Und wir. Zuschauer, immer überall, dem allen zugewandt und nie hinaus! Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfallt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.
Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien, “Achte Elegie“
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Und wir. Zuschauer, immer überall, dem allen zugewandt und nie hinaus! Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfallt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.
Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien, “Achte Elegie“
->Agnostizismus - Irrationalismus
Kernschmelze der Zivilisation
Herrlich! Köstlich! Gerade zappe ich auf Spiegel TV auf RTL. Ein Bericht über den Parteitag der Republikaner. Trump ganz groß. Und dann wird ein Fan gefragt: „Warum sind sie für Trump?“ Und dann sagt er die magischen Worte:
„Trump drückt ein Gefühl aus…“.
Ich triumphiere und gieße mir ein weiteres Glas Wein ein. DAS ist es, worum es geht: Gefühle. Nicht nur in Amerika, auch in Europa. Das Gefühl, zu den Guten zu gehören!
Was wir hier in der westlichen Welt erleben, ist nicht zu überschätzen. Es ist die Krise dessen, was die Grundlage unserer Zivilisation war, die Krise des Rationalismus. Vernunft, Wissenschaft, demokratischer Diskurs und das, was Jürgen Habermas „Den zwanglosen Zwang des besseren Arguments nannte“ – alles steht zur Disposition.
"ich denke, also bin ich
Rene Descartes
Man muss also die Menschen dann schon so verletzen, dass man ihre Rache nicht zu fürchten hat.
Niccolò Machiavelli in "Der Fürst"
„In Paris träumten verträumte Doktrinäre mit grausamer und blutiger Konsequenz alle Möglichkeiten des Rationalismus zu Ende, während auf deutschen Universitäten ein Buch nach dem anderen die stolze Hoffnung des Rationalismus, daß es für den Verstand nichts Unerreichbares gebe, untergrub und zerstörte. Napoleon und die geistige Reaktion waren schon in banger Nähe; nach einer neuen, fast schon in sich zerfallenden Anarchie, wieder die alte Ordnung. […] Überall dröhnt die Erde von Schlachten, vom Zusammenbruch ganzer Welten, aber in einer kleinen deutschen Stadt kommen ein paar junge Menschen zusammen, zu dem Zwecke, aus diesem Chaos eine neue, harmonische, alles umfassende Kultur zu schaffen.“
– Georg Lukács, „Zur romantischen Lebensphilosophie: Novalis“ [1907], in: ders., Die Seele und die Formen. Essays [1911], Neuwied u. Berlin 1971, 64-81, hier 64.
In "Life of Pi" von Yann Martel wird Religion als "die bessere Story" im Vergleich zum "trockenen" Rationalismus bezeichnet. Der multireligiöse Protagonist des Buches kommt einer postmetaphysischen Spiritualität streckenweise nahe, wenn er gleichermaßen Hinduismus, Christentum und Islam praktiziert. Wenn Religion nicht mehr als offenbarte Wahrheit mißverstanden wird, sondern als autohypnotische Übung, mythokonstruktivistisches Exerzitium, resilienzerschaffendes SelbstTraining oder eben einfach als poetisch "bessere Geschichte", dann steht es um die ihr innewohnende Weisheit gleich viel besser bestellt.