Schuld
Wir sind so einsam. Bereits ein ganzes Leben lang.
Wir sehnen uns so sehr nach Zuwendung, einer wärmenden Hand in unserer, einem aufrichtigen Lächeln, einer Umarmung, dem Gefühl, dazu zu gehören, gut und richtig zu sein.
Wir sind Kinder. Äußerlich erwachsen geworden, sind wir innen immer noch die Gleichen, die wir vor Jahrzehnten schon waren. Wir brauchen so viel und bekommen so wenig. Wir sollen für uns sorgen, unser Leben bestreiten und am Besten auch noch für alle anderen da sein.
Nur hat uns das niemand gezeigt.
Niemand war je gut zu uns, hat uns Vertrauen und Demut gelehrt, die uns urgegebene Ehrfurcht vor der Natur, dem Leben und dem Sterben. Wir haben unseren Ursprung verloren, jeden Halt, jede Bindung, die zu dem Zeitpunkt, als wir buchstäblich noch mit einem anderen Körper verschmolzen waren, selbstverständlich war.
So hangeln wir uns nun von Regel zu Regel, tun unsere Pflicht, erfüllen Forderungen, geben irgendjemandem die Schuld für jedes Leid, das uns zustößt und verschließen wie beim Versteckspiel die Augen vor den wirklich großen Ungerechtigkeiten dieser Welt, an deren Bestehen wir selbst den größten Anteil tragen, indem wir ein bequemes Leben unser Eigen nennen.
Es fühlt sich falsch an, so zu leben. Sich Solidarität auf die Fahne zu schreiben, wo ganz offensichtlich Egoismus und Eigennutz die höchsten Ziele sind. Wo Schuldige für etwas gesucht und gefunden werden, für das niemand verantwortlich sein kann, weil es sich um eine unwillkürliche Wendung der natürlichen Ordnung handelt.
Eine Gesellschaft, in der das, wofür niemand die Schuld haben kann, moralisiert wird, damit das, was tatsächlich in unserer Verantwortung liegt, und damit änderbar wäre, weiterhin verleugnet werden kann.
Anstatt uns einzugestehen, dass wir unsere eigene Lebensgrundlage zerstören, verweilen wir in unseren Wohlfühlblasen, von denen einzig und allein wir selbst profitieren, während der Rest dieser Welt durch uns zugrunde geht.








