. Offenbar nicht behutsam genug. Sie wacht auf...





















