HAXENKÄUFE auf Entfernung
Wenn ich meine Eltern besuche, spielen wir meistens Scrabble miteinander. Nun, wo das mit dem Besuchen nicht geht, überlegen wir, ob sich zumindest der Spieleteil simulieren lässt. Für Scrabble fällt uns erst einmal keine gute Lösung ein, aber mit Boggle klappt es. Das ist ein Spiel, bei dem man Wörter in einem Raster aus Buchstabenwürfeln finden muss. Wir starten einen Skype-Videoanruf. Da Bildschirm und Kamera gebraucht werden, damit wir uns gegenseitig sehen können, kommt das eigentliche Spiel auf anderem Weg zu mir: Meine Eltern schütteln die Würfel, mein Vater macht ein Foto und schickt es mir bei Whatsapp, meine Mutter startet den Timer. Dann notieren wir alle Wörter, die wir finden. Sobald die Zeit abgelaufen ist, liest eine Person ihre Wörter vor, die anderen sagen, ob sie sie auch haben (0 Punkte) oder nicht (1-5 Punkte, je nach Länge). Ich habe einen schlechten Start, lande aber nach sechs Runden mit 64 Punkten im Mittelfeld. Um Speicherplatz zu sparen, löscht mein Vater die Fotos nach jeder Runde sofort wieder, eines rette ich aber für die Nachwelt. Für TUBA bekomme ich hier zum Beispiel einen Punkt:
Weil wir nicht auf ewig nur Boggle spielen wollen, probiere ich zahlreiche Scrabble-Apps auf dem Handy und im Browser aus, aber keine lässt es zu, dass wir zu dritt spielen. Bei einer denke ich, es wäre so, in Wirklichkeit fordere ich meine Eltern aber getrennt heraus. Das endet in einem ziemlich stressigen Spieleabend, an dem ich auf einer sehr hässlichen Seite parallel in zwei getrennten Spielen jeweils gegen meine Mutter und meinen Vater spiele.
Schließlich sehe ich ein, dass eine halbanaloge Lösung her muss. Zum Geburtstag meiner Mutter drucke ich mehrere vollständige Sets Scrabblesteine aus, die ich in Excel erstellt habe, klebe sie auf Tonkarton und verbringe einen Nachmittag mit Ausschneiden. (Die Steinabmessungen, Buchstabenverteilungen und Punkte finde ich auf der Wikipedia.) Jedes Set mische ich und teile es auf: Ein Drittel der Steine bleibt bei mir, zwei Drittel werden in einem Briefumschlag gesteckt. Damit simuliere ich, dass alle drei Mitspielenden im Verlauf des Spiels zufällig Steine ziehen werden, und zwar jede Person ungefähr ein Drittel davon. Mein Drittel ist also schon prädestiniert, ohne dass ich es kenne, meine Eltern ziehen aus ihren beiden Dritteln live. Deshalb können wir auch jedes Set nur einmal verwenden, denn die Spielsteinverteilung muss bei jedem Spiel wieder neu zufällig sein. Andernfalls wüsste ich ja vorher immer schon, dass ich z. B. ein X und einen Joker bekommen werde und könnte entsprechend planen.
Ich habe zehn Sets ausgedruck und fünf Sets aufgeklebt, aber meine Bastelenergie reicht am Ende nur für vier.
Außerdem fertige ich einen großen Umschlag voller Blankosteine an und schreibe eine Spielanleitung:
Das Spiel ist mittlerweile bei meinen Eltern angekommen und will ausprobiert werden. Tatsächlich funktioniert es wie gedacht: Wir stellen eine Skypeverbindung her, über die wir uns sehen (jeweils an Laptops). Für die notwendigen technischen Voraussetzungen und Aufbauten hat mein Vater gesorgt: Über ein dafür erstelltes, zweites Skypekonto ist das Handy meiner Mutter ins Gespräch eingebunden, das auf einer Kiste in einem Stativ steckt und den Tisch abfilmt. Weil es trotz heruntergedrehtem Lautsprecher rückkoppelt, werden ein paar Kopfhörer hineingesteckt.
Dann spielen wir wie gewohnt, außer dass meine Steine aus Münster irgendwie auf das Brett im Schwarzwald kommen müssen. Das funktioniert so, dass ich ansage, wohin ich was lege und die entsprechenden Steine dann bei mir beiseite lege. Meine Mutter schreibt die angesagten Buchstaben auf Blankosteine und legt sie aufs Brett. (Wenn ich meinen Eltern zu diesem Zweck ein Duplikat meines Drittels geschickt hätte, würden sie beim Heraussuchen sehen, aus welchem Pool ich ziehe, und das Heraussuchen ist ja auch lästig. Deshalb werden meine Steine vor Ort reproduziert.)
Die Punkte werden nicht, wie sonst, in Excel gezählt, weil der elterliche Laptop ja für mein Bild gebraucht wird, sondern auf einem Zettel, der ebenfalls vor die Handykamera gelegt wird. Am Ende geht es mit den Steinen ganz knapp nicht auf, weil eben nicht alle immer gleich lange Wörter legen: Ich habe noch einen Buchstaben im Vorrat übrig, der meiner Eltern ist leer, aber meine Mutter ist mit Nachziehen dran. Mein Vater guckt weg, ich halte den verbliebenen Stein in die Kamera und meine Mutter schreibt sich das O auf einen Blankostein.
Mein Vater gewinnt haushoch, wir hätten ihm “Haxenkäufe” nicht erlauben sollen.