So entstehen Graffitis… #Streetart Woche in Graefe-Süd unter der bunten Aufsicht von Koduku und Mobil im Kiez. Offen für Kinder des Gebiets, Treffpunkt täglich 12 Uhr in der Fichtestr. 28 @Koduku
Wie Graffitis entstehen… #Streetart Woche von Koduku und Mobil im Kiez mit vielen begabten Streetkünstlern… jeden Tag bis zum 29.8…. #berlin #kreuzberg
Früher hatte man Spass auf der Hasenheide, vor dem 2. Weltkrieg. Jahrmärkte, Biergärten, Brauereien und Luxuscafés machten darsus eine richtige Ausgehmeile. Im Buch „Spazieren in Berlin“ skizziert 1929 Autor Franz Hessel ihre Geschichte, hier zum Nachlesen. Eine neue Reihe im Graefe-Süd-Newsletter: Wie war’s denn hier so früher?
Aus Spazieren in Berlin, Kapitel Hasenheide
Hasen gibts hier nicht und auch keine Heide mehr, aber wer sich bei Namen von Stadtteilen etwas der ursprünglichen Bedeutung Entsprechendes vorstellen möchte, den wird es interessieren, zu erfahren, daß im Jahre 1586 laut Chronik der Cöllner Stadtschreiber eine kurfürstliche Verordnung verfügte: ‚Den 18. May ist uff Churfürstl. Gnaden ernsten Befehlich den Burgern in beyden Stedten ufferleget, Löcher in den Zeunen an den Gerten zu machen, damit die Hasen hineinlauffen konnen.‘ Noch Friedrich Wilhelm I. erwiderte auf ein Gesuch um Hütungsgerechtigkeit in der Heide: ‚Soll Haasen-Garten bleiben.‘ Unter Friedrich dem Großen entstanden dann die ersten ländlichen Wirtschaften und nach den Freiheitskriegen Kaffeegärten, und zwischen ihnen ein riesiger Rummelplatz, der mit seinen Würfelbuden, Kraftmessern, starken Jungfrauen, Seiltänzern und Wundertieren sich von der Gegend der Bärwaldstraße bis zu dem Turnplatz erstreckte. Vor den Vergnügungslokalen ging mit seinem hölzernen Kasten am Tragriemen der Zigarrenverkäufer auf und ab – denn hier durfte der sonst vielfach verbotene Tabak geraucht werden, bot Fidibus und Lunte und rief: ‚Cigaro mit avec du feu.‘
Aus alten Heftchen und Bildern der fünfziger Jahre kennt man die Omnibusfahrten nach der Hasenheide, Madam Brösecke mit Mann und vielen Kindern auf der Fahrt vom Dönhoffplatz hieher. »Bei Streitz ist Konzert und bei Happolt Ball. Bei Höfchen werden die Putzmacherinnen poussiert und dann geht’s zum Turnplatz!« Happolt ist offenbar das Feinste gewesen: Marmorsäle, Glassalon, Trumeaux vom Mosaikfußboden bis zur gemalten Decke, ‚Kronenleuchter wie in dem Palast eines Fürsten‘ usw. Und dann war da noch Lücke, wo die Aristokraten sich trafen, Hofräte, Geheime Ober Titularräte und Calculatoren. Madam Brösecke bleibt lieber mit ihren Gevatterinnen bei Höfchen, wo »eine Legion Kaffeekannen mit duftigem Cichorien-Mokka und Hunderte von kleinen, Finkennäpfen ähnlichen Tassen, dazwischen Weißbier und Schnappsgläser auf allen Tischen« stehen, während es ihre Tochter Pinchen hier zu ‚gemischt‘ findet.
Die Bier- und Kaffeegärten sind geblieben bis auf den heutigen Tag und immer größer geworden. Sie sind fast zu groß, sie haben das Monströse der Zeit der Riesenportionen und Doppelkonzerte behalten und überbieten einander in ihren Ankündigungen. ‚Täglich großes Terrassenstimmungskonzert bei freiem Eintritt‘, donnert es uns von einem Eingang an, und nicht weit davon behauptet ein Lokal, ‚trotz aller Neueröffnungen das führende Café‘ zu sein und zu bleiben. Es verheißt ‚täglichen Tanz auf erleuchteter Glastanzfläche‘ und dazu Musik einer ‚Rheingoldkapelle‘. Aber der alte Rummelplatz ist nicht mehr da. Die ‚Neue Welt‘ ist heute eins der großen Gartenlokale mit Sälen für Versammlungen und Festlichkeiten. Ältere Leute werden sich noch der Zeit erinnern, da man bei dem Wort ‚Neue Welt‘ an Panoramen, sogenannte naturwissenschaftliche Museen, ‚Wilde‘, Dompteusen in Stulpstiefeln und Kraftmenschen dachte. Ich habe hier als kleines Kind den lächelnden Mund und die rosa Wangen des Mädchens gesehn, dem der Kopf abgeschlagen und wieder aufgesetzt wird, vielleicht auch jene erste Dame ohne Unterleib, zu deren schönen Armbewegungen ihr Unternehmer die Verse von der Lotosblume, die sich ängstigt, aufsagte; sicher aber kam mir hier zum ersten Male der Name Dante zu Ohren in einer Bude, wo einige seiner Höllenstrafen panoramisch-plastisch dargestellt waren. Es war sehr schaurig. So etwas wird uns heute nicht mehr geboten.
Ein andres Stück Hasenheide ist geblieben: Turnvater Jahn schaut noch immer, wenn auch nur als Büste, vom Postament seines Denkmals auf sporttreibende Jugend nieder, nah bei der Stätte, auf der er die erste Turnerschaft versammelte. Er sieht wohlgefällig auf die bräunlichen Buben und Mädchen in Schwimmkostümen nieder, die hier wie an so vielen Plätzen rings um Berlin ihre Bälle stoßen und schleudern. Und wenn wir über die Sandhügel des etwas verwilderten, von zwergigen Föhren bestandenen Gartens hinter dem Denkmal gehn, eine der vielen Stätten, wo die Berliner Sonne und Luft finden, mögen wir auch mit friedlichem Wohlwollen an die kriegerischen Jünglinge und Tyrannenmörder von damals denken, denen Freiheit, Vaterland und stärkende Pflege des eigenen Körpers eine Gesamtheit befreundeter Gedanken war. Bis dann diese Befreier und heldischen Jünglinge und vor allem ihr Führer und Vorbild die Tyrannei von seiteh des geliebten Vaterlandes selbst erfahren mußten. Hier also hat Jahn im Jahre 1818 den ersten Turnplatz eröffnet, nachdem er schon vor den Freiheitskriegen mit einigen Schülern auf den Wiesen zwischen dem Halleschen und dem Kottbuser Tor die neue Kunst des Turnens geübt hatte. Wenn damals noch der wagerechte Ast einer Eiche das Reck bildete, Sandgruben zum Tiefsprung und die steilen Wände der Rollberge zum Sturmlauf benutzt wurden, so hatten sie hier in der Heide richtige Geräte, Barren, Ein-, Zwei- und Vierbäume. Aber schon im nächsten Jahr verhängten die Demagogenverfolger eine Turnsperre, verhafteten Jahn und ließen alle Geräte vom Turnplatz fortschaffen. Auch nach seiner Freilassung blieb Jahn noch lange unter Polizeiaufsicht. Und erst nach 48 wurde sein Werk richtig anerkannt und wurden die vielen Turngemeinden gegründet, die in ihm ihren Turnvater sehen. Die haben dann aus allen Teilen der Welt die Steine gesandt, aus denen das Postament seines Denkmals gebaut ist.
In dem alten Garten nahe dem Restaurant, wo Familien Kaffee kochen können, sind trümmerhaft, kulissenhaft ein paar nicht mehr gebrauchte Schießstandteile stehengeblieben. Auf ihren Zielscheiben bemerkt man verblassende Figuren der Feindesgestalten rund ums Zentrum. Wobei einem zumut wird, als lebte man schon in Zeiten, die nur noch aus Überlieferungen und Museumsstücken begreifen, daß Menschen einmal so töricht waren, aus Röhren mit Pulver aufeinander zu feuern. Recht altertümlich wirkt auch der Reklamekasten eines Photographen, der nahe dem Straßeneingang aufgestellt ist. Darin sind die preisgekrönten Modelle vom Meisterschaftsfrisieren eines Friseurgehilfenvereines in Neukölln zu sehen. Wir erblicken komplizierte Ondulationen reichbehaarter Mädchen und Frauen, wie sie in Natur wohl nicht einmal in den entlegensten Teilen von Neukölln mehr vorkommen.
Aus: Franz Hessel: Spazieren in Berlin, 3. Aufl., Berlin 2013, S. 154–156.
Mit freundlicher Genehmigung des Berlin-Brandenburg Verlags.
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Ein neuer Laden schmückt die Urbanstraße: der Schönheitssalon Kelebek & Minah Beauty. Betreiberin Melek erzählt vom Weg in die Selbstständigkeit, ihrer Kindheit in der Siedlung und warum Kelebek, Schmetterling, ihr so viel bedeutet. Aus der Reihe Firmen im Graefe-Viertel.
Es begann alles mit Verbrennungen. Am Bauch. Eines Tages probierte Melek eine verlockende neue Methode um Fett zu verlieren, die auf Kälte basierte. Das Ergebnis waren ein paar Hundert Euro weniger und zwei Verbrennungen am Bauch. Verärgert über so viel Inkompetenz sagte sie dem Betreiber ihre Meinung, parallel dazu begann sie im Internet über die neue Technik zu recherchieren. Sie fand schnell heraus, dass die Hersteller der neuartigen Maschinen auch Ausbildungen anboten. Anstatt die Verantwortlichen um Schadenersatz zu verklagen, beschloss sie, selbst eine Ausbildung zu absolvieren und ein Geschäft zu eröffnen. Die Idee eines Schönheitssalons war geboren. Gemeinsam mit Ihrer Schwester eröffneten sie das Geschäft.
Eine andere Idee von Schönheit
Nur hat Melek eine Besonderheit, die sie von der Konkurrenz abhebt: Bei ihr dreht sich nicht alles um Aussehen und Mode.
Sie legt viel Wert auf Natürlichkeit – all die Produkte sind biologisch – und Ihr Konzept ist medizinisch inspiriert. Das Hauptangebot ist Fettverlust durch Kryolipolise, eine Methode die an amerikanischen Medizinschulen entwickelt wurde. Sie wirkt radikal an Problemzonen – und das im Liegen. Wirklich entspannt liegt man aber nicht, da das Fettgewebe auf unter 5° gekühlt wird. Aber wer lieber liegt statt schwitzt… Eine weitere Besonderheit: Das Angebot nutzen zu 80%… Männer, und nicht Frauen. Bei Melek zerrinen Vorurteile wie Fettschichten, aber mehr dazu später.
Die klassischeren Angebote eines Beauty Salons wie Haarentfernung, Manü- und Pediküre, Augenbrauenzupfen und noch einiges mehr gibt es natürlich auch, sind aber nicht so stark im Vordergund. Neben biologischen Schmink-Produkten gibt es auch traditionnelle Allheilmittel aus dem Orient, wie schwarzes Kümmelöl z.Bsp., den man als Lebertran des Morgenlandes bezeichnen kann.
Die Wurzeln mit dem Westen verbinden
Dieser ungewöhnliche Mix aus Technologie und Tradition spiegelt sich auch in ihren Ansichten. Auf der einen Seite legt sie Wert auf ihre Wurzeln und auf den Islam als ihre Religion. Ein Koran-Kästchen ziert eine Ecke ihres Ladens, obwohl sie sich als nicht streng religiös einstuft. Sie trägt kein Kopftuch z.Bsp, geht nicht so oft in die Moschee wie sie gerne würde. Ihre moderne Lesart des Islams ist sicher sehr verbreitet, leider man hört davon viel zu selten. In ihrer Religion herrscht das Gebot sich als Mensch weiterzuentwickeln und zu bilden, und das gilt für Männer wie für Frauen. Weiterentwicklung beinhaltet logischerweise Arbeit, Untätigkeit ist eine Sünde. Jede Form von Zwang ist tabu, was erzwungen wird hat keinen Wert in Gottes Augen. Sie plädiert dafür, dass Ehen erst nach fertiger Ausbildung geschlossen werden. Überhaupt sollte man vor der Ehe Erfahrungen machen dürfen, damit man sich bewusst auf diesen Bund einläßt. Das sieht auch ihr Opa so, mit dem sie viele ihrer Ansichten über Religion teilt.
Sie erinnert sich an eine Zeit als viel weniger über Religion gesprochen wurde. Das war die Zeit ihrer Kindheit in der Düttmann-Siedlung, Ende der 90er Jahre. Ihre Freunde waren Jugoslawen, Deutsche, Araber, Türken, man spielte auf dem Düttmann-Platz, traf sich im Jugendclub ein paar Hausnummern weiter, plagte die Sozialarbeiter mit Fragen, die man Eltern nicht stellen konnte. Streits wurden damals nicht so schnell handgreiflich, Menschen nicht so kategorisch und Gruppen eingeteilt, es gab mehr Zeit, Kind zu sein. Stark polarisierende Weltanschauungen, die eine sofortige Stellungnahme fordern, prasseln heutzutage auf Kinder und Jugendliche ein. Sie werden regelrecht mit z.Bsp. religiösen Botschaften bombardiert. Die aktuelle Mädchenmode, die schon sehr früh sehr weiblich ist, trägt auch ihren Teil zu einer kürzeren Kindheit bei. Sexuelle Belästigungen seien die Folge.
Sie erinnert sich wie sehr Respekt und Strenge damals zusammenhingen. Gewisse Sachen traute man sich einfach nicht den Eltern zu sagen. So wie das eine Mal, als sie einer alten Dame half, zur Kirche am Südkreuz zu finden. Erst Jahre später beichtete sie den Seitensprung zu den Katholiken ihrer Mutter. Diese meinte, Gotteshäuser sehen vielleicht unterschiedlich aus, drinnen wohnt aber derselbe. Oder wenn man verliebt war und Händchen halten das Höchste der Gefühle darstellte.
Von der Tankstelle zum Schönheitssalon
Auch wenn Sie Ihre Jugend in guter Erinnerung behält, es waren auch harte Jahre. Sie hatte früh den Wunsch autonom zu sein und zu gucken, ob sie auf eigenen Beinen stehen kann. Auch um sich gegen Ihre Familie zu behaupten, die Ihren Wunsch mit Skepsis betrachteten. Aber sie machte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete einige Jahre an Tankstellen im Wedding und Spandau. Interessant, gefährlich, komisch sei das gewesen. Wenn man etwas über Menschen lernen will, sind Berliner Tankstellen eine gute Adresse meint sie. Auf jeden Fall holte sie sich da genügend Selbstvertrauen, um den Schritt zur eigenen Firma zu wagen. Selbständig sein, das sei ein ganz anderes arbeiten.
Der Wunsch, zu helfen
Langsam erweitert Melek das Team um ihren Laden. Eine Spezialistin für Augenbrauen und Nägel gibt es schon, bald wird eine Ärztin wöchentlich Eigenblut-Therapien anbieten, die den Teint bemerkenswert verbessern sollen. Die Nachfrage sei schon nach den ersten Wochen so hoch, dass sie und ihre Schwester nach einem zweiten Laden suchen. Warum das so sei? In Ihrem Kulturkreis habe das Aussehen ein viel höheren Stellenwert als bei Deutschen, vermutet sie.
Was aber Melek wirklich am Herzen liegt, ist Jugendliche zur Eigenständigkeit zu verhelfen. Und sich für Flüchtlinge einsetzen. Sie kann sich vorstellen, sollte ihr Geschäft gut laufen, ein Praktikums-Programm speziell für Jugendliche der Siedlung anzubieten. Damit sie sich so frei entfalten können und so bunt werden wie Schmetterlinge, das Symboltier, das sie sich für ihren Schönheitssalon ausgesucht hat: Kelebek.
Bilder der Eröffnungsfeier am 3. Juli 2016
Kelebek & Minah Beauty, Urbahnstrasse 49, 10967 Berlin
Öffnungszeiten: 10 bis 18 Uhr – Zur facebook Seite
Wie Jonglieren, Balancieren und andere Zirkuskünste Zusammenhalt und geistige Beweglichkeit schaffen erklärt Dominique Eckstein von Mobil im Kiez. Mit Kollegin Sofie Storz und den Vereinen Koduku und GraefeKids bieten sie eine Zirkuswoche am Werner-Düttmann-Platz an. Für Jung und sehr Jung, vom 15. bis zum 22.8.16.
Sie sitzt am Rande eines Dachs, ohne dabei einen Moment Angst zu haben. Sie macht Handstand in 15 Meter Höhe, mit oder ohne Geländer – auch das ohne Furcht. Sie kann jonglieren, auf Seilen tanzen, mit Stelzen gehen, mit Schnurbällen wirbeln und 20 Meter lange Klettertücher im Nu zu einem Zopf binden. Sie vermuten richtig, Dominique Eckstein ist nicht Zirkusartistin. Also schon, aber nicht nur. Sondern Sozialarbeiterin in der Düttmann-Siedlung und in Kreuzberger Flüchtlingsheimen. Und Zirkuskunst ist für sie Mittel zum Zweck. Was haben Toleranz, Zusammenhalt, Offenheit für neue Ideen und Menschen mit Zirkus zu tun? Das sind die Ziele des Projekts Mobil im Kiez, bei dem Dominique gemeinsam mit Sofie Storz seit fast zwei Jahren mitmacht. Die Antwort lesen Sie hier, indem sie sich von einem Satz zum nächsten schwingen.
Wenn man Dominique Eckstein zuhört versteht man schnell, dass Abenteuerlust schon immer da war. Nach dem Abitur macht sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in Costa Rica bei einem Zirkus für Kinder, die auf der Straße leben. Ihre Neugierde für soziale Arbeit wird zum Berufswunsch. Von Latein-Amerika war sie zwar angezogen, aber der ausschlaggebende Grund in Cordoba, Argentinien, zu studieren war ein anderer. Die Ausbildungen dort sind fundierter, kritischer und länger. Sozialarbeit hat dort einen ganz anderen Stellenwert, denn in diesem Teil der Erde geht es um ganz andere Herausforderungen. Es gibt ländliche Gemeinden, die von Goldabbau-Konzernen in ihrer Existenz bedroht sind. Große Agrar-Firmen wie Monsanto besprühen riesige Soja-Felder mit Düngermittel und Pestiziden, die bei Kindern Missbildungen verursachen. Bauern, die seit Jahrhunderten Land bebauten das jedem gehörte, weil es kein Privateigentum gab, werden plötzlich von Großgrundbesitzern vertrieben. Um die Bevölkerungen zu informieren und ihnen die Mittel zu geben, den Kampf etwas weniger ungleich zu gestalten, kommt Sozialarbeit ins Spiel.
Von der Strasse in die weite Welt
Und das sehr erfolgreich. Das Projekt in Costa Rica, bei dem ein Jahr arbeitete, zeigt gut was mit Sozialarbeit erreicht werden kann. Vida Nueva nutzte ein Zirkus-Projekt, um Kinder von der Strasse zu holen und über häusliche Gewalt aufzuklären. Daraus entwickelte sich eine Truppe professionneller Zirkuskünstler, die sogar Tourneen in der EU machten. Mehr über Vida Nueva lesen Sie hier.
Ihre Erfahrung kann sie perfekt in der Siedlung anwenden. Auch wenn das Umfeld eines der reichsten Länder der Welt sich stark von dem Schwellenländer unterscheidet, sieht Dominique viele Parallelen. Die Dauer der Kindheit: Oft fällt sie in Familien mit wenig Einkommen viel kürzer aus, Kinder werden viel früher mit der härteren Seite des Lebens konfrontiert. Sie müssen sehr bald Verantwortung übernehmen, verbringen sehr viel Zeit Draußen, weil sie nicht nach Hause können, dürfen oder möchten. Aufmerksamkeit, Vorbilder, Halt gebende Reibungsflächen sind seltener. In Summe, eine unglückliche Mischung aus zu wenig und zu viel. Zu wenig Aufmerksamkeit, zu viel Zeit, was sich gegenseitig bedingt.
Jonglieren erweitert den Horizont
Bei den Angeboten von Mobil im Kiez geht es um mehr als Jonglieren, auf Stelzen gehen, oder auf Seilen balancieren. Natürlich sollen die Kinder auch Spass haben, sich bewegen, neue Fertigkeiten lernen, ihr Körpergefühl entwickeln. Aber Dominique Eckstein und Sofie Storz sind in erster Linie dadurch im Gespräch. Sie hören genau hin auf die Vorstellungen, die Kinder direkt oder indirekt zeigen. Die sie hier und dort aufschnappen und vielleicht kritiklos übernehmen. Vorstellungen über die Rollen von Mann und Frau, über anders lebende, anders aussehende oder anders glaubende Menschen. Sie reagieren auf Bemerkungen die en passant fallen. Ohne daraus einen Akt zu machen, ohne belehrend zu sein, aber um den Kindern und Jugendlichen einen Denkanstoss zu geben. Wird durch körperliche Beweglichkeit auch die geistige gefördert? Jonglieren und Seiltanzen hat offensichtlich als Nebenwirkung die Erweiterung des Horizonts. Mobil im Kiez bietet aber auch Workshops an, die ganz direkt Vielfalt und Toleranz ansprechen.
Von der Karibik nach Kreuzberg – mit dem selben Willen, Dinge zu ändern Wie kommt man von südlicheren und wärmeren Breiten, mit vermutlich Palmenstränden, in die Düttmann-Siedlung? Natürlich dank einer Kleinanzeige. Nach der Rückkehr nach Deutschland stieß Dominique auf eine Anzeige des Nachbarschaftshauses Urbanstr. e.V., das Sozialarbeiter*innen suchte. Beim Projekt Mobil im Kiez stieß sie auf Sofie Storz, die sich zeitgleich beworben hatte. Schnell wurden die beiden ein eingespieltes Team, das seit fast zwei Jahren im Viertel arbeitet.
Das Bedürfnis, Misstände aufzuzeigen und anzugehen teilen sie. Gegen die Entscheidung, die Notunterkunft in der Geibelstraße aufzulösen schrieben sie einen Artikel in der Kreuzberger Stadteilzeitung Kiez und Kneipe. Seit Monaten führen sie minderjährige Geflüchtete und Kiezbewohner zueinander, mit Erfolg – und mit gemeinsamen Ausflügen, Bauen und Klettern und Grillen in Tempelhof. Die jungen Geflüchteten und Kiezkinder verbringen jetzt viel Zeit miteinander, die Neuen fühlen sich heimisch.
Fällt die Neuverteilung der Geflüchteten rücksichtslos aus, reißen frisch geknüpfte Freundschaftsbanden, erste Wurzeln werden ausgerissen. Hoffen wir aufs Beste, aber die Politik bietet manchmal mehr Eiertänze als Seiltänze. Und wie wir heute gelernt haben, machen nur letztere geistig beweglich.
Mobil im Kiez bietet gemeinsam mit Koduku e.V. und den GraefeKids ein Zirkus-Workshop vom 15. bis zum 22. August an, täglich von 12 bis 16 Uhr auf dem Werner Düttmann Platz. Was da alles angeboten wird, liest man im folgenden Abschnitt.