320 Wir sind die Guten
Für mich ist einer der gefährlichsten Sätze, die ein Mensch über sich selbst sagen kann:
„Ich bin ein guter Mensch.“
Warum? Weil dieser Satz scheinbar oft das Ende des Nachdenkens markiert, statt seinen Anfang.
Ich frage mich dann immer, was dieser Satz für diese Person eigentlich bedeutet. Wenn möglich, frage ich nach. Die Antworten, die ich im Laufe meines Lebens bekommen habe, haben schließlich zu diesem Text geführt.
Ein Ziel, kein Etikett
Ich glaube nicht, dass jeder Mensch das Ziel haben muss, gut zu sein.
Vielleicht möchte jemand ein großer Künstler werden, eine brillante Wissenschaftlerin, ein religiöser Einsiedler oder einfach ein ruhiges Leben führen. Das sind alles legitime Lebensziele. Keines davon setzt zwingend voraus, ein guter Mensch sein zu wollen.
Ich selbst habe mir dieses Ziel gesetzt. (siehe 174 GUT SEIN)
Gerade deshalb möchte ich mir das Urteil „Ich bin ein guter Mensch“ niemals selbst verleihen. Für mich ist Gutsein kein Zustand, sondern ein Weg. Ein Pfad, der sich mäandernd einem Ziel nähert ohne es je erreichen zu können. Vor allem aber etwas, das sich immer wieder der eigenen Prüfung stellen muss.
Woran messe ich Gutsein?
Allein der Vorsatz, gut sein zu wollen, macht mich noch nicht besser. Deshalb beginnt für mich alles mit Fragen.
Nach welchen Prinzipien lebe ich eigentlich?
Warum gerade nach diesen?
Sind sie gerecht?
Halte ich mich überhaupt an sie?
Und was geschieht mit anderen Menschen, wenn ich ihnen folge?
Ich kann hervorragende Prinzipien besitzen und trotzdem ständig gegen sie verstoßen.
Ich kann aber auch meinen Prinzipien konsequent folgen und irgendwann feststellen, dass genau diese Prinzipien ungerecht sind.
Beides sollte ich immer wieder überprüfen. Nicht einmal. Sondern ein Leben lang.
Jeder Mensch folgt einer Moral
Je länger ich in meinem Leben darüber nachdachte, desto weniger glaubte ich, dass Menschen ohne moralische Vorstellungen existieren. Jeder Mensch ist auf irgendeine Weise sozialisiert und geprägt. Das prägt unsere Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Deshalb gehe ich zunächst einmal davon aus, dass jeder erwachsene Mensch irgendeine moralische Vorstellung hat. Ob ich diese für gut halte, ist eine ganz andere Frage. Ob er den eigenen Vorstellungen überhaupt folgt noch eine andere.
Aber ich kritisiere dann eine Moral und spreche dieser Person nicht eine so grundlegende menschliche Eigenheit ab. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich vorsichtig werde, wenn Menschen die Welt zu schnell in „die Guten“ und „die Schlechten“ einteilen.
Gutsein geschieht zwischen Menschen
Noch dazu glaube ich nicht, dass Gutsein im Kopf stattfindet. Dort entstehen Prinzipien, Überzeugungen, Moral... Ob sie gut ist, zeigt sich aber erst zwischen Menschen. Man kann großartig über Ethik sprechen. Man kann wunderbare Prinzipien formulieren. Davon wird noch kein Mensch besser behandelt.
Gutsein zeigt sich erst dort, wo Menschen miteinander leben. Deshalb interessieren mich Menschen. Nicht aus bloßer Neugier. Sondern weil ich gar nicht wissen kann, ob ich gut handle, wenn ich mich nicht dafür interessiere, wie mein Handeln auf andere wirkt.
Warum denkt jemand so?
Warum hat er Angst?
Warum wird er wütend?
Warum erlebt er dieselbe Welt so völlig anders?
Warum wirken meine Worte und Handlungen auf ihn so anders als ich es gemeint hatte?
Nicht weil ich allem zustimmen möchte. Nicht weil ich jede Moral akzeptieren müsste. Sondern weil ich wissen möchte, ob mein eigenes Handeln den Menschen gerecht wird. Natürlich gibt es Situationen, in denen Widerspruch notwendig ist. Manchmal verletzen meine Worte. Manchmal müssen sie das sogar. Aber wenn Menschen, denen ich eigentlich guttun möchte, sich durch mein Verhalten immer wieder verletzt, übergangen oder nicht ernst genommen fühlen, dann wäre es seltsam, diese Rückmeldungen grundsätzlich zu ignorieren. Das bedeutet nicht, dass die anderen automatisch recht haben. Aber genauso wenig habe ich automatisch recht.
Selbstprüfung statt Selbstgewissheit
Mit der Zeit ist mir etwas aufgefallen. Es gibt Menschen, die versuchen, gut zu sein. Sie zweifeln. Sie prüfen sich. Sie scheitern. Sie lernen. Mit ihnen kann ich stundenlang reden.
Es gibt Menschen, die dieses Ziel gar nicht verfolgen. Auch das ist legitim.
Und dann gibt es Menschen, die einfach behaupten: „Ich bin gut.“ Oft ist das harmlos, wenn auch wenig zum Gespräch einladend.
Manchmal bleibt es aber nicht dabei. Dann wird daraus: „Ich bin gut, also sind die anderen schlecht.“ Genau dort werde ich unruhig. Denn plötzlich werden nicht mehr die eigenen Prinzipien geprüft. Sondern nur noch die anderen. Dabei halten sich die meisten Menschen für moralisch. Auch Menschen, deren Überzeugungen ich entschieden ablehne. Gerade das zeigt, die Überzeugung gut zu sein, schützt vor gar nichts. Sie kann sogar dazu führen, dass ich aufhöre, mich selbst zu hinterfragen.
Mein Maßstab
Ich werde wahrscheinlich niemals wissen, ob ich ein guter Mensch bin. Diese Entscheidung steht mir über mich selbst gar nicht zu. Ich kann nur immer wieder prüfen:
War ich heute meinen Prinzipien gerecht?
Sind diese Prinzipien noch gerecht?
War ich den Menschen gegenüber, denen ich guttun wollte, tatsächlich gut?
War ich heute fairer als gestern?
Mehr kann ich nicht tun.
Aber ich glaube, genau das ist der Weg, sich dem Ziel zu nähern, ein guter Mensch zu sein.





