Şafak Pavey zur Kopftuchdebatte in der Türkei
Noch ist sie in der deutschen WIkipedia nicht zu finden, doch spätestens seit gestern sollte man sich den Namen Şafak Pavey merken. Die 37jährige CHP-Abgeordnete hielt am 31.10.2013 eine bemerkenswerte Rede im türkischen Parlament zur Kopftuchdebatte. Vier weibliche Abgeordnete der AKP waren erstmals mit Kopftüchern im Parlament erschienen und wurden nun von Pavey aufgefordert, Verantwortung für die (Religions-)Freiheit anderer zu übernehmen. Şafak Pavey gibt Grund zur Annahme, dass der Geist von Gezi keineswegs erschlafft ist. Im Gegenteil: Er marschiert gerade voller Kraft durch die Institutionen. Wer des Türkischen nicht mächtig ist, bekommt davon leider zu wenig mit. Daher gilt mein besonderer Dank donna_diaspora, die die Rede von Pavey für uns ins Deutsche übersetzt hat!
„Sehr geehrte Vorsitzende, verehrte Parlamentsmitglieder, diese Rede halte ich vor der Generalversammlung, in der alles verboten ist: Wir arbeiten in einem Parlament, in dem das Durchschnittsalter 50 Jahre ist und sogar das Wassertrinken untersagt ist. Ich spreche vor einem Parlament, in dem die Rechte der älteren oder kranken Mitglieder nicht berücksichtigt werden. Ich spreche als jemand, der in den Gebieten war, die Sie noch nicht mal als Tourist bereisen würden: Afghanistan, Jemen, Iran. Hier wurde ich jahrelang gezwungen, mich zu verschleiern. Ich spreche als ein weibliches Mitglied dieses Parlaments, das von einem männlichen Mitglied gezwungen wurde, im Parlament keine Hosen zu tragen. Mein fehlendes Bein wurde von Männern zum politischen Gesprächsthema gemacht. Und ich bin der Meinung, dass es an der Zeit ist, dass die nichtverschleierten Schaufenster-AKP-Damen ihre geliehenen Stimmen ihren rechtmässigen Eigentümern zurückgeben. Ich bin der Meinung, dass eigentlich die Frauen, die der AKP zur Macht verholfen haben, ein Recht darauf haben, Sitze im Parlament zu bekommen. Außerdem schäme ich mich dafür, dass AKP-Mitglieder, deren Frauen ein Kopftuch tragen, sich gezwungen sehen, diese Tatsache zu verschleiern.
Selbstverständlich mache ich mir große Sorgen um die Zukunft des Säkularismus in meinem Land. Aber meine Sorge gilt nicht den Symbolen, die zwischen Kopftuch und rotem Lippenstift eingeklemmt sind. In ein und demselben Demokratie-Paket wird der männliche Polizist, der diese Ideologie teilt, als selbstverständlich begrüßt, aber gleichzeitig wunderte ich mich, dass die Kopftuch tragende Frau gar keine Chance hat, überhaupt Polizistin zu werden. Gibt es eine kritischere geschlechtsspezifische Diskriminierung?
Ich fürchte mich nicht vor dem „Kopftuch“ der Polizei, sondern vor der Gewalt, die mir gegenüber ausgeübt wird.
Ich fürchte mich davor, dass aus dem Parlament ein Gebetshaus und eine Abteilung für religiöse Angelegenheiten gemacht wird.
Ich fürchte mich davor, dass das Recht auf Gottesdienst einer Religion von der Erlaubnis der anderen Religion abhängig ist.
Ich fürchte mich davor, dass da, wo Recht und Gerechtigkeit gefragt sind, nur mit Religion geantwortet wird.
Aber niemals fürchte ich mich vor der Freiheit einer Frau.
Das, was ich sagen will, ist: Ein Leben in Freiheit ist sehr schwer aufzubauen, aber sehr leicht zum Einsturz zu bringen. Gerade aus diesem Grund möchte ich, dass sich die junge Frau, die sich mit ihrem geblümten Kopftuch und eng sitzender Hose im Çamlıca-Park mit ihrem Freund küsst, daran erinnert, dass sie ihre Freiheit Mustafa Kemal schuldet. Die Freiheit mit Kopftuch ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite symbolisiert es Religionsfreiheit und auf der anderen Seite religiöse Unterdrückung. Während viele Frauen sich verschleiern, weil sie religiös sind, werden wiederum viele Mädchen unter der Kontrolle ihrer Familien mit Gewalt verschleiert. Clinton hat 2007 gesagt: Wenn die Frau sich verändert, wird sich auch die Zukunft verändern. Dieser Satz scheint Emine Erdogan so sehr gefallen zu haben, dass sie ihn vor kurzem in einer ihrer Reden benutzte. Die Felder unserer sozialen Freiheit werden Stück für Stück eliminiert. Ich spreche von den Mädchen, die mit fünf Jahren verschleiert und mit 15 Jahren verheiratet werden. Unsere Zukunft liegt wirklich in den Händen unserer Frauen, verändert sich aber momentan in furchterregender Weise. Wir achten zwar als Kultur nicht darauf, aber jede Freiheit birgt auch gleichzeitig eine sehr große Verantwortung. Ich erwarte Großes von den Kopftuch tragenden Parlamentsmitgliedern:
Zum Beispiel erwarte ich, dass sie mir erklären, warum mein Land, was die Frauenrechte angeht, weltweit auf Platz 120 ist.
Warum die Türkei, was die Frauenrechte betrifft, in den 57 islamischen Ländern Mittelmaß ist.
Ich erwarte, dass sie mir erklären, warum wir noch hinter Taiwan stehen, obwohl diese noch nicht einmal Mitglied der Vereinten Nationen sind.
[Ab jetzt vertraue ich die Sicherheit folgender Menschen diesen Abgeordneten an:
Die Frau, die gefeuert wird, weil sie einen Minirock trägt.
Der Mann, der wegen eines Ohrring im linken Ohr verprügelt wird.
Die Person, die wegen eines Dekolletees gelyncht wird.
Die Person, die getötet wird, weil sie nicht fastet.
Christen, die ihre Namen ändern, um unerkannt zu bleiben.]
[Dieser Teil ist nur in der schriftlichen Fassung, nicht im Video zu sehen]
Es liegt also in Ihrer Verantwortung, aus dem Kopftuch, das vormals ein Verstoß gegen die Menschenrechte darstellte, einen Gewinn für die Menschenrechte zu machen. Die größte Sicherheit für Religionsfreiheit ist nicht die Kontrolle durch eine religiöse Anleitung, sondern ein perfekter Säkularismus. Bitte vergessen Sie nicht, dass unsere säkulare Gesellschaft im Nahen Osten wie ein kostbarer Brillant leuchtete.
Es gibt eine Sache, die mich sehr neugierig macht: Kann man Religion zur Schau stellen? Wird nicht geboten, dass man so demütig lebt, dass diese Demut von einem reinen Geist ausgeht? Bevor ich hierhin kam, habe ich mir die Reden der Kopftuch tragenden Parlamentsmitglieder angeschaut. Ich habe kein Wort gefunden, das sie über die Freiheit anderer verloren haben. Die Empfindlichkeit, die Sie an den Tag legen für ihre eigene Religionsfreiheit, vermisse ich, wenn es um andere Minderheiten geht:
bei der Ruhban-Schule [wahrscheinlich Schule, die christliche Geistliche ausbildet]
bei den Azınlık-Schulen [wahrscheinlich Schulen, die von Minderheiten besucht werden]
bei Gebetshäusern anderer Religionen.
Zum Beispiel weiß ich noch nicht mal, was Sie von YÖK [Kultusministerium] halten, das die Freiheit der Wissenschaft in Fesseln legt. Stattdessen habe ich folgende Beleidigung in allen Nachrichten gehört: „Ich werde mich nie mehr beschmutzen, indem ich kein Kopftuch trage.“ Heißt das, dass sich alle, die kein Kopftuch tragen, beschmutzt haben? Wer gibt einem das Recht, im Namen der Religion einen anderen für schmutzig zu erklären?
Es ist offensichtlich, dass unser Märchen vom Leben zusammengebrochen ist.
Wenn Sie von Hochmut betrunken sind, wie wollen Sie den Schrei desjenigen hören, der anders ist als Sie? Auf der einen Seite ist der, der den Weg zum Leben sucht. Auf der anderen Seite ist einer, der das nicht zulässt und die Freiheit Schritt für Schritt zerstört. Wenn Sie uns eliminieren, wen wollen Sie bei der nächsten Kandidatur zur Olympiade präsentieren? Wir sind es, die in Sivas verbrannt wurden. Wir wurden in Gezi verwundet. Unsere Häuser wurden registriert. Wir wurden wegen unserer Lebensführung bestraft. Aber egal, wie es war: Sie waren immer das chronische Opfer. Die Minderheit kann die Mehrheit nicht unterdrücken. Aber die Mehrheit kann umgekehrt die Minderheit unterdrücken. Und das ist es, was Angst macht. Falls Sie vermeiden wollen, diesem Land ein schreckliches Ende zu bereiten, sollten Sie möglichst schnell den Unterschied lernen zwischen Rechtsprechung und Rache.
Für Leute, die uns Konfrontation unterstellen, möchte ich unterstreichen: Wir suchen keine Konfrontation. Wir widerstehen, um existieren zu können. Wenn Sie sich die Geschichte anschauen, werden Sie sehen, was uns alle erwartet. Radikale Monster, die Sie selbst erschaffen haben, werden Sie in Empfang nehmen. Nur unser Existenzkampf kann das verhindern. Und was danach kommt, überlasse ich den Weisen. Hochachtungsvoll."