Literatur und Subversion Ernst, Thomas. transcript Verlag, Bielefeld. 2013.
(Bild: Seite 178) 20 âIm Verlauf des 20. Jahrhunderts etabliert sich ein Diskurs, der der Literatur eine politische Wirkung und Autorinnen und Autoren eine eingreifende Funktion zuschreibt. [âŠ] Innerhalb dieses Diskurses werden die Begriffe des Intellektuellen und der engagierten Literatur zentralâ 21 Ende 19. Jh. âMit dem Verschwinden eines universellen und verbindlichen Moral- oder Gottesmodell eröffnete sich fĂŒr freie Schriftstellerinnen und Schriftsteller die Möglichkeit, dieses Vakuum zu besetzen und innerhalb der Gesellschaft als die autonomen WertsphĂ€ren ĂŒbergreifende Vertreter universeller und verbindlicher Werte aufzutretenâ 22 Nach Brecht: âNicht die PrĂ€sentation einer direkten politischen Botschaft, sondern die verfremdende Darstellung erzeuge die politische Wirkung des Theatersâ 23 Nach Sartre: âDer âengagierteâ Schriftsteller weiĂ daĂ Sprechen Handeln ist [âŠ]. Er hat den unmöglichen Traum aufgegeben, ein unparteiisches GemĂ€lde der Gesellschaft und des Menschseins zu machenâ (Sartre 1981, 26.) âAusgehend von dieser Grundannahme postuliert Sartre eine engagierte Literatur, die sich inhaltlich z.B. fĂŒr diskriminierte Bevölkerungsgruppen einzusetzen habe. Die Autoren besĂ€Ăen eine klare politische Aufgabe, diese liege in der AufklĂ€rung der Leserschaft. Es sei âdie Funktion des Schriftstellers dafĂŒr zu sorgen, daĂ niemand ĂŒber die Welt in Unkenntnis bleibtââ 126f. âLiteratur kann als Medium von diesen Auseinandersetzungen zwischen âMajoritĂ€tâ versus âMinoritĂ€t, âMehrheitsgesellschaftâ versus âSub- oder Gegenkulturâ oder auch âdiskriminierende NormalitĂ€tâ und âzu emanzipierende Abweichungâ berichten und von den KĂ€mpfen minorisierter Gruppen um eine âemanzipiertereâ Form der ReprĂ€sentation. Zudem können literarische Texte sich selbst durch ihre Sprache, die prĂ€sentierten literarischen Figuren oder aufgerufenen Wissensarchive als minoritĂ€r [âŠ] in den gesellschaftlichen Diskursen positionieren.â Literatur und Subversion. Politisches Schreiben in der Gegenwart. 177 âkönnen literarische Texte verschiedene Funktionen erfĂŒllen: Literarische Texte können den politisch-institutionellen Diskurs der Subversion archivieren und reflektieren, inner hab des kĂŒnstlerisch-avantgardistischen Diskurses der Subversion kann Literatur als Avantgarde subversiv wirken, den subkulturellen Diskurs der Subversion kann Literatur als eine Form minoritĂ€rer Distinktion unterstĂŒtzen und ausgehend vom poststrukturalistischen Diskurs der Subversion lĂ€sst sich Literatur als Dekonstruktion verstehenâ ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ Kernfrage: Inwieweit lĂ€sst sich der Text als subversiv bezeichnen? Herangehensweise (177ff.) - politisch-instituionelle Diskurse in dem die Texte zu positionieren sind historisch zu rekonstruieren - wie gestalten sich die politisch-sozialen MachtverhĂ€ltnisse in der jeweilige Gesellschaft - wie sind die KrĂ€fteverhĂ€ltnisse im medialen, politischen und juridischen Diskurs - aktuelle gesellschaftliche Transformationen beschreiben --> historische Analyse - Untersuchung der Formen und Schreibweisen der Texte im Vergleich zu anderen Texten - Untersuchung der Textinhalte (Themen, Inhalte, Diskurse, Spezialdiskurse, Kollektivsymbole, Konstruktion der Gesellschaft, welche gesellschaftliche NormalitĂ€t wird geschaffen, Darstellung sozialer Gruppen, Personengeflecht, Kategorien der Diskriminierung) - Untersuchung Autorfigur als öffentliche Person (politische Selbstinszenierung, Auftritt als ReprĂ€sentant, âIn welchem VerhĂ€ltnis steht die Inszeniernug und Rezeption der Autorfigur als öffentliche Person zu ihren Texten? ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ Beispiele fĂŒr die Analysen ab Seite 181/275 177f. âSubversion steht immer in einem spezifischen VerhĂ€ltnis zu einer âMachtâ, einer âNormalitĂ€tâ [âŠ] um bzw. gegen die sie sich bewegt.â âNur vor dem Hintergrund einer solchen historischen Analyse der gesellschaftlichen Diskurse und des literarischen Feldes lassen sich die Texte und ihre Autorinnen und Autoren auf dem literarischen Feld â als neoavantgardistische, minoritĂ€r-distinktive oder dekonstruktive Texte â positionieren und die womöglich von ihnen ausgelösten medialen Skandale, juristischen Prozesse oder politischen Wirkungen adĂ€quat beschreibenâ 178 âDabei muss zugleich Augenmerk auf die Möglichkeit gerichtet werden, dass kĂŒnstlerische Avantgarden von den gesellschaftlichen Institutionen (BĂŒrger) und MinoritĂ€ten oder Gegenkulturen von MajoritĂ€ten oder dem gesellschaftlichem Mainstream absorbiert werdenâ 477 âDer Begriff der Subversion [âŠ] eignet sich besonders gut fĂŒr eine Beschreibung einer politischen Gegenwartsliteratur, die sich aus einer minorisierten Position heraus kritisch zu den komplexen, flexibilisierten und globalisierten VerhĂ€ltnissen positioniertâ 477f. seit Ende 18.Jh. verschiedene Diskurse der Subversion: - politisch-institutionelle Diskurs der Subversion (Subversion als revolutionĂ€ren Staatsumsturz, lange Zeit vorherrschende Wortbedeutung) - kĂŒnstlerisch-avantgardistischen Diskurs (Subversion als kĂŒnstlerisch-prozessuale Bewegung, z.B. Dadaismus, Surrealismus) - subkulturelle Diskurs der Subversion (Subversion als eine minoritĂ€re-distinktive Bewegung) - postrukturalistischer Diskurs der Subversion (Subversion als Dekonstruktion) 479 âLiterarische Texte können sich durch ihre Formen oder Inhalte in die jeweiligen Diskurse einschreiben oder aber die Diskurse der Subversion archivieren, reflektieren oder parodierenâ verschiedene Literaturwissenschaftliche Theorien und Methoden können dafĂŒr angewendet werden 480 âLiteratur als minoritĂ€re Distinktion: Wenn literarische Texte von den Auseinandersetzungen zwischen âMajoritĂ€tâ und âMinoritĂ€tâ [âŠ] berichten oder sich durch ihre Personen, Topografien, Sprachen oder Positionsfelder als minoritĂ€r-distinktive Texte inszenieren, schreiben sie sich in den subkulturellen Diskurs der Subversion ein. Diese Analyse kann mit Hilfe von Foucaults Diskursanalyse, Links Interdiskurs- und Normalismustheorie, Parrs Positionsfeldtheorie, Deleuzeâ und Guattaris Bestimmung einer kleinen Literatur oder den AnsĂ€tzen der Cultural Studies geleistet werden. Es ist allerdings auch hier so, dass sich diese minoritĂ€r-distinktive Abgrenzungsbewegungen, deren dichotomischen Konstruktionen und das aus ihnen abgeleitete subversive Potenzial literarischer Texte als problematisch erweisen können, da sie (minoritĂ€re) KollektividentitĂ€ten konstruieren, die selbst hegemoniale Effekte erzeugen oder möglicherweise von anderen gesellschaftlichen Gruppe und Institutionen im Sinne eines âMainstreams der Minderheitenâ absorbiert werden.â âLiteratur als Dekonstruktion: Mit den Gender Studies und den Queer Studies sowie der postkolonialen Theorie lĂ€sst sich zeigen, wie geschlechtliche, sexuelle und ethnische IdentitĂ€ten in literarischen Texten de-(und allerdings auch: re-)konstruiert werden.â 481 âsind die Inhalte und Topoi der Subversion, die sich im Text finden, zu thematisieren [âŠ]. Zu diesem Punkt zĂ€hlt auch die Analyse von Topografien, Personen und Sprachen der Subversion.â










