Niederlande, Deutschland, Frankreich – Was denn nun?
Der Vater wurde in Frankreich geboren. Seine Mutter ist Deutsche. Julian wurde im Saarland, in Saarlouis geboren. Aufgewachsen ist er in Frankreich und Deutschland. Und dann schlummern da noch niederländische Wurzeln in ihm. Die Niederlande — einst die Heimat seiner Großeltern, lässt Julian auch heute nicht los. Auf den ersten Blick wirkt das alles sehr kompliziert.
Nicht für Julian, denn der sagt einfach: „Ich bin Europäer.“ Ein Glück, dass es diese Bezeichnung gibt. Obwohl, eigentlich hat Julian ja die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit 18 Jahren musste er sich zwischen der deutschen und französischen entscheiden. Sein Vater habe ihm zur deutschen geraten — das sei praktischer. Doch wenn er ehrlich ist, dann fühlt sich der junge Mann eigentlich am allerwenigsten als Deutscher.
Deutschland, Frankreich, Niederlande — eine eindeutige Antwort auf die Frage nach seiner Herkunft kann er nicht geben. Und das muss er ja auch nicht. Doch schön der Reihe nach: wahrscheinlich ist es am einfachsten, ganz von vorn anzufangen. Falls in dieser Geschichte überhaupt irgendetwas einfach ist.
Zunächst sind da Julians Großeltern. Gebürtige Niederländer, die einst in Den Helder, im Norden Hollands, lebten. Während des zweiten Weltkrieges zwang sie die Besetzung durch die Deutschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Daraufhin ließen sie sich in Frankreich, in der Nähe von Metz, nieder. Dort lebten sie bis zu ihrem Tod. Für Julian waren sie wichtige Bezugspersonen, als Kind lebte er sogar eine Weile bei ihnen. Sie waren es, die ihm zuhause Niederländisch beibrachten, um so ihre Muttersprache weiterzugeben. Dafür ist er sehr dankbar. Das Schreiben hat er sich als Teenager dann selbst beigebracht. Auch wenn er nie für längere Zeit in den Niederlanden gelebt hat, die niederländischen Wurzeln sind ihm trotzdem besonders wichtig. Sogar wichtiger als die seiner Eltern. In seiner Familie ist er der Einzige der Deutsch, Französisch und Niederländisch spricht. Jetzt, nach dem Tod seiner Großeltern ist er somit auch der Einzige, der die niederländische Sprache weitergeben kann. Julian sieht diesen Umstand als eine Art Erbe an, das er auf jeden Fall bewahren möchte. Sein Vater hat nie Niederländisch gelernt — im Frankreich der Nachkriegszeit war es verpönt, eine Sprache zu sprechen, die der deutschen ähnelte.
Wenn Julian redet, dann gleicht es einem Wasserfall — die Worte sprudeln geradezu aus ihm heraus. Er ist ein sehr offener, kommunikativer und warmherziger Mensch. Von außen betrachtet scheinen Sprache und Worte eine große Rolle in seinem Leben zu spielen. Wie ein roter Faden zieht sich das durch seine noch junge Biografie. Ob das auch mit den vier Sprachen, die er spricht, zusammenhängt? Kann schon sein. Seine Liebe zu Worten geht sogar unter die Haut: das neueste seiner Tattoos ist ein Vers aus seinem Lieblingsgedicht The Destruction of Sennacherib von Lord Byron. Die Worte prangen in geschwungener Schrift auf seinem rechten Unterarm.
Bereits in der Schule interessierte sich Julian für Poesie und Lyrik — was ihm die Skepsis der Mitschüler einerseits und die Freude der Lehrer andererseits einbrachte. Er ist eine Leseratte, ein Fan von Geschichten. Gute Geschichten, sagt er — ganz egal ob in Form eines Buches, Films oder Videospiels — lassen ihn alles um sich herum vergessen. Doch Julian kennt auch die andere Seite, er schreibt selbst Gedichte und Kurzgeschichten. Darin sieht er vor allem die Möglichkeit, Erlebtes zu verarbeiten.
Studium und Zukunftspläne
Mit seinen gerade einmal 25 Jahren hat er schon eine ganze Menge erreicht. In Frankfurt hat er Englische Literatur und Kultur sowie Frankophone Literatur und Psychoanalyse studiert. Anfang des Jahres hat er seinen Magister abgelegt und dann direkt im Anschluss seine Promotion begonnen. Neben der Arbeit an seiner Dissertation freut er sich vor allem darauf, mit den Studenten zu arbeiten, Seminare zu halten und Bachelorarbeiten zu korrigieren. Dass ihm das Unterrichten Spaß macht, hat er schon während seines Studiums gemerkt. Damals hat er Niederländisch an der Volkshochschule unterrichtet. Wenn er jetzt von seinen zukünftigen Seminaren und den dafür geplanten Themen erzählt, gerät er geradezu ins Schwärmen. Hält er die Seminare nur mit einem Bruchteil der Begeisterung, mit der er von seinen Ideen erzählt, können sich die Studenten auf interessante Stunden freuen.
Identifikation und Identität
Auch wenn Julian äußerst locker von sich und den bisherigen Stationen seines Lebens erzählt — ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es dann doch nicht. Vor allem der Umgang mit den verschiedenen Nationalitäten und die Sache mit der Identifikation und dem Zugehörigkeitsgefühl waren für Julian als Kind problematisch. „Wo gehöre ich dazu?“ fragte er sich schon früh. Dadurch, dass er in Frankreich lebte, aber eine deutsch-französische Schule im Saarland besuchte, kann er sich heute weder mit der einen noch mit der anderen Nationalität so richtig identifizieren. Er hatte zwar Freunde in beiden Ländern, doch im Nachhinein sagt er, er habe sich nie zu 100 Prozent zugehörig gefühlt. In der deutschen Sprache merkt er das auch heute noch daran, dass er beispielsweise keinen Dialekt spricht.
Niederländische Nostalgie
Eine weitere Folge seines Lebens im Wirrwarr der unterschiedlichen Nationalitäten ist auch, dass er sich nirgends so richtig heimisch fühlt. Zumindest gibt es keinen Ort, auf den für ihn der Begriff Heimat zutrifft. Er nennt sich selbst einen Europäer und in diesem Punkt gilt für ihn die Devise „Home is where your heart is.“ Das sieht er auch als Vorteil. Er ist frei und ungebunden und kann sich prinzipiell vorstellen, an jedem Ort der Welt zu leben. Obwohl eine gewisse Sehnsucht nach den Niederlanden tief in ihm verwurzelt ist. So tief, dass er irgendwann einmal dort leben möchte. Auch wenn er mit Nachdruck betont: „Ich bin eigentlich kein Mensch, der sich in der Vergangenheit aufhält.“
Eigenschaften dreier Nationen
Zugehörigkeit hin oder her — es scheint, als habe sich Julian die jeweils besten Eigenschaften der drei Nationalitäten herausgepickt. Da ist einmal die niederländische Direktheit: „Ich sage den Leuten einfach was ich denke.“ Bei den Deutschen fehlt ihm das. Ihre Bedächtigkeit und vor allem der mangelnde Humor sind ihm ein Dorn im Auge. „Die Deutschen machen so selten mal ein Späßchen — oder verstehe ich sie einfach nicht?“, wundert sich Julian. Außerdem seien sie oft miesepetrig und anstrengend.
Trotz aller Kritik meint er dennoch den typisch deutschen Sinn für Pünktlichkeit und Ordnung in sich zu tragen. Das ist nicht gerade spannend, doch dafür gibt es ja mit der französischen Lebensart noch eine dritte Komponente, die sein Bild von sich als Europäer vervollständigt. Das mot-clé lautet an dieser Stelle: „Joie de vivre.“ Die französische Lebensfreude also — Julian sieht darin vor allem eine gewisse Entspanntheit zum Beispiel im Umgang mit Eifersucht. Wahrlich keine schlechten Eigenschaften, die er sich da ausgesucht hat. Und in Kombination geben sie ein ziemlich genaues Bild von Julians Wesen ab. Einen direkten Einfluss auf seinen Kochstil scheint allerdings keines der Länder zu haben. Julian kocht zwar gerne und in seiner Küche fehlt es an nichts, doch meist kocht er nach dem Motto: „Hauptsache es geht schnell“. Auf dem Teller des Vegetariers landen dann häufig ein Omelette, Pizza oder Pasta.
Bleibt die Frage, welche der drei Sprachen er einmal seinen Kindern weitergeben wird. Deutsch, Französisch oder Niederländisch? Überraschenderweise wird es keine der drei werden. An erster Stelle steht für ihn eindeutig die englische Sprache. Für ihn bedeutet das Unabhängigkeit. Außerdem ist sein Alltag mittlerweile stark davon geprägt — selbst mit deutschen Freunden redet er meist englisch und häufig fallen ihm für manche Dinge auch nur englische Begriffe ein. Direkt danach kommt für ihn aber die niederländische Sprache. Seinen Kindern einmal die Sprache seiner Großeltern weiterzugeben, das wäre ihm schon wichtig. Französisch und Deutsch spielen im Gegensatz dazu eine untergeordnete Rolle.