VERFLUCHT ZU LIEBEN
Sonettenkranz
Immer muss ich eingefangen sein.
Halt mich fest! Ich kann mich nicht ertragen.
Mit dem Hitzewall von Sommertagen
findet sich mein eigner Sommer ein.
Und ich zittre in der Sommernacht
ganz, als überkäme mich ein Fieber –
ein entkrampftes Giftgebräu perfider
Liebesträume, das mich süchtig macht.
Und ich weiß – hier gibt es mehr als Eine,
und mir sind nicht alle gleich vertraut,
auch, wenn ich noch blauäugig vermeine,
mich unter den Andren zu erkennen.
Doch auch dieser prickelt schon die Haut …
Immer muss ich durch den Regen brennen.
Immer muss ich durch den Regen brennen,
bis der Wind mich endgültig erwürgt.
Ich hab mich schon früh dafür verbürgt,
keinerlei Bedrohung zu erkennen.
Und wenn doch – dann legte ich den Arm
um ihr Messer und versuchte fleißig
mich vor ihr zu fürchten. Heute weiß ich:
Meine Angst ist fieberhaft und warm.
Meine Angst fliegt hoch und landet bäuchlings.
Meine Angst hat sich mich ausgedacht.
Sie besitzt die Sehkraft eines Säuglings,
sie hat keinen Halt und keine Ohren,
und sie schreit schon wieder nach der Nacht.
Ich bin gern besessen, gern verloren.
Ich bin gern besessen, gern verloren.
Ich hab keine Zeit fürs Zeitgefühl.
Doch mir sagt mein inneres Kalkül:
Jemand hat mich irgendwann geboren.
Einmal war ich klein und windhauchleicht –
diese Zeit hab ich gekonnt vergessen.
Kinder lassen ihre Größe messen,
wenn ihnen das Klein-Sein nicht mehr reicht.
Doch, wer wächst, zerbricht und bleibt nicht ganz –
deshalb liegt viel Staub in Kinderzimmern …
Wie Ouróboros, die ihren Schwanz
und mit ihm den eignen Anfang frisst,
kann ich mich an meinen nicht erinnern,
und ich weiß oft nicht, wann Ende ist.
Und ich weiß oft nicht, wann Ende ist …
Jedes Glas – ein Steinchen auf der Waage.
Jeder Blick – wie eine stille Frage,
die erforscht, ob du in Ordnung bist.
Klar. Ich bin gewohnt, mich zu ertränken,
aber auch Gesellschaft hab ich gern.
Tief in mir erwacht ein neuer Stern.
Dürfte ich ihn dir zum Abschied schenken?
Wieder hat mein Abend sich verliebt.
Morgen wird das Sternschmuckkästchen danken, –
ich hab es schon lang nicht ausgesiebt …
Aber du bleibst fest in meiner Welt
kleiner Sterne, die im Meer ertranken,
wenn du etwas schreibst, was mir gefällt.
„Mit all meiner Schlaflosigkeit liebe ich dich!“
– Marina Cvetaeva an Aleksandr Blok
Wenn du etwas schreibst, was mir gefällt,
lege ich dein Wort auf meinen Nachttisch,
bis es wächst und dann belebt und plastisch
von dem Nachttisch auf den Boden fällt,
bis du daraus aufstehst und dich neben
mich auf die gesteppte Decke setzt,
und bis deine Worte unverletzt
wieder wie ein Untergang erbeben.
Also wart ich wieder auf dein Kommen.
Auf dem Nachttisch neben mir – dein Buch:
Wieder hat es mir den Schlaf genommen.
Niemand kann die Raserei begreifen …
Doch ich stehe ewig unterm Fluch,
wenn mich deine Klänge einmal streifen.
Wenn mich deine Klänge einmal streifen,
steh ich unter ihrem trüben Bann.
Wenn es etwas gibt, was ich nicht kann,
ist es, nach dem Rettungsring zu greifen.
Sing mir einen eisblautiefen Fluss;
sing mir tiefe Schluchten, spitze Klippen.
Jeder dünne Seufzer deiner Lippen
endet dort, wo er verenden muss.
Spiel mir dichte, grüngetrübte Fichten,
spiel mit meinem Blick und meinem Sinn,
und ich werde auf die Welt verzichten,
die mich hält. Ich fahre mit den Schiffen
deiner Lieder und zergeh darin.
Pass bloß auf! Ich werde ungeschliffen …
Pass bloß auf! Ich werde ungeschliffen.
Ich bin meiner Hände nicht mehr Herr.
Alle Spiele enden als ouvert,
also hab ich einfach vorgegriffen.
Füll mir lieber nicht noch einmal nach.
Manche meinen, ich sei peinlich offen,
und sie haben recht. Es bleibt zu hoffen,
dass das deinen Absichten entsprach.
Dieser Abend ist so wohlig warm …
Ich hab meinen Schuh im Busch verloren
und mein armes Herz an deinen Charme …
„Hilfst du mir auf deinen Schoß hinab?“,
frage ich und lächle unverfroren,
und dir wird die Ruhe langsam knapp …
„Keine neuen Liebesboote gibt es mehr unter dem Mond.“
– Marina Cvetaeva an Vladimir Majakovskij
Und dir wird die Ruhe langsam knapp.
Wieder habe ich von dir geschrieben.
Noch zwei leere Tage sind zerstieben.
Der Kalender wirft die Blätter ab.
Meine Seele schreit. Sie will dich sehen.
Plötzlich sitz ich wieder in dem Zug.
Dieser kalte, schmerzende Entzug
zwingt mich, meinen Regeln fremdzugehen.
Liebling, ich verlieb mich scheußlich häufig,
und ich tu es übermäßig gern.
Doch du ahnst es nicht. Ich lächle freundlich.
Das ist gut. Ich sollte wieder fahren.
Besser ist, ich bin dir fremd und fern.
Besser ist, du sangst vor fünfzig Jahren.
Besser ist, du sangst vor fünfzig Jahren.
Memphis-Träume. London-Phantasie.
Besser man verehrt und wünscht sich die,
welche nicht mehr sind, doch einmal waren.
Dann muss man den Andern nicht erklärn,
alles dies sei unernst; Schwärmereien;
Lügen, die erfunden worden seien.
Wie verworren doch des Pudels Kern …
Besser ist, du bliebst nur Text und Klang.
Besser ist, dich liebten Millionen.
Besser ist, dass dich die Zeit verschlang.
Denn dann weiß ich: Ich erreich dich kaum.
Dann kann ich mein armes Herz verschonen.
Dann bist du mein unerfüllter Traum.
„Eine Topographie der Seele – das bist Du!“
– Marina Cvetaeva an Rainer Maria Rilke
Dann bist du mein unerfüllter Traum …
Wieder habe ich die Zeit vergessen.
Wieder war ich rasend und besessen
auf der Suche nach dem Himmelssaum.
„… starb um neunzehnhundertsechsundzwanzig …“
Aber Liebling! Hier ist doch dein Wort!
Auf der Erde gibt es keinen Ort,
wo es starb! Doch unser Gott ist geizig,
was die Zeit betrifft, die wir bekommen.
Seit du nicht mehr da bist, reißt der Klang,
Dinge sind gefallen und verkommen.
Auch wenn meine Zeilen Gänge graben, –
die Entfernung ist selbst mir zu lang …
Du brauchst keine Angst vor mir zu haben.
„Lieb eine andere, nein – andere, nein – alle!“
Du brauchst keine Angst vor mir zu haben –
mir ist nur der Kompasspfeil verrückt.
Wenn ein neuer Gott die Klinge zückt,
reich ich ihm die Seele zum Vernarben.
Doch es bleibt Theater auf Papier.
Tintenwort. Synthetik. Plattenklingen.
Auch wenn dunkle Bässe mich besingen:
Er ist nicht mehr da … Und ich bin hier,
Zeitreisen erträumend, voller Flammen.
Was ist an dem Anlieben verkehrt?
So viel Werk kann diesem Sinn entstammen …
Sanduhrstaub versiebt. Das Haar wird feiner.
Ja, es stimmt: Die Zeit ist mir verwehrt.
Aber wenn du bist – dann bist du meiner.
Aber wenn du bist – dann bist du meiner.
Ich hab meine Finger ausgestreckt
wie ein gutgeübter Architekt
über einem alten Brückenpfeiler.
Und ich weiß, wie ich dich stützen muss;
wie ich deine Eisendrähte spanne.
Ich bin Teil der Brücke. Ich entstamme
deinem schwarzen Stein und Eisenguss.
Ich bin deine trübe Nebelnacht;
scharfe Blitze, die dich zärtlich schneiden;
eine Wolke, die dich überdacht;
deiner Drähte windverwobner Zopf.
Auch wenn du versuchst, mich zu vermeiden –
morgen bin ich schon in deinem Kopf.
Morgen bin ich schon in deinem Kopf.
Wieder kommt ein neuer Stern ins helle
Sternschmuckkästchen – meiner Funken Quelle,
meiner bunten Blüten Blumentopf.
Wieder werde ich nicht schlafen können,
fiebrig seufzen, bis das Morgenlicht
meine trüben Träume unterbricht,
die sonst an dem Fensterglas zerrönnen.
Und mir brennt die Haut. Die Luft ist milchig,
und die Grenzen bröckeln in der Zeit.
Du bist schrecklich fern und das verwirrt mich.
Doch ich weiß: Ein Ort ist uns geblieben
voller Klang und Ungenügsamkeit,
denn wir sind verflucht. Verflucht zu lieben.
Denn wir sind verflucht. Verflucht zu lieben.
Wie die irren Motten in der Nacht,
hast auch du mich wahnsinnig gemacht.
Ich hab wieder mal für dich geschrieben.
Und ich will mir sicher sein, dass auch
du es fühlst: das unbemerkte Pochen
in der Luft. Die Grenzen sind zerbrochen,
und wir atmen gierig bösen Rauch.
Und ich atme tief und ohne Angst
mit gelöstem, glühendem Erwarten,
weil auch du den bösen Rauch verlangst.
Wieder geh ich auf ein Falschspiel ein,
aber öffne vorher meine Karten.
Immer muss ich eingefangen sein.
Immer muss ich eingefangen sein.
Immer muss ich durch den Regen brennen.
Ich bin gern besessen, gern verloren,
und ich weiß oft nicht, wann Ende ist.
Wenn du etwas schreibst, was mir gefällt,
wenn mich deine Klänge einmal streifen,
pass bloß auf! Ich werde ungeschliffen,
und dir wird die Ruhe langsam knapp.
Besser ist, du sangst vor fünfzig Jahren.
Dann bist du mein unerfüllter Traum –
du brauchst keine Angst vor mir zu haben.
Aber wenn du bist – dann bist du meiner.
Morgen bin ich schon in deinem Kopf,
denn wir sind verflucht. Verflucht zu lieben.