Tag 613 / Ans neue Denken erinnern
Es gab in meinem Leben einen viel, viel längeren Zeitraum, viel, viel mehr Tage, Wochen, Monate, Jahre, in denen ich Besaufen geil gefunden habe, cool, normal. Das sind nur 613 trockene Tage jetzt. Das ist zwar mehr als ein Jahr, mehr als einennhalb Jahre. Und dennoch steht das dem Pro-Konsum-Denken immer noch mickrig gegenüber.
Vielleicht bin ich nicht hier - wie ich es gehofft hatte - um in der Sächsischen Schweiz meinen zukünftigen Ehemann, den Vater meiner Kinder zu treffen. Vielleicht bin ich hier, weil ich von einer bis dato unbekannten Gruppe Menschen viel Verständnis, Anerkennung und Respekt für diesen eingeschlagenen, bisweilen noch fragilen abstinenten Weg bekomme (Tag 598). Vielleicht bin ich hier, weil ich erkenne wie viel mehr ich mir selbst helfen kann als andere, als Mitpatienten, als welche, die nach jedem Belastungserprobungstag eine Schmerztablette nehmen, als die, die viel Jammern, viel dem Außen Schuld, aber auch Macht über sich geben. Ich erkenne wie sehr ich verstanden habe, dass es bei mir anfängt. Ich froh bin, mich mehr annehmen zu können als die es zu tun scheinen. Ich bleibe nicht mehr stecken, ich habe nicht mehr die Auffassung, ständig hilflos Stimmungen, Schmerzen, Situationen ausgeliefert zu sein.
Den einen Vormittag habe ich gedacht, dass auch ich mir trotzdem noch sehr viel mehr Geduld geben sollte, dass auch ich von mir selbst nicht erwarten sollte, Bestimmtes zu schaffen oder dass mir Bestimmtes nichts mehr ausmacht.
Und dass ich eben wirklich gerne getrunken habe, dachte ich. Wegen der Wirkung. Sehr häufig wegen der Wirkung. Aber ja auch wegen des Geschmacks.
Geschmack war das, was mich den einen frühen Nachmittag in Begleitung im Restaurant extremst getriggert hat, als ich ein Glas Rotwein auf dem tiefergelegten, dem Personal zugewandten Teil des Tresens stehen sah. Das sah lecker aus. Stilvoll. Einladend. Das sah nicht aus wie Zellgift, wie Betäubungs- und Suchtmittel, wie Droge. Das war so verführerisch für mich, dass ich nicht wie intendiert bei dem angestellten Mann eine weitere Birnensaftschorle bestellen konnte. Ich musste da schnellstens weg. Offene Gläser sind weitaus schwieriger auszuhalten, machen wesentlich mehr mit mir als geschlossene Flaschen.
„Ich bin hochgradig psychisch abhängig“, sagte ich bei meinem Klinik-Check-in-Tag im ärztlichen Aufnahmegespräch. Zwischendurch bereute ich die Aussage. Aber es ist so: Ich bin hochgradig psychisch alkoholabhängig. Und das wird sich in absehbarer Zeit weiter auf mein Leben auswirken. Nicht neben Trinkenden sein. Nicht unter zu viel Druck stehen. Nicht in zu viel Unwohlsein geraten.
Suchtdruck, las ich dieser Tage nochmal in der, wie ich finde, guten Broschüre der Deutschen Hauptstelle für Suchthilfe, welche mir von der, wie ich finde, sehr guten Suchtberaterin für meine Mutter als Angehörige einer Suchtkranken empfohlen wurde, „Suchtdruck kann durch äußere Reize (z.B. Orte, an denen üblicherweise konsumiert wird) oder durch innere Reize (z.B. Gefühle oder Erinnerungen an bestimmte Situationen) ausgelöst werden. Er ist Kernpunkt der seelischen Abhängigkeit.“
„Die psychische Abhängigkeit bleibt. Und bleibt und bleibt und bleibt.“ (Tag 340) Ich weiß das, ich vergesse das wieder, und jetzt werde ich mir dessen wieder bewusst.
Wenn die Klinikscheiße hier vorbei ist, dann besaufe ich mich erstmal.
Darauf, dass ich diese krasse Anspannungssituation eben gemeistert habe, genehmige ich mir einen.
Weil das Glas Wein da jetzt steht, will ich, muss ich auch eins trinken.
Was ich durchmache, würde niemand aushalten, ohne zu saufen.
Dass ich sowas manchmal denke - mit über 600 trockenen Tagen am Stück, vielleicht auch mit über 1.200 oder über 6.000 Tagen - dass ich sowas denke, ist für mich, für ein Jahre und Jahrzehnte eingebranntes Denkmuster normal. Doch ich kann diesen Gedanken begegnen. Mit neuen Gedanken. Mit dem neuen Denken des neuen, abstinenten Lebensweges.
/ http://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Broschueren/2016_Ein_Angebot_an_alle.pdf












