Juni 2018 – 2006 – 1992
Besser schreiben durch mehr Technik?
Im Juni 2018 bereite ich ein Schreibseminar für Wissenschaftler vor, in dem es um gutes Schreiben gehen soll. Weil ich nach einer guten Form suche, den Teilnehmenden zu ermöglichen, ihr eigenes, kontextangemessenes Verständnis von „gut“ herauszuarbeiten, lese ich erstmal ziemlich viel darüber, wie „gut“ in unterschiedlichen Kontexten definiert wird. Ich besorge eine Menge Bücher über gutes Schreiben, Stil, Rhetorik des Schreibens etc.
Eins davon ist ein Klassiker von William Zinsser: „On Writing Well“. Ich habe die achte Auflage von 2006. Das Buch ist zuerst erschienen im Jahr 1976, und im Vorwort äußert sich Zinsser zu den Veränderungen, die sich seitdem in Bezug auf das Schreiben vollzogen haben. „So wie sich Amerika in den letzten 30 Jahren beständig verändert hat, so auch mein Buch …“ (meine Übersetzung). Zinsser, der sich als „arbeitender Schreiber“ (working writer) versteht, der seine Erfahrungen mit dem Handwerk mit anderen teilt, beschreibt einige der Veränderungen der letzten 30 Jahre: gesellschaftliche, demographische, technologische Entwicklungen, die die Themen und Formen des Schreibens beeinflusst haben. Vor allem das Memoiren-Schreiben habe zugenommen. Ihm komme es manchmal so vor, als schriebe mittlerweile die Hälfte der US-amerikanischen Bevölkerung an Memoiren. Als er die erste Version seines Buchs schrieb, so Zinsser, hatte er „keine Ahnung von den elektronischen Wundern, die den Akt des Schreibens bald revolutionieren würden“. In den 80ern die elektronische Textverarbeitung, in den 90ern das Internet, E-Mail … eine Revolution. Heute schreibe praktisch jeder.
Das sei, so Zinsser, eine gute Sache, aber leider habe keiner „all den Computer-Schreibern gesagt, dass die Essenz guten Schreibens Umschreiben ist“, und so seien mit der Verfügbarkeit elektronischer Textverarbeitung zwei Dinge gleichzeitig passiert: „Gute Schreiber wurden besser, und schlechte Schreiber wurden schlechter“. Die guten Schreiber nutzten die elektronischen Erleichterungen für extensives Überarbeiten ihrer Texte, die schlechten ließen sich von der Leichtigkeit des Schreibens erster Entwürfe und vom schönen Schriftbild am Bildschirm blenden und richteten mit schlecht geschriebenen E-Mails und Websites mehr Schaden als Nutzen an. Zinsser schließt sein Vorwort mit dem Gedanken, dass gutes Schreiben auch in Zukunft gutes altes hartes Denken erfordern wird.
Vielleicht gibt es aber noch eine dritte Möglichkeit – jenseits von guten Schreibern, die mit Textverarbeitung noch besser, und schlechten Schreibern, die durch Textverarbeitung noch schlechter werden. Hier meine eigene erste Erfahrung: Als ich 1992 ein vernichtendes Feedback auf die erste Version meiner Magisterarbeit erhielt, an der ich schon lange und intensiv gearbeitet hatte, hat Word 5, das erste Textverarbeitungsprogramm meines Lebens, mich gerettet, weil es mir erlaubte, die Arbeit neu zu sortieren (neues Dokument, neue Textstruktur), ohne ganz neu mit dem Schreiben zu beginnen (Sätze und Absätze aus dem alten ins neue Dokument kopieren, neu arrangieren und einbetten). Die Textverarbeitung hat neues Denken aus dem alten Material heraus und mit dem alten Material ermöglicht. Umstrukturierung statt Neuschreiben. Zumindest für mich ist die Erinnerung an Word 5 eng verbunden mit der Erfahrung, Texte und Gedanken weiterentwickeln zu können und nicht im Durcheinander stecken bleiben zu müssen. Ich kann mir gut vorstellen, wie viel höher die Schwelle vor der Zeit digitaler Textverarbeitung gewesen sein muss, umfangreiche Texte zu schreiben und nicht in der Masse des Materials und der Ideen unterzugehen. So hat, um zu Zinssers Überlegungen zurückzukehren, die digitale Technik vielleicht das gute alte harte Denken demokratisiert.
(Stefanie Haacke)








