Liebe und Sex nicht mit Potenz verwechseln (an die Männer)
Weil ich als nicht mehr ganz junger Mann merke, wie meine körperliche Lust sich verändert hat, möchte ich diesen Text allen anderen widmen, die ähnliches spüren und sich Sorgen machen oder einfach ihr altes Liebesglück zurück sehnen.
Lasst uns Liebe und Sex nicht mit Potenz gleichsetzen. Es gibt Beziehungen ohne Sex und es gibt polyamouröse Swinger, die ihre Körper mit vielen anderen Teilen. Es gibt sanfte, wilde, wechselhafte, bisexuelle aber auch asexuelle Menschen. Alles ist gut, wie es ist, und manchmal ist es ein wenig anders noch besser. Aber das ist kein Muss, sondern eine Möglichkeit, die du bei Interesse erkunden kannst.
Erektionen sind oft das kleinste Problem
Potenz und Potenzprobleme nicht das wichtigste bei der Sache, Probleme mit der Liebe können verschiedene Ursachen haben, und Erektionsstörungen sind oft erstaunlich einfach lösbar.
Auch wenn es unnötig, unangenehm und peinlich klingen mag: geh zum Arzt und lass dich untersuchen! Statistisch gesehen meiden Männer Arztbesuche und bitten ungern um Hilfe, erst recht bei intimen Themen, die mit Gefühlen und Lebensgewohnheiten zu tun haben. Ärzte sind zum Schweigen verfplichtet und Urologiepraxen werden dich nicht im Wartezimmer auf den Grund deines Besuches ansprechen. Das Problem sind Zeit und Geld: Termine können knapp werden und alles, was mit Potenz zu tun hat, musst du im Zweifel selbst bezahlen. Aber das sollte dir dein Liebesleben wert sein. Wenn es dir die Sache erleichtert, buche eine Vorsorgeuntersuchung oder gib einen banalen Grund an wie Schmerzen beim Wasserlassen, Hautveränderungen oder dass jemand in deiner Familie an Prostatakrebs erkrankt ist.
Kommt ein Mann zum Arzt ...
Ärzte können erstmal prüfen, ob du ernsthaft erkrankt bist und sofern keine Risikofaktoren dagegensprechen, dürfen sie sogar Potenzmittel verschreiben. Die bekommst du inzwischen auch legal online mit virtuellen Sprechstunden, die manchmal nur aus einem Fragebogen bestehen und trotzdem Geld kosten. Aber für Folgerezepte musst die nicht unbedingt wieder zur Praxis zurück.
Was passiert in der Praxis? Ultraschalluntersuchungen sind schmerzlos, das äußere Abtasten sowieso, und ob dir die Berührung der Prostata vom Po aus unangenehm ist oder schmerzt, kommt darauf an. Ich habe es fast gar nicht bemerkt und fand das Pieksen bei der Blutuntersuchung schlimmer. Unangenehm fand ich auch die Befragung. Wie oft haben sie Sex? Masturbieren sie? Bekommen sie dabei eine Erektion? Haben sie nächtliche Erektionen? Wachen sie morgens mit einem steifen Penis auf? Bleibt ihr Penis lange steif? Haben sie Partnerschaftsprobleme? Trinken sie Alkohol? Wie oft? Warum? Trinken sie genug Wasser? Schlafen sie genug?
"Trinken Sie? ... genug Wasser?"
Das alles überrascht so wenig wie das Ergebnis der Blutuntersuchung, dass der Testosteronspiegel niedrig ist. Enttäuschend außer der finanziellen Selbstzahlung, weil Potenzmittel als Lifestyle-Medikamente gelten, wie wenig sich langfristig an Erregung und Testosteron behandeln lässt, ohne regelmäßig symptomatische Medizin einzunehmen, und wie wenig auf Ernährungsberatung eingegangen wurde. Alternativen gibt es schon, außerdem viele Gerüchte und Studien, welche Nahrungsmittel gut für die Potenz seien. Sellerie, Cranberry, Cashews, Kürbiskernöl, Tomaten, Arginin, Ginseng, Yohimbe und eben viel Flüssigkeit trinken und Alkohol vermeiden. Sport und Gymnastik: Beckenbodenmuskeln trainieren, indem ich sie regelmäßig anspanne, halte und lockere, mal im Zehnsekundenrhythmus, mal im Zweiertakt, was mir auch ohne Gesundheits-App gelingt. Kreislauftraining und Ausschlafen wirkten bei mir sehr gut, außerdem Stress vermeiden, mehr Zeit und Priorität für die Partnerschaft, legitime Selbstbefriedigung ohne Scham und Schuldgefühle und am besten nicht immer mit Orgasmus, und schließlich die zweifelhafte Medizin.
Kontroverse Arzneimittel mit Nebenwirkungen
Potenzpillen sind kontrovers und wurden lange Zeit illegal online gehandelt. Krankenkassen zahlen sie fast nie, und wenn du sie nehmen willst, kläre unbedingt vorher ärztlich ab, dass dich das nicht gefährdet und wie hoch die Dosis sein darf. Dramatische Einzelfälle von plötzlichem Herzstillstand lassen sich so praktisch ausschließen, aber andere Nebenwirkungen (für dich, aber auch für deine Partnerin) können auch schon bei sehr niedrigen Dosierungen auftreten.
Wenn du längere Zeit keine starke Erektion mehr hattest, kann es sein, dass die Wiederbelebung deiner Lust zeitweise schmerzt und Hautveränderungen auslöst, die ein weiter Arztbesuch beim Urologen oder Hautarzt abklären könnte, wenn sie nicht von selbst vergehen. Die eigentliche Wirkung ist relativ kurzfristig, aber nicht so kurz, dass du direkt vorm Sex eine Tablette nehmen musst. Dass könnte auch ziemlich unromantisch und abtörnend sein.
Die Wirkungsdauer von Tabletten wie Tadalafil kann länger als einen Tag anhalten. Wenn dir eine kleine tägliche Dosis verschrieben wird und zusätzlich bei Bedarf eine weitere ganze oder halbe Tablette kurz vor dem Sex, dann hast du bald mehr als die eingenommene Dosis im Körper. Wenn du deine Partnerin nicht einweihst, kann es entweder einfach schön sein, aber vielleicht ist sie auch irritiert, wenn sich dein Glied auf einmal anders anfühlt. Vergiss nicht, beim Einführen besonders vorsichtig zu sein.
Nachhaltige Wirkung ohne Medikamente!
Wenn du keine Potenzpillen mehr brauchst, wirf den Restbestand nicht einfach weg. Sonst könnten Tiere, die im Müll wühlen, ihr blaues Wunder erleben. Aber im Ernst, die Wirkung kann auch schön sein, wenn du sie eigentlich nicht mehr brauchst.
Eine nachhaltige Wirkung über akute Einnahme hinaus sollte durch Umkehrung von Abbauprozessen, bessere Durchblutung und die begleitenden Maßnahmen enstehen.
Wenn du eine hohe Doses Potenzmittel genommen hast, dann kann es tatsächlich dazu kommen, dass eine Erektion erstmal stehen bleibt und nicht mehr zurückgeht. Vor allem kommt es, ähnlich wie beim Penisring, nicht gleich nach einem Orgasmsus zur Erschlaffung. Du kannst also länger Sex haben und brauchst keinen vorzeitigen Samenerguss zu fürchten. Andererseits werdet ihr vielleicht mit dem Sex aufhören, wenn du immer noch ein sehr hartes Glied hast, was ungewohnt und irritierend sein kann. Wenn ihr tagsüber Sex habt und du dich danach anziehen musst, würde ich von sehr engen Hosen abraten.
Hart, aber schnell wieder schlapp?
Potenzmittel erleichtern Erektionen, lösen sie aber nicht aus und verhindern auch nicht, dass dein Glied wieder schlaff wird. Bei Problemen mit vorhandener, aber zu kurzlebiger Erektion würde ich weiterhin eher mit Penisringen und abwechslungsreicheren Sexpraktiken, vielleicht auch Paartherapie oder einfach einem gemeinsamen Urlaub oder einer Nacht im Hotel raten, um psychologische Ursachen auszuschließen.
Wann kommt es eigentlich zur Erektion? Bei emotionaler Erregung: wenn du an etwas erotisches denkst, dass dich erregt, wird meistens der Penis steif, zumindest ein wenig, auch ganz ohne Berührungen. Auch Sinneseindrücke wie ein erregender Anblick (d)einer schönen Frau in heißer Unterwäsche oder nackt in provokanter Position, oder ihr Stöhnen kurz vorm Orgasmus, können eine Erektion auslösen oder verstärken.
Nächtliche Erektionen und die sprichwörtliche Morgenlatte haben oft gar nichts mit Lust und Erotik zu tun und bedeutet auch nicht, dass du im Schlaf von Sex geträumt hast. Dein Körper nutzt Entspannungsphasen, um deinen Penis zu durchbluten und zu trainieren. Natürlich lässt sich das auch mit Sex verbinden. Oft fühlt sich ein steifer Penis auch erotisch an, sobald du es bemerkst oder wenn er zufällig oder absichtlich berührt wird, wofür er im steifen Zustand viel empfänglicher und empfindlicher ist.
Berührung ist die dritte Art der Erregung, die bei grundätzlicher Bereitschaft und ohne Stress oder Widerwillen auch dann funktioniert, wenn du emotional gar keine Lust verspürst. Bei manchen Menschen funktioniert diese Art der Stimulation besser als bei anderen, aber viele haben bestimmte Stellen oder Arten von Berührungen, die sie fast immer in Fahrt bringen.
Schließlich könnt ihr all das genannte miteinander kombinieren, um einem eventuell eingeschlafenes Liebesleben wieder neuen Schwung zu verschaffen: erstmal abschalten, nur die nötigsten Pflichten erledigen und aus dem Kopf verbannen, ausschlafen, verabreden, sich schön machen, flirten, verführen, wieder regelmäßig und nicht nur abends im Schlafzimmer Sex haben, und dann dazu noch die Potenzmittel und Sexspielzeuge nutzen. Außerdem, ob ihr sie nun aussprecht und auslebt oder für euch behaltet, zu den eigenen Phantasien stehen, Selbstliebe und erregendes Kopfkino, Sonntagmorgensex und vergessene oder nie gewagte Positionen proben.
Wenn du keine(n) Partner(in) hast, dann kannst du dich mit Fremden verabreden, vielleicht eine "Freundschaft++" und natürlich Phantasien und Selbstliebe entdecken und feiern. Zu zweit ist man weniger allein, aber die Partnerschaft ist kein Lückenfüller, sondern die Begegnung zweier Menschen mit ihren eigenen Körpern, Seelen, Gefühlen und Lüsten, die sie gemeinsam erforschen und erweitern um etwas daraus zu machen, was sie vorher nicht kannten.
Zweisamkeit statt Sexsucht
Vor allem sollten wir unsere Körper und unsere Liebe nicht der pornografischen Unlogik unterwerfen und unseren Penis nicht überbewerten. Lasst uns Liebe und Sex nicht mit Potenz verwechseln! An die Männer: seid einfühlsam, streichelt, lauscht und verwöhnt eure Frauen! Der Rest kommt fast immer von ganz alleine.