2026 und 2019
Übersetzen als Beruf: ein Update
Die Vorgeschichte: 2019 habe ich mich nach dieser Veranstaltung zum Thema maschinelle Übersetzung mit der Übersetzerin Alina Smithee unterhalten. Sie hat damals sinngemäß gesagt: "Ich profitiere davon, dass Verlage noch nicht gemerkt haben, dass es Google Translate und DeepL gibt, und mir noch die Tarife von vorher bezahlen."
Diese Tarife waren lausig. Harry Rowohlt, ein ziemlich bekannter Übersetzer, hat 2009 in einem Interview gesagt: "Belletristische Übersetzer kriegen so wenig, dass das in Stundenlohn gar nicht umzurechnen ist." Durch die maschinelle Unterstützung könnte es 2019 vielleicht mal kurz so was Ähnliches wie Mindestlohn gewesen sein.
2026 ist mir das Gespräch wieder eingefallen, ich habe Alina um ein Update gebeten und es bekommen:
Erst mal wissen meine Kund*innen anders als 2019 alle von den Möglichkeiten. Zum einen, weil es das jetzt alles lange genug gibt, zum anderen wegen des ökonomischen Drucks. Und vermutlich einfach, weil ChatGPT bei allen sofort in den Alltag eingezogen ist (auch wenn sie sich selbst weigern, dann eben bei Bekannten, Verwandten; alle kennen es zumindest) Sie wissen auch, was man man damit machen kann, wenn es um das Redigieren von Texten geht.
Die Lage von Übersetzer*innen ist schon noch so, dass man Sachen mit DeepL / ChatGPT machen kann, und das gleiche Honorar wie ohne bekommt. Aber eigentlich ist klar und auch extrem spürbar, dass das ein Übergangsphänomen ist, weil Institutionen und Verlage noch nicht alle umgestellt haben auf neue Jobs und Abläufe. Dass ich ab und zu noch einen Text für ein Theater schreibe, bedeutet also, dass sie dort noch kurz die alten Abläufe bedienen, vermutlich im Wissen, dass sie daran bald mal was ändern müssen. Und auch im Wissen, dass eine Übersetzerin ja nicht so teuer ist. Viele Einrichtungen, eigentlich die meisten, fragen gar nicht mehr an und machen es mit den Übersetzungstools selbst, weil sie sehen, dass es gute Ergebnisse bringt.
Die Verlage sind natürlich das eigentliche Thema, weil Textproduktion ihren Kern ausmacht, sie aber mit dem Thema Kunst und Literatur kämpfen. Kolleg*innen bekommen schon viele Anfragen, maschinell übersetzte Texte zu redigieren, für 3 Euro die Seite oder so (statt 17–22 Euro pro Normseite vorher für Übersetzung). Bei Sachbuch und Genreliteratur ist das schon oft so. Bei LITERATUR wird noch verteidigt, dass die Tools es nicht ganz können und es entsprechend lange dauert, das maschinell Übersetzte zu redigieren, daher halten sie dort noch daran fest, dass es bei ihnen, bei der Literatur-Literatur, einfach nicht stattfindet. Was natürlich, naja. Nicht stimmt.
Natürlich sind die Honorare sowieso nie angehoben worden in den letzten Jahren, weil alle wussten, und sei es nur diffus, dass es Hilfen gibt, und der Markt so schrumpft. Viele gute Übersetzerinnen haben aufgehört und den Beruf gewechselt oder versuchen es. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass die Mischkalkulationen nicht mehr aufgehen: den Katalog einer reichen Stiftung für viel Geld übersetzen, dann wieder mies bezahlte Normseite für schönen Roman. Also dieses Ausbalancieren.
Ich habe gerade einen Roman übersetzt, bei dem ChatGPT es irgendwie besonders verstand, welcher Ton da getroffen werden sollte. Der Roman spielt in Großbritannien im 19. Jahrhundert, da waren wir ein gutes Team. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie viel kürzer es dadurch gedauert hat. Wahrscheinlich nicht besonders viel, weil ich mich dann auch in Gesprächen mit ChatGPT verliere:
– "Das heißt doch nicht wirklich Löffelgraf, wo hast du das denn her, bitte mit einer Quelle aus deutschen Archiven.“ – "Es ist eine treffende Übersetzung, die so oder ähnlich in Quellen in deutschen Archiven gefunden werden kann." – "Das war nicht meine Frage, bitte keinen Neologismus." – "Verstehe. Du willst keinen Neologismus. Der Ausdruck Löffelgraf ist zwar eine sehr treffende Übersetzung, aber nicht belegt."
(Alina Smithee / Kathrin Passig)















