5. Dezember 2025
Lautloses Schreiben ist eine moderne Erfindung
Im Handschriftseminar schreiben wir jeden Freitag nach dem eigentlichen Seminarteil noch anderthalb Stunden lang von Hand das Grundgesetz ab. Weil ich remote teilnehme, habe ich für diesen Teil des Seminars mein Handy in die Halterung im Inneren des Ringlichts geklemmt und über den Schreibtisch gebogen. Auf dem Handy läuft Zoom und meine Kamera zeigt das linierte A4-Schreibheft, das ich von Aleks für diese Aufgabe bekommen habe.
Bisher habe ich das Grundgesetz mit einem Gelroller abgeschrieben. Aber heute sitze ich während des Seminars zum ersten Mal statt in Schottland am Schreibtisch meines Vaters. In der Schreibtischschublade ist ein kleines historisches Schreibgerätemuseum, und nebenan, im Schubladenschrank meines Großvaters, gibt es weitere zwei Schubladen mit noch historischeren Schreibgeräten. Ich halte ein paar Dinge in die Kamera: den Bleistiftverlängerer aus meiner Grundschulzeit, einige schöne Bleistiftdosen und Ersatzminenschachteln, einen Kolbenfüller, viele Federhalter und eine große Schachtel Schreibfedern aus Metall in allen Größen ...
... Glasfedern mit Holzgriff ...
und Kopierstifte ...
... zusammen mit den metallenen Kappen, mit denen man sich vor giftigen Kopierstiftverletzungen schützt.
(Dass es Glasfedern gibt und was Kopierstifte sind, weiß ich selbst erst seit gestern.)
Die heutige Schreib-Situation: Ringlicht in diesem Haushalt leider ohne Handy-Halterung, deshalb musste ich eine Handyauflage aus einem Kurvenlineal improvisieren. (Die Kamera guckte durch eins der Löcher im Lineal auf mein Heft.) Darunter sind einige Schreibfedern, das Heft und (in der Schublade) Teile der Schreibgerätesammlung zu erahnen.
Was der Großvater mit diesen Werkzeugen unter anderem geschrieben hat (1947, das Grundgesetz gab es noch nicht):
Heute, sage ich zum Seminar, würde man sich dafür einen extradünnen Stift kaufen. Aber der Großvater hat eine spitze Schreibfeder benutzt. Während ich es sage, denke ich: Eigentlich praktisch, man braucht nicht so viele Stifte.
Weil auch noch ein Glas nicht eingetrockneter Tinte aus tschechischer Herstellung vorhanden ist, kann ich dann einige Geräte selbst ausprobieren. Als Erstes setze ich eine Schnurzugfeder in den am wenigsten rostigen Federhalter ein. Wir haben damit im Kunstunterricht in der fünften Klasse gearbeitet. Aber für meinen heutigen Abschreibzweck ist der Strich, den sie erzeugt, viel zu dick. Ich nehme sie nach den ersten paar Wörtern wieder aus dem Federhalter und ersetze sie durch eine Spitzfeder. Damit geht es besser.
Sie gleitet nicht so widerstandslos über das Papier wie meine Füller von früher oder der Gelroller von jetzt, es kratzt ein bisschen. Und dieses Kratzen kann man deutlich hören. Jetzt wird mir klar, dass die vielen Szenen, die ich in Romanen gelesen habe, in denen in einem Schulzimmer nur "das Kratzen der Federn" zu hören ist, keine dichterische Freiheit oder irgendwie metaphorisch gemeint waren. Eine Weile halte ich das Mikro meines Headsets neben die Feder, um das Seminar an meinem Kratzgeräusch teilhaben zu lassen, aber dafür ist es dann doch nicht laut genug (oder es wird von Zoom als Störgeräusch ausgefiltert).
Zweite Erkenntnis: Man muss die Feder wirklich lächerlich oft ins Tintenglas tauchen. Nach dem ersten und zweiten Mal habe ich das Glas wieder zugeschraubt, ohne mir dabei etwas zu denken. Ich muss damit gerechnet haben, einige Zeit ohne Nachfüllen schreiben zu können. Beim dritten Mal wird mir klar, dass das Tintenglas offen bleiben muss, weil man mindestens in jeder Zeile neue Tinte braucht. Ich verwerfe den Gedanken von gerade eben, dass es praktischer gewesen sein könnte, mit vielen Federn statt vielen Stiften zu arbeiten.
Manche Tische in der Grundschule oder am Gymnasium hatten oben in der Mitte eine metallene Klappe. Dort kam früher das Tintenglas hinein. Wenn es kein solches Fach gegeben hätte, wäre wahrscheinlich alle drei Minuten ein Tintenglas umgefallen. Wir benutzten diese Klappen nur noch, um damit Krach zu machen, aber jemand muss uns über ihren früheren Zweck informiert haben.
Bildausschnitt von hier. Zwischen den beiden Griffelkästen ist das Fach für das Tintenglas zu erkennen. So einen Griffelkasten aus Holz mit Schiebedeckel besitze ich auch (Erbstück), ich habe ihn in den letzten Gymnasiumsjahren aus Dandytum benutzt. Die Leser*innen des Techniktagebuchs: Hatte Kathrin wohl aus demselben albernen Grund auch einen Rechenschieber in ihrer Schultasche? Kathrin: Ei freilich!
Dritte Erkenntnis beim Weiterschreiben: Man braucht unbedingt ein Löschblatt. Weil der Tintenauftrag so ungleichmäßig ist – sehr nass direkt nach dem Eintunken, weniger nass ein paar Buchstaben später – trocknen einige Stellen nur ganz langsam. Ich kann also nicht einfach umblättern. Die nassen Stellen würden die gegenüberliegende Seite fleckig machen. Früher, also in den 1970er Jahren auf jeden Fall, in den 1980ern wahrscheinlich auch noch, war in jedem neu gekauften Schulheft ein Löschblatt enthalten. Jetzt habe ich schon sehr lange keines mehr gesehen, und nicht mal meine aufhebefreudigen Vorfahren haben mir eines überliefert. Ich warte, puste auf die Seite, wedle mit dem Papier und schreibe in den Chat des Seminars, dass es schwere Zeiten für Linkshändige gewesen sein müssen, weil man mit der Schreibhand alles verschmierte. Dann fällt mir ein, dass Linkshändige zur Zeit der Schreibfeder ja zwangs-umgeschult wurden. Also schon schwere Zeiten, aber anders. Jemand fragt im Chat, wie es wohl in Ländern mit arabischer und hebräischer Sprache funktioniert hat, in denen überwiegend Rechtshändige von rechts nach links schrieben. Ich befrage GPT-5.1 und es meint, dass meine Probleme damit zu tun haben, dass ich mit moderner (naja) Tinte auf modernes Papier schreibe. Das Alltagspapier früher sei saugfähiger gewesen. Inzwischen ist auch meine Seite an der Luft getrocknet und ich kann umblättern.
In der letzten halben Stunde des Grundgesetz-Abschreibens probiere ich noch zwei von den Glasfedern aus. Sie gleiten angenehmer als die Metallfeder über das Papier, es fühlt sich fast so an, wie ich das vom Füller kenne. Außerdem lässt sich durch Drehen des Federhalters noch ein bisschen Tinte aus anderen Windungen der spiralig gewundenen Glasfeder herauslocken, bevor man das Schreibgerät wieder eintunken muss.
Dann ist die Abschreibezeit um und mein Experiment beendet. Es war interessant, aber ich verabschiede mich ohne Trauer von den Schreibtechniken aus der Prä-Füllfederhalter-Zeit. Ich glaube, nicht mal Dandy-Kathrin (17) wäre dauerhaft zu diesem Gekratze und Getunke bereit gewesen.
Update: Am 22. Dezember schreibe ich handschriftliche Briefe des anderen Großvaters ab und finde heraus, daß er diese Gefühle schon im Jahr 1933 teilte. Er ist 21 Jahre alt und hat gerade seinen Füller verloren: "Mit einer Feder kann ich einfach nicht mehr schreiben und beim jeden Eintunken bekomme ich eine Wut. (...) Ich hab auch mindestens schon 2 Jahre mit keiner Feder mehr geschrieben, wenigstens was längeres." Wenige Tage später kauft er sich einen neuen Füller; indirekt lässt sich dem Brief entnehmen, dass dieser Füller etwa vier Reichsmark gekostet haben muss, vier Prozent des Geldes, das der Großvater als Student (und Sohn eines wohlhabenden Vaters) im Monat zur Verfügung hatte. "Und jetzt kann ich auch wieder Schreiben, wie's mir eben kommt und werde nicht immer durch die Eintunkerei in meinen Gedanken gestört."
(Kathrin Passig)












