Heute schreibe ich Dir, nur Dir, einen Brief.
Jeden Tag hältst Du hunderte, tausende Briefe in Deiner Hand, gibst sie aus Deiner Hand. Heute hältst Du diesen einen fest und liest: keinen einzelnen Satz, keinen Hinweis „Lieber Postbote…“, keine Anweisung „bei X einwerfen“, kein Verbot „keine Werbung!“.
Lies, wie ich Dich sehe und das, was Dir geschieht. Lies diesen Brief, der Dir, nur Dir, geschrieben ist.
Wie froh bin ich, Dir persönlich, das heißt voller Vertrauen, schreiben zu können. Ich habe lange gezögert, da Dir ein Brief wie die gewöhnlichste Sache der Welt vorkommen muss. Doch auch Vertrauen ist Dir gewöhnlich. Du trägst wichtige Dokumente aus: Gerichtliches. Amtliches. Todesanzeige. Mahnung. Warnung. Liebesbrief. Was den einzelnen trifft, trägst Du zu ihm. Du weißt, was ein Schicksalsbrief, eine Schreckensnachricht, eine Floskelkarte ist.
Nicht, dass Du sie selber lesen würdest! Nicht setzt Du Dich ab mit vollem Postsack, radelst nicht kilometerweit ins Grüne zur Lesestunde in der Natur. Du bereicherst Dich an keinem geschickten Geldbetrag, keinen Grüßen, keinen Küssen, die ein Mann einer Frau überschreibt. Du weißt: aus Köln kommen Schecks, aus Berlin Regierungsschreiben, aus Flensburg Erotikkataloge. Doch Dein Blick gilt nur dem Adressaten, nicht dem Absender. Was Dein Beruf mit sich bringt: Pflicht, Dienst, Diskretion. Du lieferst, also arbeitest Du. Nichts lässt Du Dir andichten. Deine Pflicht ist ja größer als Deine Macht. Du könntest, aber Du tust nicht, weil Du musst. Deine Macht gibst Du ab, nur an den rechtmäßigen Adressaten übergibst Du den ungeöffneten Brief in höchstem Selbstverständnis. Ja, eher leidest Du im Dienen, als im Dienen ganz plötzlich mächtig zu werden, als den Liebhaber zu erpressen, den Kontakt zu stören, den Scheck einzulösen. Und nie nutzt Du die Losung „Tag. Post.“, die Dir jede Schließanlage öffnet, zu tieferem Einblick.
Denn immer dienst Du, unter Sommerssonne, Winterseis, Regen. Einmal sehe ich Dich nass vom Schweiß, einmal vom Unwetter. Ich frage mich, warum Du die nasse Postbotenuniform niemals ablegen darfst.
Ein anderes Mal sehe ich Dich neben umgefallenem Rad fluchen. Briefe, Deine Pflicht, sind überall verstreut, ein Wind nimmt schon einige mit. Ich frage mich, ob man Dir helfen darf, Deine Briefe aufheben, sie überhaupt berühren. Denn nicht kümmert Dich das verbogene Rad, die zerissene Uniform, das blutende Knie. Nur den Briefen jagst Du nach und findest sie alle wieder.
Hat ein Postbote einen Briefkasten? Bringt er sich Briefe selber? Kannst Du mir sagen, lieber Postbote, wohin ich diesen Brief schicken soll, oder holst Du ihn Dir ab?