14.9.2017
Elektronisch rein, muffig raus
Eine Freundin hatte mich vorgewarnt: Am Londoner Flughafen Stansted, meinem Umsteigepunkt, seien inzwischen für die Einreise nach Großbritannien automatische Pass-Scanner installiert, mit denen man die teilweise sehr langen Schlangen vor den noch menschlichen Einreisekontrolleuren schnell umgehen könne. Voraussetzung für die Nutzung der Scanner ist ein elektronischer Reisepass (oder auch Personalausweis), der einen Chip enthält und mit einem entsprechenden Symbol (oben auf dem Foto) gekennzeichnet ist. Und natürlich geht das nur für EU-Bürger.
Ich stecke also zusätzlich zum Personalausweis meinen Pass ein (was ich im europäischen Ausland sonst selten tue), und in der Tat: Innerhalb weniger Minuten bin ich elektronisch in das Vereinigte Königreich eingereist. Dafür muss ich die Pass-Seite mit den Personenangaben und dem Foto in den Scanner schieben und anschließend sehr direkt in eine Kamera gucken – und schon öffnet sich die Tür.
Unklar bleibt allerdings, warum die Pass-Seite mit den Personenangaben optisch gescannt wird. Denn eigentlich sind alle die Daten und auch das Foto elektronisch in dem Chip gespeichert, der kontaktlos ausgelesen werden kann – der Aufwand könnte also beträchtlich geringer sein, und es könnte auch noch schneller gehen. Vielleicht ist das aber der Hosenträger zum Gürtel, wie ihn die Sicherheitsbehörden bevorzugen.
(Hinter der Passkontrolle warten wir dann zehn Minuten auf die Freundin, die uns den Tipp gegeben hat, aber selber noch keinen Pass mit Chip besitzt.)
Zu meiner Überraschung finde ich bei der Rückkehr nach Deutschland am Berliner Brandenburger Flughafen Schönefeld ebenfalls die automatischen Pass-Scanner vor. Auch hier reise ich vollautomatisch innerhalb weniger Minuten nach Deutschland ein. Der Unterschied zu Stansted: Dort steht eine helfende Person neben den Automaten, die gerne unterstützend einspringt, falls jemand mit dem Scannen Probleme hat. In Schönefeld sitzt nur ein offensichtlich schlecht gelaunter Bundespolizist ein paar Meter entfernt hinter seiner Glasscheibe und beobachtet die Automaten.
Die schlechte Laune hatten auch seine Kollegen demonstriert, die mich bei der Ausreise aus Deutschland kontrolliert hatten, ebenfalls in Schönefeld: Zwei Polizisten arbeiteten äh, betont ruhig die Schlange der Ausreisewilligen ab, natürlich von Hand – für die Installation der Pass-Scanner scheint es noch nicht am ganzen Flughafen gereicht zu haben. (Kathrin Passig weiß zu berichten, dass sie am Flughafen Tegel mal gemaßregelt wurde, weil sie nicht laut oder nett genug Guten Morgen gesagt hat. So gesehen ist die automatische Passkontrolle ein Beitrag zur Humanisierung des Reiseverkehrs.)
Natürlich geht es auch ganz anders: An dem kleinen irischen Provinzflughafen, den ich von Stansted aus anfliege, steht ein Garda und schaut freundlich lächelnd sehr kurz auf jeden Ausweis und jeden Pass. Ganz ohne Datenabgleich und -kontrolle. Aber das hat vermutlich damit zu tun, dass in der Common Travel Area von Großbritannien und Irland eigentlich gar keine solche Kontrolle erforderlich ist und das kleine Irland nur selbstbewusst seine Eigenständigkeit demonstrieren möchte.
(Thomas Wiegold)








