Soziale Netzwerke haben die Art wie wir uns treffen und kennenlernen grundlegend verändert. Wo man sich früher noch aufraffen musste und raus in eine Bar oder Club latschte um seinem Liebesleben auf die Sprünge zu helfen, da reicht es im heutigen, dem Internet verfallenen Zeitalter, nur ein einigermaßen anständiges Selfie von sich zu schießen und es bei der erst besten Dating-App hochzuladen. Voilà! Willkommen auf dem Dating-Markt!
Nun erhält man die Möglichkeit munter vor sich her zu „swipen“. Links für „Bäh“ rechts für „Yeah“. Vorbei sind die Zeiten des einander vom Rand der Tanzfläche verstohlene Blicke zu Werfens. Kein langes Mut zusammen nehmen, oder ihn sich antrinken. Nö. Jetzt kann man sich, ganz einfach von zu Hause aus oder auch unterwegs, die Liebe des Lebens zurechtwischen. Und die Auswahl lässt nichts zu wünschen übrig. Jede Art von Mensch ist in irgendeiner Form vertreten. Klein, groß, dick, dünn, blond oder brünett. Man bekommt sogar, dank eines kleinen Textfeldes unter den akribisch ausgewählten Profilbildern, wichtige Beschreibungen, welche einem im besten Fall einen „unverfälschten“ Einblick in den Charakter der Bewerber liefern sollen. Der Wettstreit um den tiefgründigsten, ironischsten oder originellsten Text bricht dort los. Von Zitaten über die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins bis hin zu Ansagen wie „Wer mich mit einem einfachen „Hi“ anspricht, hat von Anfang an keine Chance!“, oder auch ganz ehrlich „Ich wäre bereit, darüber zu lügen wo wir uns kennengelernt haben.“, ist alles dabei.
Also, perfekte Voraussetzungen um den passenden Deckel für seinen Topf zu finden! Tja, denkste. In meinem Fall ist das nicht so einfach. Auch wenn schüchtern das letzte Adjektiv ist mit dem mich meine Freunde beschreiben würden, ist es genau das, was mich beim Flirten total blockiert. Ich kann viel quatschen und das lange. Sehr lange. Sogar sehr viel. Sehr viel Unsinn auch. Doch kaum geht es darum jemanden an der Bar anzusprechen, bildet sich bei mir im Kopf eine Mauer, da wäre Donald Trump noch oranger vor Neid. Es bleibt bei Floskeln oder so tollen Einfällen wie über das Wetter zu reden. Das WETTER. Also muss was anderes her. Deshalb kam mir früh der Gedanke, dass es vielleicht hilfreich wäre, das Gegenüber nicht direkt ansehen zu müssen.
Sobald ich also die erste Hürde genommen habe und es tatsächlich zu einem sogenannten „Match“ kommt, leite ich, der Gentleman des Internets, den nächsten Schritt ein: chatten. Ein kleines Fenster geht auf und bestenfalls auch mein Herz. Das Aussehen sollte spätestens jetzt kein Thema mehr sein. Hoffentlich.
Aber mein Problem: Ich kann nicht chatten. Nicht falsch verstehen, ich kann schon Wörter eintippen und auf „Senden“ klicken. Ich behaupte ja von mir selber immer ein „Digital-Native“ der ersten Stunde zu sein. Was zum Teufel aber schreibe ich jetzt? Offenbar ist ein ganz normales „Hallo“ unfassbar verpönt in dieser Swipe-Welt. Ich blicke, nein, ich starre jetzt also auf dieses gnadenlos fiese weiße Chat-Fenster, welches ich jetzt also mit möglichst an lyrischer Perfektion grenzenden und möglichst cool, aber nicht zu cool, wirkenden Textnachrichten füllen soll. Nachdem ich mir vermutlich mehrere Hirnmuskel gerissen habe, um den ultimativen Ice-Breaker-Satz einzutippen kommt prompt die digitale Ohrfeige zurück: ein lausiges „Hi!“ Mit aller Kraft versuche ich mir zynische Antworten zu verkneifen, die mir wesentlich einfacher einfallen als Eisbrecher, und beobachte wie Chatgespräche langsam hinwegsterben. Besser als jede Sterbehilfe. Ich kann mich einfach wohl nicht damit anfreunden, mit jemanden durch banale Textnachrichten zu kommunizieren um mich im besten Fall vom Chatpartner angezogen zu fühlen. Geht nicht. Verdammt aber auch.
Ich bleibe wohl doch, auch wenn es mir unfassbar schwer fällt, beim offline Flirten. Bei den ersten Eindrücken die man von einem Menschen bekommt, gehören für mich einfach mehr als nur Fotos und Vorstelltexte. Das Wesen eines Menschen kann man - zum Glück - digital nicht bannen. Man könnte das ja als „Live-Action-Game“ aufziehen. In der Bar die Leute einfach nach links und rechts schupsen, je nach dem was zutrifft. Kommt sicher genau so gut an wie es sich anhört.
Also werde ich meinen schüchternen Allerwertesten mal hochschleppen und mich ins Real-Life stürzen müssen. Wird schon schiefgehen. Tinder und Konsorten werden jetzt gelöscht. Ist sowieso immer zu wenig Speicherplatz auf meinem Handy.