Das hässliche Sofa
Ich bin ein ziemlich sparsamer Mensch. Ich gebrauche gerne Sachen bis zum bitteren Ende und kaufe gern Gebrauchtes. Nachdem meine Schwester ihre Rückreise ins gelobte Land angetreten hatte, saß ich also nun vor einem Zimmer, das es einzurichten galt. Neben sparsam bin ich noch ziemlich untalentiert, was Inneneinrichtung angeht. Ich habe eine schlechte räumliche Vorstellung und weiß einfach vorher nicht, wie es hinterher aussieht und auch nicht, wie es aussehen soll. So begab sich dieser Tage, dass ich ein gebrauchtes Sofa anschaffen wollte, um aus dem Zimmer ein Wohnzimmer zu machen. Ich fand zwei Sofas, ein schönes und ein hässliches. Das Hässliche war gratis und das Schöne teuer. Ich nahm einen Batzen Geld in die Hand und mietete einen Transporter. Machte Termine. Und bekam eher zufällig den Zuschlag für das gratis-Sofa um 19 Uhr, den Termin für das schöne Sofa um halb 9. Mein bester Freund Reza stand mir bei. Den ganzen Tag war ich freudig erregt und gen Abend furchtbar nervös. Ich fing an, das Zimmer zu vermessen. Dabei kam zu Tage, dass beide Sofas in das Zimmer passen - aber dann nicht mehr viel anderes. Ich hatte mich gnadenlos verschätzt. Nun gut, dachte ich, vielleicht sieht ja alles anders aus, wenn das Ding erstmal drin steht. Ich hatte mir auch in den Kopf gesetzt, kein kleines Spießer-Sofa mit Recamiere zu wollen, sondern wenn schon denn schon ein Sofa, das das Zimmer dominiert. Mein Mann hatte sich ja oft genug beschwert, dass es keine anständige Sitzmöglichkeit gibt, geschweige denn einen Fernseher. (Einen imposanten Fernseher hat er mir vor wenigen Tagen jedoch als Geschenk überreicht.) Reza war tapfer. Die Fehlplanung seiner besten Freundin nahm er gleichmütig hin und machte mir Mut, auch was das Fahren des überdimensionalen Transporters anging. Den Tag über war ich völlig entspannt - ich bin schließlich erprobte VW-Bus-Fahrerin. Nachdem ich den Transporter abgeholt hatte, wich die Entspanntheit dann doch Bauchschmerzen, dank des Einparkversuchs vor meiner Haustür. Ich habe schließlich kapituliert und den Transporter einige 100 Meter weiter weg geparkt, weil dort die nächste größere Parklücke zu finden war, in die ich den dicken Hintern des Transporters mühelos vorwärts platzieren konnte. Mit Reza fuhr ich also ins benachbarte Viertel, wo wir in einer Ansammlung sozialer Wohnbauten in einer Seitenstraße parkten (unfallfrei dank Rezas klugen Anweisungen) und im dritten Stock das gratis-Sofa an uns nehmen wollten. Ich fand es direkt scheußlich. Der Farbton ein fauler Kompromiss aus Terrakotta und Orange, viel zu groß, total durchgesessen und unbequem. Ich seufzte leicht und stellte fest, dass das zweite Sofa, welches ich am Abend noch besichtigen wollte, das Schöne, noch eine deutliche Ecke größer sein sollte. Ich seufzte nochmals leicht und bat den unglaublich ruhigen, geduldigen und stoischen Reza sowie den Hausherrn, das dicke Möbel ins Erdgeschoss zu tragen und in den Transporter zu verladen. Auch dabei zeigte sich mein räumliches Verständnis wieder in seinem ganzen Ausmaß: in den Transporter hätten mindestens drei solcher riesigen Sofas gepasst. Auf dem Rückweg seufzte ich. Reza war entspannt. Nachdem wir das unglaublich scheußliche Ding in meine Wohnung bugsiert hatten und es ungefähr da stand, wo es hinsollte, war ich den Tränen nahe. Es war ein unglaublich scheußliches Stück Möbel, mitten in meiner Wohnung, schön prominent, wie ich es haben wollte, gebraucht, durchgesessen, stinkend und durch und durch erbärmlich. Ich sagte Reza, ich wolle es nicht haben und wir sollten es in den Keller tragen. Reza, ganz Reza, bot an, es auf die Straße zu stellen (es hatte ja nichts gekostet und es finden sich immer dankbare Abnehmer für herrenlos umherstehende Sofas), machte mir aber mit einem einzelnen, dezenten Satz klar, dass ich dem Sofa eine Chance geben und am nächsten Tag einen zweiten Blick riskieren könnte. Ich hatte ausgewachsene Bauchschmerzen. Da die Zeit und mein Sinn für Ästhetik zum schönen Sofa drängten, setzten wir uns ein zweites Mal in den Transporter und fuhren in Richtung eines exklusiven Wohnviertels etwas außerhalb. Weit kamen wir nicht, denn nach der ersten Ampel sagte ich: „Samma, Alter, wenn das hässliche Teil da jetzt schon so fett ist, dann passt das andere ja gleich dreimal nich ins Zimmer. Das ist doch Blödsinn, da hinzufahren. Und ma ehrlich: bequem sieht das auch nich aus auf dem Bild. Und essis grau, das passt eigentlich gar nich.“ „Hmmm“, antwortete Reza. Wir fuhren kurz einkaufen, gaben den Transporter ab, obwohl ich mich gerade so schön an den Umgang mit ihm gewöhnt hatte und noch 40 Freikilometer offen waren, und gingen zurück nach Hause, wo ich Reza dankbar verabschiedete, mir eine Pizza machte und schmollend und unglücklich ins Bett ging, ohne das hässliche Sofa noch eines Blickes zu würdigen.











