Der neue Bürger von Wackenland
Eines meiner spannendsten Erlebnisse als Journalist hatte ich, als ich vor Kurzem von der 26. Ausgabe des Wacken Open Air berichtete. Von einigen Journalisten anderer Zeitungen weiß ich, dass sie jedes Jahr in Hotels übernachten. Ein Traum. Morgens ein Brötchen mit Frühstücksei und Orangensaft, weiße Bettwäsche und eine eigene Dusche. All das wollte ich nicht. Ich wollte die volle Packung. Zelten, Dixi-Klo, harte Musik. Ich wollte Berichterstattung aus dem Krisengebiet. Und die volle Packung sollte ich kriegen. Allerdings war mir vorher nicht bewusst, mit welcher Wucht sie mich treffen würde.
Nachdem ich am Mittwoch auf dem Presse-Campingplatz angekommen war, halfen mir meine netten Nachbarn beim Aufbau des Zeltes. Bereits kurze Zeit nach meiner Ankunft kam dann der Regen. Offensichtlich waren die beiden Eingänge meines Zeltes undicht, obwohl im Internet stand, es sei vollkommen wasserdicht. Als ich später am Tag schlafen gehen wollte, traute ich meinen Augen nicht. Sechs Liter Wasser waren in meine Unterkunft eingedrungen und hatten meine beiden Bettdecken und einige Pullis und T-Shirts durchtränkt. Mit einer Tupperdose schöpfte ich das Wasser ab und war plötzlich froh, eine Luftmatratze und nicht etwa eine Isomatte zu haben. Nur ein dünner Sommerschlafsack war trocken geblieben und es war wahnsinnig kalt. Während scheinbar der Rest Deutschlands mit hochsommerlichen Temperaturen kämpfte, zeltete ich im spätherbstlichen Wacken, das sich in kürzester Zeit in eine Schlammwelt verwandeln sollte.
Mein Wasserproblem bekämpfte ich, indem ich Regenponchos aus Plastik an einem der beiden Zelteingänge festknotete, der durch den starken Wind besonders undicht war. In der kommenden Nacht hatte ich zwar wieder Wasser im Zelt, aber immerhin etwas weniger als vorher. Doch das Wetter änderte sich nicht und meine Decken und Klamotten konnten nicht trocknen. Es blieb bedeckt und an fünf Festivaltagen kamen 145 Liter Wasser pro Quadratmeter herunter. Im Angesicht dieser unvorstellbaren Menge gaben die ersten Besucher und Journalisten bereits am Mittwoch auf, und reisten nach Hause. Da hatte das Festival noch nicht einmal offiziell begonnen. Später machten Bilder die Runde, auf denen Zelte zu sehen waren, die tatsächlich im Schlamm steckten. Ein Festival-Seelsorger erzählte mir, dass das „abgesoffene Zelt“ einer der wichtigsten Gründe für die Besucher war, seelsorgerliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Meine Sorge war, schon vor der eigentlichen Berichterstattung krank zu werden. Denn nach nicht einmal fünf Stunden Schlaf in der zweiten Nacht wachte ich morgens vor Kälte auf und meine Mandeln schmerzten. An apple a day keeps the doctor away - dachte ich und aß jeden Morgen Äpfel und Müsliriegel zum Frühstück und trank ordentlich Wasser. Die Regenponchos waren an meinem Zelt festgemacht, und so trug ich nur eine Lederjacke, die dem Wetter trotzen musste. Auf dem Festivalgelände überlegte ich später, dass vielleicht nur Äpfel als Vitaminquelle nicht ausreichen würden. Deshalb ging ich zu einem Cocktailstand, wo mir eine Mitarbeiterin auf Nachfrage netterweise eine Zitrone gab. Unter Blicken größter Verwunderung presste ich mir den Saft beider Hälften in den Mund, was bereits am nächsten Morgen Wirkung zeigte. Meinen Mandeln ging es deutlich besser. In der Zwischenzeit hatte ich auch eine Lösung gegen die nächtliche Kälte gefunden. Aus meinem Auto-Verbandskasten holte ich mir die Rettungsdecke und klebte sie mit Kreppband an die Decke meines Zeltes. So verschwand meine Körperwärme nicht einfach, sondern wurde noch einmal zu mir zurückgestrahlt. Ich war nie ein Ass in Physik, aber die Idee half.
Trotzdem schlief ich mit Anziehsachen im Schlafsack. Zum allgemeinen Wohlbefinden trug das nicht bei, aber es war nötig. Denn nachts hatten wir Temperaturen zwischen fünf und sieben Grad Celsius, wie mein Handy mir sagte. Tagsüber stapfte ich dann über das Festivalgelände, schrieb übermüdet an meinen Berichten, schickte täglich einen großen Artikel, gab Interviews für Radio HNA und machte Fotos von weltbekannten Bands. Auch das Fotografieren bedeutete körperliche Anstrengung. Denn während die Fans noch einige Meter von den Bands entfernt sind, steht man als Fotograf direkt vor den Boxen, die so extrem laut sind, dass sie mit ihren Bass-Impulsen förmlich den Brustkorb massieren.
Am Samstag wurde das Wetter dann schlagartig besser. Es war sogar so heiß, dass einige Fans einen saftigen Sonnenbrand bekamen. Aber das schlechte Wetter war mir in der Zwischenzeit fast egal geworden. Ich hatte mich an all das gewöhnt und war unter widrigsten Umständen Bürger des „Holy Wacken Land“ geworden. Was für ein Ritt. Auf dem Weg zurück nach Kassel machte ich Pause bei meinen Eltern. Dort erwartete mich schneeweiße Bettwäsche und zum Frühstück gab es Brötchen, Tee und Orangensaft. Dieses eigentlich völlig normale Leben fühlte sich plötzlich fremd und surreal an, sodass ich einige Zeit brauchte, um mich wieder daran zu gewöhnen.
Zurück im Verlagshaus wurde ich dann von unzähligen Kollegen freudig mit der sogenannten Pommesgabel, dem Metalgruß, empfangen und ich wusste: Es hat sich gelohnt.
Jürgens Berichte aus Wacken gibt es hier:
Schlammschlacht in Wacken: Zelt gab im Regen auf
Rückblick auf Tag eins in Wacken: Selbst die Bundeswehr liebt Metal
Rückblick auf den Freitag in Wacken - Endlich in Gummistiefeln
Letzter Tag Wacken: Der Abschied vom Schlamm